Hüttenwanderung vom 31.07. – 04.08. 2010

Seitdem ich vor Jahren einen Bericht über die Via Alta della Verzasca gelesen hatte, trug ich die Idee einer Wanderung im Tessin im Hinterkopf. Mein ursprünglicher Plan war natürlich, die Via Alta zu begehen, jedoch hörte ich etwas von Reservierungsnotwendigkeit in der Hauptsaison und das legte Menschenansammlungen nahe, denen ich in meiner Solowoche lieber aus dem Weg gehen wollte. Also suchte ich mir stattdessen mal wieder eine eigene Route zusammen – nicht ganz so spektakulär wie die Via Alta, dafür stellenweise noch unbekannter und in jedem Fall sehr schön.

Tag 1: Ausgangspunkt meiner Tour war Rodi-Fiesso im Valle Leventina, nur wenig südlich des Gotthards gelegen. Ein weiser, erfahrener Bergsteiger (Mark) hat einmal gesagt, das Problem im Tessin seien nicht die hohen Berge, sondern die tiefen Täler. Nun liegt Rodi mit 979m schon relativ hoch, trotzdem war der Aufstieg zur Capanna Leit mit knapp 1300 Hm gleich eine recht ordentlich Tour.

Trotzdem schaffte ich es, unten der Versuchung Seilbahn mannhaft zu widerstehen, so dass ich mir diesen Anblick erst einmal erarbeiten musste.

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Vom Lago Tremorgio aus geht es dann zunächst steil, dann wieder flacher und mit schönem Blick auf den Klettergipfel Pizzo del Prévat…

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zu einem Sattel und von dort weiter zur Capanna Leit (2259m). Kurz vor der Hütte dann eine neue Erfahrung für mich: Krämpfe im rechten Oberschenkel. Was war das denn? Vielleicht lag es daran, dass ich zum ersten Mal seit längerem eine mehrtägige Tour mit entsprechendem Gepäck ohne Wanderstöcke machte. Auf jeden Fall war ich froh, dass schon kurz darauf die Hütte auftauchte:

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Übrigens war der Grund für meinen Stockverzicht, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich ohne Stöcke etwas sicherer absteige (warum auch immer), sowie bewusster Schläge aufs Knie vermeide (siehe tauernfuchs‘ beständigen Einsatz für die Vorderfußtechnik), so dass ich trotz der höheren Belastung für die Beine insgesamt knieschonender gehe als mit Stöcken. Nur wenn der Rucksack sehr schwer wird, gilt das wahrscheinlich nicht mehr…

Tag 2: Ziel des zweiten Tages war die Capanna Camp Tencia. Da der direkte Übergang keine wirklich tagesfüllende Veranstaltung ist, musste noch ein Gipfelabstecher her. Hüttenwirt und Clubführer legten die Besteigung des höchsten Gipfels des Pizzo Campolungo nahe. Also los!

Zunächst aber bot sich dieser schöne Anblick:

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Danach ging es auf erste von 2 Jöchern, die man in Richtung C. Campo Tencia übersteigen muss. Dort machte ich kurz Pause, genoss die Aussicht auf P. Penca und P. Campo Tencia,

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als ich plötzlich nur ca. 15 m entfernt einen prächtigen Steinbock entdeckte, der seelenruhig über die Wiese lief und sich dann sehr photogen auf einem Felsblock platzierte. Gerade als ich zur Kamera griff, lief er jedoch wieder davon, anscheinend von einer Gruppe Schweizer verschreckt, die kurz darauf das Joch erreichte. Schade, aber auch ohne Bild ein schönes Erlebnis.

Nach dem Übergang über die beiden Jöher gelangt man zur Alpe Lei di Cima (2400m). Hier biegt der Campolungo-Anwärter rechts ab und folgt Spuren und gelegentlichen Steinmännern in ein kleines Tälchen das sich von Süden nach Norden zum Ostgrat des Campolungo hinaufzieht. Der einfachste Aufstieg zum Grat befindet sich auf der Westseite dieses Tälchens.

Leider jedoch lies ich mich davon in die Irre führen, das der Gipfel sich nördlich des nächsten, weiter westlich gelegenen und parallel verlaufenden Tälchens befindet. Der Weg dorthin erforderte eine etwas heikle Steilgrasquerung unterhalb des Ansatzes des Campolungo-Südgrates. Das Tälchen selbst ist dann eine einzige große Blockhalde und demenstprechend nicht sehr lustvoll zu begehen. Kurz unterhalb des Ostgrates hat der Südgrat dann eine Einsattelung, in der ich wieder auf den richtigen Weg gelangen konnte. War nicht wirklich lohnend, dieser Umweg…

Ab dem Sattel geht es dann durch steiles Gras, das auch immer mal wieder den Einsatz der Hände erforderte (Tipp für Nachahmer: Nicht an den Disteln festhalten) endlich zum Ostgrat.

Dort bietet sich dann ein eindrucksvoller Tiefblick nach Norden zur Capanna Leit:

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Nach Westen hin wurde der Grat spitzer und schmaler, bis er schließlich direkt vor mir einige Meter steil abfiel, die Schneide kaum einen Meter breit und aus abwärts geschichtetem Fels bestehend. Dass ich hier nicht weiter gehen würde, war mir sofort klar. Stattdessen ging es ein Stück zurück, wo ich eine nach Südwesten führende Rinne inklusive kurzer Erdkletterei (I-II) fand, von dessen unterem Ende aus man einen Pfeiler umgehen und dann über einen Grashang zurück auf den Grat gelangen konnte. Kurze Zeit später stand ich dann vor der letzten Scharte und, gleich dahinter, dem letzten Aufschwung zum Gipfel:

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Dieser ist sehr einfach (I), die eigentliche Schlüsselstelle ist der Abstieg in die Scharte. Zwar auch nur ein IIer, bietet aber, da man nicht direkt hinunter kommt, sondern erst drei Meter nach Norden absteigen muss, bevor es um die Ecke geht, ordentlich Luft unter dem Hintern. Von den Umwegen, dem ungewohnten Steilgrasgelände und den Tiefblicken am Grat leicht angegriffen, musste ich hier noch mal meinen Mut sammeln, bis ich mich traute, den Abstieg anzugehen. Um so größer die Freude, als ich kurz darauf auf dem Gipfel (2713m) stand. Ein Gipfelphoto gibt es leider nicht, da ich den Rucksack samt Kamera in der Scharte zurückließ. Ich kann Euch aber versichern, dass die Aussicht sehr schön und der Tiefblick nach Norden atemberaubend ist.

Nach kurzer Rast ging es dann zurück zur Einsattelung im Südgrat und dann durch das richtige Tälchen zurück zur Alpe Lei di Cima und weiter auf dem markierten Weg zur Capanna Campo Tencia (2140m).

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Tag 3: Der dritte Tag begann mit Nebel und Regen. Nicht gerade ideal für die Überschreitung des P. Campo Tencia, die ich mir für heute vorgenommen hatte und für die ich mich mit einem anderen Solo-Geher zusammentat, der das gleiche Vorhaben für diesen Tag hatte.

Als schließlich der Regen aufhörte und sich der Nebel sich lichtete (ca. 10:30 Uhr), gingen wir los. Die Kraxelstellen (I-II), die es immer wieder gibt, waren bei den noch nassen Verhältnissen nicht ganz ohne, doch insgesamt war der Anstieg auf diesem besonders im unteren Teil spektakulär geführten Pfad eine Freude.

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Kurz vor Erreichen des kleinen Gletschersees gerieten wir dann doch in den Nebel, so dass der Weiterweg, zunächst am Grat, dann über ein Firnfeld ansteigend und über Moränenschut zurück zum Grat, immer wieder Orientierungsfragen aufwarf. Der letzte Abschnitt folgte dann beständig dem Grat und kurz nach halb zwei waren wir am Gipfel (3072m), der uns mit herrlicher Rundumsicht belohnte,

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die wir ganz für uns hatten. Immerhin fiel bei diesen Verhältnissen die Entscheidung nicht schwer, ob wir noch hinüber zum P. Penca gehen sollten.

Im Abstieg wurden wir dann noch mal ordentlich nass und freuten uns so wirklich, als wir gegen 17:20 Uhr die C. Sovèltra (1534m) erreichten,

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die mit warmem Essen lockte und sogar mit einer heißen Dusche zu beglücken wusste. Auch sonst war die Hütte extrem gemütlich und übertraf in dieser Hinsicht sogar noch die beiden letzten.

Tag 4: Am nächsten Tag war das Wetter wieder besser. Doch da es unbeständig gemeldet war und sich zu Schauern passende Wolken im Westen formierten, verzichtete ich auf die 8h-Tour zum Rifugio Tomeo und machte mich stattdessen mit meinem neuen Bekannten zum Rifugio Barone auf.

Der Weg zur Bocchetta della Campala ist landschaftlich sehr schön und bietet auch kurze ausgesetzte Passagen.

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Auf der Passhöhe erhält man dann nicht nur einen schönen Ausblick ins Val Vegorness,

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sondern, wenn man Glück hat, auch noch auf Steinböcke. So konnte ich mein Steinbock-Photo doch noch nachholen!

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Im Abstieg erwartet den Wanderer eine kurze Klammerreihe, unterhalb derer wir auf diesen Gesellen trafen

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Ich hätte nicht gedacht, dass es so weit oben (ca. 2200m) noch Frösche gibt.

Anschließend geht es probemlos weiter zum Rifugio Barone (2172m), für das ich den Erwerb des dortigen Alpkäses nur ausdrücklich empfehlen kann. Und der Ausblick ist natürlich auch ganz nett.

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Nach einer kurzen Pause machte ich mich dann zum P. Barone auf. Mein Bekannter hingegen stieg ab, um durch das Valle Verzasca zu wandern.

Das Wetter war nun doch stabil. Hier der Blick auf den Lago Barone:

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Am Gipfel (2864m) waren dann überraschenderweise nur zwei Deutschschweizer, die kurz nach meiner Ankunft abstiegen, so dass ich die wunderbare Aussicht von diesem schönen Wandergipfel ganz alleine genießen konnte.

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Abends gab es dann großes Wolkenkino vor der Hütte:

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Tag 5: Meine Entscheidung, statt zum R. Tomeo zum R. Barone zu gehen, brachte einen großen Vorteil mit sich: Ich könnte meine Tour wieder zu einer Rundtour machen und – wie 2009 in der Silvretta – erneut direkt bis ans Auto laufen.

Dazu plante ich den fünften Tag wie folgt: Über die Via Alta della Verzasca bis zum Passo di Piatto, dann hinunter und über Cala und Ces nach Gribbio, von wo aus ich am folgenden Tag problemlos bis nach Rodi kommen sollte. Eine ziemlich lange Etappe, zumal ich mir in den Kopf gesetzt hatte, die T6-Variante der Via Alta zu versuchen.

Letzteres gab ich jedoch bereits vor Erreiches des Grates auf. Nach dem Abzweig vom Hauptweg war der Anstieg zum Grat zunächst gut markiert und recht gut begehbar. Doch wurde der Grashang immer steiler, es kam brüchiger Fels hinzu und auch die Markierungen hörten schließlich auf, so dass ich schließlich beschloss umzudrehen und den T4-Weg zu gehen.

Oben auf dem Grat stand ein Steinbock. Wahrscheinlich blickte er spöttisch hinunter und lachte.

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Hier noch mal der Hang, an dem ich umgedreht bin (etwas links oberhalb in Bildmitte). Sieht auf dem Photo eigentlich nicht wild aus, fühlte sich mittendrin aber viel steiler an, als es hier aussieht. Wahrscheinlich hätte ich auch etwas weiter rechts gehen sollen. Na egal, der normale Weg sollte sich noch als sehr schön herausstellen.

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Apropos normaler Weg: Der Abschnitt zwischen R. Barone und Passo di Piatto ist schon seit einiger Zeit gesperrt, da an zwei Stellen der Weg von einem Erdrutsch weggerissen wurde. In beiden Fällen sind die Querungen nicht wirklich schwierig, aber ziemlich heikel, da loser Schutt auf vom Wasser rundgeschliffenen Felsen auffliegt und das Gelände kaum fehlertolerant ist. Hier ist wirklich Vorsicht geboten!

Anschließend dann herrliche Via Alta-Aussichten:

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Am Passo di Piatto machte ich kurz Pause, dann stieg ich zum Laghetto hinab. Kurz unterhalb des Sees kam ich an einer Fischerhütte vorbei, an der 5 Hobbyangler an einem Grill zugange waren. Die fünf luden mich spontan ein, etwas mit ihnen zu trinken und zu essen. Eine so freundliche wie unerwartete Einladung konnte ich natürlich nicht ausschlagen und so blieb ich eine Weile, bis ich, von der Länge des weiteren Weges getrieben, wieder aufbrach.

Durch ein schönes, wildes Tal unterhalb des R. Sponda

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führte mich mein Weg und anschließend durch die kleinen, scheinbar verwunschenen berdörfer Cala, Doro und Ces – alle ohne Straßenanschluss.

Kurz nach 19:00 Uhr kam ich schließlich in Gribbio an. Inzwischen hatte ich mir schöne große Blasen an den Ballen gelaufen (wahrscheinlich ebenfalls eine Folge des stocklosen Gehens, denn gerade dort hatte ich bisher nie Blasen), so dass ich nicht sehr erfreut war, dass es dort wider Erwarten keine Übernachtungsmöglichkeit gab. Also noch mal eine Stunde Latscherei nach Dalpe, wo ich dann unterkam.

Damit hatte ich es fast geschafft mit meiner Rundtour. Doch als ich am nächsten Tag die Wahl hatte, mit schmerzenden Füßen anderthalb Stunden durch strömenden Regen zu laufen, entschied ich mich doch feige für den Postbus. Immerhin fast…

Fazit: Eine wunderschöne Tour in großartiger Landschaft. Mir scheint, die Tessiner Berge sind noch ein kleines Stück wilder und schroffer als die anderswo. In jedem Fall ein lohnendes Ziel für den Berggänger, der die tiefen Täler nicht scheut. Wie eine Schweizerin zu mir sagte: Im Tessin hat jede Tour 1500 Hm. Ich war sicherlich nicht zum letzten Mal hier.