Weiße Ostern

Skitouren in der Rieserfernergruppe vom 07.-09.04. 2012

Ich hatte schon gezweifelt, ob ich mir für zwei Tage wirklich noch einmal die Fahrt über den Brenner antun sollte. Aber dann dachte ich mir, wenn ich schon mal an einem langen Wochenende in Alpennähe bin, dann kann ich auch das beste daraus machen. Und die Alpensüdseite war nun einmal im Wetterbericht bevorzugt. Also fuhr ich vom Allgäu aus über Fernpass und Brenner, durch Pustertal und Ahrntal bis nach Rein in Taufers und begann kurz nach 17:00 Uhr den Aufstieg zur Kasseler Hütte.

Das Wetter war freundlich, die Temperaturen angehnehm, als ich frohen Mutes die Ski schulterte und zu den ersten Schneeflecken auf der Fortstraße trug. Nach zwei Tagen mit Schneeschuhen kam mir das Nachziehen der Ski dann deutlich angenehmer und weniger anstrengend vor. Vielleicht lag es aber auch nur an meiner mangelnden Übung mit Schneeschuhen – das letzte Mal hatte ich die Dinger vor fast 10 Jahren an den Füßen.

Am Ende der Forststraße folgte ich dann nicht dem aperen Wanderweg, sondern einer Skispur, die in engen Spitzkehren den Hang hinauf führte. Keine gute Entscheidung. Bald führte die Spur in eine steile Rinne, der Schnee war gruselig pappig und zudem war immer wieder Nahkampf mit dem Baumbestand fällig. Die Stollen unter den Ski wuchsen beständig, was die ständigen Spitzkehren nicht leichter machte, und an machen Stellen musste ich mich auf die Skispitzen hocken, um unter irgendwelchen Ästen hindurchzukriechen. Innerlich verfluchte ich den Anleger dieser Spur, aber auf dem engen Raum hätte ich auch keine neue, bessere anlegen können.

Einer der botanisch weniger intensiven Bereiche der Aufstiegsrinne

Einer der botanisch weniger intensiven Bereiche der Aufstiegsrinne

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit und viel Schweiß kam ich an der Eppacher Alm in offeneres Gelände. Eine kurze Pause diente der Befreiung meiner Ski von ihrer Schneelast, dann ging es weiter. Mittlerweile dämmerte es, dafür war die Hütte inzwischen in Sicht. Da die Entstollung nur kurzzeitig wirkte, war das Gehen nach wie vor mühsam und ich war ziemlich k.o., als ich nach 2,5 h (für gerade einmal 600 Hm!) an der Hütte ankam. Der Hüttenwirt wartete schon auf mich und wunderte sich, wieso ich so lange gebraucht hätte (ich hatte mich für halb sieben angemeldet). Als ich mich daraufhin über den Schnee beschwerte, meinte der Wirt nur „Ja, entweder man kann es, oder…“. Als er dann die inzwischen noch größeren und angefrorenen Stollen sah, fragte er kopfschüttelnd, wie man denn mit so etwas gehen könne. Anschließend half er mir mit schwerem Gerät, den vereisten Schnee loszuwerden. Merke, vor dem nächsten Ausflug in Pappschnee werden die Felle gewachst!

Stollen des Todes

Stollen des Todes

Endlich ist die Hütte wieder in Sicht

Endlich ist die Hütte wieder in Sicht

Abends in der Hütte unterhielt ich mich mit zwei Münchnern, die am nächsten Tag zum Schneebigen Nock aufbrechen wollten. Sie boten mir an, mich mitzunehmen. Ich freute mich zwar sehr darüber, lehnte aber ab, da ich vor dieser Tour einfach zu viel Respekt hatte und lieber auf den einfacheren Magerstein steigen wollte.

Sonntag morgen: Die Wolken heben sich...

Sonntag morgen: Die Wolken heben sich…

und geben die Sicht auf Hochgall und Wildgall frei

und geben die Sicht auf Hochgall und Wildgall frei

Am Ostersonntag gab es zum Frühstück ein bemaltes, hart gekochtes Ei dazu. Draußen war es neblig und sah nicht gerade vielversprechend aus. Dann, gegen halb acht, begann es doch noch aufzureißen. Also schnell alles gepackt und los! Zunächst legte ich meine eigene Spur, östlich am Tristennöckl vorbei, bis ich etwas südlich dieses Felszackens auf die Spur traf, die westlich davon direkt aus dem Tal hinaufzieht. Kurz darauf holten mich zwei Einheimische ein, ein weiterer kam uns sogar schon entgegen.

Ein Verfolger vor dem Tristennöckl

Ein Verfolger vor dem Tristennöckl

Hatte sich das Wetter bisher langsam gebessert, zog es nun wieder zu, ein starker, kalter Wind wehte aus Norden und zwischendurch schneite es sogar leicht. Eine Einheimische ging nun ca. 5 Minuten vor mir, was ausreichte um die Spur schon wieder halb zuzuwehen, der Andere folgte dicht hinter mir. Wäre ich allein gewesen, wäre ich am Beginn der Gletscherfläche umgedreht. Aber mit zwei Ortskundigen hielt ich es für vertretbar, weiterzugehen.

Kurzzeitig etwas Sicht auf dem Gletscherplateau

Kurzzeitig etwas Sicht auf dem Gletscherplateau

Oben am Kamm gab es dann noch eine kurze Diskussion, wo denn nun der Gipfel sei, links oder rechts. Eine weitere Gruppe Südtiroler stieß zu uns und diskutierte mit. Im eisigen Wind war ich kurz davor, den Gipfel Gipfel sein zu lassen und einfach wieder abzufahren, als wir plötzlich durch eine Wolkenlücke den Gipfelaufbau des Magesteins klar vor uns sahen. Also die paar Meter würden jetzt schon auch noch gehen. Oben auf 3273 m wurde dannn schnell abgefellt und alles für die Abfahrt bereit gemacht. Als die Sonne durchkam, machten wir noch ein paar Gipfelfotos und dann verließen wir diesen kalten, windigen Ort. Doch kaum waren wir wieder auf der Gletscherfläche, hoben sich die Wolken und wir konnten die Abfahrt über perfekte, unverspurte Pulverhänge genießen. Zu meinem Erstaunen kamen da bestimmt noch 50 Leute hoch, aber wir waren die ersten und hatten den Schnee erst mal für uns.

Ich posiere auf meinem ersten Ski-Dreitausender

Ich posiere auf meinem ersten Ski-Dreitausender

So gemütlich war es auf dem Magerstein

So gemütlich war es auf dem Magerstein

In der Abfahrt fuhren wir westlich um das Tristennöckl herum und während die Südtiroler gleich ins Tal abfuhren, querte ich zurück zur Hütte, wo ich kurz nach halb zwölf eintraf und mich über einen dreifachen Einstand freute: Das erste Mal, dass ich mich allein auf Skitour getraut hatte (wenn ich auch nicht am Gipfel angekommen wäre, wäre ich allein geblieben), dazu mein erster Skidreitausender und die erste komplett sturzfreie Tourenabfahrt. Nicht schlecht!

Nachmittags befragte ich die beiden Münchner über die Tour zum Schneebiger Nock. Wie alle anderen an diesem Tag waren sie aufgrund der schlechten Sicht am Skidepot umgekehrt. Nach ihrem Bericht war mir klar, dass ich es bei gutem Wetter versuchen müsste. Danach sah es allerdings zunächst nicht aus: Es hatte wieder zugezogen und alle umliegenden Berge waren in dichte Wolken gehüllt. Als ich abends ins Lager im zweiten Stock ging, war ich – wie schon am Abend vorher – etwas außer Atem. Schon komisch: Auf 2200 m bin ich nach zwei Stiegen außer Atem, aber 1000 Hm Bergsteigen, das kann ich noch.

Ich hatte mich für Montag früh schon halb darauf eingestellt, dass ich einfach ins Tal abfahren würde. Doch wieder erwarten zeigte der Blick aus dem Fenster einen klaren Himmel und die vor mir ausgebreitete Tour auf den Schneebigen Nock. Also schnell frühstücken (auch heute mit Osterei!) und dann zwanzig nach sieben los! Mit mir ging ein anderer Alleingänger aus Italien, der mich später allerdings deutlich abhängte. Wirklich allein war ich trotzdem nicht, reihte ich mich doch später in die lange Reihe derer ein, die direkt aus dem Tal zum Gipfel stiegen.

Montag früh zeigt sich der Schneebige Nock unter klarem Himmel,

Montag früh zeigt sich der Schneebige Nock unter klarem Himmel,

allerdings mit Kälte versprechenden Schneefahnen am Gipfel

allerdings mit Kälte versprechenden Schneefahnen am Gipfel

Der Anstieg ist immer wieder steil und war durch die Höhe für mich auch recht anstrengend. Die steilste Stelle des Skigeländes (ca. 40°) an einem Felsriegel hatte ich mir als möglichen Umkehrpunkt gesetzt. Allerdings war ich mir angesichts des weichen Pulverschnees sofort sicher, dass ich hier ohne Schwierigkeiten hoch und auch wieder hinunter gelangen würde. Weiter oben musste ich dann noch ein wenig beißen, kam aber letztlich problemlos bis zum Skidepot.

Blick in Richtung Alpenhauptkamm

Blick in Richtung Alpenhauptkamm

Skitragen am Felsriegel; nur ein paar ganz Überzeugte kämpften sich hier auf Ski hinauf.

Skitragen am Felsriegel; nur ein paar ganz Überzeugte kämpften sich hier auf Ski hinauf.

Rechts oder links? Rechts konnte man den Vorgipfel umgehen und direkt zum Skidepot gelangen

Rechts oder links? Rechts konnte man den Vorgipfel umgehen und direkt zum Skidepot gelangen

Der Hochgall grüßt herüber

Der Hochgall grüßt herüber

Von hier aus ging es zu Fuß über den stellenweise durchaus anregend luftigen Gipfelgrat zum höchsten Punkt (3358 m), wo ich mir einen Freudenjuchzer nicht verkneifen konnte. Ich war doch selbst erstaunt, dass es mir recht problemlos gelungen war, diesen Berg zu besteigen.

Der Gipfelgrat des Schneebigen Nock

Der Gipfelgrat des Schneebigen Nock

Blick hinunter zum Magerstein

Blick hinunter zum Magerstein

Fast oben

Fast oben

Und weil sie so schön sind, ein letztes Mal Hochgall und Wildgall

Und weil sie so schön sind, ein letztes Mal Hochgall und Wildgall

Dolomitenblick

Dolomitenblick

Nach kurzer Pause machte ich mich dann an die Abfahrt; der Gipfelhang war verharscht und fuhr sich etwas ruppig, dann folgten Pulverhänge mit kleinräumigen windgepressten Bereichen, insgesamt super zu fahren. Es ist schon toll, wie schnell man auf Ski von einem solchen Berg wieder herunter kommt. Die einzige noch elegantere Methode ist wohl fliegen. Weiter unten musste ich dann noch einmal auffellen, um die Gegensteigung zur Hütte zu überwinden. Dass ich dort dann am frühen Nachmittag auf der Terasse in der Sonne sitzen konnte, war ein erstaunlicher Abschluss dieses wechselhaften Wochenendes.

Abstieg am Grat

Abstieg am Grat

Schwünge im Pulverschnee

Schwünge im Pulverschnee

Die Abfahrt nach Rein war dann eher zum Vergessen: Brettharter Schnee, steil, kaum Platz zwischen den Bäumen. Stellenweise packte ich die Ski sogar an den Rucksack und ging zu Fuß, was weniger schlecht ging als fahren. Doch das war nicht mehr wichtig; was bleiben wird, ist die Erinnerung an zwei tolle Tourentage; und als ich gegen drei Uhr nachmittags zum wohl letzten Mal in dieser Saison von den Ski stieg, tat ich dies mit dem guten Gefühl, dieses unbeständige Osterwochenende wirklich optimal genutzt zu haben.

4 Kommentare

  1. hallo hannes!
    super touren, super bilder! kompliment 🙂
    ich habe die tour auf den magerstein auch noch gut in erinnerung. wunderschön.. ich war allerdings noch mit den schneeschuhen da.
    und der schneebige nock steht auch noch auf unserem programm – aber wohl erst im nächsten skitourenjahr 🙂
    liebe grüße aus südtirol

  2. Hallo Magdalena,
    erst mal danke. Ich kann beide Touren nur empfehlen. Und der Magerstein macht auf Ski sicherlich noch mal deutlich mehr Spaß als auf Schneeschuhen, wäre also vielleicht eine Wiederholung wert. 🙂

    Schöne Grüße
    Hannes

  3. Servus,

    schöne Tour + toller Bericht

    Gruß Daniel

  4. Danke Daniel, es waren sicherlich meine eindrucksvollsten Skitouren bisher

    Grüße
    Hannes

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