Jahreswechsel im Passeiertal

Skitouren im Passeiertal vom 31.12.2019 bis 03.01.2020

Statt für Böller und Raclette entschieden sich Boris und ich dieses Jahr für Gipfel und Schnee zu Silvester. Genauer gesagt für Skitouren im Passeiertal, das für uns beide Neuland darstellte. Eine gute Wahl, wie sich zeigen sollte.

Dienstag: Einstimmung an der Hohen Kreuzspitze

Nach Anreise am Vortag und einer angenehmen Nacht im sehr empfehlenswerten Gasthof Schönau stand eine erste Tour an: Die Hohe Kreuzspitze, einer der Klassiker im Tal. Nach etwa 5min Anfahrt (schon hart!) starten wir kurz nach halb neun an der Schneeberger Brücke (1660m).

Aufstieg im Schönnartal

Durch das schattige Schönnartal steigen wir auf.

Zermaidspitze

Die hübsche Zermaidspitze

Zunächst ging es über einen Forstweg ins Schönnartal hinein. Es waren eine ganze Reihe anderer Skitourengeher unterwegs, wobei uns die Einheimischen alle zuverlässig enteilten. Wo der Forstweg über eine Brücke zur Unteren Schönnaralm abbiegt, folgten wir einem Wanderweg weiter durch den lichten Lärchenwald. Auf etwa 2000m kamen wir dann in offenes Gelände und folgten der Spur in einem Bogen nach links um den Talkessel. Schließlich ging es in engen Spitzkehren den steilen Hang zum „Schartl“ hinauf, das den Übergang nach Ratschings vermittelt.

Gipfel Schönnartal

Die Aussicht wird immer besser.

Aufstieg zum Schartl

Jetzt geht es steil zum Schartl hinauf.

Ich war hier schon etwas platt, da ich noch mit einer abklingenden Erkältung zu kämpfen hatte. Aber jetzt würden wir das letzte Stück zum Gipfel auch noch schaffen! Über einen letzten steilen Hang ging es zu einem weiteren Joch, von dem aus dann auch endlich der Gipfel sichtbar ist. Eine kurze Querung später hatten wir es geschafft und konnten uns zu den Anderen ans Gipfelkreuz (2743m) setzen und die herrliche Aussicht von der Wildspitze bis in die Dolomiten genießen. Trotz des herrlichen Wetters waren wir fast die ganze Tour über im Schatten gegangen, doch jetzt saßen wir in der Sonne. Dazu wehte der Wind hier deutlich schwächer als weiter unten. Also rundum angenehm.

Hohe Kreuzspitze

Der Gipfelaufbau der Hohen Kreuzspitze

Gipfelblick nach Sterzing

Oben erwartete uns eine herrliche Rundumsicht.

Gipfelblick nach Meran

Meran tief unter uns

Die Abfahrt hatte dann alles zu bieten: in den steilen, schattigen Hängen harten windgepressten Schnee (und unterm Schartl sogar ein wenig Pulver), weiter unten dann Bruchharsch und schließlich etwas schwereren Altschnee. Insgesamt ging es trotz der wechselnden Bedingungen echt gut. So war es ein sehr gelungener Einstand in die neue Saison!

Abfahrt Hohe Kreuzspitze

Abschnittsweise ging es super zu fahren.

Schönnartal

Weite Hänge vor uns

Mittwoch: Verpeilt zur Gürtelspitze

Nach der Silvesternacht starteten wir erst um neun an der Timmelsbrücke zur zweiten Tour. Unser Ziel war die Gürtelspitze, eine recht steile, rassige Tour im vorderen Bereich der Timmelsalm.

Timmelbsrücke

Schöne Kulisse an der Timmelsbrücke.

Timmelsalm

Auch die Timmelsalm liegt ganz gut.

Bis zum Almgebäude folgten wir auch heute einem Forstweg. dann führten alte Spuren in OSO-Richtung über einige Kuppen zu einer breiten, steilen Rinne. Dort war erst mal eine mäßig angenehme Kantenquerung über brettharten Schnee angesagt, dann ging es teils in Spitzkehren, teils kantend hinauf zu einem kleinen Sättelchen. Ein paar horizontale Meter weiter hatten wir das Becken des Unterkrumpwassers erreicht, das im Sommer von zwei Seen gefüllt wird. Also im Winter natürlich auch, nur dass die Seen dann unter Eis und Schnee verschwinden.

Unterkrumpwasser

Am Unterkrumpwasser

Schattenfreunde

Ja wer sind die denn?

Hier machte ich nun einen Fehler, der uns einigen Zusatzaufwand einbringen sollte: Ich hielt die Gürtelspitze für den davor liegenden Heachenberg und die weiter hinten im Tal liegende Schneeberger Weißen für die Gürtelspitze. Dementsprechend stiegen wir weiter bis zum Oberkrumpwasser auf, um uns dort zu wundern, warum die vermeintliche Gürtelspitze so abweisend aussah und wie man denn bitteschön mit Ski diesen Felsgrat hoch kommen solle. Wir kamen dann auf die Lösung und querten etwas unangenehm zurück ins Kar auf der Nordostseite der Gürtelspitze.

Tapfer zurück

Tapfer zurück querten wir.

Gürtelscharte

Der Gürtelspitze scheint die Sonne aus der Scharte.

Von hier aus sah der Berg eher etwas steiler aus, als was wir bei der aktuellen Lawinenlage noch machen wollten. Also stiegen wir erst mal zur einer Scharte unterhalb von P2691 auf ca. 2660m auf, machten dort Pause und beratschlagten, wie wir weitermachen sollten. Die ganze hin-und-her-Latscherei hatte natürlich ordentlich Zeit gekostet, aber noch war es nicht zu spät. Also beschlossen wir, in die Nordflanke der Gürtelspitze abzufahren und dort zu schauen, ob es weiter westlich einen Aufstieg in vertretbarer Steilheit geben würde.

Abfahrt Gürtelscharte

Kurze Abfahrt…

Gesagt, getan! Und tatsächlich erwies sich die Nordflanke im westlichen Teil als etwas flacher. Immer noch steiles Spitzkehrengelände, aber lawinentechnisch nach unserer Meinung ok. Und eine wenige Tage alte Spur gab es hier auch. Der folgten wir dann hinauf, auch hier immer wieder auf den Kanten balancierend. Der Schnee war dabei gerade ausreichend griffig, dass es ohne Harscheisen gut ging. Aber anstrengend war es doch.

Aufstieg Gürtelspitze

…dann wieder Aufstieg.

Aufstieg Gürtelspitze

Stellenweise war es mühsam.

Gipfel Gürtelspitze

Nicht mehr weit bis zum Gipfel

Schließlich erreichten wir den 2858m hohen Gipfel, den wir heute ganz für uns hatten. Es war wunderbar still hier oben, dazu war die Sonne angenehm warm. Und die Aussicht fast noch besser als am Vortag. Es war wunderbar, dort zu sitzen und den Moment zu genießen.

Dolomitenblick

Sicht bis in die Dolomiten

Gipfelaussicht Gürtelspitze

Eine herrliche Stimmung hier oben

Die Abfahrt im steilen Gipfelhang war dann super: Hart und supergriffig ging es hinab zum Unterkrumpwasser. Der Rest war dann nicht mehr so dolle, aber das war auch nicht schlimm. Rundum zufrieden kamen wir viertel vor vier wieder am Ausgangspunkt an.

Abfahrt Gürtelspitze

Ab in den Gipfelhang

Donnerstag: Fast wie im Frühjahr auf die Hofmannspitze

Auch am Donnerstag starteten wir an der Timmelsbrücke. Dieses Mal mit der umgekehrten Strategie vom Vortag: Statt auf möglichst harte Schattenhänge hatten wir es heute auf Südhänge abgesehen in der Hoffnung, sie könnten bereits auffirnen. Bis zum Unterkrumpwasser folgten wir unserer Spur vom Vortag, holten in der harten, steilen Rinne, die heute nochmal eisiger war, aber die Harscheisen raus.

Unterkrumpwasser

Zurück am Unterkrumpwasser

Spuren im Schnee

Wer war denn da unterwegs?

Am Unterkrumpwasser wechselten wir auf die Nordseite und folgten dann Spuren in östlicher und nordöstlicher Richtung. Über mehrere Steilstufen und flache Böden (es zieht sich durchaus ein wenig) erklommen wir die 3058m hohe Schwarzwandscharte. Hier empfing uns ein kalter Nordwind, vor dem wir schnell um eine Ecke flüchteten.

Aufstieg Schwarzwandscharte

Es geht dahin.

Aufstieg Schwarzwandscharte

Weite Böden mit beinahe arktischer Anmutung

Gürtelspitze

Auf der Gürtelspitze waren wir am Tag zuvor.

Hier machten wir Skidepot und nahmen den Gipfelgrat zur Hofmannspitze in Angriff. Dieser zeigte sich ostseitig stark überwächtet und etwas abweisend. Zum Glück war der Schnee aber so griffig, dass Boris eine prima Spur legen konnte. Und so erreichten wir bald den Gipfel (3112m), der wieder mal eine wunderbare Aussicht bot. Wir waren in dieser Saison anscheinend die ersten Skitourengeher hier oben, allerdings kamen nur 10min nach uns zwei Einheimische an. Die beiden hatten uns anscheinend schon länger beobachtet, während wir uns bis dahin allein im ganzen Tal gewähnt hatten.

Aufstieg Hofmannspitze

Boris spurt richtung Gipfel.

Gipfelblick Hofmannspitze

Grandiose Aussicht am Gipfel

Gipfel Hofmannspitze

Gipfelfreude

Nach einem kurzen Plausch und einigen Fotos stiegen wir wieder ab, denn heute war es auch am Gipfel etwas zugig. Vorsichtig stiegen wir den Grat wieder ab und machten uns dann bereit für die Abfahrt. Zurück ging es in die Scharte und dann…

Abstieg Hofmannspitze

Vorsichtig steigen wir wieder ab.

Gipfelgrat Hofmannspitze

Wir sind fast zurück am Skidepot.

Und dann zeigte sich, dass wir heute auf die richtigen Hänge gesetzt hatten: Firn, richtig gut zu fahren. Geil. Natürlich nicht durchgehend. Immer wieder war Bruchharsch angesagt und zur Timmelsalm hin wurde der Schnee immer schwerer. Aber doch oft genug, um richtig Spaß zu machen. So war es einfach eine Supertour heute.

abfahrt Schwarzwandscharte

Die Abfahrt ging gut.

Unterkrumpwasser

Viel Platz zum Skifahren

Freitag: Mühsam hinauf auf die Kolbenspitze und mühsam hinab

Für den Freitag nahmen wir eine etwas längere Anfahrt in Kauf. Am Eingang ins Pfelderer Tal hatten wir uns die Kolbenspitze mit dem bekannten „Kanonenrohr“ ausgesucht. Erstaunlicherweise mussten wir trotz einiger älterer Begehungsspuren eigentlich die gesamte Tour neu einspuren. Allzu häufig wird sie also offenbar nicht gegangen.

Lawinenkegel Varmazontal

Wir überqueren einen alten Lawinenkegel im unteren Varmazontal.

Aufstieg Varmazonalm

Die Varmazonalm ist fast erreicht.

Bei heute mal bedecktem Himmel hielten wir uns im Aufstieg vom Varmazonhof weg stets östlich des Baches und kamen schließlich zur Varmazonalm (1886m). Kurz danach erreichten wir dann das Kanonenrohr, eine enge Bachschlucht, die die Schlüsselpassage der Tour darstellt. Hier war ich mit Spuren dran. In ungezählten Spitzkehren ging es über steile, konkave Hänge hinauf. Zum Abschluss galt es noch, einen engen, sehr steilen Hang hinaufzukanten. Dabei musste ich mit dem bergseitigen Ski jedes Mal noch eine hartgepresste, aber nicht tragfähige Triebschneeschicht wegtreten. Das war schon echt mühsam.

Kolbenspitze Kanonenrohr

Das Kanonenrohr wartet auf uns.

Kolbenspitze Kanonenrohr

Mittendrin

Kolbenspitze Kanonenrohr

Der Ausstieg war noch mal mühsam.

Anschließend wurde es wieder flacher und wir machten eine kurze Pause. Während ich bereits müde wurde, drehte Boris nun nochmal richtig auf und spurte die verbleibenden 600Hm bis zum Gipfel durchgehend. Er ist halt doch ein Viech. Kurz unterm Gipfel kamen uns vier Schneefreunde entgegen, die auf der anderen Seite aufgestiegen waren und nun die nordseitige Abfahrt genossen. Das sah nicht schlecht aus und schürte die Vorfreude.

Aufstieg Kolbenspitze

Über weite Hänge geht es richtung Gipfel.

Kolbenspitze Gipfelkreuz

Wir haben es geschafft.

Etwas später hatten wir dann auch den sehr steilen Abschlusshang bewältigt und konnten uns auf 2868m Höhe zur Gipfelpause setzen. Mir tat es gut, mich kurz auszuruhen und etwas zu essen. Schließlich würde ich noch ein bisschen Kraft für den Weg nach unten brauchen. Wir ließen uns Zeit hier oben, doch schließlich wurde es Zeit zu gehen.

Brenta

Roter Himmel über der Brenta

Dolomiten

Und auch heute wieder Dolomitenblick

Also ab in Abfahrt. Die dann nicht lange gut ging, weil bei uns beiden bald je eine Bindung aufging. Was war denn da los? Tatsächlich hatten sich bei uns beiden die Hinterbacken nach hinten verschoben und die Zapfen saßen nicht mehr ordentlich in den Schuhen. Anscheinend hatte die Biegung der Ski im Kanonenrohr die Bindung (wir hatten beide das gleiche Modell) überfordert.

Zum Glück hatten wir ein Taschenmesser dabei und konnten die Positionsschraube nachjustieren. Boris musste das an beiden Ski machen, ich nur an einem. Ok, nächster Versuch. Bei Boris hielt es jetzt. Also fuhr auch ich vorsichtig den nächsten Schwung an. Und saß plötzlich im Schnee und schaute ziemlich verdutzt meinen davon rauschenden Ski hinterher. Dann Erleichterung, also sie doch noch stehenblieben. Aber was bitte war das denn gewesen?

Und dann sah ich des Rätsels Lösung an meinem rechten Skischuh. Dort hing noch das Oberteil des Hinterbackens. Na so ein Mist! Als wir die Ski geborgen hatten, war klar, dass gleichzeitig beide Hinterbacken gebrochen waren. Irre!

Da ich nicht telemarken kann, gab es jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder 1500Hm zu Fuß absteigen oder die Bergrettung rufen. Ich hatte den Eindruck, dass Schnee und Gelände einen Fußabstieg erlauben würden und wollte es zumindest versuchen. Boris schnallte netterweise meine Ski an seinen Rucksack und ich stapfte los.

Abfahrt Kanonenrohr

Wir sind wieder am Kanonenrohr.

Es ging dann recht ordentlich. Zwar brach ich teilweise bis zur Hüfte ein, doch steil bergab machte das nicht viel aus. Und flache Passagen gab es bei dieser eher rassigen Skitour zum Glück nicht allzu viele. Sonst wäre es echt ätzend geworden. Nach etwa 2h – es dämmerte bereits – waren wir dann wieder unten. Also Glück im Unglück: Mir war beim bruchbedingten Sturz nichts passiert. Und der Abstieg hatte auch ohne Zwischenfälle geklappt. Ein bisserl kaputt war ich halt (immerhin weniger als meine Skibindungen), aber das gehört eben dazu.

Abfahrt Kolbenspitze

Wir nähern uns dem Tal.

So lief der Abschluss dieser schönen Skitourentage etwas anders als geplant und am Samstag fuhren wir direkt heimwärts und brachten unsere Ski zur Reparatur. Trotzdem war es ein schöner Jahreswechsel und ein genialer Saisonauftakt dank herrlicher Skitouren im Passeiertal.

1 Kommentar

  1. Wow! Ihr habt euch echt schöne Touren ausgesucht! Toller Bericht, tolle Bilder! Das mit deiner Bindung tut mir leid, die Rückkehr muss eine Tortur gewesen sein. Sind die Skier mittlerweile repariert?
    Ich hoffe, dass sich bei eurem nächsten Besuch in Südtirol wirklich eine gemeinsame Tour ausgeht.
    Lg aus Meran
    Magdalena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Deichjodler

Theme von Anders NorénHoch ↑