In unserer Gesellschaft haftet dem Scheitern ein Makel an. Dabei muss Scheitern nicht schlimm sein. Außerdem ist es Ausweis aktiver Tätigkeit. Denn Scheitern kann nur, wer etwas versucht. Und ist Scheitern nicht sogar notwendig, wenn man sein Potenzial ausschöpfen möchte?

Die Geschmacksrichtungen des Scheiterns

Vorsichtig tastete ich mich mit den Steigeisen in das Bröseleis. Die Querung war nicht weit, doch die Verhältnisse behagten mir überhaupt nicht. Auf der anderen Seite des Grates hatte ich es auch schon probiert, doch da war die Kletterei zu schwer. Es musste also hier weitergehen. Was nun? Ich versucht es noch einmal, dann ließ ich es bleiben. Ich traute der Festigkeit des Eises einfach nicht. Also kehrte ich am letzten Turm des Zwölferkogel Nordgrates um. Gescheitert – so knapp vor dem Ziel.

Scheitern passiert mir beim Bergsteigen immer wieder. Aus Erschöpfung, aus Angst, aus Misstrauen gegenüber den Verhältnissen, wegen zur großer Schwierigkeiten. Es gehört einfach dazu. Und ich habe ein gespaltenes Verhältnis dazu.

Mir begegnet immer wieder Auffassung, Umkehren am Berg sei kein Scheitern. Ich sehe das anders, denn ein erfolgloser Versuch ist für mich per Definition Scheitern. Und ich will ja da hoch, sonst hätte ich mir den ganzen Aufwand sparen können. Und so versuche ich, Scheitern durch entsprechende Tourenauswahl und Vorbereitung zu vermeiden. Gleichzeitig sind die großen Erlebnisse immer die Touren, bei denen ein Scheitern möglich ist (siehe Abenteuer). Daher der Zwiespalt: Für erfüllende Erlebnisse, durch die ich als Person wachse, muss ich die Möglichkeit des Scheiterns in Kauf nehmen. Gleichzeitig will ich die Wahrscheinlichkeit dafür klein halten, weil Erfolg einfach mehr Spaß macht als Misserfolg.

Ehrenhaft Scheitern

Mir macht Scheitern generell keinen Spaß. Aber es gibt schon Unterschiede zwischen Misserfolgen, die ich gut akzeptieren kann und solchen, die mich nerven. Letztere sind vor allem die, bei denen ich den Eindruck habe, es gar nicht richtig versucht zu haben. Als Boris und ich auf dem Weg zum Hohen Weißzint umgedreht sind, hatte ich hinterher das Gefühl, wir waren vor allem zu faul, uns am Grat noch mal anzuseilen. Und das hat mich richtig genervt.

Wenn ich hingegen umgedreht bin, weil ich den Schwierigkeiten nicht gewachsen war, oder weil mir das Risiko zu groß erschien, dann kann ich damit hinterher gut leben. Selbst in den Fällen, in denen ich im Nachhinein denke, dass das Risiko wahrscheinlich doch nicht so groß war. Wichtig ist für mich nur das Gefühl, mein Bestes gegen zu haben. Dann ist für mich Scheitern ok und notwendiger Bestandteil des Abenteuers Bergsteigen. Denn wenn immer alles klappen würde wie geplant, wäre es auf Dauer doch langweilig.

Aus Scheitern lernen

Einer meinen größten Misserfolge am Berg war mein erster Versuch am Tupungato in Chile. Ich war um die halbe Welt geflogen, hatte vier Wochen und einiges an Geld investiert, mich durch eine Woche Einsamkeit am Berg gequält und kehrte dann am Gipfeltag relativ weit unten um aus Angst vor einer Wetterverschlechterung, die nie kam.

Gleichzeitig habe ich aus diesem enttäuschenden Erlebnis so viel gelernt wie aus wenigen anderen – über das Höhenbergsteigen und über mich selbst. Hinterher wusste ich, dass ich andere Handschuhe und eine wärmere Jacke brauchte. Dass eine Taktik mit weniger Lagerplätzen erfolgversprechender sein würde. Dass ich für die lange Zeit im Zelt mehr Lesestoff brauchte als ein dünnes Reclam-Heftchen. Und vor allem, dass ich gute Freunde mitnehmen sollte, denn die psychische Belastung, ganz allein an einem solchen Berg unterwegs zu sein, war für mich einfach zu groß. So war mein Scheitern auch die Basis für unseren gemeinsamen Erfolg zwei Jahre später.

Das ist das wertvolle am Scheitern: Man kann so viel daraus lernen. Oft mehr als aus Erfolgen. Mich dem Ungewissen auszusetzen, neue Erfahrungen zu machen und daran zu wachsen, ist für mich eine Hauptmotivation für das Bergsteigen. Und jede Umkehr hält neue Lektionen bereit, die mich bereichern.

Es kommt noch etwas anderes dazu. Um meine Neugierde zu befriedigen, was ich eigentlich alles kann, was für mich möglich ist, will ich meine persönlichen Grenzen ausloten. Und wenn möglich auch verschieben. Doch wie soll ich diese Grenze finden, ohne gelegentlich darüber hinaus zu schießen? Das scheint mir kaum möglich. Anders herum gesagt: Wer nie scheitert, der schöpft auch sein Potenzial nicht aus.

Die Freiheit zu wagen

Wie eingangs beschrieben, hat Scheitern einen gesellschaftlichen Makel. Ein Gescheiterter wird meist entweder als Versager oder als tragischer Figur gesehen. Das ist schade, denn es limitiert uns in unserer persönlichen Entwicklung.

Noch mal zum Bergsteigen: Wer ist nun der „bessere“ Bergsteiger: Der, der eine gut dokumentierte, einfache Standard-Tour erfolgreich meistert? Oder der, der an einer schwierigen Erstbegehung scheitert? Wahrscheinlich kann man endlos darüber streiten, aber ich hoffe, das Beispiel zeigt, dass die Möglichkeit des Scheiterns der Preis für ein Wagnis ist.

Und genau darin liegt für mich die Magie des Scheiterns: Sich selbst erlauben zu scheitern, gibt die Freiheit etwas zu wagen, mutige Entscheidungen zu treffen. So erging es mir im Juni an der Marmolada. Ich erwartete, zu scheitern und tat es dann auch. Und ich genoss die Freiheit, es trotzdem zu versuchen.

Ich bewundere Menschen, die etwas wagen. Und mittlerweile bin ich auch stolz auf die Dinge, die ich selbst gewagt habe. Auf die erfolgreichen Wagnisse und die gescheiterten. Beim Bergsteigen und in anderen Lebensbereichen. Hauptsache, ich habe mein Bestes gegeben und bin mir selbst treu geblieben. Diese Art von Scheitern gehört für mich zu einem erfüllten Leben dazu. Ganz ohne Makel.

Kategorien: Berggedanken

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

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