Wanderung in der Sierra Nevada vom 15.-31.08. 2011

Tag 1: 

Meine Begehung der Sierra High Route begann am 15. August, als ich wenige Minuten vor Mittag den Copper Creek Trail betrat. Ursprünglich hatte ich zum Ziel, an diesem Tag den ersten Pass zu erreichen, doch bereits ziemlich bald wurde mir klar, dass ich froh sein konnte, bis zum Einbruch der Dunkelheit wenigstens bis zum Grouse Lake zu kommen. Ich war aufgeregt, als ich die ersten Schritte ging, unausgeschlafen und unsicher, ob ich diese Herausforderung packen würde.

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Der Anfang des Abenteuers - Copper Creek Trail

Der Anfang des Abenteuers – Copper Creek Trail

Das Problem am ersten Abschnitt der High Route ist vor allem der Höhenunterschied. Man startet im Kings Canyon bei 5035 ft, Grouse Lake liegt bei 10473 ft und Grouse Lake Pass bei ca. 11050 ft. Das bedeutet 1650 Hm bis zum See und und 1830 Hm bis zum Pass. Und das ohne Akklimatisierung, dafür mit Jetlag und 26 kg Gepäck auf dem Rücken.

Immerhin ist das Gute am Copper Creek Trail, dass er nicht besonders steil ist und sich für den Aufstieg zum 10347 ft hohen Sattel „The Lip“ acht Meilen Zeit lässt. Ich begann bewusst eher langsam, mit etwa 800 ft pro Stunde, Pausen nicht mit eingerechnet. Trotzdem wurde der Aufstieg in der Hitze bald anstrengend.

Rückblick auf Kings Canyon; der seltsam geformte Felsen in Bildmitte ist "die Sphinx"

Rückblick auf Kings Canyon; der seltsam geformte Felsen in Bildmitte ist „die Sphinx“

Während sich der Blick auf die berühmten Felsen „Grand Sentinel“ und „The Sphinx“ auf der Südseite des Canyons langsam verbesserte, rückten die Zwischenziele zur Eigenmotivation immer näher zusammen: Erst 1000e Fuß, dann 100e, schließlich 50er. Gegen halb fünf, bei etwa 8000 ft Höhe begegnete mir der einzige andere Wanderer an diesem Tag, ein Mann mexikanischen Aussehens, der zwei Heliumballons, wie man sie auf Jahrmärkten oder in Vergnügungsparks kaufen kann, an seinen Rucksack gebunden hatte. Ich fragte mich, ob sie dazu gedacht waren, die Last zu mindern. Und ob das wohl was bringt. Kurz darauf liefen mir einige erstaunlich wenig scheue Hirsche über den Weg. Auch nett.

Wild auf dem Weg

Wild auf dem Weg

Mit zunehmender Höhe stieg auch die Erschöpfung; die Schatten wurden länger und immer mehr Mücken machten es sich um mich herum gemütlich. Ach, es ist so schön, umschwärmt zu werden! Gegen sechs Uhr abends begannen meine Muskeln ihren Protest gegen diese Tagesetappe. Schultern, Nacken und Hüfte drückten schon länger, nun meldeten sich auch die Oberschenkel. Kurz darauf musste ich mit Krämpfen pausieren, bevor ich das nächste Zwischenziel erreichte. Ich hatte ja geahnt, dass dieser Tag hart werden würde. Aber dass es so schlimm würde, hätte ich dann doch nicht gedacht.

Sonnenuntergang oberhalb des Kings Canyon

Sonnenuntergang oberhalb des Kings Canyon

Hier noch weiterzugehen, wurde zu einer reinen Willensfrage. Irgendwie schaffte ich es doch immer wieder weiter und gegen halb acht erreichte ich endlich „The Lip“. Hier verlässt die High Route den Trail und biegt nach Osten ab. Den Hang entlang ging ich in Richtung Grouse Lake. Die Sonne ging bereits unter und ich hoffte sehr, bald einen brauchbaren Platz zum campieren zu finden. Gegen acht dann kam ich zu einer Waldlichtung, in der große Granitplatten den Hang bildeten. Ein Absatz dieser Platten war einigermaßen eben und hier ließ ich mich nieder.

Endlich konnte ich den Rucksack absetzen, breitete Biwaksack, Schlafsack und Isomatte aus, packte den Bärenkanister um und kochte mein Abendessen, letzteres bereits im Mondschein. Gegen zehn Uhr machte ich mich dann für mein erstes Solobiwak bereit. Ich war so müde, mir war es völlig egal, dass ich mich allein in der Wildnis befand – Hauptsache schlafen.

Tag 2:

Ich wachte gegen sechs Uhr auf, bereitete mein Frühstück zu, aß, packte und war um acht wieder unterwegs. Kurz darauf erreichte ich den Grouse Lake und verließ hier nun auch endlich den Wald. Über locker baumbestandene Wiesenhänge und Granitplatten ging es aufwärts zum Grouse Lake Pass auf 11050 ft (3368m). Der Ausblick nach Westen zum Granite Lake war beeindruckend, allerdings wandte ich mich nach Osten, wo wenige hundert Fuß Abstieg in ein Hochtal zu bewältigen waren und der anschließende Aufstieg zum Goat Crest Saddle (11450 ft, 3490 m), den ich kurz vor elf erreichte. Auf der Rückseite des Passes erwartete mich dann auch das erste größere Schneefeld.

Der tiefblaue Grouse Lake

Der tiefblaue Grouse Lake

2011 war in der Sierra Nevada ein Rekordschneejahr. Es fiel so viel Schnee wie seit 30 Jahren nicht mehr, dazu kam ein kühler Frühling, in dem ungewöhnlich wenig abschmolz. Noch im Juli konnte man am Mammoth Mountain Ski fahren und noch Anfang August lag in den bewaldeten Tälern teilweise Schnee unter den Bäumen. Inzwischen hatte sich der Schnee glücklicherweise in die Höhenlagen zurückgezogen. Trotzdem hatte ich angesichts der ausgdehenten Schneefelder Grödel als vorletztes Stück der Gepäckliste hinzugefügt. Diese setzte ich im Abstieg dann auch gleich ein. Wirklich nötig gewesen wäre es nicht, aber wenn man sie schon mal dabeihat…

Der Aufstieg zum Goat Crest Saddle

Der Aufstieg zum Goat Crest Saddle

Der Abstieg vom Pass führt nordostwärts zum oberen Glacier Lake

Der Abstieg vom Pass führt nordostwärts zum oberen Glacier Lake

Kurz darauf erreichte ich die Glacier Lakes und nach einem Abstieg über Granitterassen das Glacier Valley.  Von den Seen aus bot sich ein beeindruckender Blick nach Norden auf die Black Divide und deren östlichen Eckpfeiler, das gezackte Massiv der Devil’s Crags.

Glacier Lake und links im Hintergrund die Black Divide

Glacier Lake und links im Hintergrund die Black Divide

Durch Wald und über ausgedehnte Lichtungen wanderte ich nach Norden, bis ich gegen 14:00 Uhr den States Lakes Trail erreichte, auf dem ich mich nach Osten wandte. Nun stand der Aufstieg zu State Lakes an. Dieser beträgt gerade einmal 600 ft, aber auch das kam mir furchtbar viel vor. War ich an den beiden Pässen am Vormittag noch einigermaßen fit, holten mich Höhe und Rucksackgewicht nun mit voller Härte ein. Von den State Lakes aus geht es wiederum nach Norden und dann kam ich endlich an den Abzweig zu den Horseshoe Lakes. Nur noch eine Meile! Das schaffe ich auch noch. Ich war mal wieder völlig kaputt, als ich kurz vor fünf dort ankam, und fragte mich, was ich hier eigentlich machte.

Biwak an den Horseshoe Lakes; den Bärenkanister werde ich später noch wegbringen

Biwak an den Horseshoe Lakes; den Bärenkanister werde ich später noch wegbringen

Immerhin wurde ich später durch einen herrlichen Sonnenuntergang entschädigt, während dem die Fische des Sees aus dem Wasser sprangen, um nach Insekten zu schnappen.

Horseshoe Lakes im Abendlicht

Horseshoe Lakes im Abendlicht

Tag 3:

Am zweiten Morgen meiner Unternehmung hatte ich etwas mehr abzubauen, denn da mitten in der Nacht Wolken aufgezogen waren (die sich später als vollkommen harmlos herausstellten), hatte ich sicherheitshalber das Tarp aufgespannt.

Es ging nun weglos weiter nach Norden, am nächsten Horseshoe Lake vorbei zu einem bewaldeten Rücken, der nach Osten zur Windy Ridge zieht. Auch heute ging ich langsam um so gut wie möglich durchzuhalten. Ich lag bereits einen halben Tag hinter meinem ursprünglichen Zeitplan und mir war klar, dass ich mindesten elf statt zehn Tage bis Red’s Meadow brauchen würde. Nicht ganz klar war mir, wie und ob ich die bevorstehenden längeren Etappen meistern würde. Aber heute war es noch mal moderat.

Blick zurück über das Glacier Valley; Goat Crest Saddle ist der Sattel links vom spitzen Gipfel

Blick zurück über das Glacier Valley; Goat Crest Saddle ist der Sattel links vom spitzen Gipfel

Beim Abbiegen nach Osten orientierte ich mich an der falschen Seite des Rückens und kam schließlich etwas zu hoch auf der Windy Ridge heraus.

Es wird offensichtlich, warum dieser Ort Windy Ridge heißt

Es wird offensichtlich, warum dieser Ort Windy Ridge heißt

So näherte ich mich dann dem nächsten Pass – Grey Pass – nicht von Westen, sondern stieg von Süden dorthin ab. Etwas Zeit und Kraft verschwendet, aber immerhin angekommen. Von dort ging es in einer grasigen, teilweise mit Dickicht bewachsenen Rinne auf der Ostseite bergab. Kurz unterhalb eines kleinen Schneefelds bekam ich dabei mein erstes amerikanisches Murmeltier zu Gesicht.

Blick nach Osten; links im Hintergrund liegt Lake Basin; rechts im Hintergrund Marion Peak, White Pass liegt direkt links des Massivs

Blick nach Osten; links im Hintergrund liegt Lake Basin; rechts im Hintergrund Marion Peak, White Pass liegt direkt links des Massivs

Nackter Granit und grüne Wiesen, dazu ein Wasserfall

Nackter Granit und grüne Wiesen, dazu ein Wasserfall

Der Abstieg endete im abgelegenen, wilden und schönen Tal der South Fork des Cartridge Creek. Kurz oberhalb eines tosenden Wasserfalls setzte ich mich an den Fluß und machte Mittagspause. Anschließend ging es natürlich wieder bergauf – 1500 ft über Wiesen und Granitplatten. 1500 Fuß, das sind nicht mal 500 Höhenmeter – aber in diesem Moment kam es mir ziemlich furchtbar vor. Ich schaffte dann auch nur 500 ft pro Stunde (was für ein elendes Tempo) und musste mich ziemlich quälen, bis ich kurz nach 14:00 Uhr White Pass erreichte. Eine gute Stunde später, nach einer Querung, erreichte ich Red Pass und blickte hinab auf den letzten Abstieg des Tages: Schnee und Blockhalden bis zu einem Plateau, von dem aus man irgendwie zum Marion Lake hinunterkommen würde.

Aussicht vom White Pass; Red Point ist der Gipfel auf der rechten Seite, Red Pass liegt rechts davon und ist hier verdeckt

Aussicht vom White Pass; Red Point ist der Gipfel auf der rechten Seite, Red Pass liegt rechts davon und ist hier verdeckt

Schnee mit "sun cups" - nicht sehr angenehm zu gehen

Schnee mit „sun cups“ – nicht sehr angenehm zu gehen

Der Schnee war leider nicht besonders geeignet für den Abstieg, da er – wie die allermeisten Schneefelder, auf die ich traf – sogenannte sun cups ausgebildet hatte, sozusagen Penitentes light für die Südamerika-Erfahrenen. Diese Wellenstruktur macht Abfahren auf den Schuhsohlen meist unmöglich und erschwert absteigen und queren. Nur beim Aufstieg direkt in Falllinie kann es ganz angenehm sein.

Schließlich gelangte ich zur grasigen Rinne, die zum See hinunterführte. Dieser wiederum war so schön, dass ich spontan beschloss, hier zu bleiben und nicht ins Lake Basin weiterzugehen. So endete diese Etappe bereits um halb fünf.

Marion Lake und dahinter Lake Basin; rechts neben dem pyramidenförmigen Gipfel auf der rechten Seite liegt Frozen Lake Pass, die wichtigste Hürde des folgenden Tages

Marion Lake und dahinter Lake Basin; rechts neben dem pyramidenförmigen Gipfel auf der rechten Seite liegt Frozen Lake Pass, die wichtigste Hürde des folgenden Tages

Nach einem kurzen Bad im herrlich klaren und sehr kalten See machte ich mich wiederum ans Abendessen. Dazu entfernte ich mich wie bereits an den Vortagen in Windrichtung einige hundert Meter von meinem Schlafplatz, damit der Kochgeruch Bären nicht genau zu meinem Biwak locken würde. Beim Essen bekam leider nicht nur ich zu Essen, sondern auch die zahlreichen Mücken, die hier besonders agressiv zu Werke gingen. Ich freute mich sehr, als letzten Gegenstand ein Mückennetz für den Kopf meiner Ausrüstungsliste hinzugefügt zu haben.

Doppeltes Alpenglühn am Marion Lake

Doppeltes Alpenglühn am Marion Lake

Als ich später in meinem Schlafsack lag, war ich zum ersten Mal noch wach genug, um auf die Geräusche des Waldes zu lauschen und etwas Unheimlichkeit zu empfinden. Gleichzeitig fragte ich mich, warum ich mir das alles antat. Die ersten drei Tage waren doch eine ziemliche Quälerei gewesen.

Später bewunderte ich die Milchstraße am noch mondlosen Himmel und fiel in einen tiefen, guten Schlaf.

Der nächste Teil der Geschichte folgt hier.