Hochtour in der Glocknergruppe am 15./16.08.2020

Den Stüdlgrat hatte ich schon lange im Hinterkopf. Und mit dem Glockner vom letzten Versuch her noch eine Rechnung offen. Da auch Lorenz dort schon länger hoch wollte, taten wir uns zusammen, um diesen Klassiker bei perfekten Bedingungen zu begehen.

Vor zwei Jahren waren wir nach Begehung des Meletzkigrates unterhalb des Glocknerleitls umgedreht. Da schien der Stüdlgrat (Beschreibung & Topo) eine erfolgversprechende Variante für einen zweiten Versuch zu sein. Da der Grat direkt zum Gipfel führt, ist ein vorzeitiges Umdrehen äußerst unpraktisch. Man ist quasi zum Erfolg verdammt. 😉

Samstag Nachmittag trafen sich Lorenz und ich auf dem großen Parkplatz hinter dem Lucknerhaus und starteten unserer Glocknertour. Da wir auf der Stüdlhütte so kurzfristig keinen Platz mehr bekommen hatten, standen heute nur die 300 Höhenmeter zur Lucknerhütte (2241m) auf dem Programm. Diese ist, da tief gelegen, kein idealer Ausgangspunkt für den Stüdlgrat, aber dafür vom Parkplatz schnell erreichbar.

Auf der Hüttenterrasse stieg dann bald die Vorfreude, denn die dichten Wolken lockerten immer weiter auf und gaben auch bald den Chef frei. Und der Grat sah von hier komplett trocken aus. Wir konnten uns also auf sehr gute Bedingungen einstellen. Nach einem sehr leckeren Abendessen gingen wir dann früh ins Bett, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu ergattern.

Am Sonntag klingelte um drei der Wecker. Immer wieder brutal. Und immer wieder geht mir kurz die Frage durch den Kopf, warum ich mir das eigentlich antue. Bis mir die Antwort wieder vor Augen steht: Bergsteigen ist einfach geil. Im Frühstücksraum saßen so früh nur zwei Andere, die die Glocknerwandüberschreitung vorhatten. Auch das muss auch ein tolle Route sein.

Viertel vor vier brachen wir dann auf. Vor und hinter uns leuchteten schon einige Stirnlampen durch die Nacht. Aber wirklich viel war nicht los. Im Dunkeln tue ich mich oft schwer damit, einen guten Aufstiegsrhythmus zu finden, aber heute gelang es ganz gut. Und so kamen wir zügig voran, ohne zu viel Kraft zu lassen. Bereits nach einer Stunde kamen wir an der Stüdlhütte (2802m) vorbei. Hier stand erst eine Gruppe vor der Tür, der Rest saß wohl noch beim Frühstück.

Am Teischnitzkees packten wir das Geraffel aus und legten die Steigeisen an. Dann ging es angeseilt weiter, während es um uns allmählich hell wurde. Herrlich wurde die Stimmung, während wir über den Gletscher aufstiegen. Bald erglühten die weiten weißen Hänge des Großvenedigers, dann wurden auch die markanten Felstürme der Dolomiten in goldenes Licht getaucht.

Viel los war nicht: Zwei Seilschaften sahen wir vor uns schon am Grat und als wir uns dem Einstieg näherten kamen noch einmal fünf über den Gletscher. Echt ok für diese beliebte Tour.

Wir wählten – halb absichtlich, halb zufällig – den Direkteinstieg, der gleich mal mit einigen IIIer-Stellen losgeht. Mir kam es gerade recht: Schöne Kletterei und perfekt, um jeden Anflug von Verzagtheit zu vermeiden. Anschließend wurde es bis zum Frühstücksplatz erst mal wieder leichter (I-II).

Wir sicherten den ganzen Aufstieg über konsequent. Meist gingen wir am laufenden Seil, ab dem Frühstücksplatz sicherten wir aber auch einige Passagen von Stand zu Stand. Trotzdem kamen wir zügig voran und bewältigten den gesamten Grat in 4,5h. Wir hatten dabei viel Freude an unserem Tun. Aus- und Tiefblicke waren herrlich, dazu fester Fels, sehr abwechslungsreiche Kletterei, gute Absicherung und Schwierigkeiten, die wir gut im Griff hatten.

Schlüsselstelle war für mich die Hangelplatte (III), die recht glatt und ausgesetzt ist. Sehr schön ist diese Stelle, aber auch nicht ohne. Die angebliche III+-Stelle (fieses Fixseil-Ziehen über eine Stufe) fand ich da eher leichter.

Nach viel schöner Kletterei, interessanten IIIer-Platten und A0-Stellen, nach intensivem Landschafts- und Felsgenuss war der Stüdlgrat schließlich vorbei und wir erreichten gegen 10:45 Uhr den Gipfel (3798m). Österreichs Höchster. Toll. Und außer uns war erst mal nur eine weitere Seilschaft da, die gerade vom NW-Grat herauf kam. Super Ausblicke und kein Stress – erstaunlich an diesem Parade-Sonntag. Der Stau am Kleinglockner war allerdings bereits Vorbote des bevorstehenden Ansturms.

Also genossen wir die Ruhe hier oben, machten ein paar Fotos und aßen ein paar Happen, während es ringsum allmählich voller wurde. Nach einer Dreiviertelstunde machten wir uns wieder auf den Weg. Ab durch den Verkehr. Da wir auch hier sicherten (So viele Touren haben Lorenz und ich noch nicht zusammen gemacht, also Safety first), dauerte es etwas, sich durch voraus gehende, überholende und entgegenkommende Seilschaften durchzuwuseln. Echt irre, wie es da zugeht.

Nach dem Kleinglockner wurde es etwas entspannter. Erst an den traurigen Überresten des Glocknerleitls – nun reduziert zu einer eisigen Erdrinne – wurde es wieder etwas voller. Schließlich hatten wir auch das geschafft und wanderten über Firnfelder, denen man beim Schmelzen quasi zuschauen konnte, zur Adlersruhe (3451m). Mittlerweile war es 14:00 Uhr. Puh, das hatte lange gedauert. Trotzdem machten wir hier kurz Pause, schließlich war die Tour schon auch anstrengend.

Der Rest des Abstiegs ging dann wieder schneller: Den leichten Klettersteig runter zum Ködnitzkees, dann wieder angeseilt über den Gletscher und schließlich über den Mürztaler Steig zurück zur Hütte und zum Parkplatz. Das Wetter zeigte sich dabei patriotisch. Während die Wolken allmählich dichter wurden, blieb der Großglockner frei. Und auch ein Gewitter zog mit gebührendem Abstand vom Chef durchs Tauerntal. So erreichten wir im Schutz von König Glockner trocken unsere Autos. Müde und zufrieden, nachdem wir diese tolle Tour über den Stüdlgrat souverän bewältigt hatten.


Hannes

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

10 Kommentare

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magdalena · 22. August 2020 um 10:04 am

KOMPLIMENT zu diesem herrlichen Aufstiegsweg! Der steht bei uns auch schon lange auf dem Plan – aber manche Berge müssen einfach warten 😉 Inzwischen bin ich schon mal mit dir mitgegangen! Schöne Fotos, toller Text! Bei uns sind die Berge grad sehr überlaufen 🙁
Genieß die Spätsommertouren!
Herzliche Grüße aus dem Süden

    Hannes

    Hannes · 22. August 2020 um 12:49 pm

    Vielen Dank Magdalena! Ja, manche Berge müssen warten – bei mir hat es jetzt auch einige Jahre gedauert, bis es endlich gepasst hat. Und in Eurem Revier hätte ich auch noch ein paar auf dem Zettel… 😉
    Bei uns ist es vor allem im Allgäu und Ammergau richtig voll – da muss es gerade im Juli wirklich krass zugegangen sein. Mittlerweile sind wahrscheinlich alle deutschen Bergfreunde in Südtirol unterwegs und hier wird es allmählich wieder ruhiger. 😉

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      magdalena · 9. September 2020 um 3:11 pm

      Sag Bescheid, wenn du deinen Zettel hier im Revier auspackst 🙂 Vielleicht klappt es ja dieses Mal endlich mit einer gemeinsamen Tour!
      Genieß den Herbst!

        Hannes

        Hannes · 10. September 2020 um 12:37 pm

        Hallo Magdalena, werde ich gerne machen. 🙂 Wäre klasse, wenn es klappt.

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Rebecca · 23. August 2020 um 5:51 pm

Hey Hannes, auch von mir Glückwunsch – und: Neeeeeiiiid! Ich will auch! Aber da bei uns beiden die Meletzkigrat-Tour nicht mit dem Gipfel geendet hat, hoffe ich, dass es bei mir mit dem Stüdlgrat genauso klappt wie bei dir 😉 (Auch wenn ich einen erfolglosen Versuch schon hinter mir habe…)

    Hannes

    Hannes · 24. August 2020 um 4:18 pm

    Hallo Rebecca, ich drücke Dir die Daumen, dass es beim nächsten Versuch am Großglockner klappt. Aller guten Dinge sind drei, oder? 😉 (Gilt bei mir hoffentlich auch für die Wildspitze)

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Mark · 28. August 2020 um 10:37 am

Gratulation zur Tour! Mit nur einer anderen Seilschaft bei perfektem Wetter auf dem Großglockner zu sein dürfte ein seltenes Vergnügen sein. Da war es am Gipfel des Bietschhorns bei uns voller! Allerdings war die Anzahl der später kommenden Seilschaften dafür sehr überschaubar. 😉

    Hannes

    Hannes · 29. August 2020 um 11:26 am

    Danke Mark! Da hatten wir tatsächlich viel Glück, als wir oben ankommen.

    Und Ihr wart auf dem Bietschhorn? Schweinerei! Bzw. Glückwunsch! Bin gespannt auf Euren Bericht. Und dann mal schauen, wann ich es das nächste Mal versuche.

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Mark · 30. August 2020 um 9:25 am

Ich wünsche dir, dass es beim nächsten Mal klappt. Meine Empfehlung wäre spät im Sommer zu gehen, wenn es keinen Schnee mehr am Grat bzw. in der Flanke hat.
Wir empfanden die Tour als erstaunlich einfach, aber relativ mühsam. Die Orientierung ist nicht trivial, aber prinzipiell kann man fast überall gehen. Die beiden nachfolgenden Führerpartien haben auch nicht immer dieselbe Route genommen.

    Hannes

    Hannes · 5. September 2020 um 6:03 am

    Vielen Dank für die Tipps, Mark! Ich freue mich schon darauf, es wieder zu versuchen.

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