Klettern im Wetterstein am 13.09.2020

„Über den Kampf ins Spiel finden“ ist ein klischeehafte Umschreibung für taktisch nicht überzeugende Fussballspiele. Ein bisschen so erging es uns an der Höllentorkopf Nordkante. Taktisch überzeugten wir nicht, aber wir kamen trotzdem gut durch.

Christian und ich hatten uns im Juli bei einem DAV-Lehrgang kennengelernt und wollten nun mal zusammen klettern gehen. Als Ziel suchten wir uns die Höllentokopf Nordkante aus, eine klassische Route im nördlichen Wetterstein.

Wie schon zwei Tage zuvor in Innsbruck erfolgte der Zustieg per Seilbahn, dieses Mal allerdings mit der Alpspitzbahn. Von dort stiegen wir dann erst einmal zum Hupfleitenjoch (1750m) ab. Hier gönnten wir uns den kurzen Abstecher zum Schwarzenkopf (1818m), einem schönen Aussichtspunkt, der uns obendrein einen guten Blick auf den Zustieg und unsere Tour gewährte.

Anschließend gingen wir dann unser eigentliches Ziel an. Ein Stück folgten wir dem Steig zu den Knappenhäusern, dann bogen wir links ab. Christian fand gleich den richtigen Weg durch die Latschen, dann ging es etwas mühsam durch Schutt und Schrofen weiter aufwärts. An eine kurzen Felsaufschwung (II) gab es dann den ersten Schreck des Tages. Als ich mich gerade auf dem linken Fuß hochdrückte, gab mein Rucksack ein kurzes Schnalzen von sich und kippte nach rechts. Ups, linker Schultergurt gerissen. Doch zum Glück konnte ich das Gleichgewicht halten.

Bis zum Einstieg der Höllentorkopf Nordkante hielt ich den Rucksack dann mit einer Hand fest, dort flickte ich ihn notdürftig mit einer Reepschnur. So würde es wohl gehen. Während wir uns nun kletterfertig machten, kamen von Westen zwei weitere Kletterer zu uns herauf. Die beiden hatten den Zustieg wohl nicht ganz optimal gefunden.

Während sich die Beiden am Einstieg sortierten, startete Christian in die erste Seillänge. Am ersten Aufschwung geht es gleich mal steil (IV) und hakenfrei los. Christian meisterte das problemlos und verschwand dann hinter einer Kante. Anschließend gab ich weiter Seil aus und wunderte mich, wie lange er unterwegs war.

Irgendwann konnte ich dann doch nachkommen. Und nach dem Aufschwung klärte sich bald das Bild: Christian war immer an der Kante entlang in eine steile Verschneidung geklettert und hatte dort an zwei Normalhaken Stand machen müssen – unsicher, ob er dort richtig sei. Ich hielt mich weiter rechts in einer flachen Rinne und kam dann auch automatisch am Borhakenstand etwa 5m unter meinem Partner vorbei. Super, erste Seillänge, erster Verhauer!

Während ich Christian herunter sicherte, überholte uns die andere Seilschaft, die wir auch gerne vorbeiließen. Dann durfte Christian auch gleich die zweite Seillänge vorsteigen. Abgespeckt ging es um eine Kante (V-, besser unten queren, da gibt es gute Tritte), dann in einer liegenden Verschneidung schräg hinauf (IV+) und zum Schluss über eine Stufe zum nächsten Stand.

Für Länge Nr. 3 war ich dann dran. Um einen Trichter herum und dann eine Rinne herauf (III+), dann war ich schon am nächsten Stand. Länge 4 war sogar noch kürzer (III). Leider lag hier ziemlich viel loses Zeug herum und Christian warf gleich zwei Mal mit Steinen nach mir.

In der fünften Länge wurde es wieder interessant und ich durfte den großen Kamin (IV+) angehen. Erst ein bisschen Wandkletterei rechts des Kamins, dann Stemmen im glatten Kamin und zum Schluss noch Kriechen unter dem Klemmblock hindurch. Abwechslungsreich und mühsam war das. Und mit ganz vielen Gelegenheiten ausgestattet, mich für den Steinschlag zu revanchieren. Praktischerweise lag der der letzte Stand auch genau in Schusslinie. Das wurde bei der Sanierung vielleicht nicht optimal gelöst…

Die sechste Seillänge führte dann aus dem Kamin und steil die Kante empor (IV+). Eigentlich schöne Kletterei, aber ganz schön anstrengend. In der achten Seillänge durfte Christian dann den leicht überhängenden Riss bezwingen (IV) und anschließend wurde es etwas einfacher.

In der elften Länge leisteten wir uns dann den zweiten Verhauer. Ich kletterte zu einem Borhaken leicht rechts über dem Stand. Bis dahin ging es gut, aber aber hier sah es richtig schwer aus. Das war definitiv falsch. Also zurück zum Stand und dann nach links wieder hoch und nach einem Aufschwung (III+) durch Schrofen zum nächsten Stand an zwei Friends. Ärgerlich, dass wir uns schon wieder vertan hatten, denn eigentlich war die Beschreibung recht eindeutig. Trotzdem war ich der Versuchung des Hakens erlegen. So hatten wir noch mal ordentlich Zeit verloren.

Auf den letzten drei Seillängen suchten wir uns den Weg durch recht unübersichtliches Schrofengelände. Hier gibt es mehrere Varianten und wahrscheinlich kann man auch mit einem halben Grad weniger zum Ziel kommen als wir. Schließlich erreichten wir durch eine Rinne den Ausstieg und stiegen zum Gipfel (2146m) auf.

Damit war das kleine Abenteuer Höllentorkopf Nordkante geschafft! Während unter uns gerade die Letzte Gondel zu Tal schwebte, waren wir erleichtert, mit reichlich Verspätung endlich hier oben zu sitzen. Natürlich machten wir Pause, aßen etwas und ruhten kurz aus.

Dann machten wir uns an den Abstieg. Über den Steig hinab zum Höllentor (2092m) und weiter zur bereits geschlossenen Seilbahnstation. Tja, Fußabstieg. Als Belohnung für unsere beiden Verhauer. Den 1910m hohen Längenfelderkopf nahmen wir noch mit, dann ging es über den Jägersteig zügig bergab und bereits im Dunkeln zum Parkplatz in Hammersbach. Trotz taktischer Schwächen war es mal wieder ein großartiger Tag im Gebirge, der hier zu Ende ging.

Da ich von den Topos, die ich zur Höllentorkopf Nordkante gefunden habe, nicht allzu begeistert war, habe ich mir die Mühe gemacht, selbst eines zu zeichnen. Es ist aus dem Gedächtnis entstanden und ich kann keine Gewähr dafür übernehmen, dass es korrekt oder hilfreich ist. Über Feedback dazu freue ich mich.


Hannes

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

2 Kommentare

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Mark · 30. September 2020 um 3:29 pm

Von einem einfach so gerissenen Rucksack-Gurt habe ich noch nie gehört. Gut, dass er dich nicht aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Die Nordkante kommt nach deiner Beschreibung nicht unbedingt auf meine Wunschliste. Aber so ähnlich habe ich sie mir auch vorgestellt.

    Hannes

    Hannes · 3. Oktober 2020 um 2:08 pm

    Wahrscheinlich ist das der Preis für die immer leichtere Ausrüstung… Das war kein schöner Moment.

    Und na ja, für Euch Bruch-Plaisier-Spezailisten doch kein Problem. 😉

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