Hochtour in den Berner Alpen am 05.-06.09. 2012

Nach unserer Erfahrung am Hohlaubgrat war uns klar, dass die langen, anspruchsvollen Grattouren auf unserer Liste bei den aktuellen Verhältnissen für uns zu schwierig und langwierig sein würden. Also suchten wir uns stattdessen eine etwas zahmere Tour aus: den Normalweg aufs Balmhorn, einen Berg, den ich schon sehr lange einmal besteigen wollte.

Nach dem Autoverlad durch den Lötscherbergtunnel fuhren wir nach Eggschwand und von dort mit der Seilbahn auf den Sunnbüel, um weiter bis zum Berghotel Schwarenbach zu wandern. Wir hätten natürlich auch vom Gemmipass aus gehen können, aber ein HüttenABstieg erschien uns allzu stillos.

Das Wandern über die Spittelmatte unter der beeindruckenden Flanke des Altels gab mir beinahe das Gefühl eines Nach-Hause-kommens, ist doch dieser Teil des Berner Oberlandes Ausgangspunkt und Quelle meiner Begeisterung für die Berge. Ein Spaziergang am Oeschinensee hatte 1996 das Feuer in mir entfacht, ein Jahr später führte mich die erste richtige Bergtour zusammen mit zwei Schulfreunden von Eggschwand über Lötschen- und Gemmipass eben durch dieses Tal, das wir jetzt in umgekehrter Richtung durchschritten. Auch danach war ich noch mehrfach hier unterwegs, zuletzt 2004.

Blick hinauf zum Altels

Blick hinauf zum Altels

Am frühen Nachmittag erreichten wir das Hotel Schwarenbach (2060 m), was uns Gelegenheit bot, sowohl den frischen Kuchen zu genießen als auch einen Erkundungsgang in Richtung Schwarzgletscher durchzuführen. Der Normalweg aufs Balmhon ist zwar nicht besonders anspruchsvoll aber sehr lang (ca. 1650 Hm), da wollten wir uns am nächsten Tag nicht gleich am Anfang verkoffern.

Berghotel Schwarenbach unter der Wolkendecke

Berghotel Schwarenbach unter der Wolkendecke

Abends erzählte uns Hotelwirt Peter Stoller noch vom erstaunlichen Kater Tomba, dann gingen wir früh zu Bett. Am nächsten Morgen starteten wir – nach einem wirklich außergewöhnlich leckeren Frühstück – um 05:00 Uhr zu unserer Tour. Neblig war es, als wir vor die Tür traten; dank unseres Erkundungsganges am Vortag fanden wir aber auch so sicher den Weg zum Schwarzgletscher. Dort wiesen uns Steinmännchen und unser Instinkt den Weg. Langsam wurde es hell und auf ca. 2500 m ließen wir auch den Nebel hinter bzw. unter uns. An einem Felsblock ließen wir eine Tüte mit unseren Hüttenschlafsäcken und anderen für die weitere Besteigung unnötigen Utensilien zurück, dann machten wir uns an den steileren Teil des Gletschers.

Kurz vor Erreichen des Zackengrates; im Hintergrund der Schwarzgletscher

Kurz vor Erreichen des Zackengrates; im Hintergrund der Schwarzgletscher

Der Schwarzgletscher wird von Unmengen Geröll bedeckt und macht seinem Namen alle Ehre. Im steileren Teil zum Zackengrat hin geht man dann aber zunehmend auf Eis und unter der dünnen Neuschneedecke zeigte sich auch schon mal die ein oder andere harmlose Spalte.  Oberhalb des Bergschrundes wandten wir uns etwas nach Norden und umgingen einen Buckel (direkt wäre es einfacher gewesen, wie wir im Abstieg feststellten). Nach etwas Plackerei durch steilen Neuschnee und Geröll erreichten wir schließlich den Zackengrat auf ca. 3100 m Höhe, wo wir erst einmal einen schönen Frühstücksplatz ansteuerten und kurz rasteten. Auf der Südostseite des Grates lag die Wolkendecke deutlich höher als im Westen und wurde vom Wind die Flanke heraufgetrieben. Immer wieder ergaben sich jedoch Lücken und gaben den Blick frei auf die Walliser Alpen von Weissmiesgruppe bis Mont Blanc.

Am Grat

Am Grat

Glorienerscheinung

Glorienerscheinung

Gut gelaunt am Frühstücksplatz

Gut gelaunt am Frühstücksplatz

Da der felsige, leichte Grat immer wieder von perfekt verharschtem Schnee unterbrochen war, nahmen wir die Steigeisen nicht ab. Bei guten Bedingungen, herrlichem Wetter und immer wieder fantastischer Aussicht machte das Steigen einfach Freude. Es war, als wollten uns Berg und Wetter für die widrigen Umstände am Allalinhorn entschädigen.

Der Vorgipfel des Balmhorns; davor der Firngrat

Der Vorgipfel des Balmhorns; davor der Firngrat

An der schmalsten Stelle des Zackengrates

An der schmalsten Stelle des Zackengrates

Schließlich kamen wir an den steilen aber breiten Firngrat, der perfekte Bedingungen aufwies. Hier spürte ich, dass sich meine Kondition doch noch nicht ganz von der Tiefschneespurerei zwei Tage zuvor erholt hatte. Boris hingegen war taufrisch und zog mir locker davon. Am Vorgipfel (3667 m) wartete er auf mich; von hier aus geht es dann in westlicher Richtung erst über einen breiten Rücken, zuletzt in der Flanke eines Firngrates zum bekreuzten Hauptgipfel. Direkt am Vorgipfel und auf dem Rücken trifft man auf einige recht ausgewachsene Spalten. Angesichts der meterdicken Schneebrücken verzichteten wir aber darauf, das Seil auszupacken.

Boris packt den Turbo aus

Boris packt den Turbo aus

Etwa am tiefsten Punkt zwischen Vor- und Hauptgipfel kam uns eine Zweierseilschaft (vermutlich Bergführer mit Kunde) entgegen, die das Balmhorn über den Gitzigrat bestiegen hatte und nun auf dem Weiterweg zum Altels war. Sie schienen nicht gerade erfreut darüber, uns zu sehen, und die Begegnung wurde eine kurze. Es sollte das einzige Mal in dieser Woche bleiben, dass wir eine andere Seilschaft am Berg trafen (Hüttenzustiege natürlich ausgenommen).

Blick vom Vorgipfel zum Hauptgipfel; davor Gegenverkehr

Blick vom Vorgipfel zum Hauptgipfel; davor Gegenverkehr

Kurz vor dem Gipfel packte mich die Ungeduld, also spielte ich meine größere Sicherheit auf Steigeisen aus, überholte Boris und erreichte als erster den Gipfel (3698 m), den ich mit einem Riesenjuchzer begrüßte. Vierhundert Meter unter mir sah ich das Hockenhorn, 1997 mein erster richtig alpiner Gipfel. Grün waren wir damals, hatten vom Bergsteigen keine Ahnung. Die Höhenangst beim Blick hinunter ins Gasteretal hatte mir übel zugesetzt; ich hatte mich nicht einmal getraut, mich neben das Gipfelkreuz zu stellen. Ehrfürchtig hatte ich auf Balmhorn im Westen, Bietschhorn im Süden und den scharfen Nordgrat des Weisshorns in weiter Ferne geschaut und mich gefragt, ob ich es jemals schaffen würde, einen dieser Berge zu besteigen. Und nun stand ich hier oben, erfüllt mit einer Freude, wie ich sie nur auf wenigen Gipfeln erlebt habe (auf der Großen Zinne etwa und zum Abschluss der Sierra High Route), ließ den Blick über die grandiose Aussicht schweifen und genoss den Augenblick.

Blick zurück zum Vorgipfel

Blick zurück zum Vorgipfel

Am Gipfelkreuz

Am Gipfelkreuz

Boris war nur wenige Augenblicke nach mir am Gipfel. Es war zwanzig nach Elf und wir hatten Zeit, um zu rasten und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Im Osten zeigten sich die Berner Alpen, vorne der Petersgrat, dahinter das Grindelwalder Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau. Etwas südlich erkannte man Finsteraarhorn und Aletschhorn, schließlich wieder näher das mächtige Bietschhorn. Die hohen Walliser Massive erhoben sich wie Inseln aus dem Wolkenmeer: Weissmiesgruppe, Mischabel, Monte Rosa und Liskamm, dann Matterhorn, Dent d’Hérens, Weisshorn, weiter westlich Grand Combin und schließlich die Mont Blanc-Gruppe: die Grandes Jorasses mit ihrer abweisenden Nordwand, sogar den Dent du Géant konnte man in der klaren Luft erkennen und dann die von schlanken Granittürmen umgebene Gletscherkuppel des Mont Blanc. Es war einfach großartig.

Herrliche Aussicht auf die Berner und Walliser Alpen

Herrliche Aussicht auf die Berner und Walliser Alpen

Am Gipfel; links von mir Hocken-, rechts Bietschhorn

Am Gipfel; links von mir Hocken-, rechts Bietschhorn

Nach einer knappen halben Stunde brachen wir wieder auf um abzusteigen, bevor der Firn zu weich würde. Tatsächlich hielt der Harschdeckel nicht mehr überall, trotzdem war der Abstieg über den Firngrat, hoch über den Wolken noch einmal eine Freude. Im Abstieg zum Schwarzgletscher gab es dann noch einmal einen Schreckmoment, als sich aus der Flanke des Rinderhorns ein Felspaket löste und in Brocken etwa bis Kopfgröße auf den Gletscher herunterschoss. Wir hatten im Aufstieg zwar darauf geachtet, die offensichtlichen Stenschlagspuren zu umgehen, an einer Stelle die Spur aber doch etwas zu weit rechts (orografisch links) gelegt, so dass hier einige kleinere Brösel bis zu unseren Stapfen gelangten; gut, dass wir noch weiter oben waren, denn das hätte zumindest weh tun können!

Im Abstieg am Firngrat

Im Abstieg am Firngrat

Der weitere Abstieg war dann unspektakulär. Nachdem wir unser Depot wieder eingesammelt hatten, stiegen wir auf der Nordseite ds Gletschers ab und fanden hinter einem Moränenrücken den Pfad, der sich zur Spittelmatte hinunterzieht; von dort aus ging es über den Ziehweg zurück zum Sunnbüel, wo wir gegen halb vier eintrafen und nach einem Imbiss gemütlich zu Tal schwebten.

Am nächsten Tag führte uns die letzte Tour der Woche dann in die Glarner Alpen.