Aufzinnt is!

Klettern und Klettersteiggehen in den Sextener Dolomiten vom 15.-17.06. 2012

Mit manchen Bergen ist es wie mit manchen Frauen: Eine Begegnung reicht, um sich zu verlieben. Einer dieser Berge ist für mich die Große Zinne, mittlerer und höchster der beeindruckenden Felsklötze, die das Wahrzeichen der Dolomiten bilden. Das erste Mal bekam ich die Zinnen bei einer Skitourenwoche im Winter 2010 zu Gesicht. Als Boris und ich dann fünf Monate später zum Klettern in die Dolomiten zurückkehrten und etwas verzagt die Südwand der Großen Zinne hinaufblickten, war uns beiden klar: Diesen Berg würden wir einmal angehen müssen. Und zwar innerhalb der nächsten beiden Jahre, nahmen wir uns vor.

Zwei Jahre später, Freitag abend: Kurz vor 23:00 Uhr setzen wir die Rucksäcke auf für den kurzen Marsch vom Parkplatz des Rifugio Auronzo zum Rifugio Lavaredo – Boris, ich und Claudia, die sich uns kurzfristig angeschlossen hatte, um am Samstag zu wandern und am Sonntag einen Klettersteig mit uns zu gehen. Wochenlang hatte ich es nicht mehr zum Klettern geschafft, auch sonst nur unregelmäßig Sport getrieben, dazu plagte ich mich noch mit den Auswirkungen einer Erkältung herum, die mich die Woche über beschäftigt hatte. Nicht gerade optimale Voraussetzungen für diese Tour, trotzdem schaffte ich es, entspannt einzuschlafen, als wir kurz nach Mitternacht endlich in unseren Betten lagen.

Am nächsten Tag dann Aufstehen um 06:00 Uhr, ein Blick hinaus auf den verheißungsvoll blauen Himmel, Frühstück und zügiger Aufbruch. Nachdem wir den Schutthang in die Schlucht zwischen Kleiner und Großer Zinne erklommen und unsere Ausrüstung sortiert hatten, stiegen wir gegen 07:45 Uhr in die Tour ein.

Die bizarren Cadini di Misurina im Morgenlicht

Die bizarren Cadini di Misurina im Morgenlicht

Morgennebel über dem Val d'Ansiei

Morgennebel über dem Val d’Ansiei

Der Beginn verläuft in einer Schlucht zwischen der eigentlichen Südwand der Großen Zinne und einem pyramidenförmigen Vorbau, die in einen steilen Verschneidungskamin mündet. Nach meiner langen Kletterpause war ich mir nicht sicher, wie es um meine mentale Stärke bestellt sein würde, daher legte ich in der Einstiegsrampe gleich richtig los, um erst gar keine Verzagtheit aufkommen zu lassen. Das I-IIer-Gelände hier ist aber auch perfekt zum warm werden! Weiter oben lag noch etwas Schnee in der Schlucht, dann kamen wir an das erste Steilstück. Hier hielten wir uns meist links vom Verschneidungskamin. Fester, griffiger Fels und gute Stufung sorgten für große Kletterfreude und ich merkte schnell, dass heute ein guter Tag werden würde. Als wir an der ersten Scharte ankamen, hatte sich auch Boris an den Fels gewöhnt und wir stiegen in der Folge abwechselnd voraus; die Seile blieben vorerst im Rucksack.

Boris in der Wand oberhalb der Einstiegsschlucht

Boris in der Wand oberhalb der Einstiegsschlucht

Der Normalweg an der Großen Zinne ist recht komplex und führt durch Rinnen und kurze Wandabschnitte meist im II. und gelegentlich im III. Schwierigkeitsgrad bis zu einem großen, bereits von unten gut sichtbaren Kamin im rechten Teil der Südwand. Dieser wird nicht direkt erstiegen, stattdessen befindet sich rechts davon ein weiterer, kleinerer Kamin, nass, von vielen Begehungen glatt poliert und die Schlüsselstelle der Tour (III, manchmal auch als IV- angegeben). Zunächst testete ich, ob auch diese Stelle seilfrei begehbar sein würde; der untere Teil war okay, der obere mir dann doch zu heikel. Nach etwas mühsamem Abstieg bauten wir also am unteren Ende des Kamins einen Stand und Boris stieg das Ding vor. Durch dieses Manöver hatten wir einiges an Zeit verloren und so holten uns einige andere Seilschaften ein, stiegen teilweise sogar an uns vorbei. In einem Bergführer erkannte ich Valentin von der Alpinschule Pustertal, der 2011 eine Skitour für uns geführt hatte.

Tiefblick zum Rifugio Lavaredo

Tiefblick zum Rifugio Lavaredo

Boris in der 2. Scharte

Boris in der 2. Scharte

Von dem ganzen Trubel ließ sich Boris nicht aus der Ruhe bringen, stieg konzentriert vor und legte sogar noch einige Zwischensicherungen. Obwohl ich den unteren Teil ja schon kannte, rutsche ich hier gleich zwei mal ins Seil und verrenkte mir dabei auch noch die Schulter (da mir so etwas ja schon einmal passiert ist, wird es wohl Zeit, zum Arzt zu gehen).  Doch schließlich kam ich bei Boris am Stand an, die Schlüsselstelle war geschafft und ich war sicher, jetzt würden wir es auch bis zum Gipfel schaffen.

Der große Kamin in der Südwand der Großen Zinne

Der große Kamin in der Südwand der Großen Zinne

Boris beim Einstieg in die Schlüsselstelle

Boris beim Einstieg in die Schlüsselstelle

Zunächst ließen wir noch eine Führerseilschaft vorbei, dann stiegen wir in Wechselführung weiter zum Ringband; das Band selbst ist eher Wandergelände. Den folgenden, etwas versteckten Kamin (III) fanden wir zum Glück recht schnell. Dort kamen mir im Vorstieg dann plötzlich Valentins Gäste entgegen; da ich kurz gequert war, hatten sie mich nicht gesehen und so hieß es festhalten und warten. Auf Zuruf wartete Valentin dann immerhin mit dem Abseilen, bis ich oben war. Also so was – keine Zwischensicherung möglich und dann noch Gegenverkehr!

Während wir den Weiterweg suchten, holte uns ein älterer Alleingeher ein – Adrian aus Australien. Wir blicken ihn etwas ungläubig an. „Some sections I wouldn’t have done without belay,“ meine ich zu ihm. „Well, some sections I shouldn’t have done without belay. But I’m still alive,“ ist seine Antwort. Gemeinsam machten wir schließlich den Bösen Block aus, der etwas seltsam zu queren ist (Bewertung variiert zwischen II-III und IV-). Keiner von uns hatte mehr Recht Lust, dieses Stück vorzugehen, schließlich machte ich mich doch daran. Nach diesem letzten Hindernis kam ich an einen Schutthang, der direkt zum Gipfelkreuz führt. Fast geschafft! Zügig holte ich die anderen beiden nach, dann gingen wir gemeinsam zum höchsten Punkt (2999m), wo wir unsere Freude hinausjuchzten. Nach zwei Jahren Träumen standen wir nun wirklich hier oben. Wahnsinn!

Boris und ich am Gipfelkreuz der Großen Zinne

Boris und ich am Gipfelkreuz der Großen Zinne

Blick auf den Zwölferkofel und die Croda Alberti

Blick auf den Zwölferkofel und die Croda Alberti

Nach wohlverdienter Gipfelrast machten wir uns gegen halb vier an den Abstieg. Das Abseilen bis zum Ringband war etwas mühsam und ging – auch da wir zu dritt waren – recht langsam. Am Ringband stieß noch eine weitere Seilschaft zu uns, die die Dibona-Kante geklettert war, so dass wir ab hier zu fünft mit zwei Doppelseilen abseilten. Der erste Abseilstand, der uns durch den großen Kamin hinab führte, bestand aus zwei durch eine Kette verbundenen Borhaken; die folgenden Stände waren leider etwas zweifelhafter, was nicht gerade zu dynamischer Talfahrt animierte. Und so dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis wir wieder in der Einstiegsschlucht standen. Die letzte Abseilfahrt dort hinunter war erstaunlich steil und ich wunderte mich etwas, dass wir hier problemlos seilfrei aufgestiegen waren. Endlich unten gab es noch Probleme mit dem Abziehen des Seils, dann stiegen wir über die Rampe hinunter und zwanzig nach neun trafen Boris und ich wieder am Rifugio Lavaredo ein – todmüde aber glücklich.

Adrian in der ersten Abseillänge - hier war das Gelände noch einfach

Adrian in der ersten Abseillänge – hier war das Gelände noch einfach

Auch am Sonntag begrüßten uns Blauer Himmel und Sonnenschein. Wir gönnten es uns, bis acht im Bett zu bleiben, dann packten wir in Ruhe unsere Sachen und brachen zu dritt zum Paternkofel auf. Der Steig dorthin führt durch einen kurzen Tunnel und eine Galerie unter dem Passportenkofel hindurch, dann in Serpentinen zu einem Sattel hinauf, von wo der eigentliche Klettersteig (Innerkofler- de Luca-Steig (B), in Erinnerung an den Tod von Sepp Innerkofler benannt, der hier 1915 beim Versuch fiel, den Gipfel von den Italienern einzunehmen) zum Gipfel (2744m) führt. Für Claudia war es die erste Klettersteig-Begehung, aber sie stieg mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit hinauf und später auch wieder herunter.

Kurz führt der Weg am Grat zwischen Passportenkofel und Paternkofel (in der Bildmitte) entlang

Kurz führt der Weg am Grat zwischen Passportenkofel und Paternkofel (in der Bildmitte) entlang

Gegenverkehr am Einstieg zum Klettersteig

Gegenverkehr am Einstieg zum Klettersteig

Oben erwartete uns eine herrliche Aussicht über die Dolomiten mit den Drei Zinnen prominent im Vordergrund. Da waren wir gestern oben? Wahnsinn!

Die Drei Zinnen mit ihren beeindruckenden Nordwänden vom Gipfel des Paternkofel aus

Die Drei Zinnen mit ihren beeindruckenden Nordwänden vom Gipfel des Paternkofel aus

Nachdem wir uns satt gesehen hatten, wählten wir den Abstieg zur Drei-Zinnen-Hütte. Im nordseitigen Abstieg lag noch einiges an Restschnee, später ging es dann in den langen Tunnel. Von der Drei-Zinnen-Hütte wanderten wir gemütlich zurück zum Paternsattel, holten im Rifugio Lavaredo unsere Sachen ab und gingen zurück zum Auto – müde aber glücklich, mit einem Traum weniger und um ein großartiges Erlebnis reicher.

Claudia am Ausgang eines der kürzeren Tunnel auf dem Weg zur Drei-Zinnen-Hütte

Claudia am Ausgang eines der kürzeren Tunnel auf dem Weg zur Drei-Zinnen-Hütte

Rückblick zum Paternkofel; der Abstieg erfolgt in der teilweise schneegefüllten Rinne links des Gipfels

Rückblick zum Paternkofel; der Abstieg erfolgt in der teilweise schneegefüllten Rinne links des Gipfels

2 Kommentare

  1. super hannes! großes komliment zu dieser tollen tour.
    die steht auch noch groß auf meiner liste.
    liebe grüße aus südtirol

  2. Danke, Magdalena! Die Tour ist wirklich ein Traum.

    Schöne Grüße
    Hannes

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