Wanderung im Karwendel am 17.05.2020

Die Westliche Karwendelspitze ist so etwas wie eine kleine Zugspitze: Zu nah an der Seilbahn und zu viele Leute. Doch aktuell fährt die Seilbahn nicht, Pandemie sei „dank“. Das wollte ich ausnutzen, und doch einmal diesen oft überlaufenen Berg besteigen.

Heute war ich nicht so früh dran und startete erst um neun an der Talstation der nicht fahrenden Karwendelbahn. Eine zähe Wolkenschicht verhinderte die Sicht auf den oberen Teil des Aufstiegsweges. Da ich also nicht wusste, wie viel Schnee mich erwarten würde, entschied ich mich für die dicken Bergschuhe. Im Nachhinein hätten es die Zustiegsschuhe auch getan. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.

Durch den schönen, zartgrünen Bergwald stieg ich langsam auf zur Mittenwalder Hütte. Die Wolken hielten sich zäher als vorhergesagt, aber mir sollte es recht sein. Außer mir war fast niemand unterwegs, nur ein irrer Speed-Geher überholte mich zwischendurch und verschwand im Wald. Nach einer guten Stunde erreichte ich dann die Hütte und ging gleich weiter zum Beginn des Karwendelsteigs.

Der Steig war noch gesperrt, da eine Überprüfung der Sicherungen erst erfolgt, wenn der Schnee komplett weg ist. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich das Begehen von gesperrten Steigen nicht ohne Weiteres zur Nachahmung empfehlen kann. Man sollte den Schwierigkeiten deutlich überlegen sein und auf Versicherungen komplett verzichten können. Und natürlich bereit sein, im Zweifelsfall umzudrehen.

Also ging ich den Steig an, der gleich zu Beginn die ersten felsigen Stellen (I) aufweist. Dann geht es in die Querung hinüber in die Wanne. Hier finden sich auch die ersten kleinen Schneefelder. Die Querungen waren eher gutartig, steil geht es nach links aber schon herunter. Zwei freundliche – und dem Akzent nach aus dem östlichen Ausland stammende – Bergfreunde überholte ich hier. Die beiden taten sich mit dem Schnee etwas schwer und waren unschlüssig, ob sie weitergehen sollten. Leider weiß ich nicht, wie es ausgegangen ist.

Nach der ersten Querung geht es in engen Serpentinen steil bergauf, dann kommt die zweite Querung durch die Wanne. Hier überholte ich zwei ebenfalls sehr freundliche Italiener, mit denen ich mich kurz unterhielt über Frühjahrstouren und die furchtbare Covid19-Epidemie in Italien.

Anschließend ging es dann noch einmal steil bergauf, wobei ich weitere Gipfelanwärter überholte. Ich war erstaunt, wie viel hier los war auf diesem gesperrten Steig. Ein Schneefeld zwang zur Umgehung in Schrofengelände (T5, I), der Rest war dann unproblematisch und bald erreichte ich die Karwendelgrube. Dort wanderte ich dann gleich weiter zum P2291.

Das letzte Stück zum Gipfel war dann auch keine große Sache mehr. Und so erreichte ich nach 3h die 2385m hohe Westliche Karwendelspitze. Leider war es ziemlich kalt und windig hier, so dass ich keine fünf Minuten am Gipfel blieb und bald die Flucht nach unten antrat.

Am Sattel standen zum Glück auch zwei Bänke auf der windgeschützten Ostseite (ob ich dort wohl unerlaubterweise Tiroler Territorium betrat??). Hier konnte ich dann doch noch gemütlich Pause machen. Später setzen sich noch zwei Skitourengeher auf die Bank nebenan, mit denen ich mich nett unterhielt. Und schließlich kam sogar noch die Sonne raus. Einfach mal auf der Bank lang machen und die Wärme genießen. Herrlich.

Zum Abstieg ging es dann durch den Tunnel ins Dammkar. Dort angekommen war ich natürlich etwas neidisch auf die Skitourengeher. Doch auch auf den Bergschuhen ließ es sich prima – immer die beeindruckende Tiefkarspitze im Blick – hinabrutschen zur Bergwachthütte, wo die Schneedecke endete.

An der geschlossenen Dammkarhütte machte ich noch einmal kurz Pause. Es war einiges los hier. Zwei Kletterer kamen gerade von der Kreuzwand zurück und auch am Predigtstuhl wurde geklettert. Da juckte es mich gleich in den Fingern…

Bald stieg ich das untere Dammkar hinab, bewältigte den nervigen Gegenanstieg zum Ochsenboden und spazierte über den Steig zurück nach Mittenwald. Als ich den Parkplatz erreichte, blickte ich erstaunt auf meine Uhr und auf den Wegweiser: Ich hatte für die gesamte Tour netto ohne Pausen auf die Minute genau so lange gebraucht, wie das Schild für den Aufstieg zur Westlichen Karwendelspitze veranschlagt: 5h30. Dafür, dass ich mich nicht beeilt hatte, nicht schlecht.


Hannes

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

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