Hüttenwanderung mit Hochtour vom 23. – 31. 07. 2009

Nachdem ich 2001 mit einem ähnlichen Vorhaben zusammen mit zwei Freunden am schlechten Wetter gescheitert war, nahm ich letztes Jahr einen neuen Anlauf. Dieses Mal von der Südseite aus und mit deutlich mehr Glück. Nahezu perfekte Bedingungen und eine glückliche Routenwahl bescherten mir eine meiner schönsten Bergwochen überhaupt.

Tag 1: Guarda – Chamonna Tuoi:  Aus Deutschland kommend kam ich gegen Mittag am Bahnhof von Guarda an. Der Versuchung Postbus widerstehend, redete ich mir ein, die zusätzlichen 200 Höhenmeter hinauf in den Ort würden ein gutes Training sein für die kommenden Tage. Ich hatte es ein bisschen eilig, da der Bergwetterbericht für den Nachmittag Gewitter vorhergesagt hatte und bereits seit Mittag von Westen her Wolken aufzogen. An der Hütte (2250m) jedoch, in eindrücklicher Lage im Schatten des Piz Buin erbaut war von Schlechtwetter keine Rede. Wolkig und windig war es zwar, doch die Gewitter kämen erst morgen abend, hieß es. Dafür gab es würzigen Geißkäse und nette Gesprächspartner, unter anderem den Bruder des kommenden Wirtes der Linardhütte (wechselt ca. alle 2 Wochen, da Fronbewirtschaftung), den ich dann treffen würde.

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Tag 2: Chamonna Tuoi – Furcletta – Futschöl – Jamtalhütte: Am nächsten Tag ging es früh los, schließlich wollte ich deutlich vor den Gewittern an der Jamtalhütte ankommen und die Etappe war mit ca. 8h angegeben. Gleich hinter der Hütte ging es steil hinauf in Richtung Furcletta, jetzt auch auf einem richtigen Bergpfad. Auf dem Anstieg boten sich immer wieder herrliche Ausblicke auf den Piz Buin.

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Die Überschreitung der Furcletta (2735m) war eine sehr einsame Veranstaltung, erst kurz vor dem Urschai-Tal (2106m) traf ich eine Wanderin, die mir entgegenkam, im Tal dann noch drei weitere und das war’s dann auch für den Tag. Insgesamt alles gut zu gehen, nur die ersten Meter Abstieg von der Passhöhe nach Osten sind steil und erfordern etwas Vorsicht.

Danach ging es dann zum kahlen Futschöl (2768m) hinauf und weiter zur Jamtalhütte (2165m), die nach gemütlichen Tuoi-Hütte einen ziemlichen Kulturschock darstellte. Zum Glück war ich vor ein paar Jahren schon mal da und wusste, was mich erwartet. Andererseits ist so eine heiße Dusche nach 8h auf den Beiden natürlich auch ganz nett.

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Tag 3: Jamtalhütte – Gletschnerscharte – Bieler Höhe: Nachdem dann nachts auch das angekündigte Gewitter gekommen war, lag am nächsten Tag pberhalb von ca. 2500m Neuschnee. Der Pfad hinauf zur Gletschnerscharte war nass und schlammig, teilweise auch von Wasserläufen vereinnahmt. Irgendwann fing es dann auch wieder an zu schneien, was zusammen mit dem schon vorhandenen Schnee den Aufstieg über das lose Geröll unterhalb der Scharte recht unangenehm machte. Als ich dann die Passhöhe auf 2840 m erreichte, kam mir der Wind entgegen. Schneefall genau von vorne ist ja bekanntlich des Brillenträgers liebstes Wetter. Nur gut, dass der Abstieg zur Bieler Höhe nicht so steil ist, wie die andere Seite – so war die Verletzungsgefahr beim Blindflug nicht so hoch.

Insgesamt war es eine kurze Etappe, aber bei dem Wetter auch ausreichend. Hier noch mal der Blick von der Bieler Höhe zurück zur Gletschnerscharte.

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Tag 4: Bieler Höhe – Saarbrückner Hütte – Tübinger Hütte: Der nächste Tag brachte dann wieder Sonnenschein und beste Bedingungen. Über die Tschifernella ging es hinauf zur malerischen Saarbrückner Hütte (2538m) – nach Jamtalhütte und Madlener Haus eine echte Wohltat, wieder so eine urige Hütte zu sehen (klein in der Bildmitte).

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Nach einer Erbsensuppe als zweitem Frühstück ging es dann auf den „alpinen Steig“ in Richtung Tübinger Hütte. Zunächst gab es eine herrliche Aussicht auf den Großen Litzner und das Große Seehorn,

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dann kam beim Überqueren der Firnfelder ein Hauch von Hochtourenfeeling auf.

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Hier war zwar schon deutlich mehr los als im einsamen Ostteil der Silvretta, es hielt sich aber noch in Grenzen. Der Wirt der Saarbrückner Hütte erzählte sogar, dass wegen des bis dahin so regnerischen Wetters kaum Leute auf die Hütte gekommen seien. Das ist natürlich auch nicht schön.

Am Plattenjoch, der letzten Passhöhe vor der Tübinger Hütte, gönnte ich mir eine kurze Pause, bevor ich die westliche Plattenspitze anging, die von dort aus in einer halben Stunde erreichbar ist. Auf dem 2880 m hohen Gipfel erwartete mich eine herrliche Aussicht. Selten habe ich in den Alpen im Sommer eine so klare Sicht erlebt.

Blick nach Westen mit dem Chessispitz im Mittelgrund

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Blick nach Südosten – im Hintergrund der Piz Linard

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Blick nach Osten mit Großem Seehorn und Großem Litzner

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Nach diesem schönen Gipfelbild, das ein vorarlberger Pensionär und früherer Bergretter netterweise von mir machte

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ging es dann zur Tübinger Hütte (2191m), wo schon ein kühles Bier auf Abholung wartete.

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Tag 5: Tübinger Hütte – Chessispitz – Hüenersee – Seetalhütte: Wenn man einen Abend lang von der Terrasse der Tübinger Hütte aus auf den Chessispitz schaut und am nächsten Tag eh in die Richtung weitergehen möchte, dann kann man schon mal auf den Gedanken einer Überschreitung kommen.

Gesagt, getan. Laut Hüttenwirt ist der Aufstieg markiert und in 1h zu packen. Ich habe die Markierungen (in Form von Steinmännchen) leider erst kurz unterhalb des Gipfels gefunden und für die 700Hm dann doch 2h gebraucht.

Der nordseitige Aufstieg zum Chessispitz führt durch ein breites, mit Schneefeldern durchsetztes Trümmerfeld. Eine von weitem vertrauenerweckende Spur stellte sich als von behuften und gehörnten Zeitgenossen angelegt heraus.

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Eine Gams zeigte sich dann auch kurz darauf noch. Aus diesem Trümmerfeld quert man schließlich nach rechts auf einen schwach ausgeprägten buckligen Grat über den es dann zum in West-Ost-Richtung verlaufenden Hauptgrat geht. Von dort geht es über einige leichte Felsen zum Gipfel (2830m). Und auch an diesem Tag war die Aussicht wieder hervorragend und alle Mühen wert.

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Auf Schweizer Seite gibt es leider überhaupt keine Markierungen. Eigentlich wollte ich nach SO zum Hüenersee, konnte dort aber keinen sicheren Abstieg finden und kam dann fast wieder am Garerajoch raus. Ein ziemlich Umweg, dementsprechend zog sich der Weg über Hüener- und Schottensee zur Seetalhütte (2065m) dann etwas.

Die Seetalhütte ist übrigens etwas wirklich besonderes. Die kleinste, rustikalste bewirtschaftete Hütte, die ich in den Alpen bisher gesehen habe. Wirt Max (kocht sehr gut, ist sehr freundlich und kennt sich hervorragend aus) war dort in seiner 48. Saison. 2 mag er noch machen, dann soll Schluss sein. Also Leute, wenn ihr Max treffen wollt, diesen und nächsten Sommer habt ihr noch!

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Tag 6: Seetalhütte – Berghaus Vereins: Ein halber Ruhetag. Nachts war im Süden ein Gewitter vorbeigezogen und auch rund um die Hütte hatte es geregnet. Vorteil: Jede Menge Alpensalamander am Wegesrand.

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Ab der Alp Sardasca ging es zunächst auf einem Fahrweg weiter, erst nach ca. 1/3 des Aufstiegs zum Berghaus Vereina gab es wieder einen Wanderweg und ich musste nicht mehr den Shuttlebussen Platz machen. Sehr bezeichnend eine Gruppe Deutscher, die mir von oben entgegenkam. Als ich ihnen Platz machte, meinte einer zum anderen: „Guck mal, da läuft auch einer hoch.“ Also wirklich ganz exotisches Verhalten im Gebirge!

Man beachte das Berghaus in Bildmitte

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Abends gab es dann von der Terrasse aus noch diesen schönen Blick aufs Flüela Wisshorn.

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Tag 7: Berghaus Vereina – Vereinapass – Fuorcla da Glims – Chamonna Linard:
Nach dem „Ruhetag“: Auf dem Weg durch ein schönes Hochtal, von Rindern und Pferden dicht bevölkert, ging es zunächst zum Vereinapass hinauf. Eine mit einem Altschneefeld gefüllte Rinne, an deren Grund ein vom Schnee überdeckter Bach floss, erforderte dann einige Vorsicht, danach ging es einfach weiter zur Passhöhe auf 2590m Höhe.

Den Abstieg ins Val Sagliains musste man sich über ausgedehnte Altschneefelder suchen. Hierfür tat ich mich mit zwei Schweizern zusammen, die etwa im gleichen Tempo wie ich vom Berghaus heraufgekommen waren.

Nach dem Abstieg ging es dann auch gleich wieder steil hinauf zur Fuorcla da Glims (2800m) am Fuße des Linard. Kurz vor Erreichen der Passhöhe, spurtete eine Gruppe von 3 Steinböcken kurz vor mir durch eine breite Kuhle. Sehr beeindruckend!

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Von dort aus kann man in ca. 10 Minuten den Piz da Glims erreichen mit Blick übers Unterengadin

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und auf den Linard. „Was für ein Berg!“ dachte ich bei diesem Anblick.

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Dort konnte man zwei Punkte sehen, die etwas unsicher über die zentrale Firnrinne abstiegen. Während ich die beiden beobachtete, dämmerte mir, dass Steigeisen oder zumindest ein Pickel wohl doch ganz gut wären für ein Besteigung. Dabei hatte ich aber nix außer meinen Wanderstöcken.

Nach diesen Betrachtungen ging der Abstieg an den malerischen Lai da Glims vorbei

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zur Chamonna Linard.

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Tag 8: Chamonna Linard – Piz Linard – Chamonna Linard: Dank Andrí ordentlich ausgerüstet konnte ich nun den Piz Linard angehen.

Besonders die untere Rinne ist ja wirklich extrem brüchig und eine ziemliche Sauerei zum Klettern. Wobei ich auch den Fehler gemachte habe, nicht rechts raus zu queren. In jedem Fall muss ich sagen, wenn ich nicht alleine am Berg gewesen wäre, hätte ich das ohne Helm nicht machen wollen.

Hier ein Bild von einer kurzen Pause etwas unterhalb des Gipfels. Wie man sieht hatte ich über die ganze Tour ein fast schon unverschämtes Glück mit dem Wetter.

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Und schließlich der großartige Blick vom Gipfel

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Den Gipfel eines Gruppenhöchsten ganz für sich zu haben war ein wirklich schönes Erlebnis. Den Wirten der Chamonna Linard sei Dank! Abstieg dann wie Aufstieg über das gleiche bröckelige Zeug.

Tag 9: Chamonna Linard – Lavin – Garda: Am nächsten Tag war das herrliche Wetter zwar vorbei, aber jetzt war es auch egal, da meine Rund so gut wie beendet war. Zusammen mit zwei Allgäuern stieg ich gemütlich nach Lavin ab und nach Nusstorte und Kaffee bei Giacometti bildete ein Spaziergang am Inn bis nach Guarda den Abschluss meiner Silvrettarunde.

Eine wirklich herrliche Tour, oft einsam obwohl zentral gelegen und gut erreichbar, mit schönen, abwechslungsreichen Landschaften. Tolle Woche!