Klettersteig in den Dolomiten am 15.06.2021

Bei meiner Tour zum Westgrat der Marmolada bin ich ziemlich exakt dort umgedreht, wo ich es vorher erwartet hatte. Trotzdem hat sich der Versuch für mich gelohnt. Ich habe wieder mal etwas gelernt und durfte einen Tag in der großartigen Landschaft des Val de Contrin verbringen.

Für unseren Südtirol-Urlaub hatte ich mir einen Versuch an der Marmolada in den Kopf gesetzt. Mein ursprünglich angedachten Partner fiel aus und auch Ski hatte ich nicht dabei. So blieb mir nur ein Versuch über den Westgrat. Dieser ist mit einem Klettersteig (B) ausgestattet und kann daher gut allein begangen werden. Problematisch war allerdings die Schneelage und trotz meines Erfolgs an der Sass Rigais in der Woche zuvor rechnete ich dieses Mal nicht damit, dass ich am Gipfel ankommen würde.

Ich startete 06:00 Uhr morgens in Solagna mit der langen Wanderung ins Contrin-Tal. Es war der letzte Tag, an dem für den Nachmittag keine Gewitterneiugung vorhergesagt war, deswegen hatte ich ihn mir ausgesucht. Sonst hätte ich dem Schnee gerne noch mehr Zeit gegeben, abzuschmelzen.

Nach 1:15 h gemütlichen dahin wanderns durch das schöne Tal erreichte ich das Rifugio Contrin (2016m), das noch geschlossen war. Ab hier wurde die Landschaft dramatisch. Zwischen den gewaltigen Abstürzen der Zime de Ombreta und des Picol Vernel erhob sich die noch gewaltigere Südwand der Marmolada. Beziehungsweise nur der kleine Teil der Wand, der westlich des Ombreta-Passes liegt. Aber schon der war sehr beeindruckend.

Kurz darauf wechselte ich in die Bergschuhe und ließ die Laufschuhe zurück. Gleichmäßig stieg ich durch das steile Gelände des Val Rosalia auf. Vor mir waren Zwei unterwegs, die anscheinend Murmeltiere fotografieren wollten, ansonsten war hier nichts los.

Ich erreichte ein schneebedecktes Tälchen. Der Schnee war hart gefroren. Ein gutes Zeichen. Weiter oben folgte ich den Pfadspuren durch loses Geröll, bis ich schließlich zum Schneefeld unterhalb der Sforcela de la Marmolada gelangte. Hier machte ich kurz Pause, aß etwas und packte Steigeisen, Pickel, Gurt, Helm und Klettersteigset aus.

Und dann ging es los. Ich war etwas nervös, atmete noch mal tief durch und setzte dann den ersten Schritt in den steilen, harten Schnee. Das knirschen und der feste Halt der Steigeisen gab mir bald meine Sicherheit zurück und ich stieg weiter aufwärts. Teils auf den Frontzacken, teils Stufen tretend erreichte ich den neuen, tieferen Einstieg in den Klettersteig. Mit den Steigeisen über den plattigen Fels kratzend arbeitete ich mich bis zur Scharte auf 2896m vor.

Auf dem kleinen Felsblock in der Scharte blickte ich mich um. Auf der Nordseite war ebenfalls niemand zu sehen. Einige ältere Skispuren zeugten davon, dass die Sommersaison noch sehr jung war. Auf der Südseite hatte ich einige ziemlich verwaschene alte Spuren im Schnee gesehen, ab hier und auf der Nordseite nun nichts mehr.

Vor mir lagen eine kurze Querung durch eine Schneerinne, dann eine Klammerreihe, dann eine Felsquerung, bei der das Drahtseil bald unter dem Schnee verschwand. Na dann schaue ich mir das mal aus der Nähe an, dachte ich mir. Die Schnequerung war unangenehm, da sie sehr steil und der Schnee bereits faul war. Über die Klammerreihe erreichte ich dann die Querung.

Auch hier war der Schnee faul, unten lief bereits Schmelzwasser aus. Das gefiel mir nicht. Ich hatte Zweifel, dass der Schnee mich jetzt und im Abstieg halten würde. Weiter oben sahen die Bedingungen wieder gut aus, doch wusste ich nicht, wie lang die Querung sein würde und eine Sicherung war hier unmöglich. Ich schaute mich nach Alternativen um, fand keine, die mir gefiel, und entschloss mich zum Rückzug.

Genau die Querungen in die plattige Nordflanke hatte ich vorher als Schlüsselstelle ausgemacht und schon erwartet, dass die Verhältnisse dort nicht ausreichend sicher sein würden. Und nun war es tatsächlich genau so gekommen. Trotzdem war ich froh, dass ich es probiert hatte. Mit Seil und einem Partner wäre ich hier weiter gegangen, so war es mir zu heikel.

Konzentriert kletterte ich zurück in die Scharte und weiter zu meinem Rastplatz, wo ich das Geraffel wieder verstaute und noch einmal Pause machte. Schade, dass es nicht geklappt hatte, aber auch ok. Dann stieg ich ohne Eile wieder ab. Der Schnee weiter unten war mittlerweile weich geworden und ließ sich entspannt ablaufen. Der Rest war auch problemlos. Schließlich wanderte ich gemütlich durchs schöne, wilde Val de Contrin zurück zum Parkplatz.

Ich werde zurückkehren zur Marmolada. Dann bei besseren Bedingungen.

Fakten zur Tour

  • Sforcela de la Marmolada (2896m)
  • Schwierigkeit C, T4
  • 1400 Hm


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

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