Spontan-Überschreitung im Sellrain

Bergtour in den Stubaier Alpen am 06.09.2014

Da an diesem Samstag für die Nordalpen eine recht hohe Gewitterneigung angesagt war, beschlossen wir, etwas weiter zu fahren als sonst für Tagestouren und von Kühtai aus das Sellrain unsicher zu machen. Genauer gesagt hatten wir uns den Ostgrat des Hochreichkopfes vorgenommen. Letztendlich kam es etwas anders, aber keineswegs schlechter.

Nach der doch recht langen Anfahrt starteten Boris, Robi und ich erst kurz vor neun an der Dortmunder Hütte (1948m) am Ortsrand von Kühtai zu unserer Sellrain-Tour. Das Wetter war ziemlich trübe und dementsprechend war nicht viel los. Im Längental trafen wir einige Schäfer, die ihre Herden talwärts trieben. Ansonsten sahen wir nur einmal aus der Ferne zwei andere Wanderer an der Niederreichscharte (und fanden deren Einträge später im Gipfelbuch des Hochreichkopfes).

Bei noch trübem Wetter starten wir ins Längental

Bei noch trübem Wetter starten wir ins Längental

Die Schafe werden aus dem Tal getrieben

Die Schafe werden aus dem Tal getrieben

Da wir vorhatten, den Hochreichkopf nicht über den Steig, sondern über den Ostgrat zu besteigen, bogen wir aus dem Längental nach links zur Längentaler Scharte ab und erstiegen einen steilen Geröllhang. Dummerweise hatte ich mich im Geröllhang geirrt, so dass wir zu weit westlich, unterhalb des Nordwandkares herauskamen. Von hier aus war der Zugang zur Längentaler Scharte sehr unpraktisch, so dass wir schnell beschlossen, nicht mehr dorthin zu gehen. Über die Frage, wie wir stattdessen weitergehen sollten, sinnierten wir über einer Brotzeit.

Im (falschen) Geröllhang

Im (falschen) Geröllhang

Schließlich beschlossen wir, den Grat zu versuchen, an dessen Fuß wir uns ohnehin befanden, und der südwärts auf den Ostgrat zuläuft. Einige Zacken sahen ziemlich heftig aus, aber wir waren uns einig, dass es einen Versuch wert sein würde. Schon der erste Felsaufschwung machte klar, was hier die Hauptschwierigkeit werden würde: Nicht diffizile Klettertechnik erfordernde Felsgebilde, sondern durch nassen flechtenbewachsenen Gneis verursachte Rutschigkeit, die durch die Matschpassagen zwischendurch bzw. deren Hinterlassenschaften an den Schuhsohlen noch einmal verstärkt wurde. Weiter oben kam noch ausgeprägte Brüchigkeit hinzu, was dem wahrscheinlich fast nie begangenen Grat endgültig ein gewisses Abenteuer-Flair verlieh.

Vor uns baut sich der steile Teil des Grates auf

Vor uns baut sich der steile Teil des Grates auf

Hier ist Konzentration gefragt

Hier ist Konzentration gefragt

Etwas bedrohlich schaut dieser Zacken aus

Etwas bedrohlich schaut dieser Zacken aus

Den am fiesesten aussehenden Zacken konnten wir rechts durch zwei Rinnen umgehen. Robi wählte die rechtere und kletterte durch eine nasse, plattige Verschneidung (III-IV), während ich (und später auch Boris) die andere vorzog, die eher grasig-brüchig als schwer war und nur kurz vor dem Ausstieg eine kurze Schlüsselstelle (II+) bereithielt. Anschließend ging es plattig-brüchig-rutschig weiter und wir wurden immer optimistischer, hier tatsächlich durchzukommen. Nur ein kurzer Graupelschauer verminderte kurz unsere Laune, aber da der Fels eh schon überall nass war, änderte dieser eigentlich auch nichts mehr an den Bedingungen. Und nach dem Schauer wurden wir mit aufreißenden Wolken und einem Regenbogen belohnt.

Das Wetter wird schlechter

Das Wetter wird schlechter

Nach dem Regen kommt der Regenbogen

Nach dem Regen kommt der Regenbogen

Allmählich gewöhnten wir uns auch an die Bedingungen und kamen immer besser voran. Schließlich erreichten wir auf ca. 2900m den Ostgrat, der sich im Vergleich zum bereits hinter uns liegenden Gelände als deutlich einfacher und vor allem trocken und weitgehend fest herausstellte. Inzwischen kam auch die Sonner heraus uns spätestens jetzt machte die Gratkraxelei einfach Spaß.

Tiefblick auf unseren Aufstiegsgrat

Tiefblick auf unseren Aufstiegsgrat 

So viel Freude können gute Griffe schenken

So viel Freude können gute Griffe schenken

Der Acherkogel schaut aus den Wolken hervor

Der Acherkogel schaut aus den Wolken hervor

Gegen 14:00 Uhr erreichten wir den Gipfel des Hochreichkopfes (3010m) und konnten im T-Shirt in der Sonne rasten. So muss das sein! Hier beschlossen wir auch, unsere Überschreitung etwas zu erweitern. Robi hatte ohnehin mit einem Abstieg ins Ötztal geliebäugelt und schaffte es nun, eine Rückfahrgelegenheit nach Kühtai zu organisieren, so dass wir zu dritt weitergehen konnten.

Nicht mehr weit bis zum Gipfel des Hochreichkopfes

Nicht mehr weit bis zum Gipfel des Hochreichkopfes

Kurze Hangelei als letzte Hürde

Kurze Hangelei als letzte Hürde

Spaß am Gipfelkreuz

Spaß am Gipfelkreuz 

Nach einer halbstündigen Rast stiegen wir in die Hochreichscharte (2912m) ab und gingen den Nordwestgrat der Hohen Wasserfalle an. Auch dieser wartet mit Blockkletterei bis II auf, ist aber deutlich weniger brüchig und matschig als der Nordgrat zum Hochreichkopf. Schlüsselstelle ist ein plattiger Chnubel, auf den Boris aber schnell einen guten Weg fand. Die Kletterei hier war richtig schön, nur die für mich mal wieder spürbare Höhe dämpfte mein Tempo etwas.

Am NW-Grat der Hohen Wasserfalle

Am NW-Grat der Hohen Wasserfalle

Robi genießt die Kletterei

Robi genießt die Kletterei

Kurz vor dem zweiten Gipfel des Tages

Kurz vor dem zweiten Gipfel des Tages

Gegen 16:00 Uhr erreichten wir den höchsten Punkt der Hohen Wasserfalle (3002m) und wähnten uns am Ende der Schwierigkeiten. Auf der Karte machten wir den SW-Grat als eleganteste Abstiegsvariante nach Niederthai aus. Dass wir im Gipfelbuch einen Eintrag zu einem Aufstieg über diesen Grat fanden, machte uns optimistisch, dass er gangbar sein würde.

Rückblick zum Hochreichkopf

Rückblick zum Hochreichkopf

Noch mal Spaß am Gipfelkreuz

Noch mal Spaß am Gipfelkreuz 

Den ersten Gratabschnitt umgingen wir westseitig, dann kamen wir wieder in Klettergelände. Mittlerweile hatte es wieder zugezogen, so dass nicht recht erkennbar war, wie es weitergehen würde. Da es mittlerweile nach fünf war und wir nicht wussten, wie lange das anspruchsvolle Gelände noch anhalten würde, beschlossen wir schließlich, die Gratbegehung abzubrechen. Stattdessen stiegen wir durch eine Rinne ins Lange Wannenkar ab und folgten dort dem markierten Weg talwärts. Der Abstieg über Fels- und Blockelände zog sich und so waren wir dankbar, als wir endlich die schönen, angenehm zu gehenden Almwiesen im Abstieg zum unteren Wannenkar erreichten.

Die Wolken sorgten für eine tolle Stimmung

Die Wolken sorgten für eine tolle Stimmung

Diese erholsame Rutschpassage war leider viel zu kurz

Diese erholsame Rutschpassage war leider viel zu kurz

Herrliche Wiesen im Abstieg

Herrliche Wiesen im Abstieg

Während die Abendsonne die Bergflanken im Osten in weiches Licht tauchte, spazierten wir entspannt talwärts, zufrieden und erschöpft nach der langen Gratkraxelei. Die Forstraße von der Horlochalm nach Niederthai zog sich noch einmal ordentlich, aber schließlich erreichten wir halb neun doch das Poststüberl, wo wir mit einem leicht erstaunten „Ah, Bergsteiger“ begrüßt wurden und von der freundlichen Wirtin sofort das rettende Bier bekamen, nach dem wir uns mindestens die letzten anderthalb Stunden gesehnt hatten. Eine großartige, sehr abwechslungsreiche Tour war’s, auch wenn wir sie gar nicht so geplant hatten.

Der Tag und die Tour gehen zu Ende

Der Tag und die Tour gehen zu Ende

 

3 Kommentare

  1. Hallo Hannes,

    schöner Bericht einer sicherlich sehr anspruchsvollen Tour (wie deine anderen auch, habe hier schon öfters vorbeigeschaut)! Der Hochreichkopf ist übrigens auch im Winter ein toller Gipfel; ich war im März diesen Jahres dort: http://rebecca-abenteuerberge.blogspot.de/2014/03/hochtourenfeeling-am-hochreichkopf-3010m.html

    Ich würde deinen Blog gern bei mir verlinken, ist das ok?

    Viele Grüße aus Freising

    Rebecca

    • Hannes
      Hannes

      12. September 2014 at 10:37 am

      Hallo Rebecca,

      danke für den netten Kommentar. Den NO-Grat im winter zu begehen schaut auch sehr lohnend aus! Über eine Verlinkung auf Deiner Seite würde ich mich freuen.

      Grüße
      Hannes

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