Hochtouren in den Zillertaler Alpen vom 15.-18.08.2015

Nach dem großartigen Wetter, das wir am Kaunergrat genießen durften, schlug es für den Rest der Woche wieder in das für unsere Hochtourenwochen typische Wettermuster um: Alpenweiter Tiefdruckeinfluss. Bei diesen widrigen Umständen versuchten wir unser Glück am Zillertaler Hauptkamm und erreichten immerhin eines unserer Gipfelziele.

Als Schlechtwetterquartier hatten wir uns die Edelrauthütte auf der Südseite des Zillertaler Hauptkammes ausgesucht, da es von hier einfache Touren auf relativ hohe Berge gibt und wir hofften, mit der vorhergesagten allmählichen Wetterbesserung von Tag zu Tag den Anspruch etwas zu steigern zu können.

Über der Bodenalm hängen die Wolken.

Über der Bodenalm hängen die Wolken.

Am Samstag starteten wir in Dun (1500m) im Pfunderer Tal und wanderten bei bewölktem Himmel in richtung Bodenalm und steil weiter hinauf zur Eisbruggalm. Diese Aufstiegsvariante ist zwar länger als die vom Neves-Stausee, dafür landschaftlich abwechslungsreicher; bis zur Eisbrugg-Alm schien es auch trocken zu bleiben, doch dann holte uns ein heftiger Schauer ein. So waren wir ziemlich nass, als wir am wunderschönen Eisbrugg-See entlang die letzten hundert Höhenmeter zur Hütte aufstiegen.

Herrliche Blumen unterhalb der Eisbruggalm

Herrliche Blumen unterhalb der Eisbruggalm

Tischschwein und Hofhund

Tischschwein und Hofhund

Die Edelrauthütte ist alt und nicht im besten baulichen Zustand. Daher wird direkt nebenan auch schon ein Neubau errichtet, der die Hütte im nächsten Sommer ersetzen soll. Doch noch spielt sich das Leben im gemütlichen Altbau ab, aus dem die Hüttenwirte Anton und Michael Weissteiner zusammen mit ihrem Team eine sehr urige und behagliche Unterkunft gemacht haben.

Der schön gelegene Eisbruggsee

Der schön gelegene Eisbruggsee

Als wir zwanzig nach zwölf pudelnass in die Hütte traten, war diese bereits gut besetzt. Zwei Höhenwege führen hier entlang und entsprechend belebt ist die Hütte – zudem ist der Zustieg vom Neves-Stausee recht kurz. Wir holten die nassen Sachen aus den Rucksäcken und breiteten sie im Schlafraum aus, dann gönnten wir uns eine kleine Stärkung aus der ausgezeichneten Hüttenküche, bevor wir noch den Hausgipfel, die 2888m hohe Napfspitze, besuchen wollten.

Baustelle an der Edelrauthütte

Baustelle an der Edelrauthütte

Der Aufstieg zur Napfspitze erfolgt auf einem markierten Weg und ist nicht schwierig. anfangs geht es über große, feste Blöcke, später wird es ein wenig gerölliger. Kurz nach zwei erreichten wir den Gipfel und waren uns angesichts der faszinierenden Blicke auf umwölkte Täler und Berge, die sich von hier boten, einig, dass es sich doch lohnt, auch bei nicht so schönem Wetter ins Gebirge zu gehen.

Über Platten geht es hinauf zur Napfspitze.

Über Platten geht es hinauf zur Napfspitze.

Am Gipfel geht der Blick Richtung Schafstall.

Am Gipfel geht der Blick Richtung Schafstall.

Mittlerweile war auch die Kleidung, die wir am Leib trugen, wieder trocken und das Wohlbefinden entsprechend wieder hergestellt. Einen kurzen Abstecher machten wir noch zu Pfeifholderspitze (2862m), dann machten wir uns an den Abstieg. Pünktlich dazu erwischte uns auch der nächste heftige Schauer, der bald in Hagel überging. Na super! So waren dann Hosen, Schuhe und Rucksäcke samt Inhalt wieder nass, als wir kurz nach drei zurück an der Hütte waren. Inzwischen war es etwas leerer geworden, so dass wir unseren nassen Kram in der Stube neben der Heizung aufhängen und trocknen lassen konnten. Der Rest des Tages bestand dann aus dösen, lesen, essen und Rotwein trinken, bevor wir uns früh in unser Lager verkrochen. Vorher erkundigten wir uns noch nach einigen Touren in der Umgebung, wobei uns vom Toni erklärt wurde, bei seinen Mitarbeiterinnen seien die Informationen zwar attraktiver, bei ihm aber genauer. Wir hätten also die Wahl. Gar nicht so leicht, wenn man sich da entscheiden muss…

An der Pfeifholderspitze kann Boris einfach nicht die Finger vom Fels lassen.

An der Pfeifholderspitze kann Boris einfach nicht die Finger vom Fels lassen.

Der Sonntag brachte genau so unbeständiges Wetter wie der Vortag. Unser Plan war klar: Wir gehen einmal los und schauen halt. Gesagt, getan! Halb neun verließen wir die Hütte und schlenderten ziemlich gemütlich auf dem Neveser Höhenweg richtung Chemnitzer Hütte. Es geht hier mehrfach auf und ab, bis zur breiten grasigen Terrasse Am Mösele, wo friedlich einige Schafe grasten.. Kurz vorher zeigte sich nur wenige Meter über uns ein prächtiger Steinbock –  auch Murmeltiere, Schneehühner und eine Gämse sahen wir an diesem Tag.

Durch eine Wolkenlücke zeigen sich kurz die Dolomiten.

Durch eine Wolkenlücke zeigen sich kurz die Dolomiten.

Schafe am Wegesrand

Schafe am Wegesrand

Da das Wetter so schlecht nicht war und es nur leicht regnete, entschieden wir uns, zum Großen Möseler aufzusteigen. Der Aufstieg ist mit Steinmännchen markiert und war im unteren Teil gut zu finden. Zunächst ging es einen Moränenhügel entlang, ab ca. 2900m wechselten wir dann von Block- und Schuttgelände auf Gletscherschliff. Noch einmal 100m höher war alles mit einer dünnen Neuschneeschicht bedeckt, was zum einen in Kombination mit dem Nebel die Orientierung erschwerte und zum zweiten das Gehen auf den glatten Platten und Blöcken zu einem ziemlichen Eiertanz werden ließ. Eine Weile taten wir uns das noch an, bei ca. 3170m ließen wir es dann aber doch bleiben. Wir konnten sehen, dass das Gelände noch eine ganze Weile so weitergehen würde und bei diesen Bedingungen (und ohne Steigeisen) machte das keinen Spaß. Mittlerweile war es auch schon nach halb eins und wir wussten, dass der Rückweg auch noch eine Weile dauern würde.

Unter dem Nebelschleier liegt der Neves-Stausee.

Unter dem Nebelschleier liegt der Neves-Stausee.

Hier ging es los mit dem Schnee und wurde bald mehr.

Hier ging es los mit dem Schnee und wurde bald mehr.

Kurz vor halb fünf waren wir zurück an der Hütte, dieses Mal in nur leicht nassem Zustand. Da wir heute die einzigen Übernachtungsgäste waren, konnten wir uns bequem ausbreiten. Die Betreuung beim Abendessen war dann sensationell: Zwei Herren, die für uns kochten, zwei Damen, die uns bedienten und mittendrin wir. Da kann kein Sterne-Restaurant mithalten. Als wir ins Bett gingen, stellten wir uns den Wecker auf fünf Uhr, denn eine Wetterbesserung war vorhergesagt und wir wollten den Hochfeiler besteigen.

Auf der Edelrauthütte war Waschtag.

Auf der Edelrauthütte war Waschtag.

So begann der Montag recht früh und schnell wurde klar, dass das unbeständige Wetter passé war: Äußerst beständig fiel leichter Regen vom Himmel und ebenso beständig schoben sich immer neue Nebelbänke aus dem Tal herauf. Also erst mal abwarten, vielleicht wird’s ja noch. Wurde es aber nicht. Nun kann man sich schlecht eine Hütte als Schlechtwetterquartier aussuchen und dann ewig auf besseres Wetter warten. Also brachen wir kurz vor neun dann doch mal auf.

Trotz des mäßigen Wetters hatten wir einen Bock.

Trotz des mäßigen Wetters hatten wir einen Bock.

Wir gingen den Aufstieg zur Unteren Weißzintscharte bewusst gemächlich an, um Kraft für den Rest des Tages zu sparen. So kamen wir bald in diesen Rhythmus, in dem man stur einen Fuß vor den anderen setzt, den Blick immer auf die nächsten Schritte gerichtet, nur gelegentlich erhoben, um nach der nächsten Markierung Ausschau zu halten oder doch mal den Fortschritt auf dem Höhenmesser zu sehen. Regen, Nebel, Wind bald weit weg und die Gedanken irgendwo. Erst eine Ansammlung von kleinen Bergkristallen kurz unterhalb der Scharte brachte uns wieder ins Hier und Jetzt zurück. Nachdem wir einige Exemplare bewundert hatten, bewältigen wir die letzten Höhenmeter und erreichten die Scharte.

Unter uns der Gliederferner

Unter uns der Gliederferner

Der Abstieg auf der NW-Seite war dann deutlich weniger gemütlich als der vorangegangene Aufstieg: Über Blockwerk und Gletscherschliff, zuletzt an Versicherungen stiegen wir zum Gliederferner hinab. Dort legten wir die Steigeisen an und stapften über den Gletscher, dabei nebelsichere Orientierungspunkte für den Rückweg ausmachend, damit wir auch wieder zurück finden würden.

Nachdem wir den Gletscher überquert hatten, folgten wir weiter dem Höhenweg bis zur Hochfeilerhütte, bei der wir um elf eintrafen. Von hier aus führt ein markierter Steig zum Hochfeiler. Zunächst geht es eine steile Passage versichert bis in ein Joch, danach geht es sehr gemächlich weiter. Es ist fast schade, dass sich der höchste Gipfel der Zillertaler Alpen so einfach besteigen lässt. Dass er trotzdem ein hoher Berg ist, zeigte er uns mit der Neuschneeschicht, die ab ca. 3000m zu finden war. Ab 3100m war der Schnee dann überall mindestens knöcheltief, so dass Spuren angesagt war. Also eigentlich genau unsere Verhältnisse.

Frischer Schnee am Hochfeiler

Frischer Schnee am Hochfeiler

Und so wurde der Anstieg bald anstrengender.

Und so wurde der Anstieg bald anstrengender.

Durch dichten Nebel und bei leichtem Schneefall wühlten wir uns weiter; wahrscheinlich hatte ich gerade meinen masochistischen Tag, auf jeden Fall wollte ich die Spurarbeit nicht abgeben, obwohl sie nach oben hin anstrengender wurde. Nach zwei Stunden hatten wir es dann geschafft und standen am höchsten Punkt der Zillertaler. Die Aussicht erinnerte mich stark an die von der Hochalmspitze – Gruppenhöchste bieten einfach ein besonders umfassendes Panorama.

Boris genießt die gigantische Aussicht.

Boris genießt die gigantische Aussicht.

Nachdem wir uns endlich satt gesehen hatten, gab es eine kleine Stärkung und 15min nach Ankunft machten wir uns schon wieder an den Abstieg. Es war halt doch recht frisch hier oben. Abwärts ging es durch die schneebedeckten Blöcke und Platten; irgendwann hörte die Schneedecke auf und der Schneefall ging wieder in Nieselregen über. So schön kann Bergsteigen sein!

Es geht wieder abwärts.

Es geht wieder abwärts.

Kurz vor halb drei passierten wir die Hochfeilerhütte und zwanzig nach vier waren wir zurück an der Edelrauthütte, wo sich das Wetter seit dem Morgen genau gar nicht verändert hatte. Wir hatten heute also alles richtig gemacht. Dass dafür wieder alles nass war, ist eben der Preis, den man zahlen muss als Schlechtwetterbergsteiger. Als Trost für die nicht vorhandene Aussicht am Gipfel schenkte uns Toni übrigens zwei Ansichtskarten. Immerhin…

Zurück auf dem Gliederferner

Zurück auf dem Gliederferner

Da am Dienstag das Wetter endgültig besser werden sollte, hatten wir uns als Abschlusstour den Hohen Weißzint vorgenommen: Eine eher kurze Tour, dafür mit etwas Blockkletterei am Grat interessanter als die letzten beiden Unternehmungen. Als um fünf der Wecker klingelte, regnete es draußen. Klappt ja super, mit dieser Wetterbesserung, dachten wir uns und legten uns erst mal wieder hin. Um sechs sah es dann tatsächlich etwas besser aus, also standen wir doch auf und packten unser Zeug zusammen. Nach dem gewohnt guten Frühstück verließen wir kurz nach sieben die Hütte, während im Südosten tatsächlich die Wolken aufrissen.

Ein letztes Mal steigen wir in den Nebel auf.

Ein letztes Mal steigen wir in den Nebel auf.

Voller Vorfreude stiegen wir den markierten Steig zur Oberen Weißzintscharte hinauf und dann weiter in den SW-Grat des Hohen Weißzint. Die Wolken schienen aufzureißen, sogar die Sonne zeigte sich kurz. Endlich besseres Wetter!

Juhu - es reißt auf.

Juhu – es reißt auf.

Schaut doch sehr nett aus, dieser Blockgrat.

Schaut doch sehr nett aus, dieser Blockgrat.

Der Blockgrat war erwartungsgemäß mit Neuschnee bedeckt und erforderte dementsprechend einige Vorsicht. Trotzdem machte die Kraxelei (I-II) hier richtig Spaß. Wir waren voll bei der Sache und bekamen kaum mit, wie es allmählich wieder zuzog. Als wir eine kleine Scharte überwanden, begann es dann zu schneien. Der Schneefall wurde immer stärker, bis wir die Schlüsselstelle – einen kurzen Hangelgrat – erreichten. Die Stelle war nicht schwer (II+), aber ausgesetzt und sehr rutschig. Ungesichert wollten wir das nicht mehr gehen und sichern würde Zeit kosten – Zeit, in der unser Rückweg noch weiter eingeschneit werden würde. Also entschlossen wir uns zur Umkehr.

Hier macht das Steigen Spaß,...

Hier macht das Steigen Spaß,…

…hier allmählich weniger.

…hier allmählich weniger.

Als wir den Fuß des Grates erreichten, hörte der Schneefall wieder auf und wir konnten bei trockenem Wetter weiter absteigen. Und ich ärgerte mich über unserer Umkehr. Das Argument mit dem Schneefall war ein gutes, aber war das wirklich der Grund gewesen? Oder hatten wir uns nicht vielmehr von einem Hindernis entnerven lassen, mit dem wir nicht mehr gerechnet hatten? Immerhin wären wir den Grat auch bei mehr Schnee – zur Not mit Steigeisen – heruntergekommen. Wir beschlossen, uns bei nächsten Mal mehr Zeit für eine Umkehr-Entscheidung zu nehmen, um nicht vorschnell abzubrechen.

Zwanzig nach elf waren wir zurück an der Hütte. Toni meinte, für ihn sei es gut, dass wir nicht oben waren, denn so würden wir wiederkommen. Da mag er recht haben, denn wenn Familie Weissteiner auch die neue Hütte bewirtet, wird diese sicher ebenso freundlich und gemütlich werden.

Im Abstieg wird das Wetter wieder freundlicher.

Im Abstieg wird das Wetter wieder freundlicher.

Nun aber gingen wir nach einer letzten Stärkung erst einmal den Abstieg an und wanderten bei zunehmend sonnigem Wetter zurück nach Dun. Hier ging dann unser diesjähriger Bergurlaub zu Ende. Drei Schönwettertage, vier schlechte – für uns ein ziemlich gutes Verhältnis. Und wir hatten das befriedigende Gefühl, sowohl das gute wie auch das schlechte Wetter gut genutzt zu haben, und konnten mit einem dicken Packen frischer Erlebnisse die Heimfahrt antreten.