Hochtour in den Walliser Alpen am 17./18.08.2021

Nach der Watschn, die wir uns am Sackhorn abgeholt hatten, wollten wir zum Abschluss unseres Schweiz-Urlaubs eine etwas leichtere Tour unternehmen. Leider klappte das nicht wie geplant, so dass wir am Ende nur die unbedeutende Pointe des Chamois besteigen konnten.

Nach den jüngsten Erfahrungen waren zwei Sachen klar. Erstens brauchten wir einen Ruhetag und zweitens waren wir für die großen Touren an den Viertausendern aktuell zu langsam. Letzteres war keine schöne Erkenntnis, half aber nix. Also planten wir eine etwas kleinere Tour, die dafür landschaftlich sehr viel zu bieten schien: Die Überschreitung von La Sâle und Le Pleureur im Val d’Hérémence.

Los ging es ging es kurz nach 13:00 Uhr am Lac des Dix. Am Stausee und durch einige Tunnel wanderten wir bis La Barme (2457m). Ab hier suchten wir uns zunächst durch das Wiesengelände selbst unseren Weg, bis wir wieder auf die Markierungen stießen, die über die Rochers du Bouc führen.

Der Anstieg auf diesen felsigen Rücken ist sehr steil und erfordert Trittsicherheit (T4+). Belohnt wurden wir für die Mühen mit einer ständig besser werdenden Aussicht auf die Walliser Viertausender. Matterhorn und Dent d’Herens zeigten sich ebenso wie Dent Blanche und Weisshorn (von seiner dunklen Seite). Vom 3315m hohen Gipfel konnten wir auch die für den nächsten Tag geplante Überschreitung gut einsehen. Dahinter ließen sich die schönen Gipfel von La Ruinette, Mont Blanc de Cheilon und Pigne d’Arolla ausmachen, die das Tal abschließen.

An einigen Ketten ging es nach dem Gipfel steil hinab zum P3230 und dann über den Gletschersattel zwischen Glacier des Ecoulaies und Glacier des Pantalons Blancs zum Refuge-Igloo des Pantalons Blancs (3290m), wo wir die Nacht verbringen wollten. Diese Biwakschachtel liegt sehr schön, hat eine ungewöhnliche Form und dazu in einem Nebenbau das Plumpsklo mit dem wahrscheinlich besten Ausblick in den ganzen Alpen. Es ist also einen Ausflug wert.

Das hatten sich an diesem Tag offensichtlich auch ein paar Andere gedacht, denn es war unerwartet voll im Biwak. Außer uns übernachteten noch eine fünfköpfige schweizer Familiengruppe (inkl. zweier Bergführer) sowie zwei Zwereierseilschaften — eine ebenfalls aus der Schweiz und eine aus Belgien — dort oben. Zum Glück waren alle sehr nett und verständnisvoll, so dass wir uns beim Schnee schmelzen und kochen nicht in die Quere kamen.

Nachdem wir uns im Biwak eingerichtet hatten, spazierte ich noch zum Hüttengipfel, der Pointe du Crêt (3321m). Die Aussicht auf Grand Combin und die zahllosen Gipfel der Mont Blanc-Gruppe von hier war hervorragend. Mittlerweile hatte sich unter uns eine Wolkenschicht gebildet, so dass wir hier oben wie von einer Insel auf das graue Meer unter uns blickten, aus dem die anderen Gipfel steil und unnahbar herausragten. Die Szene gipfelte später in einem magischen Sonnenuntergang.

Nach einer erstaunlich erholsamen Nacht ging es am nächsten Morgen früh aus den Federn. Die Familiengruppe startete als erste, die Belgier hinterher, wir waren — halb absichtlich — die letzten. Über den kleinen Glacier des Pantalons Blancs stiegen wir zur Pointe des Chamois und gönnten uns den 5min-Abstecher zu deren Gipfel (3384m). Anschließend querten wir abfallend hinüber zum zweiten Gipfel des Tages, der Pointe du Vasevey (3354m).

Und hier wurde schon klar, dass der Aufstieg zur La Sâle etwas schwieriger werden würde als gedacht. Die beiden Belgier querten gerade den oberen Rand eines Firnhanges, der zumindest von hier deutlich steiler schien als die in der Beschreibung angegebenen 40°. Die Schweizer Familiengruppe arbeitete sich oben am rechten Rand dieses Firnfeldes nach oben. Und die andere Schweizer Seilschaft hatte aufgegeben und machte gerade Pause.

Wir beschlossen, uns das einmal aus der Nähe anzusehen. Zunächst stiegen wir in den Col du Vasevey (3234m) und dann über den Firn auf den steilen Hang zu. Dieser wart hart gefroren und stieg im unteren Teil mit ca. 40° an. Weiter oben steilte er nochmals auf und erreichte vermutlich 45-50°. Boris, der im steilen Firn und Eis der weniger Erfahrene von uns beiden ist, sah sich das an und entschied, dass er das ungesichert nicht gehen wollte. Sichern war allerdings praktisch nicht möglich. Kurz schauten wir uns noch den sehr brüchigen benachbarten Felsgrat an. Diesen zu ersteigen wäre sehr mühsam und auch recht heikel geworden und uns lief die Zeit davon. Also beschlossen wir, umzudrehen.

Während wir zurück zur Pointe du Vasevey wanderten, wuchs die Enttäuschung in mir. Ich war echt frustriert. Dass Boris den steilen Firnhang nicht gehen wollte, konnte ich gut verstehen. Aber ich hatte mir von der zweiten Hälfte unseres Schweiz-Urlaubs einfach mehr erhofft. Gefühlt war unsere Performance von Tour zu Tour schlechter geworden. Vielleicht war ich auch zu ehrgeizig gewesen und hatte meine persönliche Leistungsfähigkeit sowie unsere als Seilschaft überschätzt.

Bei der nächsten Pause unterhielten wir uns sehr offen darüber. Uns hatte ab dem Bietschhorn vor allem die Routine — insbesondere beim Sichern — gefehlt, die notwendig ist, um im Hochtourengelände gleichzeitig schnell und sicher unterwegs zu sein. Und die würden wir uns auch nicht so bald erarbeiten können. Also würden wir die Konsequenz aus diesem Scheitern ziehen und für gemeinsame Touren in Zukunft eher kleinere Ziele angehen. Die Erkenntnis, dass wir einfach nicht so gut sind, wie ich dachte, fiel mir schwer. Boris schien sie leichter zu fallen. Er hatte vielleicht schon vorher ein realistischeres Bild gehabt.

So wanderten wir etwas enttäuscht zurück an der Pointe des Chamois vorbei und über die Rochers du Bouc zum Lac des Dix. Heute war es nicht so gelaufen wie erhofft. Immerhin hatten wir mit dem Refuge-Igloo des Pantalons Blancs ein sehr originelles Biwak kennengelernt. Und ich hatte wieder mal viel gelernt. Übers Bergsteigen, über Boris, über unsere Freundschaft und über mich selbst.

Fakten zur Tour

  • Überschreitung Pointe des Chamois (3384m) & Pointe du Vasevey
  • Schwierigkeit T4+, F (Gesamtüberschreitung La Sâle & Le Pleureur natürlich schwieriger)
  • 1550 Höhenmeter ab Lac des Dix


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

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