Klettern im Gesäuse am 02./03.09.2022

Zwischen Wetterstein und Wildem Kaiser findet der Münchner Kletterer quasi beliebig viele Tourenmöglichkeiten. Trotzdem ist es zwischendurch schön, auch andere Gebiete zu erkunden. Letztes Wochenende zum Beispiel besuchten Dirk und ich das Gesäuse, wo wir an der Hochtor Ostwand mit dem Grazer Weg sehr schöne Kletterei fanden. Und landschaftlich lohnte sich dieser Ausflug in die Steiermark ebenfalls.

Los ging es am Kölblwirt in Johnsbach. 17:10 Uhr setzten wir die Rucksäcke auf und wanderten los. Unser heutiges Ziel war die Hesshütte. Kurz mussten wir und zwei weitere Spätgeher am Beginn des Weges warten, weil weiter oben Bäum gefällt wurden. Hätte er gewusst, dass jetzt noch so viel los sein würde, hätte er ein Tragerl Bier mitgebracht, meinte der sehr freundliche Förster. Aber auch so war die Zwangspause kurzweilig. Und nach ein paar Minuten ging es eh schon wieder weiter.

Ab der Unteren Koderalm hatten wir dann Blick auf die steilen Gesäusegipfel. Zunächst dominierten Festkogel und Ödsteine das Panorama. Schön war es hier und wir genossen den Waldaufstieg mit Aussicht. An der verfallenen Stadlalm war auch das wuchtige Massiv des Hochtors gut zu sehen. Und kurz vor Erreichen der Hesshütte (1699m, 19:30 Uhr) konnten wir auch in das Kar des Tellersacks blicken. Da sollte es also morgen hochgehen!

Die Hütte war bummsvoll und ziemlich laut. Aber Hauptsache gutes Essen und ein kühles Bier. Und nette Gesprächspartner – die sich dann ebenfalls als Münchner herausstellten. Später gab uns der Wirt noch ein paar hilfreiche Tipps zum Zustieg, dann verkrümelten wir uns ins Zimmer.

Am Samstag starteten wir 07:40 Uhr zu unserer Klettertour durch den Grazer Weg. Ein Stück folgten wir dem Josefinensteig, dann bogen wir weglos nach rechts in den Tellersack ab. Markiert ist hier nix, der beste Weg aber ziemlich logisch.

Als wir uns dem neuen Einstieg (die ersten drei Seillängen der Originalrroute wurden vor einigen Jahren durch Felssturz in Mitleidenschaft gezogen) näherten, sahen wir vor uns bereits eine weitere Seilschaft, die sich gerade startklar machte. Und hinter uns gingen ebenfalls noch mal zwei durch das Kar, die dann allerdings den Originaleinstieg ansteuerten. Wir waren also nicht alleine heute.

Zuletzt kletterten wir über einige Platten (II) bis wir die Bohrhaken des ersten Standplatzes erreichten. Ab hier also mit Seil. Die erste Seillänge begann leicht, dann ging es links einen steilen Aufschwung herauf und anschließend über eine leicht abdrängende Querung wieder nach rechts (III+). Da musste ich tatsächlich kurz schauen, wie das am Besten zu klettern ist.

In der zweiten Länge hatte es Dirk in einer Rinne etwas einfacher (II-III), bevor es in der dritten an die lange Querung zurück zur Originalroute ging. Ganz an deren Anfang musste ich etwas seltsam auf eine Platte steigen (III+); der Rest war dann einfach, fast Gehgelände. Psychisch fand ich die abschüssige Platte trotzdem fordernd und war froh um die beiden Friends, die ich unterwegs versenken konnte.

Am Stand nach der Querung trafen wir die Seilschaft aus der Originalführe. Wir ließen die beiden vor, da sie ein wenig zügiger zu klettern schienen. Letztlich waren wir dann fast genau gleich schnell und hatten immer wieder nette Gespräche an den Standplätzen.

Ab hier folgt die Tour immer einer deutlich ausgeprägten Rinne, die sich abschnittsweise zum Kamin aufsteilt. Der Fels ist dabei hervorragend und es gibt nur ganz wenige Zapfen, die wackeln. Eine sehr angenehme Abwechslung zu meiner letzten Tour.

In Seillänge Nr. 4 durfte Dirk die erste kurze IVer-Stelle klettern. Die hatte er schnell bewältigt, bevor es wieder leichter wurde. Länge fünf folgte zunächst weiter der Rinne. Dann ging es sehr schön plattig rechts heraus, wieder nach links und steil über einen Absatz (IV). Das war schon coole Kletterei.

Vor der Schlüsselstelle in der siebten Seillänge war kurz Stau, dann konnte ich den interessanten Durchschlupf angehen. An der rechten Wand geht es hier steil hinauf (V-). Den Einstiegszug fand ich am forderndsten, danach wurde es einfacher. Die Absicherung war hier wie auch im Rest der Tour sehr angenehm: an den anspruchsvollen Stellen fanden sich Bohrhaken, in den leichteren Passagen steckte nichts. Etwas seltsam sind allerdings die Standplätze: Zwei direkt nebeneinander gesetzte Bohrhaken, durch deren Laschen ein geschweißter Ring geführt ist. Das macht die Einrichtung des Standplatzes zwar extrem schnell, wirklich Redundanz bietet es aber nicht.

Recht zügig hatte ich die Schlüsselstelle hinter mich gebracht und holte Dirk nach, der in Länge acht auch noch mal gefordert war. Ein harmlos aussehender Aufschwung stellte sich als überraschend abdrängend heraus. Und ein paar Meter weiter galt es die hier glatte Rinne sauber auszuspreizen um auf den nächsten Absatz zu gelangen (IV+).

Während Dirk mich nachsicherte, ereignete sich zwei Seillängen weiter leider ein Unfall. Die Vorsteigerin der ersten Seilschaft stürzte nach einem Felsausbruch im IIIer-Gelände und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Zum Glück war die zweite Seilschaft direkt dahinter, nahm die Gestürzte mit ans Seil und sorgte so für einen zügigen Ausstieg. Also zum Glück alles noch mal glimpflich ausgegangen! Trotzdem zeigte es auch uns, wie nah beim Klettern Freud und Leid beeinander liegen können.

Bald waren dann auch wir mit der zehnten Seillänge an der Reihe. Dirk demonstrierte hier noch einmal seine Spreizkünste (IV), dann wurde es leichter. Zum Glück unbeschadet erreichten wir den Ausstieg des Grazer Weges und packten das Geraffel ein. Weiter oben gibt es noch eine elfte Seillänge, die wir aber ausließen. Wir hatten keine Lust, für eine Seillänge noch einmal anzuseilen. Und auch die aufziehende Bewölkung lud nicht dazu ein, hier noch eine Extrarunde zu drehen.

Also querten wir hinüber zur Tellersackscharte (II) und folgten dem Josefinensteig zum Gipfel. Die vom Sturz betroffene Seilschaft hatte gleich den Abstieg begonnen, die helfende trafen wir kurz unter dem Gipfel noch ein letztes Mal. Sie waren nur kurz oben gewesen und mussten nun zurück zur Hütte.

13:50 Uhr standen wir dann am 2369m hohen Gipfel des Hochtors. Trotz der Wolken war die Aussicht noch recht gut. Und mir – bis auf den Großen Priel im Nordwesten – völlig unbekannt. Neugierig blickte ich auf all die Gipfel um mich herum, die ich nicht kannte. Bei vielen davon wird es wohl so bleiben. Aber wer weiß, vielleicht besuche ich ein paar davon ja noch eines Tages.

Nach einer halben Stunde machten sich Dirk und ich an den Abstieg durch das Schneeloch. Der Steig führt deutlich direkter zurück zum Kölblwirt als der Normalweg über die Hesshütte. Auch landschaftlich gefiel er mir sehr gut, zumal er angenehm frei ist von Versicherungen und Aufstiegshilfen. Dafür fordert er noch einmal volle Aufmerksamkeit (T4+, II).

Über den Tauern donnerte es bald, doch wir blieben zum Glück verschont und erreichten trocken gegen 17:20 Uhr wieder den Kölblwirt. Dort gönnten wir uns ein Abendessen und stießen auf diese schöne Klettertour an. Toll war unser erster Gesäuse-Ausflug. Die Kletterei war sehr flüssig gelaufen und hatte einfach Spaß gemacht. Einziger Wehrmutstropfen war das Unglück der Kletterin vor uns. Hoffentlich ist sie mittlerweile wieder wohlauf!

Daten zur Tour

  • Hochtor (2369m) Ostwand „Grazer Weg“
  • Schwierigkeit V- (eine Stelle, meist bis IV), 10 SL (optional auch 11), 540m
  • Absicherung mittel mit gebohrten Haken an Standplätzen und schwierigen Passagen
  • 700 Höhenmeter ab Hesshütte
  • Abstieg über Schneelochsteig T4+, II (Josefinensteig etwas leichter)
  • Erstbegangen vermutlich am 5.6.1898 durch Viktor Wolf v. Glanwell, Karl Günther von Saar, E. Graff, St. Höfele im Abstieg
  • Beschreibung und Topo gibt es bei bergsteigen.com

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

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