Bergtour im Wetterstein am 18.05.2014

Was tun, wenn das Wetter herrlich ist und in den letzten Tagen ab 1200m bis zu 70cm Neuschnee gefallen sind? Zum Beispiel einen südseitigen Anstieg wählen und hoffen, dass es nicht so schlimm wird mit dem Schnee. Wir entschieden uns am Sonntag für die Südostrinne auf die Gehrenspitze, fanden dort deutlich mehr Schnee als erwartet oder erwünscht und machten das Beste daraus.

Zehn Minuten nach acht starteten Boris und ich am Sportplatz nahe des Leutascher Ortsteils Gasse (1120m). An der örtlichen Bäckerei begann dann der Aufstieg durch den Wald.  Zunächst konnten wir den Steigspuren dieses einstmals markierten Weges gut folgen, später verloren sich die Spuren im Wald. Durch eine flache Geröllrinne stiegen wir weiter auf und erreichten auf etwa 1500m einen Sattel im hier schon knöcheltief verschneiten Wald.

Blick vom Sportplatz zur Gehrenspitze

Blick vom Sportplatz zur Gehrenspitze

Von dort konnten wir dann auch unsere eigentliche Aufstiegsrinne sehen, von der uns nur noch ein Latschengürtel trennte. Tapfer ging Boris voran und überwand das grüne Gestrüpp (LKK 3-4) mit Entschlossenheit und Eleganz. Er habe den Eindruck gehabt, das Dickicht teile sich vor ihm, berichtete er anschließend… wenn das nicht mal eine hilfreiche Gabe ist für Kalkalpentouren.

Im unteren Teil der Rinne

Im unteren Teil der Rinne

In der Rinne ging es dann stetig bergan. Mit zunehmender Höhe nahm auch der Schnee zu – von dünner Auflage über knöchel- und knie- bis hüfttief. Wir wechselten uns regelmäßig beim Spuren ab, wobei ich etwas mehr Wühlstrecken erwischte.

Weiter oben - der Schnee wird tiefer...

Weiter oben – der Schnee wird tiefer…

...und tiefer

…und tiefer

Nahe des oberen Endes der Rinne auf auf ca. 2100m mussten wir uns stellenweise auf allen Vieren den steilen, grundlosen Schnee hinaufwühlen. Immer wieder zogen wir daher auch Schrofenkletterei dem eigentlich leichteren Gelände unter dem Schnee vor. Diese Kletterstellen erreichten nur selten den zweiten Grad, erforderten aber dank der leichten Schneeauflage stete Konzentration.

Die Rinne ist fast geschafft

Die Rinne ist fast geschafft

Blick hinüber zu den Arnspitzen

Blick hinüber zu den Arnspitzen

Boris an einer der Kraxelstellen

Boris an einer der Kraxelstellen

Gegen halb zwölf machten wir oberhalb des Rinnenausstiegs im Schrofengelände eine kurze Pause. Während wir uns an Nüssen und Semmeln labten, begannen die Südwände von Ofelekopf und Leutascher Dreitorspitze lautstark damit, sich des Neuschnees zu entledigen. Es war durchaus beeindruckend, was dort teilweise durch die steilen Felsrinnen talwärts rauschte.

Ein erster Blick auf den Gipfel

Ein erster Blick auf den Gipfel

Schüsselkar- und Leutascher Dreitorspitze

Schüsselkar- und Leutascher Dreitorspitze

Der Weiterweg verlief bald am Grat, dem wir so gut wie möglich folgten. Da es hier durchaus etwas ausgesetzt zuging (die Nordwand der Gehrenspitze ist ca. 500m hoch und teilweise oben überhängend) waren wir beide froh, dass wir in dieser Saison am Sonnenberg bereits das Gehen in ausgesetztem Gelände geübt hatten. Kurz vor dem Gipfel mussten wir dann ein paar Meter in die Flanke ausweichen und erreichten gegen 13:00 Uhr endlich den Gipfel (2367m). Schön war es hier mit Nahsicht auf Wetterstein, Arnspitzen und Karwendel sowie Fernsicht bis zu den wolkenverhangenen Tauern.

Rückblick über unseren Aufstiegsgrat

Rückblick über unseren Aufstiegsgrat

Am letzten Hindernis vor dem Gipfel

Am letzten Hindernis vor dem Gipfel

Latschen-Moses (links) und der Wühlmeister am höchsten Punkt der Gehrenspitze

Latschen-Moses (links) und der Wühlmeister am höchsten Punkt der Gehrenspitze

Nach einer halben Stunde brachen wir dann wieder auf. Mittlerweile zogen die ersten Quellwolken aus Bayern auf und es wurde etwas kühler. Sorgen um Regen machten wir uns jedoch nicht. Auch im Abstieg hielten wir uns meist an der Gratkante, was Vorsicht mit dem Schnee-Gras-Fels-Gemisch erforderte. Rechterhand ergaben sich immer wieder eindrückliche Tiefblicke und durch die hochgebirgige, spätwinterliche Szenerie ringsum kam Hochtourenfeeling auf. Wir hatten etwas unterschätzt, wie lange das Gelände anspruchsvoll bleibt. Im Sommer, wenn man den Weg benutzen kann,ist das sicher kein Problem, so aber brauchten wir ziemlich lange bis zum Kirchl, dem westlichen Abschluss des Grates. Dieses mussten wir nun doch deutlich unterhalb der Gratkante umgehen, bzw. im grundlosen Schnee umwühlen.

Wir beginnen den Abstieg über den Westgrat

Wir beginnen den Abstieg über den Westgrat

Beeindruckender Blick in die Nordwand

Beeindruckender Blick in die Nordwand

Am Grat

Am Grat

Rückblick

Rückblick

Danach wurde alles leichter: Einbrechen nur noch bis zu den Knien und leichtes Gelände hinab zur Erinnerungshütte und zum Scharnitzjoch. Hier wandten wir uns nach Westen und stiegen ins Scharnitztal ab. Kleine Nassschneerutsche sowie Schneemäuler gaben uns etwas weiter unten einen deutlichen Hinweis darauf, dass ein Abstieg ins schattigere Puittal klüger gewesen wäre. Über verschiedene Rücken fanden wir immerhin ein recht sicheren Abstiegsweg.

Ein bisserl kraxeln...

Ein bisserl kraxeln…

...und ein bisserl wühlen (eine der harmloseren Stellen)

…und ein bisserl wühlen (eine der harmloseren Stellen)

Endlich leichteres Gelände

Endlich leichteres Gelände

Mittlerweile hatten wir beide nasse und zunehmend auch kalte Füße und sehnten ein Ende des Schnees herbei. Doch zunächst ging es durch immer nasser werdenen Batzschnee zur Wangalm und weiter talwärts. Erst ab ca. 1500m hörte der Schnee endlich auf. Ringsum nun der grüne Wald, das weiche Nachmittagslicht und auch die Füße wurden wieder warm. Herrlich! Nun stand nur noch die Fleißaufgabe an, zurück nach Gasse zu wandern, was wir gegen zwanzig vor sieben hinter uns gebracht hatten. Es war also eine der seltenen Touren, bei denen der Abstieg länger dauerte als der Aufstieg. Zufrieden blickten wir hinauf zum schneeumkränzten Gipfelmassiv und fuhren ziemlich erschöpft zurück nach München.

Rückblick von der Erinnerungshütte

Rückblick von der Erinnerungshütte