Bergtour im Wetterstein am 08.05.2021

Schon oft habe ich von Mittenwald oder aus dem Karwendel die Untere Wettersteinspitze bewundert. Und natürlich wollte ich dort auch mal hoch. Da die Hauptschwierigkeiten im Erklettern einer steilen Rinne liegt, dachte ich mir, dass es im Frühjahr bei viel Schnee einfacher sein könnte. Ein Plan, der nur halb aufging…

Mein Sektionskollege Dirk hatte diesen Wintere bereits die Obere Wettersteinspitze bestiegen und war für einen Besuch ihrer kleinen Schwester leicht zu begeistern. Wir trafen uns 07:30 Uhr auf einem kleinen Parkplatz bei Mittenwald und starteten bald zu unserem Ausflug. Der Tag würde lang werden, da wollten wir keine Zeit verlieren.

Unser erstes Ziel war das Wirtshaus Ederkanzel (1184m), wo uns statt Kaffee und Frühstück allerdings nur der Hund erwartete. Misstrauisch bellte er in unsere Richtung, bis wir in Abzweig zum Grünkopf verschwunden waren. Weiter wanderten wir an der bayerisch-tirolerischen Grenze entlang durch den schönen Bergwald. Im Anstieg zum Grünkopf erwartete uns dann auch erster Schnee, der hier noch trittfest und sehr gut zu gehen war.

Nach 1:45h hatten wir dann unseren ersten Gipfel erreicht (Grünkopf, 1587m). Markant ist er nicht, hat aber ein eigenes Gipfelkreuz. Und er bietet eine sehr gute Aussicht auf unser eigentliches Tagesziel, die Untere Wettersteinspitze. Die Ostrinne sah von hier aus verdammt steil aus und flößte uns ordentlich Respekt ein.

Zunächst aber folgten wir dem Wanderweg wieder bergab und weiter nach Westen. Nach 20 Minuten erreichten wir den Abzweig zum Franzosensteig und ab hier war Spuren angesagt. Kurz folgten wir dem Steig, dann bogen wir auf gut Glück rechts ab und starteten den weglosen Anstieg zur Unteren Wettersteinspitze. Markiert ist hier nix und daher Spürsinn gefragt. Zunächst konnten wir über mäßig steile Schneehänge recht angenehm ansteigen, dann wurde es steiler und botanischer. Einige Waldwühl- und Latschenkampf-Einlagen waren dabei, bis wir endlich einen latschenbestandenen Gupf erreichten, von dem aus wir den Weiterweg einsehen konnten.

Jetzt war einigermaßen klar, wie wir die Rinne erreichen würden. Zwei latschige Rücken noch und dann hinein ins Wühlvergnügen. Weiter ging es also durch mittlerweile schon weicheren Schnee, bis wir kurz unter dem Schuttkegel, der aus der Rinne herausfließt, Pause machten. Etwas essen und trinken, dann forderte mich Dirk zum Weitergehen auf. Also los! Mit Pickel und Helm und mit gespannter Vorfreude gingen wir es an.

Am Schuttkegel waren alte Lawinenreste zu sehen, aber heute schienen uns die Verhältnisse sicher zu sein. Also weiter. Immer steiler und mühsamer wühlten wir uns durch den weichen Schnee. Echtes Wühlmeister-Gelände, aber eben auch ganz schön anstrengend. Daher war ich dankbar, dass mich Dirk nun beim Spuren ablöste und den sehr steilen Rest der Rinne übernahm.

Oben teilt sich die Schlucht und hier schauten wir uns von einem aperen Fleckchen aus um: links die abweisend plattigen Felsen einer Verschneidung, rechts eine sehr enge Schneerinne mit gruseligem Felsabschluss. Tja, und nun? Einladend sah beides nicht aus. Und kurz dachte zumindest ich ans Umdrehen. Aber nach genauerer Betrachtung und kurzer Beratung entschieden wir, die Felsen wenigstens zu versuchen.

Die übliche Schlüsselstelle weiter unten in der Rinne hatten wir nur als Aufsteilung des Schnees mitbekommen. Dafür mussten wir hier oben nun diese Platte erklimmen, die man im Sommer wahrscheinlich weiter links durch Schrofen umgehen kann. Aber et is wie et is und umkehren kann man immer noch. Also weiter. Die kleingriffige und trittarme Schlüsselstelle kam mir eher wie III als II vor, aber das mag auch an mangelnder Gewöhnung so kurz nach dem Winter liegen. Dirk tat sich leichter und bald erreichten wir den Sattel am oberen Ende der Verschneidung.

Nun kam auch der Gipfelaufbau in den Blick. Geschenkt würde der leider auch nicht sein. Die leichten Schrofen direkt vor uns waren teils schneebedeckt und damit heikel. Dahinter bauten sich steilere Felsen auf. Der beste Weg war nicht ganz klar und wir visierten – wieder auf gut Glück – eine Art Schrofenrinne an. Auch hier waren die Tritte teils noch schneebedeckt und entsprechend vorsichtig gingen wir bei der Kletterei (bis II) zu Werke, zumal wir die Steigeisen unten in der Rinne gelassen hatten. Auch hier gibt es vermutlich eine leichtere Variante, die sich uns aber nicht erschloss.

Die heikle Kletterei ging an die Nerven. Daher beschlossen wir, nach der Rinne nur weiterzugehen, wenn die nach Süden ausgerichteten Felsen darüber aper sein würden. Und aper waren sie. Also zumindest größtenteils. Also weiter. Nun kamen wir auch endlich wieder zügiger vorwärts und erreichten kurz nach 13:00 Uhr den Gipfel. Untere Wettersteinspitze, 2152m – heute definitiv hart erarbeitet. Laut Gipfelbuch waren wir die ersten Besucher seit Januar. Und wir konnten uns vorstellen, warum.

Wir setzten uns unters kleine Gipfelkreuz, machten Pause und genossen die Aussicht. Auf Mittenwald und die Voralpen, aufs Karwendel und auf den scharfen Grat hinüber zur Oberen Wettersteinspitze. Schön hier! Aber so ganz entspannen konnte wir dann doch nicht, zu präsent war der fordernde Abstieg von diesem exklusiven Aussichtspunkt.

Und der Abstieg zog sich dann entsprechend. Auch weil wir längere Abschnitte einzeln kletterten, um uns im brüchigen Gelände nicht gegenseitig mit Steinen zu beschmeißen. Auf den ersten Abklettermetern stakste ich ziemlich herum, dann kamen allmählich wieder Fluss und Sicherheit in die Bewegungen. Vorsicht ging hier vor Schnelligkeit und so dauerte es über eine Stunde, bis wir wieder in der Ostrinne standen. Damit war das Schwerste schon mal geschafft. Jetzt also die Rinne wieder runter. Erst vorwärts, dann im steilen Teil rückwärts, dann wieder vorwärts. Dirk packte hier den Turbo aus und wartete unten am Schuttkegel auf mich.

Geschafft. Erleichtert und auch ein wenig stolz packten wir Helm und Pickel weg und machten uns an den Waldabstieg. Wir vermuteten eine bessere Variante etwas nordwestlich unserer Anstiegsroute. Also wieder Schneewühlerei durch unverspurtes Gelände, Latschenkampf, Waldwühlerei inklusive Kletterstelle (I) und spekulative Routensuche. Endlich, kurz nach halb fünf, erreichten wir den Steig wieder. Oh Du schöner Wanderweg! Mittlerweile stand mir das Wasser in den Schuhen, aber nun war die Wühlerei ja vorbei. Unter den Ferchenseewänden entlang und am Lautersee vorbei wanderten wir entspannt zurück zum Parkplatz.

Was für eine Bergfahrt, die da hinter uns lag. Da hatten Dirk und ich mal eine ordentliche Kennenlerntour unternommen. Wirklich leichter als im Sommer war diese Frühjahrsbesteigung auf die Untere Wettersteinspitze wohl nicht. Wahrscheinlich eher das Gegenteil. Dafür mit deutlich höherem Wühlfaktor. Eben eine Tour für Freunde des gepflegten Wühlpinismus. Und wenn ich die Untere Wettersteinspitze dann das nächste Mal sehe, dann weiß ich endlich, wie es da oben so ist.


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

2 Kommentare

Mark · 13. Mai 2021 um 5:15 am

Die Untere Wettersteinspitze gehört zu den Bergen, die ich schon seit langer Zeit besteigen möchte, aber die in der Tourenplanung dennoch immer wieder durchfallen.
Vielleicht motiviert mich dein Bericht, sie doch mal anzugehen. Ich warte aber lieber auf weniger Schnee…

    Hannes · 13. Mai 2021 um 5:58 am

    Mir ging es ähnlich, dann habe ich auf mehr Schnee gewartet… Ist aber nicht zwingend zu empfehlen. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.