Hochtour in den chilenischen Anden vom 26.-30.12.2013

Unter den hohen Gipfeln, die von Santiago aus zu sehen sind, hat mir der Cerro La Paloma immer besonders gut gefallen. Der Cerro El Plomo ist zwar deutlich hoher und der Cerro Altar in seiner Form eleganter, aber die von einem langen flachen Gipfelgrat begrenzte eisgepanzerte Südflanke des La Paloma wirkt auf mich majestätischer als die grauen Felsflanken seiner Nachbarn. Klar, dass ich auch mal da hoch wollte…

Einen ersten Versuch am Cerro La Paloma startete ich zusammen mit einem Kollegen im November 2006. Damals war der Zeitplan ziemlich eng und mangels Akklimatisierung ging mir auf ca. 4000m die Luft aus. Nun war der Zeitpunkt gekommen, diesen Gipfel als Vorbereitung für eine größere Unternehmung noch einmal zu probieren.

Der vorgetäuschte Talschluss (links geht es weiter) mit Cerro Falso Altar und Wasserfall

Der vorgetäuschte Talschluss (links geht es weiter) mit Cerro Falso Altar und Wasserfall

Los ging es – wie immer in Yerba Loca – an der Villa Paulina auf ca. 1850m Höhe. Es war schon zwanzig nach zehn, als ich den Rucksack schulterte und so stapfte ich durch die schönste Mittagshitze. Diese, das ordentliche Gewicht auf dem Buckel sowie die zunehmende Höhe machten mich ganz schön fertig. Erst ging es noch locker dahin, doch das Tal ist lang und nach 10km auf ca. 3000m Höhe war ich dann schon ganz schön platt.

Casa de Piedra Carvajal

Casa de Piedra Carvajal

Blick zum La Paloma - noch 1700Hm weg

Blick zum La Paloma – noch 1700Hm weg

Nach dem eindrucksvollen Wasserfall geht es dann noch einmal 200m steil hinauf, bevor ich gegen halb sechs das Casa de Piedra Carvajal erreichte, neben dem ich mein Zelt aufstellte. Puh, das war mühsam gewesen! Der Cerro La Paloma sah von hier aus ziemlich unnahbar aus – so recht konnte ich mir nicht vorstellen, ihn in den nächsten Tagen zu besteigen.

An Tag 2 war ein Erkundungsausflug vorgesehen. Der Glaciar de Rincón auf der Südweste des Berges, über den der Normalweg verläuft, hat seit 2006 stark an Masse verloren, so dass sich die Aufstiegsroute verändert hat und damit auch die möglichen Standorte eines Hochlagers.In gemächlichem Tempo stieg ich den Rest des Tales hinauf, bevor es dann in den von mir als „unteren Schrotthang“ bezeichneten Teil ging, der aus dünner Sandauflage auf lose verbackenen Steinen besteht. Ist super zu gehen!

Schon ein wenig näher

Schon ein wenig näher

Darüber wartete dann mäßig festes Blockgelände, bevor ich zu einem Schneefeld kam, das gerade von vier anderen Bergsteigern aufsteigend gequert wurde. Die vier gehörten zu einer Gruppe, die mich am Vortag überholt hatte und mit leichtem Gepäck und Maultierunterstützung gleich bis ans Talende marschiert war.Die gelegte Spur ausnutzend stieg ich ebenfalls über das oben in einer Rinne aufsteilende Schneefeld auf; der Ausstieg über die linke Begrenzung dieser Rinne (II) war dann gar nicht so ohne. Oberhalb fand ich auf ca. 4000m einen ganz guten Lagerplatz auf einem Moränenhügel. Das war ja schon mal ganz gut. Die anderen Bergsteiger stiegen etwas weiter westlich über den Gletscher hinauf und es sah so aus, als gäbe es auf 4100m – 4200m einen weiteren guten Platz zum übernachten.Nach einer kurzen Pause stieg ich wieder ab, beschloss dabei, dass die Rinne für den nächsten Tag mit komplettem Gepäck eher nix sein würde und deponierte schließlich Pickel und Steigeisen unterhalb des Schneefeldes zwischen ein paar Steinen.

Bergsteiger nach getaner Arbeit

Bergsteiger nach getaner Arbeit

Abends dann setzte mir die Einsamkeit doch etwas zu. Von anderen Touren (insbesondere der in der Sierra Nevada) war ich das so nicht gewohnt – es lag wohl an der kargen Landschaft und der größeren psychischen Belastung durch den höheren, anspruchsvolleren Berg.

Abendlicher Blick zum Gipfel

Abendlicher Blick zum Gipfel

Am dritten Tag nahm ich den Aufstieg nun mit vollem Gepäck in Angriff. Oberhalb des unteren Schrotthanges sammelte ich Pickel und Steigeisen wieder ein, dann umging ich das Schneefeld mit dem heiklen Ausstieg weiter westlich im Moränengelände – mühsam zwar aber ziemlich sicher. Am Lagerplatz auf 4000m angekommen, beschloss ich, gleich weiterzugehen und etwas oberhalb zu schauen. Dort war jedoch kein ordentlicher Platz für mein Zelt zu finden: Entweder war es zu uneben oder steinschlaggefährdet. Auch von den anderen Bergsteigern keine Spur. Wo die wohl hinwaren? Also stieg ich wieder ab und richtete mich am bekannten Platz ein – und der war gar nicht so schlecht. Ab ca. 17:00 Uhr begann dann ringsum vermehrt Steinschlag aus diversen durch Gletscher- und Frostrückgang destabilisierten Hängen. Da konnte man sich gleich mal einprägen, wo man sich zu dieser Zeit nicht mehr aufhalten sollte. Der weitere Aufstiegsweg war zum Glück kaum betroffen.

Das übrig gebliebene Gletscherbecken auf ca. 4100m Höhe

Das übrig gebliebene Gletscherbecken auf ca. 4100m Höhe

Der vierte Tag begann um fünf Uhr früh – Mist, Wecker verschlafen! Schlecht geschlafen hatte ich auch, dazu noch ein Kratzen im Hals. Aber da ich ja nun mal zum Bergsteigen hier war, nahm ich im Zelt schnell eine kleines Frühstück ein (Käse und Kekse mit Erdnussbutter), dann ging es los. Ein paar Meter ging es hinunter zum Gletscher und ab dort dann nordwärts bergan. Zunächst folgte ich der logischen Linie unter Umgehung der am schlimmsten mit Penitentes und anderen schwer begehbaren Gletscherformen verseuchten Bereiche, dann traf ich auf Spuren, die nach oben zu einer Rinne führten. Diesen folgte ich kurz, befand die Rinne für ungut und querte dann über auf Eis verbackenem Geröll nach Westen in den „oberen Schrotthang“, der aus dem losesten Geröll besteht, das zu begehen ich je das Missvergnügen hatte. Teilweise rutschten bei einzelnen Schritten aus über 10m Höhe noch Steine nach. Ein Wahnsinn, wie lose hier alles war. Von meinem ersten Versuch her wusste ich, dass es hier hoch geht – damals war das allerdings noch Gletscher gewesen.

Es wird hell

Es wird hell

Nachdem ich mich im nicht ganz so schlimmen linken Hangabschnitt (aber noch rechts von der Steinschlagzone aus dem Nachbarhang) den größten Teil nach oben gekämpft hatte, beschloss ich, die letzten weniger Meter in eine Felsrinne auszuweichen. Die sah von unten ganz gut aus, stellte sich dann aber leider als übel erdige und brüchige Angelegenheit (II) heraus. Was für ein Schrotthaufen! Da war ich doch froh, als ich oben raus war. Für den Abstieg würde das eher nix sein…

Nachdem der obere Schrotthang bewältigt ist, rückt der Gipfelgrat in den Blick

Nachdem der obere Schrotthang bewältigt ist, rückt der Gipfelgrat in den Blick

Ab hier wendet sich der Aufstieg nach Osten und ist dank Spuren und Steinmännern gut zu finden. Nach einer kurzen Pause setzte ich den Weg über einen Rücken fort, dann ging es einen festen Geröllhang hinauf, an dessen Ende ich dann auch wusste, wo die andere Gruppe ihr Lager aufgeschlagen hatte: Hier, auf etwa 4700m Höhe. Es war gegen neun und die ersten schauten gerade aus ihren Zelten, als ich vorbeiging. Wie weit es denn noch wäre? Noch drei Stunden bis zum La Paloma-Gipfel. Na dann gehe ich doch mal weiter.

Unter der Dunstglocke liegt Santiago

Unter der Dunstglocke liegt Santiago

Der sich doch etwas ziehende Schotterhang endet schließlich am Gipfelgrat, hier sieht man auch (fast) schon den Gipfel. Auch ansonsten war die Aussicht ziemlich fein: Im Norden eröffnen sich beeindruckende Tiefblicke auf die fünftgrößte Kupfermine der Welt, Los Bronces, dahinter erhebt sich in der Ferne der Aconcagua. Etwas südlich stehen die auch nicht ganz kleinen Berge Juncal und Nevado del Plomo; im Westen schließlich schweift der Blick über das smogbedeckte Santiago.

Bizarre Penitentes

Bizarre Penitentes

Tiefblick auf einen Teil der Kupfermine "Los Bronces"

Tiefblick auf einen Teil der Kupfermine „Los Bronces“

Über den Grat kann man weiterhin Spuren folgen, dann geht es kurz durch einige Penitentes und schließlich noch mal schottrig zum höchsten Punkt (4910m), den ich gegen 11:00 Uhr erreichte. Hatte ich es also tatsächlich geschafft – irre! Oder ist der nächste Gratbuckel etwas weiter östlich doch noch etwas höher? Ich schaute nochmal in die Routenbeschreibung von Andeshandbook und war nun sicher, am Gipfel zu stehen. Super! Für eine längere Pause war es mir hier zu zugig, aber die Aussicht musste ich natürlich schon genießen. Und dank der nahen Mine konnte ich ausgerechnet hier zum ersten Mal während dieser Tour zu Hause anrufen. Auch schön!

Am Gipfelgrat

Am Gipfelgrat

Aconcagua in der Ferne

Aconcagua in der Ferne

Grinsen am Gipfel

Grinsen am Gipfel

Gipfelpanorama

Gipfelpanorama

Runter ging es dann erst mal genau so wie zuvor rauf. Den oberen Schrotthang rutschte ich knieschonend ab und zwar ohne Querung direkt bis ins Gletscherbecken. Dann sah ich zu, dass ich schnell weiter abstieg, denn der Hang weiter westlich schmiss schon ganz ordentlich mit Steinen. Ich war hier zwar nicht in der Schusslinie, für meinen Geschmack aber doch etwas zu nah dran. Der Gletscher selbst schmolz mir förmlich unter den Füßen davon, so viel Wasser ergoss sich in den zahlreichen Schmelzbächen talwärts. Allzu lange wird es ihn wohl nicht mehr geben. Weiter unten sah ich die chilenischen Bergsteiger absteigen, die ich morgens getroffen hatte, holte sie aber nicht mehr ein. Gegen 14:30 Uhr war ich dann wieder am Zelt und vergammelte den Rest des Tages.

Tag 5 stand ganz im Zeichen des Abstiegs. Über Schutt- und Blockgelände sowie den unteren Schrotthang ging es zurück ins Tal. Dort kam ich noch einmal bei der chilenischen Gruppe vorbei, die hier die letzte Nacht verbracht hatte. Dieses Mal kamen wir auch länger ins Gespräch. Die Achtergruppe bestand aus Mitgliedern des Club Andino Aguila Azul und hatte zwei Tage zuvor die lange Überschreitung des La Paloma bis zum Cerro Altar (5180m) durchgeführt. Deswegen hatten sie ihr Lager auch so weit oben aufgeschlagen. Kurz darauf traf der Arriero ein, den sie mit dem Rücktransport ihre Gepäcks beauftragt hatten. Da dieser ein überzähliges Maultier dabei hatte, nahm ich gerne das Angebot an, meinen Rucksack ebenfalls tragen zu lassen, und stieg ganz entspannt zusammen mit einem der „blauen Adler“ ab.

Schöner Wasserfall im Abstieg

Schöner Wasserfall im Abstieg

So endete diese Solo-Besteigung mit netten Bekanntschaften und einer kostenlosen Rückfahrt nach Santiago. Von dort aus konnte ich abends wiederum den weißen Gipfelgrat des Cerro La Paloma bewundern. Es mag ein elender Bruchhaufen sein, aber es ist der schönste, den man von Santiago aus sehen kann.