Bergtour im Karwendel am 26.06.2021

Die Spritzkarspitze dominiert das Bergpanorama über der Eng. Ihrer kühnen Gestalt entsprechend sind alle ihre Anstiege anspruchsvoll. Von Norden führt der einfachste Anstieg durch die Eiskarln und bietet ein Karwendelabenteuer vom Feinsten. Insbesondere Freunde ausgesetzter Querungen kommen hier voll auf ihre Kosten.

Donnerstag Abend fragte ich Gregor, ob er am Samstag spontan Zeit hätte für eine Bergtour. Hatte er. Und schlug die Spritzkarspitze durch die Eiskarln vor. Da musste ich nicht lange überlegen, hatte ich diese Tour doch ebenfalls schon lange im Kopf. Und definitiv zu viel Respekt davor, um sie alleine zu versuchen.

08:40 Uhr starteten wir am Parkplatz in der Eng. Wir folgten zunächst der Straße zur Engalm und dann ein kurzes Stück dem Weiterweg zur Binsalm. Bald bogen wir nach rechts ab und überquerten den Bach auf sein orografisch linkes Ufer. Die Bergwiesen, über die wie nun anstiegen, standen in voller Blüte. Wundklee, Knabenkraut, Schlüssel- und Trollblumen leuchteten überall. Dazu viele andere Blumen, deren Namen ich nicht kenne.

In dieser Blütenpracht fanden wir bald die Pfadspur, die uns im Zickzack hinauf zum Kirchl (ca. 1580m) führte. Von dieser Wiesenterrasse hatten wir bereits einen sehr schönen Blick über die Eng und fühlten uns schon ein Stück dem Tal entrückt. Weiter führte uns der Pfad durch die Latschenterrassen, an Schafen vorbei ins Hochglückkar. An einem Felsblock, den offensichtlich auch ein lokaler Bergführer als Basislager für seine Erschließungstätigkeit nutzte, machten wir kurz Pause, bevor wir den ernsten Teil der Tour angingen.

Und dann ging es an den ersten spannenden Abschnitt: Die Querung des Eiskarlspitze-Nordgratturms hinüber in die Eiskarln. Über diese Querung hatte ich schon allerhand Schauerliches gehört. Aber so schlimm kann es a nicht sein, hatte ich mir gedacht, ist ja schließlich nur ein IIer…

Wir fanden bald den richtigen Zugang und Gregor, der hier vorging, führte uns über ein schmales Grasband nach rechts (von unten aus gesehen). Das Band wurde immer schmaler und erreichte schließlich eine tatsächlich ziemlich spektakuläre Ausgesetztheit*. Und dann war da ein kleines Loch im Band, das mit einem Spreizschritt überwunden werden wollte. Schwer war das nicht, forderte aber mit etwa 400m Luft unter dem Allerwertesten Überwindung.

Ich brauchte ein paar Anläufe, dann hatte ich den richtigen Dreh raus und war drüben. Nach dem wahrscheinlich ausgesetztesten Schritt, den ich ohne Seilsicherung je gemacht habe. Wir folgten dem Band nun noch ein Stück und stiegen dann über sehr steile Grasschrofen nach links oben zu einem kleinen Absatz. Ab hier stiegen wir zwei Schritte ab und folgten wir einem nächsten sehr schmalen Band wieder nach rechts. Eine kurze Unterbrechungsstelle (I-II) hielt den Adrenalinspiegel hoch, bevor wir um eine Ecke kamen und das Band endlich wieder breit genug wurde, um beide Füße nebeneinander zu stellen.

Ein wenig entspannter setzten wir unsere Querung fort. Noch einmal stiegen wir zu einem tiefer liegenden Band ab, was sich jedoch als Fehler entpuppte. So mussten wir die verlorenen Meter wieder hinauf klettern. Schließlich kamen wir zu einer Verschneidung, die wir steil aufwärts klettern mussten (II). Auch diese Kletterstelle war sehr ausgesetzt. Mittlerweile hatten wir uns aber zum Glück soweit eingewöhnt, dass uns das nicht mehr viel ausmachte.

Oben erreichten wir eine grasige Terrasse, die sich zu den Eiskarln hin öffnete. Geschafft! Wir schauten uns kurz mit großen Augen gegenseitig an. Das war mal ein heftiger Start gewesen! „Was für eine Eintrittskarte!“ meinte Gregor etwas später. Und das war treffend. Denn erstens ging die Tour hier erst so richtig los. Und zweitens waren wir jetzt voll drin und der Rückweg wäre extrem unangenehm.

Nach dem heiklen Eintritt konnten wir nun deutlichen entspannter durch die beeindruckenden Eiskarln spazieren. Der Name leitet sich davon ab, dass hier im oberen Teil der einzige kleine Gletscher des Karwendels liegt. Den wollten wir heute aber nicht besuchen. Stattdessen querten wir unter dem Ansatz des Nordsporns der Spritzkarspitze auf dessen Westseite.

Durch ein steiles Schneefeld spurte ich noch ein Stück aufwärts, dann wechselten wir in den Fels. Etwa 400 Höhenmeter Kraxelei hatten wir nun vor uns. Und die machten richtig Spaß. Anhaltend ging es im I. Grad aufwärts, immer wieder mit Aufschwüngen im II. Grad garniert. Gehgelände gab es zwischendurch kaum. Der Fels war oft fest, gelegentlich abschüssig und splittrig und seltner auch schuttig-brüchig. Für Karwendel-Verhältnisse also super.

Im oberen Teil steilt der Sporngrat deutlich auf und verliert sich in den Abstürzen des Spritzkarspitzen-Ostgrates auf. An einem großen Steinmann querten wir nicht wie im AV-Führer beschrieben nach links, sondern einige Meter ausgesetzt nach rechts. Hier fanden wir einen schmalen Kamin, der sich prima aufwärts spreizen ließ (II+). Das war tolle Kletterei. Dabei war die Hauptherausforderung für Gregor, der hier vorging, mir keinen Stein auf den Kopf zu schmeißen. Das bekam er zum Glück prima hin und bald erreichten wir das obere Ende des Kamins.

Nach einem weiteren kurzen Aufschwung querten wir bei einem weiteren Steinmann erneut nach rechts auf ein Schuttband. Diese führte uns einfach, ausgesetzt und sehr elegant zum Ostgrat der Spritzkarspitze, den wir direkt westlich des Aufschwungs zum P2589 erreichten. Wow, damit hatten wir den Hauptteil der Tour hinter uns gebracht.

Der Weiterweg zur Spritzkarspitze war nun nicht mehr schwierig und nach 10min standen wir am 2606m hohen Gipfel. Tief unter uns lag die Eng — ein Blick fast wie aus dem Flugzeug. Gigantisch! Trotzdem gingen wir nach einer kurzen Trinkpause schon weiter, weil wir noch den Anstieg zur Eiskarlspitze hinter uns bringen wollten.

Wir hatten vorher vier andere Bergfreunde dabei beobachtet, wie sie den Steilaufschwung zur Eiskarlspitze erklettert hatten, so dass wir schon wussten, wo es lang geht. Der Aufschwung sieht aus der Ferne eher abweisend aus, löst sich dann aber gut auf. Durch eine steile Rinne klettertern wir über erstaunlich festen Fels aufwärts (II+), querten dann ein Stück nach rechts und erreichten über Schrofen den Kopf des Aufschwungs. Nun war der Weg frei zum Gipfel der Eiskarlspitze (2610m).

Gregor meinte dazu, dass im Karwendel aus der Ferne Alles furchteinflößend aussehe. Und man erst aus der Nähe sehe, dass es doch geht. „Nur die Eintrittsquerung heute,“ antwortete ich, „die sah aus der Nähe noch genau so furchteinflößend aus wie aus der Ferne“. Da konnte auch Gregor nur zustimmen.

Nun machten wir aber doch mal richtig Pause, studierten das Gipfelbuch und aßen endlich mal was. Die Aussicht war hier auch ziemlich gut, in diesem wilden, einsamen Teil des Karwendels. Nach einer guten halben Stunde mahnten uns die wachsenden Quellwolken wieder zum Aufbruch. Es lag ja noch ein nicht ganz kurzer Abstieg vor uns.

Und tatsächlich wurde der Abstieg über den Ostgrat sogar langwieriger als erwartet. Immer mal wieder forderten IIer-Passagen vorsichtiges Klettern. Zwei — natürlich wieder recht ausgesetzte — Querungen in die Nordseite waren auch dabei. Endlich erreichten wir die Hochglückscharte, deren nordseitiger Abstieg im Nebel schaurig-unschön aussah. War dann aber zum Glück halb so wild: Kurz abklettern (I), dann durch anfangs steilen Schnee hinab ins Hochglückkar.

Während wir über den Schnee ins Kar rutschten, hörten wir in der Ferne Donnergrollen. Ui, ein Glück, dass wir auf dem Weg nach unten waren! Wir wanderten weiter durchs Kar und beobachteten, wie zwei Gewitter nacheinander ihren Weg durchs Risstal nahmen, ohne uns zu belästigen. Puh, Glück gehabt!

Entspannt ging es nun zurück durchs Kirchl und weiter zur Engalm. Ein paar Minuten vor Erreichen des Wirtshauses erwischte es uns doch noch. Während der Wolkenbruch auf uns nieder ging, waren wir uns einig, dass wir diesen Preis gerne dafür zahlten, dass wir komplett trocken abgestiegen waren. Mit einem schnellen Radler stießen wir schließlich auf diese große, lange und sehr luftige Karwendeltour an.

*Leider hatte ich an den spektakulärsten Stellen nicht den Nerv zu fotografieren. Wer ein wenig sucht, findet online immerhin Fotos vom Einstiegsband. Im Rest der Querung ging es den meisten Begehern anscheinend ähnlich wie mir. Was ja auch einiges aussagt über diese Passage.

Fakten zur Tour

  • Spritzkarspitze (2606m), durch die Eiskarln
  • Erstbegehung 1896 durch A. v. Krafft
  • Schwierigkeit T6, II+
  • 1550 Hm
  • Abstieg über Eiskarlspitze (2610m) – T5, II+

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

6 Kommentare

Mark · 14. Juli 2021 um 4:09 pm

Die Tour gehört sicherlich zu den eindrucksvollsten von den klassischen Karwendel-Bergtouren. Gratulation dazu! Ich kenne die Tour leider nur aus Berichten. Der Weg in die Eng ist für mich eine halbe Weltreise.

    Hannes · 15. Juli 2021 um 8:20 am

    Danke Mark! Die Tour war für mich definitiv etwas Besonderes.

ReinerD · 15. Juli 2021 um 10:20 am

Glückwunsch zum schön ausgesetzen Eiskarlnzustieg ,-)
Als ich da vor 11 Jahren (2. GB-Eintrag) durch bin und so gemütlich noch am Steinmann vorbei und dem noch breiten Band dahingeschlendert bin gabs auch erst mal nen kleinen Schockmoment.
Schlagartig wurde das Grasband Fußbreit ..ausgesetzt ohne Ende. Also erst mal 10m zurück, Brotzeit machen und überlegen ob ich mir das wirlich anzun will.
Es ging dann doch ganz gut. Fels war ja immer Fest und nach dem ersten 2m-Aufschwung (ca 20-30m nach der Engstelle auf dem Einstiegsband) und immer leicht
rechts haltend rauf, hatte man schnell den Überblick wo es am leichtesten weitergeht.
Ist man dann um das Eck (fester heller Kompaktfelssporn, wasserzerfressen mit guter Trittleiste) ist der Rest auch kein Problem mehr. Die letzten 4 Meter warn aber nochmal luftig, da auf wackeligen Graspolsten unvermittelt direkt an der rechten Kante zur Wasserfallwand.
Damals hatte ich nur ein Foto vom Zustieg bei Sirdar gefunden, wo seine Truppe an der ausgesetzten
Fußbreiten Engstelle abgebrochen hatte. Die Größenverhältnisse in der Wand und
die gefühlte Ausgesetztheit mangels Fixpunkt fürs Auge spielen dem Gehirn da gern einen Streich ,-)
Ich weiss nur noch, beim Ausstieg – da will ich nie mehr runter. 2016 sind wir somit auch, nach dem Schiefen Riss , den großen Umweg über den oberen Nordgrat zur Spritzkarspitze und via Eiskarl und Hochglückscharte „runter“ gegangen, wobei im Oktober der Abstieg im Dunklen vorprogramiert war.
Bilder vom Durchstiegsteil hatte ich zwar auch einige gemacht, aber sieht fast alles ähnlich aus.
Jedenfalls schöne Bilder.
Gruss ReinerD

    Hannes · 15. Juli 2021 um 1:16 pm

    Hallo Reiner,
    danke für die eindrückliche Beschreibung Deiner Begehung! Dass Deine Erinnerung nach 11 Jahren noch so lebendig ist, sagt ja einiges aus. Mir wird es wahrscheinlich auch so gehen. 😉

    Und nach dem Schiefen Riss noch über beide Gipfel abzusteigen ist ja auch eine beeindruckende Leistung. Hut ab! Die Motivation dazu kann ich immerhin gut nachvollziehen.

    Schöne Grüße
    Hannes

Rebecca · 17. Juli 2021 um 9:48 am

HolladieWaldfee, da habt ihr ja eine große Tour unternommen – Glückwunsch! Sind ganz schön beeindruckende Bilder dabei. Lustigerweise habe ich mich kürzlich auch ein bisschen über die Tour informiert, wurde aber insbesondere vom Abstieg von der Eiskarlspitze zur Hochglückscharte etwas abgeschreckt (Rollsplit auf sehr steilen Schrofen). Hierzu hast du ja nicht so viel geschrieben. Wie hast du dieses Teilstück empfunden? Und wie lange habt ihr für die Tour gebraucht? 8:40 Uhr als Start ist ja doch eher spät für eine so anspruchsvolle Tour.
LG Rebecca

    Hannes · 17. Juli 2021 um 7:48 pm

    Danke Rebecca! Ja, wir waren eher spät dran, weil ich Faulpelz nicht noch früher aufstehen wollte… 😉 Inklusive Pausen haben wir 10:20 h gebraucht.

    Zum Abstieg: Den Rollsplit auf sehr steilen Schrofen gibt es tatsächlich. Die meisten Passagen konnte ich vorwärts absteigen. Da wo das nicht mehr ging, fand ich es tatsächlich unangenehm. Die Hauptherausforderung liegt meines Erachtens darin, über so lange Zeit die Konzentration hochzuhalten.

    Von der Beständigkeit der Anforderungen her war die Tour für uns schon sehr anspruchsvoll.

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