Hochtour in den Stubaier Alpen am 05.07.2020

Als Tagesunternehmungen sind klassische Hochtouren oft etwas zach. Andererseits finde ich es faszinierend, wo man nach Aufbruch am Parkplatz noch so alles hinkommt. Zum Beispiel auf die Ruderhofspitze, den vierthöchsten Berg der Stubaier Alpen.

Halb sechs Uhr morgens starteten Lorenz und ich am Parkplatz der Oberisshütte (1742m) im Oberbergtal. Wir waren das erste Mal zusammen auf Tour und hatten uns dementsprechend erst Mal was Moderates ausgesucht. Die Besteigung der Ruderhofspitze ist zwar ziemlich lang, aber dafür nicht sehr schwer.

Im Morgenlicht und bei bestem Wetter wanderten wir der Franz-Senn-Hütte entgegen. Das einzige Unangenehme war das Gewicht unserer Rucksäcke. Denn aufgrund der langen Wegstrecke hatten wir uns entschieden, in Turnschuhen loszugehen und die Bergschuhe am Rücken zu tragen. Die Füße freute es, die Schultern weniger.

Nach einer Stunde kamen wir an der Hütte (2149m) vorbei. Nun ging es flach das lange Tal entlang. Ein ziemlicher Hatch, dafür in wunderschöner Umgebung. Die tief stehende Morgensonne, der glitzernde Alpeiner Bach, die satten Wiesen und felsigen Hänge ergaben eine herrliche Szenerie. Kaum zu glauben, dass wir morgen wieder in irgendwelchen Büros sitzen würden…

Nach einer Steilstufe kam dann der Alpeiner Ferner in Sicht. Er ist leider in recht traurigem Zustand und schmilzt in hohem Tempo dahin. Am Fuße der Gletscherzunge tauschten wir Lauf- gegen Bergschuhe und packten auch gleich die ganze Eisenwarensammlung aus, die man so braucht für eine ordentliche Hochtour.

Und dann ging es auf den Gletscher. Zwei weitere Seilschaften waren vor uns gestartet und entschwanden gerade hinter der ersten Steilstufe. Wir wanderten zunächst über die flache Gletscherzunge und dann ebenfalls nach rechts aufwärts über den Aufschwung. Dahinter öffnete sich das immer noch beeindruckende Plateau der Alpeiner Ferners.

In einem weiten Bogen stapften wir den zahlreichen Spuren folgend nach Südosten über die weite Gletscherfläche. Dabei bekamen wir die Ruderhofspitze auch endlich zu Gesicht. Dann ging es wieder bergauf in eine Gletscherbucht und schließlich zur Oberen Hölltalscharte. Hier deponierten wir Seil, Steigeisen und Pickel und machten uns an die Kraxelei über den SSW-Grat zum Gipfel.

Der Grat bietet hübsche Block-Kraxelei (I) und ein paar kurze, gut gespurte Firnpassagen. Mittlerweile spürte ich die Höhe mal wieder sehr deutlich und musste mich etwas mühen. Aber das konnte uns jetzt auch nicht mehr aufhalten und halb zwölf erreichten wir den Gipfel der Ruderhofspitze (3474m).

Die Aussicht hier oben war gigantisch. Im Süden dominierte natürlich der Stubaier Hauptkamm mit dem Zuckerhütl. Links dahinter erstreckten sich die gezackten Gipfel der Dolomiten vom Rosengarten bis zu den Drei Zinnen. Weiter westlich zeigten sich auch Königspitze, Zebru und Ortler. Rechts davon glänzten die Gletscherhänge der Ötztaler Wildspitze in der Sonne. Und im Norden standen die heimatlichen Gipfel von Karwendel und Wetterstein in einer langen grauen Reihe vor uns. Ein prächtiges Panorama!

Also erst mal hinsetzen, Brotzeit auspacken und Aussicht genießen. Da hatte sich der ewige Hatsch durchs Oberbergtal doch mal gelohnt. Nach einem letzten Stück Gipfelschoki machten wir uns kurz nach zwölf wieder auf den Weg. Über den Grat zurück und dann über den ausgedehnten Gletscher. Die Sonne brannte inzwischen ordentlich herab an diesem herrlichen Tag und wir freuten uns über jede kleine Wolke, die ein wenig Schatten spendete.

Als wir dann unterhalb des Gletschers nicht nur die Steigeisen ausziehen konnten, sondern auch in unsere Laufschuhe schlüpfen – da wurde klar, dass sich die Schlepperei am Morgen doch gelohnt hatte. Es war schon sehr angenehm, den langen Talhatscher in bequemen Schuhen zu absolvieren. An der Franz-Senn-Hütte machten wir dann noch kurz Halt, bevor wir zurück zum Auto wanderten, das wir halb fünf erreichten. Nach einer langen tollen Tour. Die Rückfahrt war dann leider lang und weniger toll. Aber egal – für diese Tour hatte es sich gelohnt.


Hannes

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

6 Kommentare

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Mark · 10. Juli 2020 um 4:47 am

Bin ich froh, den Hatscher vor vielen Jahren bereits einmal gegangen zu sein und nicht wieder gehen zu müssen. Landschaftlich ist es natürlich trotzdem schön.

    Hannes

    Hannes · 10. Juli 2020 um 5:40 am

    Ich weiß, was Du meinst. Es war schön, aber einmal ist auch genug.

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Mark · 10. Juli 2020 um 6:28 pm

Wir hatten auch die Ehre, den kompletten Gletscher und den nachfolgenden Grat zu spuren.

    Hannes

    Hannes · 12. Juli 2020 um 11:44 am

    Oh, Glückwunsch! Ward Ihr etwas früher in der Saison unterwegs? Direkt einsam ist die Tour ja nicht gerade.

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Rebecca · 15. Juli 2020 um 5:35 pm

Hachja, die Ruderhofspitze, das weckt Erinnerungen an ein wunderbares Wochenende auf der Franz-Senn-Hütte! Mir hat allerdings die Tour von der Hütte und zurück zur Hütte längenmäßig gereicht – man muss es ja nicht übertreiben 😉

    Hannes

    Hannes · 15. Juli 2020 um 7:21 pm

    Kann ich verstehen. Wobei der Unterschied ja jetzt auch nicht so groß ist – vom Parkplatz zur Hütte ist’s ja nicht so weit. Aber schön ist es. 🙂

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