Die große Langsamkeit

Klettern im Wetterstein am 24.09.2016

Wenn’s mal wieder länger dauert… dann war wahrscheinlich die Seilschaft Boris & Hannes unterwegs. Irgendwie sind wir beim Klettern immer grottenlangsam, ziehen es dann aber doch irgendwie durch. So wie am Samstag in der Zwölferkante, einem Klassiker im Wetterstein.

Die Zwölferkante wollten sowohl Boris als auch ich schon lange mal klettern. Am Samstag war es dann soweit; etwa zwanzig vor acht machten wir uns mit einer ordentlichen Portion Klettergeraffelt und gehörig Respekt im Rucksack in Hammersbach auf den Weg zur Mittagsreisn. Den Weg kannte ich schon aus dem letzten Jahr von der Besteigung des Kleinen Waxensteins, die Wegfindung war also klar.

Immer wieder schön: Das Waxensteinmassiv

Immer wieder schön: Das Waxensteinmassiv

Kurz vor zehn waren wir dann am Einstieg neben dem gelb-splittrigen Fels, den wir unserer normalen Gewohnheit entgegen auf Anhieb fanden. Die uns dadurch entgangene frohe Sucherei holten wir dann zum Glück später im Abstieg nach. Sonst hätte auch echt was gefehlt.

Aus der Bildmitte zieht die Zwölferkante nach rechts oben.

Aus der Bildmitte zieht die Zwölferkante nach rechts oben.

Nun packten wir erst einmal das Geraffel aus, dann baute ich mit einem Friend und einer Köpfelschlinge einen Stand und dann ging es auch schon hinein in die erste Seillänge, die sich gut zum warm werden eignet: Ein paar Meter bröseliger IIer, dann kurz fest und III an der Kante und dann Gehgelände und noch einmal II hinauf zu einem Standplatz an zwei mit einer Schlinge verbundenen Normalhaken. Die Haken sahen zwar noch ganz gut aus, trotzdem legte ich hier lieber noch einen Friend dazu.

Rückblick zum Einstieg

Rückblick zum Einstieg

Boris durfte in der 2. SL dann auch gleich die ersten beiden IVer-Stellen klettern, bevor er einen lustigen Hängestand an alten Haken und neuen Klemmgeräten baute. Das basteln dauerte zwar einen Moment, dafür sah das Ergebnis ordentlich alpin aus.

Seillänge Nr. 3 wurde für mich die spannendste: Zunächst ging es eine leichte Rampe hinauf (II), dann querte ich etwas abdrängend nach rechts zu einem IVer-Wandl. Da ich hier doch schon 10-15m vom Stand weg war, wollte ich da nicht so unbedingt ohne Zwischensicherung hinauf. Für letztere bot sich ein herrlicher Spalt an, doch leider waren die Keile und der kleine Friend zu klein und der große zu groß; die beiden mittleren hingegen hatte Boris schon im Stand verbaut. „Blöde Stelle,“ dachte ich, da fiel mir der alte Haken auf, der hier strategisch genau richtig hing. „Na, geht doch.“ Also Angst runterschlucken und hoch über das Wandl und hinein in eine Verschneidung, die erst gut ging, nach oben hin aber immer garstiger aussah. Vielleicht rechts hinaus? Ein Blick um die Ecke offenbarte einen weiteren Haken etwa 5m entfernt. Die Querung dorthin trieb dann noch mal den Adrenalinspiegel in die Höhe. Sie war zwar nicht schwer (III), aber sehr ausgesetzt und weit von der letzten Zwischensicherung entfernt. Dann angekommen, Haken eingehängt, durchgeatmet. Puh!

Mittendrin in der dritten Seillänge

Mittendrin in der dritten Seillänge

Kurz oberhalb fand ich auch den ersten Bohrhaken der Tour, dachte, das sei noch nicht der Stand (er wäre es gewesen) und stieg weiter durch grasdurchsetztes IIer-Gelände. Nach knapp 10m ging dann allmählich das Seil zu Ende, so dass ich an zwei Köpfeln noch mal selbst was basteln musste. Geschafft – ich hatte zwar ewig gebraucht, aber dafür war’s auch echt alpin mit vier Zwischensicherungen auf 55m.

Am Bastelstand nach der dritten Länge

Am Bastelstand nach der dritten Länge

Die nächsten beiden Seillängen führten uns im II. Grad zügig nach links hinüber zur eigentlichen Kante, dem interessanten Teil der Tour. Mit zwei weiteren leichten (aber weniger zügigen, da erneut dank falscher Routenwahl mit Standplatzbastelei verbundenen) Seillängen erreichten wir die Latsche, die bereits von unten aus der Mittagsreise sichtbar ist. Auch hier fügte ich den beiden Normalhaken lieber einen weiteren Fixpunkt hinzu, dieses Mal einen dicken Latschenast.

Boris geht die vierte Länge an.

Boris geht die vierte Länge an.

In der Querung der fünften Länge

In der Querung der fünften Länge

Seillänge Nr. 8 führte nun in die Platten des Mittelteils hinein. Nach einem schönen Riss (II) und einer kurzen Querung (III) machte Boris taktisch geschickt genau unter dem nächsten IVer-Aufschwung Stand an zwei Bohrhaken, die er wahrscheinlich genau zu dem Zweck in der Hosentasche versteckt mitgebracht hatte.

In der achten Länge geht es in die Platten neben der Kante.

In der achten Länge geht es in die Platten neben der Kante.

Blick hinüber zum Elferkopf

Blick hinüber zum Elferkopf

Der kurze steile Aufschwung machte mir aber zum Glück keine Probleme, danach führte die 9. Seillänge (im Topo die 2. Hälfte der 7. SL, denn man kommt bei richtiger Standplatzwahl auch so aus) im III. Grad schräg nach rechts zur Kante. Ui, hier war’s ganz schön ausgesetzt, aber der – leider wenig bequeme –  Stand auch nicht mehr weit.

Boris am Ende der neunten Seillänge.

Boris am Ende der neunten Seillänge.

Durch sein taktisches Manöver hatte sich Boris nun mit Länge Nr. 10 die schwierigste der Tour gesichert: Nach einem Mini-Überhang ging es erst nach rechts und dann knapp neben der Kante an Rissen empor (IV). Auch hier dauerte es etwas, da alle Zwischensicherungen selbst anzubringen waren. Dafür war der Fels im ganzen Mittelteil vorzüglich: Felsenfest, sehr strukturiert und nirgendwo abgespeckt. Wie gemacht fürs Klettern.

Die Aussicht übers Loisachtal war herrlich.

Die Aussicht übers Loisachtal war herrlich.

Die 11. SL war dann die letzte im IV. Grad. Zunächst ging ich gerade eine Rinne hoch, wechselte dann nach links in die etwas leichter anmutende Nachbarrinne, die unten auch noch einen Friend schluckte, und stieg nach oben hinaus in leichteres Gelände (II-III) zum Stand unter dem Überhang.

Hier ist auch die elfte Länge fast geschafft.

Hier ist auch die elfte Länge fast geschafft.

Die 12. SL führt dann durch einen Spalt über den Überhang und weiter zunächst an der Kante, dann in eine Rinne hinein (III), wo die Kletterschwierigkeiten enden. Trotzdem sicherten wir auch noch die beiden weiteren II-er-Längen zum Grat (natürlich nicht ohne zeitraubenden Standplatz-Eigenbau), sowie aus Unkenntnis über das weitere Gelände auch noch eine 15. Länge direkt am Grat.

Am Überhang der zwölften Länge.

Am Überhang der zwölften Länge.

Dem Horizont entgegen.

Dem Horizont entgegen.

Dann war aber Schluss und die letzten paar Meter gingen wir ohne Seil. Allerdings beide nicht ohne kurz zu erschrecken ob des Typen, der da oben warnend die Arme erhoben hatte. Ach ne, war nur die Christus-Statuette, die anstatt eines Kreuzes am Gipfel steht. Na dann ist ja gut. Kurz vor sieben waren wir dann oben. Ja, kurz vor sieben, wir waren wirklich so langsam. Immerhin – die Stimmung war toll mit dem östlichen Wetterstein im letzten Sonnenlicht und der Zugspitze samt Jubigrat – bereits wieder schneegeschmückt – gegen den Horizont.

Die Schatten werden länger.

Die Schatten werden länger.

Am Gipfel des Zwölferkopfes

Am Gipfel des Zwölferkopfes

Zugspitzblick

Zugspitzblick

Lange blieben wir nicht, dafür war es zu spät. Der Abstieg zur Mittagscharte war noch einmal recht ausgesetzt. Ganz frisch war ich im Kopf mittlerweile nicht mehr, dementsprechend ging es nicht so zügig bergab wie sonst. Kurz nach der Mittagscharte wurde es dann dunkel und wir mussten im Schein der Stirnlampen weitergehen.

Dank meiner genauen Erinnerung und Boris‘ GPS fanden wir den Abzweig hinunter ins Höllental auch im Dunkeln. Irgendwie hatte ich den Weg allerdings besser in Erinnerung. Und die Kletterstelle einfacher. Und die Querung darunter deutlicher. Vielleicht doch noch mal aufs GPS schauen? Verdammt – doch falsch abgebogen. Also alles wieder hoch, frustriert, weitersuchen.

Dann fanden wir den richtigen Abzweig (markiert – wieso hatte ich daran nicht gedacht?!) und stiegen erneut ab. Auch hier war die Wegfindung zwischendurch nicht ganz einfach, aber nach kurzem Suchen ging es jeweils weiter. Immerhin 700Hm geht es hier recht anspruchsvoll talwärts, so dass wir – mental erschöpft und im Dunkeln – erst gegen Mitternacht an der Höllentalangerhütte ankamen. Endlich konnten wir entspannen – ab hier würde der Weiterweg einfach sein. Kurz genossen wir den Blick hinauf in den herrlichen Sternenhimmel, dann wanderten wir hinunter zur Höllentalklamm und nach Hammersbach.

Dank unserer Langsamkeit war nach der Kletterei auch noch der Abstieg zum Abenteuer geworden. Nun hatten wir zum Glück auch das bewältigt. Und einiges gelernt für die nächsten Touren…

6 Kommentare

  1. Hey Hannes,

    hui, das ist dann aber ein ganz schön strammer Tag geworden. Aber ich kenne das leider, wir sind auch eher langsame Kletterer. Da hilft nur eins: Üben, üben, üben 🙂

    Liebe Grüße

    Rebecca

  2. Ihr habt die Halbnachttour wohl anders interpretiert als wir. 😀

    Selbstabsichern frisst – im Kalk meistens besonders viel – Zeit.

  3. Servus Hannes,

    mei – ihr machts ja Sachen !! Zum Glück is alles gut gegangen : i kenn den Abstieg ins Höllental … der ist a bisserl speziell !
    Alternativ kann man auch von der Mitagsscharte nördlich zurück zum Einstieg abseilen – aber bei Dunkelheit wahrlich auch kein Vergnügen.

    Gruß Daniel

    • Hannes
      Hannes

      8. Oktober 2016 at 5:51 pm

      Servus Daniel,

      wir haben uns schon mal mehr mit Ruhm bekleckert…

      In die Mittagschlucht gibt es mittlerweile ja sogar eine richtige Abseilpiste. Aber bei einsetzender Dunkelheit wollten wir da nicht runter, da wir sie beide noch nicht kannten. Dass der Abstieg dann so lange dauert, hätte ich auch nicht gedacht. Aber natürlich ging dann Sicherheit beim Gehen auch vor Geschwindigkeit.

      Schöne Grüße
      Hannes

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