Hochtour in den Berner Alpen am 11.-13.08.2021

Schon seit 1997 möchte ich einmal das Bietschhorn besteigen. 24 Jahre später war es dann soweit: Zusammen mit Boris ging ich den Normalweg über den Westgrat an. Es wurde ein sehr langer Tag an einem großen Berg.

Nach unserer gelungenen Eingehtour am Galenstock am Tag zuvor stiegen wir mittags voller Selbstbewusstsein zur Bietschhornhütte auf. Es war heiß und wir bemühten uns, nicht zu schnell zu steigen, um Kraft für den Folgetag zu sparen. Gegen 15:00 Uhr erreichten wir die Hütte und konnten uns dem nächsten wichtigen Tagesordnungspunkt widmen: Kuchen essen. Denn auf der Bietschhornhütte den Kuchen zu verschmähen wäre geradezu ein Verbrechen.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker um 02:00 Uhr. Ein untrügliches Zeichen für eine auch nach Westalpenmaßstäben ausgewachsen lange Tour. Nach dem Frühstück ging es dann viertel vor drei für uns los als letzte von fünf Seilschaften, die sich heute das Bietschhorn vorgenommen hatten. Da wir noch nicht optimal akklimatisiert hatten, stiegen wir nicht allzu schnell zum Schafbärg auf. Ich frage mich immer wieder, wie das die Schweizer machen. Die gehen ja auch nicht jedes Wochenende auf Hochtour, aber legen eigentlich immer ein beeindruckendes Tempo vor.

Die Verhältnisse waren heute viel besser als bei meinem Versuch vor zwei Jahren, so dass wir nach knapp anderthalb Stunden das Bietschjoch erreichten. Es folgte die kurze Gletscherquerung, die dank perfekter Firnauflage ebenfalls unproblematisch war. Dann erreichten wir den Fuß des Westgrates, die Stirnlampen der Anderen bereits weit über uns. Hier deponierten wir die Stöcke, aßen einen Riegel und starteten ins Blockgelände.

Während wir am Grat aufstiegen, wurde es allmählich hell. Im Süden begannen die Walliser Eisriesen in der Morgensonne zu leuchten. Besonders eindrucksvoll war mal wieder das Weisshorn, dass nach den Schneefällen der letzten Wochen seinem Namen alle Ehre machte. Der obere Bereich des Bietschhorns hingegen umgab sich hartnäckig mit Wolken und wollte sich nicht zeigen.

Einen ersten scharfen Gratabschnitt umgingen wir nordseitig, dann folgten die beiden südseitigen Bruch-Querungen, die jeweils auf einer Rippe etwas unterhalb der Gratschneide enden. Bis hierher war ich bei meinem ersten Versuch noch gekommen. Meine Umkehrstelle erreichten wir auch bald, dieses Mal bei deutlich besseren Verhältnissen. Schnee machte uns dieses Mal keine Schwierigkeiten, dafür gab es – je höher wir kamen – immer öfter überfrorene Nässe auf den Felsen. Gerade auf Platten war dadurch erhöhte Vorsicht notwendig.

Am grauen Turm mussten wir ein Stück knapp südlich der Gratschneide queren (III, Bohrhaken vorhanden). Anschließend ging es direkt auf der Gratschneide in den Nebel hinein. Die leichte Kletterei (II) hier war schön ausgesetzt und der Fels gut. Da wo der Grat wieder breiter wurde, ging es in der Flanke wieder durch brüchigeres Gestein. Aber auch das waren wir ja mittlerweile gewohnt. Wir gingen all das noch seilfrei und wechselten uns beim Vorgehen immer wieder ab.

Kurz vor dem Roten Turm mussten wir schließlich auf die Nordseite wechseln (Sauschwänze vorhanden). Hier ging es einige Meter sehr ausgesetzt zu einer kleinen Plattform vor dem Turm. Mit ihren reifüberzogenen Felsen und der luftigen Querung erinnerte mich diese Passage an den Normalweg auf die Ruinette. Nur ist das Bietschhorn insgesamt natürlich viel länger und auch anspruchsvoller.

Mittlerweile kamen uns die anderen Seilschaften schon wieder entgegen. Zwei waren weiter oben angesichts des noch schneebedeckten Gipfelgrates umgedreht, zwei andere waren oben gewesen. Wir waren gespannt, wie es uns ergehen würde. Zunächst einmal aber packten wir das Seil aus, denn zum steilen Teil des Turms hin galt es zwei steile Platten zu überwinden (III, Bohrhaken). Das wollten wir nicht mehr ungesichert machen. Nach meinem Empfinden war das auch tatsächlich die technisch anspruchsvollste Stelle im Aufstieg.

Den eigentlichen Turm fand ich dann wieder einfacher (II-III), da störten mich auch 25m ohne Zwischensicherung nicht. Anschließend durfte Boris den psychisch spannendsten Teil vorsteigen. Eine sehr schmales horizontales Gratstück wollte überwunden werden. Wahrscheinlich gibt es Bergsteiger, die hier einfach drüberspazieren. Bei uns war es eine Kombination aus Krabbeln und Reiten. Elegant sah das nicht aus aber brachte uns ans Ziel.

Nun nahm die Schneeauflage zu und als wir schließlich den Talgipfel erreichten, packten wir auch die Steigeisen aus. Einige Nordgratbegeher kamen uns noch entgegen und dann waren wir die letzten am Berg. Es wurde Zeit anzukommen. Am laufenden Seil gingen wir das letzte Stück zum Gipfel an. Und dann, zehn nach elf, waren wir tatsächlich am Gipfelkreuz. Bietschhorn, 3934m. Gigantisch! Etwas südlich gibt es eine Erhebung im Grat, die noch einmal 2m höher zu sein schien. Wir überlegten kurz, ob wir da hinüber gehen sollten, entschieden uns aber aus Zeitgründen dagegen. Schade zwar, aber mit dem Schnee am Grat und ganz ohne Spur hätte es hin und zurück bestimmt noch mal 20min gedauert. Und es wurde Zeit, von diesem Berg auch wieder hinunter zu kommen.

Auch so hatten wir schon jede Menge Aussicht zum Genießen, während wir eine Kleinigkeit aßen. Die Wolken hatten sich mittlerweile auch verzogen. Für irgend etwas muss es ja gut sein, so langsam zu sein wie wir. Apropos langsam: Dass das auch für den Abstieg gelten würde, war uns sofort klar. Wir waren beide von der Höhe und der Länge der Tour erschöpft, da würde der Abstieg am Westgrat mindestens genau so lange dauern wie der Aufstieg.

Und so war es dann auch. Ich brauchte für die schwierigeren Kletterpassagen Zeit, weil ich nach ein paar Zügen immer erst mal wieder Luft holen musste. Dazu hatte ich die die meisten schwierigeren Stücke am oberen Ende des Seils. Es war also volle Konzentration angesagt, die mir auch nicht mehr so leicht fiel wie morgens. Boris dagegen wurde weiter unten im Bruchgelände langsam, weil ihm eher bei der Haltbarkeits-Beurteilung als beim Klettern die Konzentration schwer fiel. Zwischendurch seilten wir am Roten Turm noch eine Länge ab, was natürlich auch Zeit kostete.

So bewegten wir uns also sehr langsam talwärts. Aber lieber langsam als unkonzentriert, zumal das Wetter 100%ig stabil war. Sonst wären wir auch schon früher umgedreht. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir viertel nach sechs dann endlich wieder den Fuß des Westgrates. Okay, der Rest war nun reine Fleißarbeit, keine Schwierigkeiten mehr.

Weiter wanderten wir über den Bietschgletscher und dann die nervigen 600 Höhenmeter vom Bietschjoch zurück zur Hütte. Sehr spät, zehn nach acht waren wir dann wieder zurück. Boah, was für eine Tour! Zum Glück hatten wir zwischendurch angerufen und bescheid gegeben, dass wir später kommen würden. So bekamen wir jetzt noch von der sehr freundlichen Wirtin das Abendmenü vorgesetzt. Leider waren wir beide so kaputt, dass wir gar nicht viel essen konnten. Trotzdem tat es gut. Anschließend ging es ins Bett, wo wir am nächsten Morgen bis 07:00 Uhr schlafen konnten. Nötig hatten wir es.

Nach einem entspannten Frühstück ging es dann am Freitag gemütlich talwärts. Und während wir den Hüttenweg hinab wanderten kam bei mir endlich Freude darüber auf, dass wir meinen Traumberg tatsächlich bestiegen hatten. 24 Jahre nachdem ich mit 17 auf meiner ersten richtigen Bergtour vom Hockenhorn aus diesen beeindruckenden Berg bestaunt hatte, war ich nun oben gewesen. Damit hatte ich nun auch meine ganz persönliche Berner Trilogie aus Hockenhorn, Balmhorn und Bietschhorn abgeschlossen.

Daten zur Tour

  • Bietschhorn (3934m), Westgrat
  • Schwierigkeit AD, III
  • 1500 Höhenmeter ab Bietschhornhütte
  • An den schwierigsten Stellen mit Bohrhaken und Sauschwänzen abgesichert
  • Erstbegangen am 19.08.1867 durch E. v. Fellenberg mit Peter Michel, Peter Egger, Anton & Joseph Siegen


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

10 Kommentare

Mark · 30. August 2021 um 4:38 pm

Herzliche Gratulation zu deinem Traumberg!
Die Bilder kommen mir sehr bekannt vor. 😉 War das von der Zeitdauer her deine längste Tour?

    Hannes · 31. August 2021 um 1:16 pm

    Vielen Dank Mark! Und ich glaube, das war tatsächlich meine bislang längste Tour. Also bis zu der danach…

      Mark · 31. August 2021 um 6:50 pm

      Du machst es spannend. Ich habe einen gewissen Verdacht, aber lasse mich gerne überraschen.

        Hannes · 1. September 2021 um 12:15 pm

        Der ist ziemlich sicher falsch, denn da kommst du bestimmt nicht drauf. Aber wart’s ab! 😉

Rebecca · 1. September 2021 um 1:54 pm

Hey Hannes, Glückwunsch zu dieser tollen Tour, würde mir auch gefallen – vor allem an so einem genialen Tag! Nachdem ich selbst dieses Jahr keine Hochtouren gemacht habe, ist es schön, wenigstens beim Lesen ein bisschen von den hohen Bergen zu träumen 🙂

    Hannes · 2. September 2021 um 6:22 am

    Hallo Rebecca, danke Dir! Für mich sind Westalpen-Ausflüge immer etwas Besonderes. Ich drücke die Daumen, dass es bei Dir nächstes Jahr wieder klappt mit Hochtouren.

      Claudia · 18. September 2021 um 10:50 pm

      Gratuliere zur gelungenen Tour, wirklich bewundernswert was ihr da geschafft habt. Die Fotos sind wirklich beeindruckend, gerade das „Ab in den Nebel“!

        Hannes · 19. September 2021 um 9:37 am

        Liebe Claudia,
        freut mich, dass Dir der Bericht und die Fotos gefallen. Es war wirklich ein besonderer Tag für uns!

Flachlamdtiroler · 3. September 2021 um 7:50 am

Glückwunsch zu diesem Sehnsuchtsgipfel!
Paßt das Wetter, schlägt dem Glücklichen keine Stunde 🙂

Das Bietschi erfordert zügiges seilfreies Steigen und vor allem auch Abklettern.
Wir haben damals hinter dem Schafberg biwakiert (traumhaft), aber bis zum Auto war es am Gipfeltag dann doch schon 19 oder 20 Uhr AFAIR.

    Hannes · 4. September 2021 um 12:45 pm

    Schön gesagt, Flachlandtiroler! Dieses Tempo konnten wir uns wirklich nur an einem solchen Tag erlauben.

    Oben zu biwakieren klingt auch nach einer schönen Variante. Tolle Idee!

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