Tupungato Teil I: Anmarsch unter schlechten Vorzeichen

Bergsteigen in den chilenischen Anden vom 2.-4.01.2014

Tupungato – ein wuchtiger, 6550m hoher Vulkankegel – war das Ziel meiner zweiten Tour in Chile. Die Besteigung des Cerro La Paloma war zwar eine gute Vorbereitung, trotzdem stand diese Unternehmung unter keinem guten Stern: Bei der ersten Tour hatte ich mir eine Erkältung zugezogen, die inzwischen voll ausgebrochen war. Das Schlimmste hatte ich zwar bereits hinter mir, aber ganz fit war ich noch nicht wieder. Dazu kam, dass ich nach einem Missverständnis mit den Arrieros einen Tag weniger am Berg haben würde als geplant und damit keine Reserve für schlechtes Wetter oder zusätzliche Akklimatisierung.

Am 02. Januar starteten wir erst spät. Da die Überquerung des Río Azufre erst am nächsten Morgen möglich sein würde, gab es keinen Grund, früher aufzubrechen. Und so trafen sich Raúl, der mich zum  Ende der Straße im Tal des Río Colorado (ca. 2100m) gebracht hatte, und ich erst um 17:00 Uhr mit Arriero Renato und seinem Enkel Fernando. Während Renato und Fernando meine weniges Gepäck auf das Maultier luden, ging ich mit leichten Rucksack schon einmal los.

Es geht los - die ersten Meter in Richtung Tupungato

Es geht los – die ersten Meter in Richtung Tupungato

Der Himmel war von dicken Wolken überzogen, es sah nach Regen aus. Zunächst wanderte ich eine Art Forstweg entlang, dann stieg ich zum Río Colodaro hinab, den ich auf einer etwas windigen Holzbrücke überquerte; ab da ging es auf einem schmalen Pfad weiter. Kurz nach Überquerung des Flusses begrüßte mich auch schon der König der Anden. Ruhig und erhaben schwebte er trotz des lebhaften Windes talauswärts und flog dabei nur ca. 10m über mir vorbei. Beeindruckt setzte ich meinen Weg fort.

Ein Kondor fliegt das Tal hinab...

Ein Kondor fliegt das Tal hinab…

...und zeigt sich aus der Nähe

…und zeigt sich aus der Nähe

Nach knapp zwei Stunden erreichte ich fast zeitgleich mit meinen berittenen Begleitern Baños Azules, einen schön gelegenen Lagerplatz oberhalb des Río Museo. Abends unterhielten wir uns dann noch am Lagerfeuer, soweit es mein arg eingerostetes Spanisch und der Akzent der beiden Arrieros zuließ. Als mich Renato fragte, ob ich verheiratet sei und ich für einen kurzen Moment verstand, ob ich müde sei und dementsprechend mit „ein wenig“ antwortete, mussten wir alle herzhaft lachen. Auch Verständigungsprobleme können verbinden.

Pan de Azúcar - kurz davor lag das erste Tagesziel

Pan de Azúcar – kurz davor lag das erste Tagesziel

Renato und Fernando mit dem Maultier

Renato und Fernando mit dem Maultier

Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter gebessert und ein strahlend blauer Himmel begrüßte uns. Kurz vor acht brachen wir auf und überquerten den Río Museo – die Arrieros mit dem Maultier durch eine Furt, ich über eine Brücke. Über den nächsten Flus, den Río Azufre, gibt es keine Brücke. Und angesichts des hohen Wasserstandes war ich dankbar, dass nach erfolgter Durchquerung Renato mit Fernandos Pferd zurückkehrte, so dass auch ich die Furt durchreiten konnte.

Die Brücke über den Río Museo

Die Brücke über den Río Museo

Blick hinauf ins Tal des Río Colorado

Blick hinauf ins Tal des Río Colorado

In der Folge wanderte ich meist allein durch das weite Tal des Río Colorado. Nur ab und zu warteten die beiden Reiter auf mich, um sicherzugehen, dass ich mich nicht verliefe. Schön war es hier: Der weite Talboden bedeckt mit Gräsern und Sträuchern, die immer wieder von farbigen Blumen durchsetzt werden, vor allem der wunderschönen Añañuca de cordillera. Darüber die weiten, kargen Hänge der Berge, die in teils bizarr geformten Gipfeln enden. Immer wieder konnte ich auch einen Blick auf die höheren Gipfel in der zweiten Reihe erhaschen: Auf Nevado de los Piuquenes im Süden am Ursprung des Río Museo und ein wenig später auf den legendären Cerro Chimbote im Norden, der erst 2011 erstbestiegen wurde.

Añañuca de cordillera

Añañuca de cordillera

Inkalilie

Inkalilie

Unbekannte Blume in weiß

Unbekannte Blume in weiß

Etwas weiter wird das Tal von zahlreichen Rindern bevölkert: Kühe, Kälber und auch einige Stiere laufen hier herum. Abgesehen von Größe und Körperbau ließen sich Kühe und Stiere auch gut an der Reaktion auf mich unterscheiden: Die Kühe stellten sich seitwärts und fluchtbereit auf – nur Mutterkühe gelegentlich etwas aggressiver auch frontal – und beobachteten mich neugierig. Die Stiere hingegen standen breitbeinig und mir zugewandt mit leicht gesenktem Kopf und – genau! – stierten mich an. Als ich Renato bei Gelegenheit fragte, ob die Viecher gefährlich seien, versicherte er mir zwar, dass diese hier friedlich seien und einer, der tatsächlich mal Besucher verfolgt hätte, erlegt worden sei, so ganz geheuer waren mir insbesondere die größeren Exemplare trotzdem nicht.

Der legendäre Cerro Chimbote

Der legendäre Cerro Chimbote

Und dann sah ich an diesem Tag auch immer wieder Kondore, die hoch über dem Tal kreisten. Ihr majestätischer, scheinbar müheloser Flug machte deutlich, dass trotz aller Bergsteiger, Arrieros und Stiere sie die Herrscher dieses Tals sind. Möge es so bleiben!

Arrieros auf dem Weg

Arrieros auf dem Weg

Nach etwa dreieinhalb Stunden Wanderns konnte ich nach einer Biegung dann endlich das Ziel meiner Bemühungen zum ersten Mal in Augenschein nehmen. Gewaltig erhebt sich der breite Kegel des Tupungato ca. 3500m über das Tal. Was für ein Berg! Und da will ich hoch? Wie soll das gehen? Ja, der Berg wirkte abschreckend auf mich, unnahbar. Aber noch hatte ich ja einige Tage Zeit.

Der erste Blick auf den Tupungato

Der erste Blick auf den Tupungato

... und dessen kleinen Bruder Tupungatito

… und dessen kleinen Bruder Tupungatito

Nach einer Pause ging es dann zum Malpaso – dem Zusammenfluss von Estero Tupungato und Estero Tupungatito zum Río Colorado, wo man ca. 50m steil absteigen, den Nebenfluss durchqueren und anschließend einen steilen, schmalen, rutschigen Pfad wieder aufsteigen muss. Ich war ziemlich beeindruckt, dass die Pferde hier hochkamen und tatsächlich geht hier laut Renato auch immer mal wieder Ladung verloren oder es stürzt sogar ein Maultier ab. Dieses Mal ging aber alles glatt.

Aufstieg am Malpaso

Aufstieg am Malpaso

Kurz darauf, gegen halb zwei, erreichten wir das Tagesziel, die 3300m hoch gelegene Vega de los Flojos, einer grüne Oase inmitten der hier oben doch schon recht kargen Berglandschaft. Da wir früh hier waren, blieb noch genug Zeit, um im Zelt zu dösen und später von einem ca. 150m höher gelegenen Rücken die Aussicht zu genießen. Ein schöner Ort.

Mein Zelt vor der Sierra Bella

Mein Zelt vor der Sierra Bella

Abendliche Idylle

Abendliche Idylle (und ohne die automatische Bild“korrektur“ von Picasaweb beim Hochladen wäre dieses Bild noch schöner)

Am Morgen des dritten Tages wurde ich schon früh mit südamerikanischer Schlagermusik aus Renatos Kofferradio geweckt. Nach einem Frühstück und einer Tasse Tee brachen wir dann bereits gegen sieben auf. Von Vega de los Flojos ging es zunächst durch ein breites, unübersichtliches Schwemmgebiet mit zahlreichen Bachbetten und dann hinauf in den hintersten Teil des Tales des Estero Tupungato, der unterhalb der Sierra Bella entlangführt. Letztere macht mit ihren eleganten Formen und den ausgedehnten Hängegletscher ihrem Namen übrigens alle Ehre.

Die Sierra Bella wird von der Morgensonne beschienen

Die Sierra Bella wird von der Morgensonne beschienen

Knubbeliges Gewächs auf 3500m Höhe

Knubbeliges Gewächs auf 3500m Höhe

Am Ende eines steilen Geröllhanges erreichten wir dann nach ca. dreieinhalb Stunden Los Españoles (4100m), mein Basislager am Tupungato. Nachdem Renato und Fernando meine Ausrüstung abgeladen hatten, machten sie sich von dannen (und hinterließen mir netterweise noch einige Tomaten); Renato mit dem Versprechen, mich in 6 Tagen hier wieder abzuholen. Nun war ich also allein am Berg. Irgendwo, das wusste ich, trieb sich noch eine 4köpfige Gruppe aus den USA herum; im Wesentlichen aber, war ich auf mich gestellt.

Abschied von Renato und Fernando

Abschied von Renato und Fernando

Weiter geht’s im zweiten Teil.

2 Kommentare

  1. Hei,
    Gratulation zu deiner erfolgreichen tupungato besteigung 2016!. Ich plane Anfang Januar eine allein besteigung, vielleicht kannst du mir da helfen.
    Wie ist das mit der Lizenz? Braucht man die wirklich? Wenn ich die beantragt habe, bei welcher Polizeistation habe ich mich dann zu melden? Mein Reisebegleiter würde mich mit unserem MietAuto bis ans ender der Straße bringen, schafft das ein normales Auto bis dorthin, oder geht das nur mit einem Jeep? Ich habe vor auf die Pferde begleitung zu verzichten, mir macht der rio azufre sorgen, komme ich da ohne pferd mit viel gepäck hinüber? was hattest du zirka für nachttemperaturen in deinem letzten lager?
    vielen dank im vorraus
    mfg
    sebastiano

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Deichjodler

Theme von Anders NorénHoch ↑