Hochtour in den Urner Alpen am 02.09. 2012

Ein Genuatief hatte gerade ordentlich Neuschnee in den Alpen abgeladen und sorgte noch immer für unbeständiges Wetter, als Boris und ich unsere diesjährige Hochtourenwoche starteten. Immerhin sah die Wettervorhersage für die Westalpen nicht ganz so schlecht aus wie für die Ostalpen und so fuhren wir Samstag Nachmittag zum Furkapass, übernachteten im Hotel Tiefenbach und starteten Sonntag früh vom Hotel Belvédère aus zum  3586 m hohen Galenstock. Noch ein Hinweis an den geneigten Leser: Nachdem ich dummerweise in der Brenta meine Kamera verloren habe, kann ich in diesem und den folgenden Beiträgen nur Fotos meines Mobiltelefons zeigen.

Kurz vor sechs starteten wir vom verlassenen Hotelparkplatz aus und stiegen zunächst zum Rhonegletscher ab (ca. 2200 m). Dort legten wir Gurt, Geraffel und Steigeisen an und los ging’s. Der Wirt des Hotels Tiefenbach hatte uns am Abend zuvor die Route beschrieben und dementsprechend stiegen wir nun geradewegs am Gletscher auf. Dieser war nur von wenig Neuschnee bedeckt, was uns sehr recht war, konnten wir so doch alle Spalten gut erkennen. Eine Spaltenzone erforderte etwas weitere Hüpfer als zuvor, so dass wir nun doch das Seil auspackten; zum Glück gelangen aber alle Sprünge sicher. Auf ca. 2650 m verließen wir dann den Gletscher und stiegen über eine Moräne in Richtung Galengletscher auf.

Der Gipfel des Galenstocks ist noch in Wolken gehüllt

Der Gipfel des Galenstocks ist noch in Wolken gehüllt

Inzwischen hatte sich die Wolkendecke gelockert und immer mal wieder kam die Sonne durch; das Wetter war direkt freundlich. Wir waren uns einig, dass es so gern weitergehen konnte. Wie das Wetter besser wurde, so wurde das Gelände schlechter: bis zur Schulter des Galengrates auf 3252 m erwartete uns eingeschneites Blockgelände. Zunächst ging es noch recht gut und nur ab und an gelang ein Tritt nicht sogleich, ab ca. 2900 m steilte es dann aber auf und wurde zum Kampf. Oftmals lagen glatte Platten unter dem Schnee verborgen und führten dazu, dass erst der dritte, vierte, fünfte Tritt halt fand. Bei der Wegfindung verließen wir uns auf unseren Instinkt, der erstaunlich oft durch Steinmänner bestätigt wurde, die wir erst sahen, nachdem wir uns bereits für eine Richtung entschieden hatten.

Ein paar Berner Gipfel zeigen sich zaghaft zwischen den Wolken

Ein paar Berner Gipfel zeigen sich zaghaft zwischen den Wolken

Knapp unterhalb der Galenscharte erreicht uns die Sonne

Knapp unterhalb der Galenscharte erreicht uns die Sonne

Boris und ich wechselten uns mit dem Spuren ab, der mühseligste Teil hinauf in Richtung Galenscharte und dann durch eine Rinne nach links aufsteigend an der Scharte vorbei und schließlich zur Schulter fiel dabei mir zu. Je höher wir kamen, desto steiler wurde es und desto öfter fand ich auf den schneebedeckten Platten keinen Halt und musste einen neuen Weg suchen. Dazu kam das Spuren im oft knietiefen Schnee. Seltsam, hatte ich doch bereits vor Ankunft des Genuatiefs geäußert, gerne mal wieder eine richtige Schneewühlerei machen zu müssen. Nun bekam ich genau, was ich mir gewünscht hatte, konnte mich aber nicht restlos darüber freuen. Und als wir endlich oben ankamen, war ich völlig kaputt.

Boris an der Schulter mit Sidelenhorn im Hintergrund

Boris an der Schulter mit Sidelenhorn im Hintergrund

Boris spurt in Richtung Gipfel

Boris spurt in Richtung Gipfel

Nun übernahm Boris wieder die Spurarbeit durch den weichen Neuschnee, unterbrochen durch einen weiteren Abschnitt Blockgelände. Bis auf den Gipfelgrat lag mittlerweile der ganze Berg in der Sonne und es wurde angenehm warm. Der Gipfelgrat erwies sich dann allerdings als reichlich widerspenstig. Auf der Westseite hatte sich Neuschnee angesammelt, der kaum mit dem Eis darunter verbunden war, die Ostseite war abgeblasen und überwächtet. Das heißt, links lauerte die Gefahr, ein Schneebrett loszutreten, rechts die, durch die Wächte zu fallen. Zunächst fanden wir noch einen Weg mitten hindurch, aber ca. 20 – 30 Hm unter dem Gipfel gab es nur noch entweder Neuschnee oder Wächte. Wir wählten keines von beiden und traten den Rückzug an. Es war zwar schade, so kurz vor dem Ziel umzudrehen, aber auch das gehört zum Bergsteigen.

Am Gipfelgrat

Am Gipfelgrat

Auch wenn wir nicht oben waren, ist es schön hier

Auch wenn wir nicht oben waren, ist es schön hier

z.B. der Tiefblick ins Rhonetal

z.B. der Tiefblick ins Rhonetal

Gegen zwei machten wir eine Umdreh-anstatt-Gipfelpause, genossen unser Mittagessen und die Aussicht und setzten dann den Abstieg fort. Das eingeschneite Blockgelände erwies sich auch dafür als eher ungeeignet und verlangte ständige Vorsicht. Im Gegensatz zum Aufstieg gingen wir nun mit Steigeisen, was die bessere Wahl zu sein schien. Einmal jedoch haute es mich ordentlich hin, als die Eisen unter Belastung von einer glatten Platte rutschten. Ein paar harmlose Abschürfungen zog ich mir zu; außerdem schlug ich mir das linke Knie an, das von nun an bei jedem Schritt schmerzte. Schöner Mist!

Boris im Abstieg an der Schlüsselstelle (II) in der Rinne

Boris im Abstieg an der Schlüsselstelle (II) in der Rinne

Das schwierige Gelände sorgte nicht gerade für einen Hochgeschwindigkeitsabstieg. Erst im unteren Bereich wurde es besser, denn hier hatte die Sonne seit unserem Aufstieg ganze Arbeit geleistet und den Schnee weggeschmolzen; unterhalb des Galengletschers hatte sie sogar einen Pfad freigelegt. Ja, Wahnsinn, da konnte man einfach ganz normal gehen! Nach etwas Blockhüpferei am Moränenhang erreichten wir schließlich wieder den Gletscher, den wir grob entlang des Aufstiegsweges begingen. Zwischendurch trafen wir einen Wissenschaftler der ETH Zürich, der ein Experiment betreut, bei dem durch Erschütterungssensoren die Bewegung des Gletschers gemessen wird. Das war sehr interessant, auch wenn wir durch unsere Anwesenheit wohl die Messungen etwas gestört haben.

Blick auf den Rhonegletscher

Blick auf den Rhonegletscher

Abstieg über den Gletscher

Abstieg über den Gletscher

Gegen halb sieben waren wir schließlich zurück am Hotel Belvédère, zufrieden mit uns und der Tour, auch wenn wir den Gipfel nicht erreicht hatten.

Am nächsten Tag waren wir dann schon wieder unterwegs, dieses Mal in den Walliser Alpen.