Hochtour am 07. – 11. 04. 2005

Der 5424 m hohe Cerro El Plomo die östliche Skyline von Santiago de Chile dermaßen, dass man kaum darum herum kommt, ihn besteigen zu wollen. Da man für seine Besteigung etwa vier Tage einplanen sollte (besonders höhenverträgliche oder gut akklimatisierte Leute schaffen es auch schneller), hat es allerdings eine ganze Weile gedauert, bis ich einen Partner für dieses Unternehmen gefunden hatte, der Zeit und Lust hatte und sich diese Besteigung zutraute. Schließlich fand sich mit Mike, einem kanadischen Ingenieur aber ein Partner für dieses Unterfangen.

1. Tag: Nachdem wir den Tag damit verbracht hatten, unsere Ausrüstung zu komplettieren und ausreichend Verpflegung für vier Tage zu kaufen, verließen wir gegen 23:00 Uhr Santiago, um am Eingang des Skigebietes Valle Nevado in etwas 3000 m Höhe zu campieren. Das würde uns eine zusätzliche Nacht Akklimatisation verschaffen. Gegen 01:00 Uhr trafen wir dann dort ein, bauten unser Zelt auf und verkrochen uns in unsere Schlafsäcke.

2. Tag: Wir nutzten die vorerst letzte Gelegenheit, nochmal richtig auszuschlafen, und wachten gegen 10:00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein auf. Nachdem wir das Zelt wieder abgebaut und verstaut hatten, fuhren wir mit Mikes allradgetriebenen Pickup weiter durchs Skigebiet bis auf etwa 3600 m Höhe, wo der Pfad in Richtung Plomo beginnt. Nach einer Portion Instant-Haferflocken machten wir uns dann auf den Weg. Das war schon seltsam: für mich lagen in dieser Höhe bisher die Gipfel meiner Touren und nicht deren Anfang!

Blick auf Cerro el Plomo und Cerro Bismarck

Blick auf Cerro el Plomo und Cerro Bismarck

Unsere erste Etappe war nur kurz und bereits nach anderthalb Stunden trafen wir in Piedra Numerada (3370 m), unserem nächsten Lagerplatz ein. Piedra Numerada ist eine moosbegrünte Ebene, bewässert durch den Río Cepo. Der Ort wirkt wie eine Oase inmitten der kahlen Bergwelt. Nachdem wir das Zelt aufgebaut und uns eingerichtet hatten, bekamen wir Gesellschaft von zwei chilenischen arrieros, die mit ihren Pferden die Ausrüstung für eine französische Expedition transportierten. Die beiden erzählten uns, dass sie den ganzen Sommer über Material für Expeditionen transportieren. Der Plomo ist dank seiner guten Erreichbarkeit von Santiago aus ein beliebter Akklimatisationsgipfel z.B.für Aconcagua-Expeditionen und zieht entsprechend viele Besucher an.

Lastentransport in Piedra Numerada

Lastentransport in Piedra Numerada

3. Tag: Um 07:30 Uhr klingelte der Wecker. Nach einem weiteren Haferflocken-Frühstück packten wir unsere Sachen und machten uns auf den Weg; draußen bergrüßte uns ein herrlich blauer Himmel. Da die dünne Luft meiner Kondition zusetzte, ging ich bewusst langsam, um mich nicht zu verausgaben. Mike war bereits besser akklimatisiert und kam schneller voran, jedoch wartete er netterweise immer wieder auf mich. Nach etwa vier Stunden kamen wir zum Lager der französischen Expedition, das so aussah, wie man Expeditionslager aus Büchern oder Fernsehdokumentationen kennt. Wir fragten uns, was eine derart gut organisierte Expedition zu dieser Jahreszeit (Anfang April) am Plomo machte, schließlich war die Saison für die hiesigen Sechstausender bereits vorbei.

Hinter dem Expeditionslager ging es dann noch einmal etwa 150 m steil bergauf, bis wir unseren Lagerplatz, La Hoya, am Fuße des Glaciar Iver auf 4200 m erreichten. Nach dem letzten steilen Anstieg waren wir beide völlig erschöpft und brauchten eine ganze Weile, bis wir Aufgaben wie das Aussuchen des besten Lagerplatzes, die beste Ausrichtung des Zeltes (angesichts des Windes, der immer wieder in starken Böen den Gletscher hinabfegte eigentlich eine klare Angelegenheit) und schließlich dessen Aufbau inklusive angemessener Windabsicherung erledigt hatten.

Unser Lager in La Hoya

Unser Lager in La Hoya

Mike und ich verkrochen uns wiederum in unseres. Bereits in Piedra Numerada war es nach Sonnenuntergang so kalt gewesen, dass man es auf Dauer nur im Schlafsack aushalten konnte. Hier war es nun noch kälter. Während Mike fürs Kochen zustäandig war (selbtsverständlich vom Schlafsack aus, im Außenzelt), war es meine Aufgabe, Schnee zu holen, den wir – in Ermangelung von flüssigem Wasser – anschließend schmelzen mussten. Schnee schmelzen ist eine langwierige, energieaufwändige und dank des hohen Luftgehalts in Schnee reichlich ineffiziente Angelegenheit. Daher musste ich mehrmals den unangenehmen Gang in die Kälte antreten, bis wir genug Wasser fürs Abendessen, unsere Trinkflaschen und Schnee für den nächsten Morgen hatten.

4. Tag: Nach einer wenig erholsamen Nacht (mein Ruhepuls war so hoch, dass es schwerfiel einzuschlafen) wurden wir um 03:00 Uhr von Mikes Armbanduhr geweckt. Der Himmel war sternenklar, die Bedingungen für einen Gipfelgang schienen ausgezeichnet. Ich hatte sehr leichte Kopfschmerzen, die ich mit einer Aspirin zu vertrieb, ansonsten fühlten wir uns beide gut. Die erste Aufgabe des Tages war Schnee zu schmelzen fürs Frühstück (Haferflocken, was sonst), anschließend füllten wir unsere Trinkflaschen auf, packten die letzten Sachen in die Rücksäcke und machten uns fertig. Gegen 04:30 Uhr – zeitgleich mit den Santaguinos – brachen wir dann in Richtung Plomo-Gipfel auf. Es war eisig kalt, dazu kamen starke Windböen, die uns immer wieder überfielen. Mike und ich hatten uns gut eingepackt und waren in unseren mehrlagigen Jacken (zweimal Fließ, einmal GoreTex) und dicken Fäustlingen gut für die Kälte gerüstet. Nur das zweite Paar Socken war in meinem Fall kontraproduktiv, da meine Stiefel so eng waren, dass dadurch die Blutzirkulation in meinen Füßen erschwert wurde, so dass meine Zehen kälter wurden statt wärmer. Da half nur eins: Socken ausziehen.

Der Normalweg zum Gipfel führt zunächst über eine Seitenmoräne des Iver-Gletschers bis zu einem Plateau auf 4600 m, wo man das verfallene Refugio Agostini vorfindet. Was für ein Lagerplatz! Dagegen erschien und La Hoya direkt gemütlich. Vom Refugio aus geht es dann in die Südwestflanke des Plomo. War der Anstieg auch bisher schon reichlich steil, so wurde es jetzt noch einmal deutlich härter. Trotz der Serpentinen, in denen sich der Pfad den Steilhang hinaufwindet, ist dieser Abschnitt verdammt anstrengend. Ich hatte bereits kurz nach Verlassen des Zeltes gemerkt, dass mir die Höhe mehr zusetzte als am Tag zuvor (wir waren ja auch fast 1000 m höher), und mich gefragt, wie ich es so jemals 1200 Höhenmeter hinauf schaffen sollte, zumal die Luft im Laufe des Anstiegs ja sogar noch dünner werden würde. Und so musste ich besonders im Steilhang ständig Pausen einlegen und um Atem ringen. Dazu kam die Kälte, die hier oben noch unangenehmer war als in unserem Lager. Erst als die Sonne auch uns erreichte, was in einer steilen Südwestflanke leider immer etwas länger dauert als anderswo, wurde es erträglicher.

Ich war nicht sicher, ob ich den Gipfel erreichen würde, bis wir schließlich den Grat am oberen Ende des Steilhanges erreichten. Dort, auf 5050 m, liegt Pirca del Inca, wo 1954 die Mumie eines Inkajungen gefunden wurde, der dort geopfert worden war. Von hier hat man den Gipfel endlich im Blick – bisher konnte man nur den westlichen Vorgipfel sehen – was einen nochmal für die letzten vierhundert Höhenmeter motiviert. Nachdem wir dann den Gletscher überquert hatten, was sich als überraschend einfach herausstellte – dank einer dicken und festen Schneeauflage benötigten wir nicht einmal unsere Steigeisen -, gelangten wir zum letzten Steilstück auf dem Weg zum Gipfel. Dieses ist zwar nicht besonders lang, aber hier oben fiel es uns – besonders mir – ganz schön schwer. Zwanzig Schritte – Pause – zwanzig Schritte – Pause – so ging es dort hinauf. Endlich erreichten wir dann den Gipfelkamm, eine Reihe von breiten, flachen Hügeln, von denen einer etwas höher ist als die umliegenden und daher als Gipfel herhalten muss. Obwohl das Gelände hier flach ist, musste ich immer wieder Pausen machen. Meine Beine waren schwer wie Blei (daher der Name El Plomo – der Bleierne?) und jeder Schritt kostete Anstrengung.

Um 11:50 Uhr standen wir dann endlich auf dem Gipfel in 5424 m Höhe. Wir waren ziemlich am Ende und doch glücklich, es geschafft zu haben. Da der Gipfel des Plomo jedoch ein äußerst kalter und stürmischer Ort ist, blieben wir dort nicht lange. Nach dem ersten Jubel, einer Umarmung, dem Betrachten des grandiosen Panoramas und einigen eilig geschossenen Photos ging es wieder bergab.

Gipfelpanorama

Gipfelpanorama

Ich war dermaßen erschöpft, dass ich auch während des Abstiegs immer wieder anhalten und Atem schöpfen musste. Jetzt rächte es sich auch, dass wir bisher recht wenig gegessen hatten, was nicht etwa daran lag, dass wir nicht genug dabei gehabt hätten, sondern dass es überall so kalt und ungemütlich war, dass man nur Pausen machte, wenn es wirklich nötig war. Auf dem Abstieg holten wir dies dann nach und aßen jeder ein komplett durchgefrorenes Käse-Schinken-Sandwich, dazu gab es mit Eisbrocken versetztes Wasser. Den Steilhang konnten wir größtenteils über Schnee rutschend zurücklegen, was viel Zeit sparte, so dass wir um 14:30 Uhr wieder an unserem Lager eintrafen. Den Rest des Tages verbrachten wir dann damit, in unserem Zelt zu liegen und uns auszuruhen. Die Santaguinos waren bereits verschwunden. Sechs von ihnen waren uns kurz unterhalb des Gipfels begegnet und hatten diesen wahrscheinlich etwa eine Stunde vor uns erreicht, die übrigen waren auf dem Weg umgekehrt. Da Mike und ich jedoch am nächsten Tag frei hatten, konnten wir es uns leisten, noch eine weitere Nacht in La Hoya zu verbringen. Wie lagen also im Zelt, spielten Karten, aßen ein Instant-Nudelgericht, genehmigten uns eine typisch kanadische Sieges-Zigarette und machten bereits um acht das Stirnlicht aus.

5. Tag: Nach einer deulich angenehmeren Nacht als der zuvor wachten wir gegen 08:00 morgens auf. Nach einem letzten Haferflocken-Frühstück (ein Glück!) packten wir unseren Kram zusammen und machten uns an den Abstieg. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Tour waren Wolken am Himmel zu sehen. Die Schneefahnen, die vom Gletschergrat getrieben wurden, und die Wolken, die über den Gipfel eilten, ließen erahnen, was für ein unangenehmer Tag es am Plomo sein musste. Zum Glück konnten wir in die entgegengetzte Richtung aufbrechen. Nach etwa dreieinhalb Stunden kamen wir wieder an Mikes Auto an. Es kam uns vor wie eine andere Welt. Als auf dem Weg nach Santiago der Plomo wieder in den Blick kam, konnten wir kaum glauben, dass wir am Tag zuvor dort oben gestanden hatten, so fern und hoch wirkte der Gipfel.Technisch schwierig war seine Besteigung nicht, aber anstrengener als alles, was ich zuvor je unternommen hatte.