Klettersteig in den Dolomiten am 10.06.2021

Die Sass Rigais ist – neben der Furchetta – einer der beiden Hauptgipfel der Geislergruppe. Ihre Überschreitung ist eine klassische, nicht allzu schwere Klettersteigtour. Interessanter wird sie bei Frühjahrsverhältnissen mit Schnee und Eis.

Nach zuletzt sehr wechselhaftem Wetter in den Dolomiten war nun endlich eine gewisse Stabilisierung vorhergesagt, die ich natürlich gleich nutzen wollte. Mit der Sass Rigais als Ziel hatte ich eine ordentliche Tour vor mir.

Um sieben startete ich an der Talstation der Col Raiser-Bergbahn und wanderte los. Zunächst noch in meinen Laufschuhen, die Bergschuhe hatte ich hinten an den Rucksack gebunden. Schon der Zustieg ist landschaftlich spektakulär: Vor mir die kühnen Gipfel der Geislergruppe von Fermeda bis Torkofel, hinter mir der Blick auf den Langkofel. An den großen Dolomitenbergen, an diesem Kontrast zwischen sanften Almflächen und fast senkrechten Felsaufbauten kann ich mich nie satt sehen.

An der Regensburger Hütte vorbei wanderte ich weiter bergwärts bis zu einer Weggabelung direkt unterhalb der Sass Rigais. Links ging es hier zum Südwestanstieg, rechts herum zum Ostanstieg – beide relativ einfache Klettersteige, aber vermutlich mit sehr unterschiedlicher Schneelage. Ich machte hier kurz Pause, deponierte die Laufschuhe und entschied mich für die schneereiche Ost-Variante, um den Berg nach Möglichkeit zu überschreiten.

Das Val dla Salieries, das beeindruckend zwischen Sass Rigais und Furchetta liegt, wirkte noch winterlich. Zu meinem Glück trug der Schnee meist, so dass ich nur gelegentlich tiefer einbrach. Vom Sattel zwischen den beiden Hauptgipfeln der Geislergruppe ging ich gleich weiter zum Einstieg in den Klettersteig.

Ich machte noch mal Pause und beobachtete das Wetter. Von Norden zogen immer dichtere Wolken auf. Laut Vorhersage sollte es sich später aber wieder bessern und erst am späten Nachmittag Schauer geben. Also beschloss ich, es zu versuchen. Helm, Gurt, Klettersteig legte ich an und nach kurzem Zögern auch die Steigeisen. Auch den Pickel hielt ich bereit. Sollte doch mal eine Passage vereist sein, wollte ich vorbereitet sein.

Und dann ging es los in diesen abwechslungsreichen Anstieg. Normale Klettersteigpassagen wechselten sich ab mit Blankeisstellen, die Frontzacken- und Pickeleinsatz forderten, sowie Wühlpassagen durch tiefen, haltlosen Schnee. Auch einige IIer-Kletterstellen galt es als Umgehung der allerübelsten Wühlerei zu meistern.

Das war interessant, manchmal ein klein wenig heikel und durchgehend ziemlich anstrengend. Besondere Wühl-Highlights waren eine steile Rinne, die ich leider nur im untersten Teil umgehen konnte, sowie der letzte Hang, der schräg nach links zum Gipfel führte. Ganz zum Schluss musste ich mich am Pickel und einem Fels noch beherzt über die Wächte ziehen, dann hatte ich es geschafft: Ich stand am Gipfel der Sass Rigais (3025m). 4:20 h hatte ich netto insgesamt gebraucht. Gar nicht schlecht für die Verhältnisse.

Ich hatte einen Bärenhunger und machte daher erst mal Brotzeit. Die Aussicht war aufgrund der Wolken leider eingeschränkt, aber immer noch beeindruckend mit dem Dolomitenpanorama von Peitlerkofel über Tofane, Marmolada bis zum Schlern. Leider vergaß ich darüber, ins Gipfelbuch zu schauen. Dabei hätte mich interessiert, ob den Ostanstieg in diesem Jahr schon jemand gemacht hat.

Für den Südwestanstieg hingegen war der Fall klar. Hier gab es eine wenige Tage alte Spur. Ich war dankbar, mir hier nicht auch wieder den Weg suchen zu müssen. Vorsichtig ging ich die ersten Schneepassagen an. Und merkte schnell, dass ich die Steigeisen nicht mehr brauchen würde. Dann ging es hinab, meist am Stahlseil oder durch Schrofengelände, immer wieder auch durch den weichen Schnee.

Schließlich kam ich wieder an der Weggabelung an. Cool, hatte ich diese Tour also geschafft. Ich wechselte in die Laufschuhe und wanderte anschließend entspannt zur Pieralongia-Hütte, wo ich Claudia traf. Sie hatte sich heute mit einer Wanderung über die Seceda begnügt. Nach Weißbier und Kuchen an der Hütte stiegen wir schließlich zum Col Raiser ab und erledigten den Rest des Abstiegs per Seilbahn. Ich war hoch zufrieden nach dieser geglückten Überschreitung bei Frühjahrsverhältnissen.

Fakten zur Tour

  • Sass Rigais (3025m), Ost-Südwest-Überschreitung
  • Erstbesteigung durch Giorgio & Giovanni Bernard, Bruno Wagner und Eduard Niglutsch am 04.07.1878
  • Schwierigkeit B-C, I, T3 (wenn aper; bei Schnee und Eis entsprechend schwerer)
  • 1600 Hm

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.