„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ heißt es. Und tatsächlich können Bergsteiger dank moderner Ausrüstung und ausgefeilter Bewegungstechniken ein breites Spektrum von schwierigem Gelände bezwingen. Neben dem technisch schwierigen Gelände es auch das schlicht ätzende Gelände. Hier braucht es wenig Technik, dafür umso mehr Willen, um einen (mühsamen) Weg zu bahnen. Zum Einstieg in die Sommersaion präsentiere ich meine ganz persönlichen Flop 5 des ätzendsten Alpingeländes.

Platz 5: Brüchige Grasschrofen

In Schrofen- und leichtem, ungesichertem Klettergelände bewege ich mich eigentlich sehr gerne. Und auch ein gewisses Maß an Brüchigkeit stört mich wenig. Doch es gibt auch zu viel davon. Wenn jeder Stein schon abgesprengt ist und nur darauf wartet, nach scharfem Anschauen den Weg nach unten anzutreten; wenn die Füße auf kleinen Graspolstern stehen, in der Hoffnung, dass irgendeiner dieser losen Felsbrocken doch noch als Griff taugt, dann ist der Spaß für mich vorbei.

Wo es das gibt: Eigentlich überall in den Alpen. Brüchige Grasschrofen sind sehr verbreitet.

Möglicherweise hilfreiche Zusatzausrüstung: Eine große Tube Alleskleber und eine akkubetriebene Hand-Sense.

Platz 4: Instabile Blockhalden

Während stabile Blockhalden sehr unterhaltsames Gelände bieten können, sind mir instabile Blockhalden ein Graus – besonders im Abstieg. Wenn unter jedem Schritt ein Felsblock wackelt oder sich gleich grußlos verabschiedet, ist extreme Vorsicht angesagt. Eine längere Passage über eine solche Blockhalde kann sehr an den Nerven zehren. Ein besonders „schönes“ Feature solcher Halden ist, dass auch große Blöcke im Mittel kaum stabiler gelagert sind als kleine. Der Schreck, wenn man auf einen tonnenschweren Felsen tritt und der sich dann bewegt, ist schon ein besonderer.

Wo es das gibt: Nach meiner Erfahrung neigen Blöcke aus metamorphem Gestein besonders zu instabiler Lagerung. Also Vorsicht bei grobblockigen Halden aus geschiefertem Gestein.

Möglicherweise hilfreiche Zusatzausrüstung: Zwei bis vier zusätzliche Beine zur Gewichtsverlagerung

Platz 3: Felsplatten mit dünner Geröllauflage

Kugellager sind eine großartige Erfindung, um die ungestörte Bewegung zweier Körper gegeneinander zu ermöglichen. So etwas gibt es auch in alpiner Ausprägung. Dabei sind die beiden Körper erstens ein Stück Fels und zweitens eine Schuhsohle. Das Lager bilden kleine Geröllstücke. So weit, so elegant. Das Problem dabei ist, dass eine ungestörte Bewegung der Schuhsole gegenüber dem Fels den an der Schuhsohle befestigten Bergsteiger leicht aus dem Gleichgewicht bringt. Entsprechend muss man in solchem Gelände aufpassen – wiederum vor allem im Abstieg. Besonders intensive Momente beschert einem dieses Gelände, wenn die Felspassagen ausgesetzt sind und ein Ausrutscher üble Folgen hätte. Dann ist höchste Konzentration angesagt.

Wo es das gibt: Vor allem in den Kalkalpen und ganz besonders im Karwendel.

Möglicherweise hilfreiche Zusatzausrüstung: Klappbesen und Kehrschaufel

Platz 2: Latschendickicht

Die Latsche – auch Legföhre oder Krüppelkiefer genannt – ist einer der Hauptvertreter der alpinen Krummholzzone. Mit ihren biegsamen, nach oben gebogenen Ästen bilden Latschen gerne ausgedehnte und schwer zu durchdringende Dickichte. Diese zu überwinden kostet im Allgemeinen viel Zeit, ein erhebliches Maß an Kraft und den ein oder anderen Quadratzentimeter Haut. Selbst wenige Meter gassenlosen Latschendickichts können richtig lange dauern, die Suche nach einer Umgehung lohnt sich also fast immer. Steckt man aber einmal drin, muss man sich ohne Rücksicht auf eigene Unversehrtheit hindurchkämpfen. Den ersten Platz in dieser Rangliste erhält das Latschendickicht nur deshalb nicht, weil es im Gegensatz zu den anderen Geländeformen nicht wirklich gefährlich ist.

Wo es da gibt: In den Alpen weit verbreitet, besonders häufig in den Nördlichen Kalkalpen anzutreffen.

Möglicherweise hilfreiche Zusatzausrüstung: Hochleistungs-Motorsäge

Platz 1: Steilschrott

Gewissermaßen die Steigerung brüchiger Grasschrofen in höheren Lagen ist Gelände, dass ich in Ermangelung eines besseren Namens Steilschrott nenne. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus losem Gestein und brüchigem Fels. Also Steinen, die sehr leicht vom Berg zu trennen sind und anderen Steinen, die diese Trennung bereits hinter sich haben und da nur noch herumliegen. Dabei kann diese Geländeform erstaunliche Steilheit erreichen, was den Bergsteiger (also zumindest mich) durchaus in die Verlegenheit bringen kann, woran er sich denn jetzt festhalten soll um nicht mit dem ganzen Schrott in die Tiefe zu rutschen.

Wo es das gibt: In den höheren Lagen der Zentralalpen und insbesondere dort, wo der Permafrost aufgehört hat, permanent zu sein.

Möglicherweise hilfreiche Zusatzausrüstung: Die ganz große Tube Alleskleber

Was sagen meine Leser? Könnt Ihr Euch dieser Rangliste anschließen? Oder habe ich eine tolle Geländeform übersehen, die noch mehr „Spaß“ macht?

Kategorien: Berggedanken

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

1 Kommentar

Rebecca · 23. Juni 2022 um 5:36 pm

😀 😀 😀 So schön geschrieben, vielen Dank für diesen unglaublich unterhaltsamen Blogbeitrag 🙂

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.