El Calafate, den 25.01.: Sonnenaufgang mit Blick auf den Fitz Roy war toll. Wir sind kurz vor fünf aufgestanden und anschließend wie die Irren 450 Höhenmeter hochgerannt, um das Schauspiel nicht zu verpassen. Wir haben es dann auch gerade so noch rechtzeitig geschafft, so dass sich die Anstrengung gelohnt hatte.

Der Beginn dieser Geschichte findet sich im ersten Teil.

Später wurde leider das Wetter schlechter, so dass wir nicht mehr zur Laguna Torre gegangen sind, sondern bei Regen direkt nach El Chaltén abstiegen. Anschließend ging es dann nach El Calafate, wo wir heute zum ersten Mal in diesem Urlaub eine zweite Nacht am gleichen Ort verbringen werden.

Heute haben wir uns den Glaciar Perito Moreno angesehen. Es gibt in Argentinien einen Glaciar, einen Cerro, einen Nationalpark und eine Stadt dieses Namens, wobei keiner dieser Orte auch nur ungefähr in der Nähe eines der anderen liegt. Dieser (also der Gletscher) ist wirklich gewaltig: Die Gletscherzunge ist an der Stelle, an der sie in den Lago Argentino abbricht, 5 km breit und 70 m hoch. Während wir dort waren, ist ein ganzer Eisturm ein- und in den See gestürzt. Das war ein sehr imposantes Schauspiel.

Heute abend haben wir dann noch die Planung für die Fortsetzung unserer Reise gemacht. Schweren Herzens musste ich einsehen, dass es sinnvoller ist, auf die große Paine-Runde zu verzichten und stattdessen nur das „W“ zu laufen. Schade!

Campamiento Río Serrano, den 26.01.: Nun sind wir nach einer weiteren Fahrt durch die Pampa im Parque Nacional Torres del Paine angekommen. Bei unserer Ankunft im Park hat es geregnet, inzwischen hat es aufgehört und ich hoffe, dass wir morgen besseres Wetter zum wandern haben.

Der patagonische Wind blies heute besonders stark. Einmal hat er mir sogar die Brille aus dem Gesicht geweht. Zum Glück fand Christoph sie schnell wieder.

Refugio Pehoe, den 27.01.: Heute morgen klingelte um halb sechs der Wecker, da wir um acht das Boot über den Lago Grey zum gleichnamigen Refugio nehmen und dort mit dem „W“ beginnen wollten. Dieser Plan wäre fast vereitelt worden, da das Boot, das eigentlich eine Rundfahrt über den See anbietet, voll war. Tatsächlich war der gesamte Stützpunkt fest in der Hand von deutschen, englischen und belgischen Rentnergruppen, was uns doch recht erstaunte. Zum Glück bekamen wir im letzten Moment doch noch drei Plätze und konnten unsere Wanderung planmäßig beginnen. Dabei gab es zunächst leichten Nieselregen, der bald nachließ und später ganz aufhörte. Am Nachmittag riss die Wolkendecke sogar stellenweise auf. Heute abend wurde es wieder schlechter und es nieselt nun gelegentlich. Hoffen wir auf Besserung für morgen!

Der Weg war heute sehr schön. Es ging zunächst oberhalb des Lago Grey nach Süden und dann über eine Anhöhe zum Lago Pehoe. Zwar ging es immer wieder bergauf und -runter, jedoch war die Strecke insgesamt nicht sehr anspruchvoll. Morgen wird das Einlaufen ein Ende nehmen, wenn wir die 800 Höhenmeter zum Campamiento Britanico aufsteigen.

Der Campingplatz hier ist der totale Luxus. Ein Koch- und Essraum, Toilettenpapier und drei Duschkabinen mit heißem Wasser stehen zur Verfügung. Die für mich erste wirlich heiße Dusche seit etwa einer Woche war ein echter Genuss!

Leider trifft man hier etwas zu viele Wanderer auf den Wegen. Es ist doch alles ziemlich touristisch hier. Aber wunderschön ist die Gegend trotzdem. Und der Wind (nicht so schlimm wie gestern, aber immer noch stark) und die Wolken passen eigentlich sehr gut zu dieser wilden Landschaft. Zu den hunderte von Metern hohen Granitwänden, den schief in Windrichtung gewachsenen Sträuchern, den verkrüppelten Bäumen, den weißen und tiefblauen Eisbergen und den rauhen, jeweils verschiedenfarbigen Seen.

Campamiento Las Torres, den 29.01.: Gestern war es dann soweit: Nachdem ich mich am Fitz Roy und auch in den letzten Tagen darum hatte drücken können, gab es gestern kein Entrinnen mehr: Es gab Haferflocken zum Frühstück! Zum ersten Mal seit meinem Versuch am Cerro La Paloma vor einem Monat.

Auch unsere Wetter-Glückssträhne fand gestern ein Ende. Morgens regnete es, hörte aber bald wieder auf, so dass wir im Trockenen die Zelte zusammenpacken konnten. Danach blieb es bis auf kurze Schauer trocken. Während des Aufstiegs zum Campamiento Britanico im Valle Francés blies uns jedoch ein starker Wind einen unangenehm kalten Regen entgegen. Zunächst hielt ich diesen für einen weiteren Schauer. Als ich meinen Fehler einsah und meine Regenklamotten auspackte, war es schon zu spät und sowohl mein Rucksack als auch ich waren schon nass.

Nach der Ankunft im Camp (das nach dem Luxus vom Vortag wieder sehr einfach war; ein paar von Unterholz befreite und plattgetretene Flächen sowie ein Schild mit den drei üblichen Regeln – kein Lagerfeuer machen, Müll mitnehmen, Ausscheidungen vergraben – waren die einzigen als solche erkennbaren menschlichen Werke) war unsere erste Amtshandlung, die Zelte aufzubauen und sich in den Schlafsack zu vergraben. Christoph nahm vorher noch ein kurzes Bad im nahen Gletscherfluss, dem sich Roland und ich nicht anschließen mochten.

Später am Abend, beim Kochen, trafen wir dann noch den einzigen anderen Camper dort, einen Argentinier, der bereits seit drei Tagen dort oben war und meinte, es habe die ganze Zeit über geregnet. Wenigstens war der Wind manchmal trocken genug, um einige unserer Klamotten wieder in einen anziehbaren Zustand zu bekommen.

Heute morgen war das Wetter dann wieder besser und wir ließen um zwanzig vor sechs von unserem argentinischen Freund wecken, um die Cuernos del Paine im Morgenlicht zu sehen. Später ging es dann wieder nach unten zum Lago Nordenskjöld und an diesem entlang zum Campamiento Los Cuernos. Der See sieht total schön aus und erstaunlicherweise haben alle großen Seen im Park leicht unterschiedliche Farben.

Wir entschieden dann, das „W“ doch in nur vier Tagen zu vollenden und danach nach Punta Arenas zu fahren. Roland hatte keine Lust, morgen früh zu den Torres hochzurennen und blieb im Campamiento Los Cuernos, während Christoph und ich noch zur Hosteria Las Torres weitergingen.

Punta Arenas, den 01.02.: Montag früh ließen sich Christoph und ich um 02:30 Uhr wecken und stiegen zu den Torres hinauf, um dort den Sonnenaufgang zu sehen. Leider hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben, so dass uns die orange-rote Verfärbung der Torres entging. Trotzdem war es wunderschön: Der grüne Gletschersee, dahinter die blanke Granitwand mit dem Ventisquero Torres darüber und dahinter wiederum diese gewaltigen, sekrechten Granittürme, deren Höhe man überhaupt nicht abschätzen kann (nach Sichtung der Karte schätze ich inzwischen, dass der höchste der Türme etwas über 1000 Meter hoch ist).

Besonders auf dem Weg nach unten hatte ich Schmerzen im linken Fuß, der am Übergang zum Schienbein bereits seit zwei Tagen wehtat. Ich weiß nicht genau, was es ist, vielleicht der Bremsmuskel, In den nächsten Tagen werde ich den Fuß auf jeden Fall schonen, aber die Torres del Paine musste ich einfach noch sehen.

Mittags kam dann auch Roland ins Camp und wir machten uns auf den Weg nach Puerto Natales, wobei wir zunächst zu unserem Auto am Lago Grey gelangen mussten. Ein unverschämter Tourguide der dortigen Hosteria führte uns noch einmal die zunehmende Kommerzialisierung des Parks vor Augen. Bereits am Tag zuvor hatten wir einen Koreaner getroffen, der sich das Valle Francés für einen chilenischen Freund von ihm anschauen wollte, der evtl. am Campamiento Britanico ein Refugio errichten will. Trotz dieser Entwicklung waren die vier Tage in Torres del Paine ein unvergessliches Erlebnis.

Gestern fuhren wir dann von Puerto Natales nach Punta Arenas. Dabei ging es die meiste Zeit durch die südpatagonische Steppe, eine Landschaft, die die sich mal flach, mal sanft gewellt, unendlich dahin zu ziehen scheint. Blassgrüne bis strohgelbe Gräser, zum Teil dunkelrot blühend, bestimmen das Bild. Darin stehen, entweder einzeln oder zu meist spärlichen Wäldchen gruppiert, niedrige, gedrungene Bäume, die schief aus dem Boden wachsen, geformt vom nie zur Ruhe kommenden patagonischen Wind. Ich musste an die Kurzgeschichten von Francisco Coloane denken, in denen diese Landschaft und ihre Bewohner so eindrücklich geschildert werden.

Heute waren wir unter anderem auf dem Friedhof, wo sich die reichen Schafzüchter- und Wollhändlerfamilien riesige Mausoleen bauen ließen. Grabsteine und -kammern zeugen von der Einwanderungsgeschichte der Stadt. Namen und z.T. auch Inschriften sind spanisch, englisch, französisch, deutsch, serbokroatisch und schwedisch. Während Roland und Christoph später noch eine kleine Wanderung zu einem Ausichtsberg machten, blieb ich fußschonend hier.

Punta Arenas, den 02.02.: Heute waren Christoph und ich im Museo Naval y Maritímo. Das war interessant, auch wenn die Exponatenbeschreibungen für meinen Geschmack zu viel patriotischen Pathos enthielten. In Chile geht halt nichts über die Marine!

Nachmittags wollten wir eigentlich mit einer Fähre zur Isla Magdalena fahren, wo über 60.000 Magellan-Pinguinpärchen brüten, doch leider fiel die Fahrt wegen schlechten Wetters aus. In Punta Arenas schien die Sonne und es gab kaum Wind, aber auf der Insel war das Wetter wohl so schlecht, dass das Schiff nicht hätte anlegen können.

Etwas entäuscht fuhren wir stattdessen zur Pingüinera Seno Otway, wo immerhin 8.000 bis 10.000 Exemplare den Sommer verbringen. Das wurde dann aber doch noch richtig nett, da man einige dieser possierlichen Tiere aus nächster Nähe betrachten konnte. Und Pinguine sind einfach putzig! Inzwischen haben wir schon einiges an patagonischer Fauna zu Gesicht bekommen: Pinguine, Kondore, Ñandus, Gürteltiere, Guanacos und Flamingos.

Paso Cardenal Lamore, den 05.02.: Wir stehen gerade an der Grenze im Stau, eine gute Gelegenheit, im Tagebuch zu schreiben. Die Grenzübertritte zwischen Argentinien und Chile sind sowieso immer recht langwierig. Immerhin haben beide Länder ein gemeinsames Formular für den Grenzübertritt eingeführt, dass man in vierfacher Ausfertigung auszufüllen hat und das man von der Ausreiseseite erhält. Gelegentlich bekommt man es jedoch nur in zweifacher Ausfertigung, was dazu führt, dass die Grenzpolizei des Einreiselandes das Formular kopfschüttelnd wegschmeißt und einem ein neues, ebenfalls in zweifacher Ausfertigung, aushändigt. Insgesamt sollte man mindestens eine Stunde für den Grenzspaß einplanen, wobei es bei den Chilenen stets deutlich länger dauert als bei den Argentiniern, der SAG sei dank. Heute dauert es mal wieder besonders lange, da die Chilenen sämtliche Autos durchsuchen.

Vorgestern ging die große Rückfahrt los. Auf dem Programm standen 1100 km von Punta Arenas nach Comodoro Rivadavia. Kurz hinter der argentinischen Grenze begann die Pampa und kurz vor Comodoro Rivadavia wurde sie durch einen Gebirgszug unterbrochen. Und war die Pampa del Asador schon eintönig, so war sie doch noch deutlich abwechslungsreicher als jene am Atlantik. Ich hätte nicht gedacht, dass es irgendwo möglich ist, über 500 km in eine Richtung zu fahren, ohne dass sich die Landschaft deutlich ändert. Immerhin ist die Pampa mal mattgrün, mal strohgelb und mal dunkelbraun, dann ab und zu etwas welliger und dann wieder flacher.

In Comodoro Rivadavia waren dann jedoch sämtliche bezahlbaren Unterkünfte ausgebucht. Daher beschlossen wir, weiter unserer Strecke zu folgen. Der nächste auf der Karte ingezeichnete Ort – Pampa del Castillo – entpuppte sich leider als reines Fabrikgelände, so dass wir im Dunkeln durch die örtlichen Ölfelder hindurch nach Sarmiento fahren mussten.

Kurz nach halb eins betraten Roland und ich das Hotel Colon in Sarmiento. Rechts ein langer schwerer Holztresen, dahinter, an der Wand die Schnapsflaschen in einem Holzregal mit verspiegelter Rückwand. Links ein Billardtisch, an dem zwei Männer im Spiel innehielten. Ein dritter sitzt an einem kleinen Tisch. Dazu zwei Männer an der Theke und ein indianisch aussehender mit riesigem Hut an der Wand lehnend. Hinter dem Tresen steht die Hotelchefin. Alle mustern uns regungslos und schweigend. Es fehlte nur noch der Mundharmonika-Spieler im Hintergrund, um die Italo-Western-Atmosphäre perfekt zu machen.

Zum Glück jedoch gab es ein freies Zimmer für uns. Später saßen wir dann Bier trinkend vorne und kamen mit den drei Billardspielern ins Gespräch. Mit einem von diesen spielte ich dann noch eine Partie. Er war eigentlich viel besser als ich, war dafür aber betrunkener, so dass unsere Zielgenauigkeit ungefähr auf dem gleichen Niveau lag. Ich verlor dann auch denkbar knapp, als ich mit meinem an diesem Abend gelungensten Stoß die schwarze Kugel über Bande im richtigen Loch unterbrachte und leider die Weiße unaufhaltsam in ein anderes rollte.

Gestern ging es dann ca. 800 km weit von Sarmiento nach Bariloche. Und wieder ging es hauptsächlich durch die Pampa. Im Westen von den Anden begrenzt und im Osten hin und wieder durch flache Gebirgszüge unterbrochen breitete sie sich scheinbar endlos um uns herum aus. Wie ein Ozean aus Gräsern und Büschen.

Bariloche ist die zweitwichtigste Tourismusstadt in Argentinien (nach Mar del Plata) und wahrscheinlich der bedeutenste Skiort Südamerikas. Malerisch am Lago Nahuel Huapi gelegen ist die die Stadt selbst nicht besonders schön. Dazu heißen die Hotels „Alt-Interlaken“ und „Edelweiß“und auf der auf schweizer Idylle getrimmten Plaza kann man sich mit – sebstveständlich kleine Fässer tragenden – Bernhardinern fotografieren lassen.

Puerto Montt, den 06.02.: Gestern ging es von Bariloche zunächst am Lago Nahuel Huapi entlang und dann über den Paso Cardenal Lamore zurück nach Chile. Am Pass empfing uns dann auch wieder der dichte patagonische Urwald, den wir noch vom Beginn unserer Reise her kannten.

Nachdem wir dann in Puerto Montt angekommen waren, endete unsere großartige Reise durch Patagonien. Nach 5584 gefahrenen Kilometern gaben wir das Auto zurück, dass uns drei Wochen lang so gute Dienste geleistet hatte, und ließen bei einem schönen Abendessen diesen unvergesslichen Urlaub ausklingen.