Tag 10:

Morgens erzählte mir Ed von zwei Bekannten, die ebenfalls die High Route in Angriff genommen hatten. Sie hatten 19 Tage für die Begehung eingeplant und laut Zeitplan sollten sie in den nächsten Tagen hier vorbeikommen. Das passte ziemlich gut zu den Beiden, die einen halben Tag nach mir zum Cirque Pass aufgestiegen waren, dachte ich mir, und von denen ich seither nichts mehr gehört hatte. Manchmal ist die Wanderwelt doch klein.

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Am Laurel Lake mache ich mich bereit für einen weiteren Wandertag

Am Laurel Lake mache ich mich bereit für einen weiteren Wandertag

Nachdem ich meinen Rucksack gepackt und mich von Ed, Jacob und Loy verabschiedet hatte, machte ich  mich daran, Bighorn Pass zu überqueren, dessen 900 ft-Anstieg direkt am Seeufer beginnt. Der Hang sieht von unten recht beeindruckend aus und daher wollten die drei mir auch zusehen, um für den Folgetag zu wissen, wo man gut hochkommt.

Der Anstieg entpuppte sich dann als genau mein Gelände: steil, halb grasig, halb felsig, gelegentlich musste man Hand anlegen, aber richtig schwierig wurde es nie. Ich geriet schnell in einen richtigen flow, hatte Freude an jeder Bewegung und stand schon nach einer Dreiviertelstunde oben. Halb grüßend, halb jubelnd schwenkte ich die Wanderstöcke, genoss die Aussicht und machte mich dann an die etwas kompliziertere Querung zum Shout-of-Relief-Pass.

Rückblick vom Bighorn Pass: Dieser Anstieg hat richtig Spaß gemacht

Rückblick vom Bighorn Pass: Dieser Anstieg hat richtig Spaß gemacht

Der „Pass des Ausrufs der Erleichterung“ hat seinen Namen daher, dass die Erstbesteiger des nahegelegenen Red and White Mountain für ihre Rückkehr in die Zivilisation diesen Pass wählten und beim Blick auf seinen recht sanften nordseitigen Abstieg eben einen solchen Ausruf der Erleichterung von sich gegeben haben sollen.

Blick zurück auf das Gelände zwischen Bighorn und Shout-of-Relief Pass

Blick zurück auf das Gelände zwischen Bighorn und Shout-of-Relief Pass

Für mich wurde dieser Abstieg leider nicht besonders angenehm. Er ist nicht schwierig, aber an einer Stelle, erneut dünne Geröllauflage auf hartem Untergrund, passierte mir beinahe ein identischer Sturz wie zwei Tage zuvor. Dieses Mal allerdings stützte ich mich mit dem rechten Arm an einem Felsblock ab. Als mir die Füße wegrutschten und das Gewicht auf den Arm kam, spürte ich, wie meine Schulter nachgab und dann saß ich auch schon auf dem Hintern, was diesem natürlich auch nicht gut tat. Die Schulter tat weh und der Arm fühlte sich kraftlos an. Ich hatte dabei einen ziemlichen Schreck bekommen, auch wenn mir die Verletzung prinzipiell bekannt war: Im Herbst zuvor war mir beim Klettern etwas ganz ähnliches mit der linken Schulter passiert.

Ich brauchte einen Moment, um mich wieder sammeln, dann ging es mit schmerzender Schulter, schmerzendem Hinterteil und immer noch angeschwollenem Sprunggelenk weiter. Ich schlich eher zwischen Granitplatten, kleinen Seen und einzelnen Bäumen voran als dass ich ging. Als ich dann in der Nähe des Cotton Lake unter lautem Ächzen und Stöhnen meinen Rucksack abnahm und mich ins Gras setzte, da musste ich über mich selbst lachen. Das war ja langsam wie beim Invalidensport hier!

Ein guter Ort für eine Pause

Ein guter Ort für eine Pause

Der Abstieg bis Horse Heaven war noch einmal interessant und fordernd, dann ging es auf einem Trail weiter und bei Tully Hole, wo ich um 14:00 Uhr auf einem breiten, oben flach gehauenen Baumstamm Fish Creek überquerte und erneut auf den John Muir Trail traf.

Diesem folgend ging es nun nach Norden. Die Landschaft veränderte sich; der Boden wurde sandiger, das Gestein der umliegenden Berge wechselte von Granit zum metamorphen Gesteinen. Um zu verhindern, dass die Schulter steif würde, ließ ich immer wieder den rechten Arm kreisen; das war zwar schmerzhaft, schien aber gut zu tun. Gleichzeitig fühlte ich mich nach überstandenem Schreck, als hätte ich die High Route schon bewältigt. Dass noch sieben oder acht Tage vor mir lagen, war mir in diesem Augenblick völlig egal.

Auf dem Muir Trail traf ich auch wieder andere Wanderer, wobei mir wieder auffiel, dass der Anteil junger Menschen deutlich höher war als auf Wanderwegen in den Alpen. Hier schien Wandern nicht dieses Alt-Herren-Image zu haben wie in Mitteleuropa.

Gegen 17:00 erreichte ich Purple Lake; mein ursprüngliches Tagesziel war der noch etwa vier Meilen entfernte Duck Lake, aber ich hatte überhaupt keine Lust mehr weiterzugehen. Also suchte ich mir einen Rastplatz in der Nähe des 9928 ft (3026m) hohen Seeufers und beendete diesen Wandertag – mein erstes Nachtlager unter 10000 ft. Nach dem netten Abend mit meinen drei Mit-Campern am Laurel Lake war ich tatsächlich ein bisschen traurig, wieder alleine zu sein. Mit etwas Musik aus dem MP3-Spieler tröstete ich mich darüber hinweg, bevor ich mich in meinen Schlafsack verkroch.

Abends am Ruby Lake mit Blick auf die Silver Divide

Abends am Ruby Lake mit Blick auf die Silver Divide

Tag 11:

Am nächsten Morgen hatte ich es etwas eilig, loszukommen, damit ich es bis Red’s Meadow schaffen würde. Die Schulter schmerzte zwar immer noch und gerade Anziehen ging nicht so gut, doch es war schon deutlich besser geworden und belasten konnte ich sie auch wieder. Viertel vor sieben war ich bereits unterwegs, wanderte zunächst zweeinhalb Meilen auf dem Muir Trail weiter und bog dann nach Nordosten auf den Duck Pass Trail ab. Vorbei an Duck Lake, dem bisher größten See an der High Route, stieg ich zum Duck Pass auf, den ich zehn vor neun erreichte. Die Aussicht vom Duck Pass ist zwar nicht besonders beeindruckend, allerdings befand ich mich hier zum ersten Mal direkt auf dem Sierra Crest.

Ein morgendlicher Blick auf die Silver Divide

Ein morgendlicher Blick auf die Silver Divide

Am Pass verließ ich den Trail, wandte mich nach Westen und wanderte zunächst auf dem Kamm, dann zwei Sättel überschreitend zu den idyllisch unterhalb des Mammoth Crest gelegenen Deer Lakes. Dort traf ich auf den Deer Lakes Trail, der steil eben jenen Mammoth Crest hinaufzieht.

Die Deer Lakes und dahinter das ausgedehnte Tal der Middle Fork des San Joaquin River

Die Deer Lakes und dahinter das ausgedehnte Tal der Middle Fork des San Joaquin River

Die Mammoth-Region ist im Gegensatz zum Großteil der Sierra durch vulkanische Aktivität geprägt. Der als Skigebiet bekannte Mammoth Mountain besitzt die typische vulkanische Kegelform und produziert nach wie vor gelegentlich giftige Gase. Südlich des Berges liegt Mammoth Pass, die mit 9389 ft (2859m) tiefste Einsattelung in den Sierra Crest. Der Abschnitt des Sierra Crest direkt südlich von Mammoth Pass ist dann eben Mammoth Crest, ein luftiger, aussichtsreicher Kamm aus vulkanischen Gesteinen.

Als ich den Kamm erreichte, machte ich einen kurzen Abstecher vom Weg auf den 11348 ft (3459m) hohen Gipfel. Was für eine Aussicht! Im Westen die bewaldeten, granithellen Berge der Sierra Nevada, im Osten das bräunliche Owen’s Valley und die wüstenartigen White Mountains; im Norden war ein kleines Stück von Mono Lake zu sehen. Dazu keine einzige Wolke am klaren Himmel.

Die unglaubliche Aussicht auf dem Mammoth Crest ohne eine einzige Wolke am Himmel

Die unglaubliche Aussicht auf dem Mammoth Crest ohne eine einzige Wolke am Himmel

Nachdem ich mich satt gesehen hatte, kehrte ich zum Trail zurück und wanderte bis zum Nordende des Kamms. Hier steigt der Weg nach Osten in den Ort Mammoth Lake ab, während ich mich nach Westen wandte. Die Nordabstürze von Mammoth Crest sind steil, doch an einer Stelle hat sich ein Tälchen in die Wand gegraben, in dem man absteigen kann. Im tiefen, sehr feinen Bimssand sinkt man dabei ein wie in weichem Schnee.

Mammoth Crest von Norden

Mammoth Crest von Norden

Am Mammoth Pass wandte ich mich dann nach Westen, fand schließlich den richtigen Trail und stieg ins tiefe Tal der Middle Fork des San Joaquin River ab. Bald hörte der dichte Wald auf und gab den Blick frei auf weite Hänge, die 1992 einem Waldbrand zum Opfer gefallen sind. Die riesige kahle Fläche bot einen traurigen Anblick; doch zwischen den toten Stämmen wachsen inzwischen wieder kleine Lodgepole Pines und Mountain Hemlocks heran, die in einigen Jahrzehnten hoffentlich wieder einen prächtigen Nadelwald bilden werden.

Am Rande des Tals der Middle Fork; die Spuren des Waldbrandes von 1992 sind deutlich zu sehen

Am Rande des Tals der Middle Fork; die Spuren des Waldbrandes von 1992 sind deutlich zu sehen

Die Meilen verflogen nur so an diesem Tag und so erreichte ich bereits gegen 15:00 Uhr Red’s Meadow, ein kleines Ressort mit Geschäft und Campingplatz in der Nähe des Devil’s Postpile National Monument. Im Geschäft holte ich ein Paket ab, das meine Freunde in Santa Barbara vier Wochen zuvor hierhergeschickt hatten und das Essen für den zweiten Teil meiner Tour enthielt. Obwohl die Essensplanung insgesamt sehr gut geklappt hat, hatte ich jetzt doch einiges übrig, wofür sich unter den John Muir Trail -Thru-Hikern dankbare Abnehmer fanden.

Außerdem gönnte ich mir den Luxus eines Zimmers: … mit Dusche und Bett, der Himmel auf Erden. Und ich bin jetzt auch zuversichtlich, dass ich hier gleich auch noch was richtiges zu Essen kriege. 

Als ich mich auf dem Weg in die Dusche im Spiegel betrachtete, war mein erster Gedanke, dass der Typ, den ich da sah, ganz schön wild aussah, und der zweite, dass er auch deutlich abgenommen hatte. Da war richtiges Essen auf jeden Fall eine gute Idee.

Das richtige Essen bestand dann aus einem Cheeseburger und Chips, später unterhielt ich mich dann bei einem Bier (!) noch mit einem deutschen JMT-Thru-Hiker. Die Zivilisation hat doch auch Vorteile…

Der nächste Teil der Geschichte folgt hier.