Kaunergrat statt Schweiz

Hochtouren in den Ötztaler Alpen vom 12.-14.08.2015

Auch dieses Jahr stand bei Boris und mir eine Hochtourenwoche auf dem Programm. Ursprünglich wollten wir in die Schweiz fahren, verlegten uns aus Wettergründen aber kurzfristig auf Tirol, genauer gesagt den Kaunergrat, der mit der Wazespitze einen Gipfel von durchaus westalpiner Anmutung anzubieten hat.

1. Tag: Luftig, luftig

Kurzfristig hatte sich uns für die ersten beiden Tage noch Mark angeschlossen und so fanden wir uns Mittwoch morgen um 09:30 Uhr zu dritt am Parkplatz in Plangeroß im Pitztal ein. Von hier aus stiegen wir durch das schöne Tal des Lussbaches zur Kaunergrathütte hinauf. Ab dem Sattel auf 2452m stand dann auch die beeindruckende Wazespitze vor uns, die uns genau ihren Ostgrat entgegenstrecke. Schon ein beeindruckender Berg! Unter der auch recht wuchtigen Seekarlesschneid entlang wanderten wir weiter zur Hütte (2817m), die wir 12:30 Uhr – also genau rechtzeitig für eine kleine Mittagsmahlzeit – erreichten.

Hinein geht es ins Lussbachtal

Hinein geht es ins Lussbachtal

Die sehr nette Kaunergrathütte

Die sehr nette Kaunergrathütte

Anschließend wanderten wir weiter zum Steinbockjoch und durch die Schrofenflanke zum Ostgipfel der Parstleswand. Wir hatten uns vorgenommen, den oberen Teil des Ostgrates zu begehen, um uns schon einmal für den nächsten Tag warm zu kraxeln. Am Ostgipfel (oder zumindest einem östlich des Hauptgipfel gelegenen Gratgipfel) angekommen, stellten wir schnell fest, dass der Grat nicht zu unterschätzen ist. Nicht schwierig zwar (bis II+), dafür gleich zu Beginn ordentlich ausgesetzt. Eine Abkletterstelle über der 300m tiefen Nordwand, die Mark bereits bezwungen hatte, war so luftig, dass ich sie verweigerte und mich stattdessen einige Meter südlich der Schneide durch einen Kamin mogelte. Dagegen war der Jubi-Grat ein Fußballfeld.

Hinter der Seekarlesschneid lugt die Wildspitze hervor.

Hinter der Seekarlesschneid lugt die Wildspitze hervor.

Mächtig erhebt sich die Wazespitze hinter der Kaunergrathütte.

Mächtig erhebt sich die Wazespitze hinter der Kaunergrathütte.

Am Grat ging es gleich ordentlich ausgesetzt los.

Am Grat ging es gleich ordentlich ausgesetzt los.

Einige Meter weiter wurde es selbst Mark zu viel und wir umgingen die nächsten ca. 10 Gratmeter in der Südflanke. Der Grat ist übrigens gut mit Bohrhaken ausgestattet und angeseilt ist diese luftige Passage sicher deutlich angenehmer.

Mark spaziert über dem Abgrund.

Mark spaziert über dem Abgrund.

Zurück am Grat wurde es dann besser und in Richtung Gipfel nahmen die Schwierigkeiten und auch die Ausgesetztheit allmählich ab. Um drei saßen wir dann gemütlich am höchsten Punkt (3091m), aßen unsere mitgebrachten Leckereien und blickten mit Vorfreude und Spannung zur Wazespitze hinüber, dem Ziel des folgenden Tages. Der Rückweg zur Kaunergrathütte ging dann schnell und einfach vonstatten.

Hübsche Gratkletterei

Hübsche Gratkletterei

Sie ist schon steil, die Nordwand der Parstleswand.

Sie ist schon steil, die Nordwand der Parstleswand.

Am Abend in der sehr netten Hütte gab uns Wirt Michael Dobler noch einige kompetente Tipps zur Route, dann ging es früh ins Bett.

2. Tag: Hoch ist nicht mal der halbe Weg

Donnerstag früh saßen wir dann halb sechs schweigend beim Frühstück. Jeder von uns hing seinen eigenen Gedanken nach, wir alle hatten Respekt vor der bevorstehenden Tour. Sonderlich viel gab es auch während des kurzen Zustiegs noch nicht zu sagen. Hauptsache, es würde bald losgehen.

Hinterm Geigenkamm beginnt die Morgendämmerung.

Hinterm Geigenkamm beginnt die Morgendämmerung.

Da das Firnfeld unter dem Einstieg hart gefroren war, stiegen wir rechts davon im Geröll auf, denn die Steigeisen lagen in der Hütte und durften ausschlafen. Wäre ja unnötiger Ballast gewesen. Die Belohnung für diese Gewichtsoptimierung war eine leicht gruselige Querung über leichte, aber schmale und mit viel losem Schutt bedeckte Bänder, die außerdem mit spannenden Blicken in die Randkluft aufwarten konnte, welche geradezu auf fallende Kletterer zu warten schien. Dann waren wir endlich am Einstieg, wo wir unsere Stöcke deponierten, die wir für den Geröllaufstieg mitgenommen hatten, und wo auch drei Paar Steigeisen noch bequem Platz gefunden hätten.

Am Firnfeld unterhalb des Einstiegs

Am Firnfeld unterhalb des Einstiegs

Ab hier wurde dann alles besser. Die Fixseilhangelei (III, A0) über die erste Stufe war etwas gewöhnungsbedürftig, doch danach ging es in leichter Kletterei an überall griffigem und fast überall festem Fels zügig voran. Es dauerte daher nicht lange, bis wir die Schlüsselstelle (IV/A0) erreichten, die Mark souverän vorstieg. Es war die einzige Stelle, für die wir im Aufstieg die Seile auspackten. Der Rest ging auch ohne recht gut.

Auch die Verpeilspitze weiß zu gefallen.

Auch die Verpeilspitze weiß zu gefallen.

Mark an der Schlüsselstelle (IV)

Mark an der Schlüsselstelle (IV)

Weiter ging es erst am Grat, dann durch Schrofengelände in die plattigen Aufschwünge der großen Schlucht, welche man am schon von der Hütte aus sichtbaren großen roten Pfeil verlässt. Man mag es kaum glauben, aber laut Hüttenwirt sind auch schon Waze-Aspiranten an diesem Pfeil vorbeigegangen. Nun folgt das „sandige Band“, das zwar durchaus etwas ausgesetzt und an einer Stelle unangenehm abdrängend ist – verglichen mit unserer Firnfeld-Umgehungs-Einstiegsquerung war es aber wie ein frisch gemähtes Fussballfeld.

Und weiter geht's bergauf.

Und weiter geht’s bergauf.

Auf dem sandigen Band

Auf dem sandigen Band

Nach diesem Zickzack geht es wieder an der Gratkante weiter in herrlichem Kletterfels. Die schwierigeren Passagen sind gut mit Bohrhaken ausgestattet, ansonsten erleichtern gelegentliche rote Punkte und Steinmännchen die Wegfindung, was enorm viel Zeit spart.

Blick hinüber zum Gletscher - zur Zeit wohl keine gute Idee, diesen für den Abstieg zu nutzen.

Blick hinüber zum Gletscher – zur Zeit wohl keine gute Idee, diesen für den Abstieg zu nutzen.

Nach drei Stunden erreichten wir dann den großen Steinmann und machten kurz Pause. Ich merkte zwar allmählich die Höhe und war in Folge dessen ein wenig langsamer als Boris und Mark, aber ansonsten fühlten wir uns prima. Dementsprechend optimistisch waren wir, bald den Gipfel zu erreichen.

Plattige Passage nach dem großen Steinmann

Plattige Passage nach dem großen Steinmann

Als nächstes folgte eine Hangelquerung, dann ging es in den oberen Gratabschnitt. Hier wird der Grat schärfer und wartet noch mit einigen originellen (d.h. plattigen, abdrängenden und / oder ausgesetzten) Kletterstellen auf, dafür nehmen die Sicherungen ab. Der Hinweis an der Hütte, dass ein Rückzug nach dem Steinmann schwieriger wird, ist also berechtigt.

Jetzt ist's nicht mehr weit.

Jetzt ist’s nicht mehr weit.

Boris überwindet eines der letzten Hindernisse.

Boris überwindet eines der letzten Hindernisse.

Zehn nach zehn erreichten wir dann den Gipfel der Wazespitze (3533m). Großartig, hatten wir es tatsächlich geschafft! Wir freuten uns riesig, nur das Wissen um den langen Abstieg trübte dies ein wenig. Jemand hat mal gesagt, einen großen Berg erkennt man daran, dass man am Gipfel keine Ahnung hat, wie zum Henker man wieder herunter kommen soll. Und ein kleines bisschen ging es uns auf der Waze so. Doch zunächst schoben wir den Gedanken an den Abstieg beiseite und genossen das Privileg, an einem Tag mit bestem Bergwetter diesen tollen Zapfen ganz für uns zu haben.

Tiefblick zur Kaunergrathütte

Tiefblick zur Kaunergrathütte

In der Ferne die Weißkugel

In der Ferne die Weißkugel

Wir drei am Gipfel

Wir drei am Gipfel

Das Gute an unserem zügigen Aufstieg war, dass wir uns für den Abstieg richtig Zeit lassen konnten, d.h. alle Stellen abseilen, die schlecht abzuklettern waren und auch beim abklettern langsam und kontrolliert vorgehen. Das war dann auch gut so, denn der Abstieg zieht sich wirklich. Schon zurück zum großen Steinmann brauchten wir fast drei Stunden.

An einer der ersten Abseilstellen

An einer der ersten Abseilstellen

Es ist noch ein Stück bis nach unten...

Es ist noch ein Stück bis nach unten…

Aussichtsreich am Grat

Aussichtsreich am Grat

Dies lag auch daran, dass wir bis zum Einstieg insgesamt elf Mal abseilten, wobei jeder Mal als erster durfte. Als ich irgendwann mittendrin – wir besprachen gerade die Rücksicherung  eines Rapidgliedes unbekannten Alters – meinte, nicht abstürzen zu wollen, bekam ich die trockene Antwort „wenn Du abstürzt, können wir mit dem Hubschrauber fliegen.“ Ja, der Abstieg ist lang…

Ein bisschen Hangelei an der Gratkante...

Ein bisschen Hangelei an der Gratkante…

… und noch ein bisschen mehr davon.

… und noch ein bisschen mehr davon.

Auch die Konzentration lässt mit der Zeit nach und so wurde ich beim Abklettern immer langsamer, musste zwei, drei Mal nach einem Tritt schauen, bis ich verinnerlicht hatte, wo er ist und wie ich antrete. So zieht es sich dann mit der Zeit, und dabei war ich gegen Ende wahrscheinlich sogar noch der Schnellste von uns dreien.

Zurück am sandigen Band

Zurück am sandigen Band

Doch schließlich, knapp sieben Stunden nach Aufbruch vom Gipfel, erreichten wir den Einstieg. Vom Stand, an dem das Fixseil montiert war, seilte ich mich ein letztes Mal ab, barg meine Stöcke und konnte dann über das ganze Firnfeld bis ins Geröll seilen. Geschafft! Boris und Mark kamen rasch nach und während sich die abfallende Anspannung in albernen Scherzen entlud, packten wir unsere Sachen und gingen zurück zu Hütte, an der wir kurz nach sechs eintrafen.

Endlich sind wir wieder am Einstieg.

Endlich sind wir wieder am Einstieg.

Nach einer kurzen Pause musste Mark noch weiter nach Plangeroß wandern, während sich Boris und ich zurücklehnen, aufs leckere Essen warten und mit einem Weißbier auf diesen wunderschönen und erfolgreichen Bergtag anstoßen konnten.

3. Tag: Ein gelungener Abschluss

Am Freitag konnten wir etwas länger schlafen. Erst zwanzig nach sieben starteten wir zu unserer Abschlusstour auf die Verpeilspitze. Zügig wanderten wir auf dem markierten Weg bergwärts, bis wir unterhalb des Plangeroßkopfes in die Blockhalden abbogen. Erneut hatte uns der Wirt gute Tipps zur Wegfindung gegeben und so fanden wir bald die richtige Umgehung des Gletscherrestes zur Ausfstiegsrinne, welche auch mit einem roten Punkt markiert ist.

Ein Farbtupfer in der Geröllwüste

Ein Farbtupfer in der Geröllwüste

Die Rinne ist dann gut zu gehen, wenig schwierig (I-II) und nur im Mittelteil brüchig. Dort versprüht sie einen Hauch Piz Linard-Charme, bleibt an Böseligkeit hinter diesem aber zum Glück weit zurück.

Da geht's hoch.

Da geht’s hoch.

Nachdem wir den SO-Grat der Verpeilspitze erreicht hatten, wanderten wir Steigspuren folgend bis zur Schlüsselstelle der Tour, einem plattigen Aufschwung (II+). Diesen hatten wir schnell bezwungen und bewegten uns dann – Steinmännchen folgend – über ein interessantes System von Rinnen und Bändern zum Gipfel. Eine abdrängende Stelle ließ den Puls noch einmal etwas in die Höhe gehen, der Rest war einfach – und das war auch gut so, denn wir merkten, dass wir uns mental noch nicht ganz vom langen Vortag erholt hatten.

Ein Blick ins einsame Loobachtal

Ein Blick ins einsame Loobachtal

Der Gipfelaufbau der Verpeilspitze

Der Gipfelaufbau der Verpeilspitze

Boris bezwingt die Schlüsselstelle.

Boris bezwingt die Schlüsselstelle.

Kurz vor halb zehn standen wir dann am Gipfel in 3425m Höhe. Schön war der Blick ins wilde, einsame Loobachtal, dahinter der Geigenkamm aufgereiht. Im Süden grüßten die schneebedeckten Gipfel des Weißkammes und davor stand stolz die Wazespitze, die wir von hier aus noch einmal ausgiebig bewundern konnten.

Gipfelblick nach Norden zur Rofelewand...

Gipfelblick nach Norden zur Rofelewand…

… und nach Süden zur Wazespitze

… und nach Süden zur Wazespitze

Nach zwanzig Minuten Pause machten wir uns wieder auf den Weg. Über die Schlüsselstelle seilten wir ab, der Rest ging gut zu Fuß. Die abdrängende Stelle am untersten Band war auch abwärts etwas unangenehm, aber letztlich nicht schwer. Nachdem wir uns dann auch die Rinne wieder heruntergeschuttet hatten, machten wir im Blockgelände noch einen kurzen Abstecher zum spektakulären Gipfel des Plangeroßkopfes (im Prinzip ein Moränenhügel mit eigenem Gipfelkreuz), bestaunten kurz  die Fernwanderer, die den steilen Abstieg vom Madatschjoch in Angriff nahmen und wanderten dann entspannt zurück zur Hütte.

Auf dem abdrängende Band mussten wir noch mal Hand anlegen.

Auf dem abdrängende Band mussten wir noch mal Hand anlegen.

Gipfelblick (?) auf dem Plangeroßkopf

Gipfelblick (?) auf dem Plangeroßkopf

Da wir genau zur Mittagszeit wieder an der Kaunergrathütte eintrafen, ließen wir uns vom Hüttenteam ein letztes Mal  – mit Kaiserschmarrn – bewirten, bevor wir in gut anderthalb Stunden hurtig zu Tale liefen. Halb drei endete in Plangeroß diese sehr eindrucksvolle, sonnige und erfolgreiche Bergfahrt. Auch das Schönwetterfenster ging allmählich zu Ende und dieses Mal hatten wir es ausnahmsweise mal perfekt erwischt und gut genutzt.

Bei zunehmender Bewölkung steigen wir ins Pitztal ab.

Bei zunehmender Bewölkung steigen wir ins Pitztal ab.

Da für die nächsten Tage wieder schlechteres Wetter vorhergesagt war, suchten wir uns nun leichtere Ziele in den Zillertaler Alpen.

2 Kommentare

  1. Hey Hannes,

    sehr coole Tour habt ihr da gemacht! Die Ecke (und speziell auch die Wazespitze mit ihrem Ostgrat) habe ich mir vor kurzem auch angesehen. Wir werden unsere diesjährige Hochtourenwoche allerdings voraussichtlich (d.h. falls es Ende September keinen frühen Wintereinbruch gibt) in der Ankogelgruppe verbringen. Die Tauernkönigin ruft 🙂

    Liebe Grüße

    Rebecca

    • Hannes
      Hannes

      28. August 2015 at 11:52 am

      Hallo Rebecca,

      danke schön – der Kaunergrat ist wirklich empfehlenswert. Dort stehen ja noch einige andere schroffe Berggesellen.

      Für Eure Hochtourenwoche wünsche ich Dir viel Erfolg und viel Spaß. Ich hoffe, Ihr habt an der Hochalmspitze besseres Wetter, als es uns vergönnt war.

      Schöne Grüße
      Hannes

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