Bergtour in der Plattagruppe am 30.07.2025

Es gibt diese Berge, die aus der Ferne eindrucksvoll anzuschauen sind und sich aus der Nähe als eher krümelig erweisen. Der Piz Platta fällt zum Beispiel in diese Kategorie. Seine Besteigung lohnt sich irgendwie schon, erfordert aber eine gewisse Toleranz für rustikales Gelände.

Kurzfristig konnte ich Mittwoch freinehmen. Das Wetter in den heimischen Bergen ließ zu wünschen übrig, aber innenalpin war es recht gut vorhergesagt. Eine gute Gelegenheit, endlich einen sehr markanten und recht abgelegenen Gipfel zu besuchen, den ich schon länger auf meiner mentalen Liste hatte, den Piz Platta.

Ein wenig wahnsinnig ist es wohl schon, für eine Tagestour bis ins Avers zu fahren. Nun ja, mitunter ruft mich der Berg so laut, dass ich so etwas mache. Also Anfahrt Dienstag spätabends, dann Übernachtung auf einem Camper-Parkplatz in Juf und Start in Cresta Mittwoch früh, um sieben.

Das Wetter zeigte sich freundlich, als ich loswanderte. Blauer Himmel über mir, Schichtbewölkung über den größeren Tälern. Das sah nicht schlecht aus. Endlich mal trockenes Wetter! Hinter mir lagen einige sehr niederschlagsreiche Wochen und so glich der Weg abschnittsweise einer Wildwasserbahn. Da war es gut, dass ich heute die dicken Schuhe angezogen hatte.

Ging der Weg zu Beginn steil bergan, führte er bald gemächlicher am Maleggabach entlang ins Täli. Links von mir ragten bald die steilen Dolomitwände der Wissberge auf, vor mir die dunklen Ophiolothabstürze, die dem Piz Platta vorgelagert sind. Auch dessen Gipfel zeigte sich gerade so und ich konnte sogar das Kreuz erkennen.

An der Weggabelung des P2516 folgte ich kurz dem Weg zur Tälifurgga und hielt mich dann weglos in ostnordöstlicher Richtung. Kurz darauf bezwang ich den ersten von zwei Geröllhängen, die sich mir auf dem direkten Weg zum Piz Platta in den Weg stellten. Zunächst konnte ich über eine recht stabil geschichtete Blockhalde aufsteigen, dann folgte loses Geröll, das nach oben hin zwar immer feiner, aber leider nicht fester wurde.

Ich hatte nun ein schwach ausgeprägtes Kar unterhalb des Tälihorns erreicht, das von grobem Blockwerk ausgefüllt wurde. Hier kam ich recht anständig vorwärts, bevor ich mich etwas nach Norden dem nächsten Hang zuwenden musste. Dieser bestand aus teils sehr losem Geröll und war wirklich mühsam.

Auf ca. 2900 m erreichte ich einen kleinen Kessel, der sich nach Norden gegen den P3201 zieht. Ich war froh, jetzt wieder ein Stückchen weniger steil geradeaus zu gehen, doch schon bald musste ich mich nach rechts ins steile Gelände wenden, um an geeigneter Stelle den Verbindungsgrat zwischen Tälihorn und Piz Platta zu erreichen. Die darunterliegende Wand wird von mehreren Rinnen durchzogen. Und da ich hier unten keine Steinmänner finden konnte, suchte ich mir einfach eine halbwegs vernünftig begehbare Rinne aus.

Die Rinne meiner Wahl stellte sich im unteren Teil als großes schuttiges Rutschvergnügen heraus. Egal, wo ich meine Füße auch hinstellte, ich durfte sie dort nicht allzu lange stehen lassen, wenn ich nicht wieder gen Tal rutschen wollte. Mühsam war das und wenig erquicklich. Im oberen Teil wurde die Rinne dann zum Glück felsiger und über erstaunlich glatte Platten erreichte ich schließlich an einem großen Steinmann und in der Nähe des P3140 den Grat.

Puh, die letzten 600 Höhenmeter hier herauf waren harte Arbeit gewesen. Zum Glück sah es so aus, als würde das Gelände ab hier weniger mühsam werden. So schnaufte ich kurz durch und wanderte dann am plattigen Grat entlang und durch griffigen Schnee rechts unterhalb des P3201 weiter zur mächtigen Südwestflanke des Piz Platta. Die Landschaft hier heroben war eindrucksvoll wüst. Nichts als Steine und ein wenig Schnee.

Die Piz Platta Südwestflanke kann man überraschend einfach über ein Bandsystem queren; Steinmänner weisen den Weg. Auch hier war der Schnee fest und erschwerte die Sache nur wenig. Erst ganz am Ende der Querung gibt es eine kurze Kletterpassage, die etwas luftiger ist (I-II). Anschließend schwenkt der Aufstieg in die Südflanke und führt nun relativ direkt zum Gipfel.

In der Zwischenzeit war es immer mehr zugezogen. Und auf den letzten Metern zum Gipfel war der Himmel komplett mit einer konturlosen Wolkenschicht bedeckt. Tja, schade, dachte ich, heute wohl keine Aussicht. Dabei ist der Piz Platta für seine Fernsicht berühmt. Trotzdem freute ich mich, als ich kurz nach elf am 3392 m hoch gelegenen Gipfelkreuz eintraf. Sehr cool, dass sich dieser spontane Besteigungsversuch ausgegangen war.

Ich saß noch nicht lange unter dem Gipfelkreuz und hatte gerade meine Brotzeit ausgepackt, da kam ein weiterer Bergfreund herauf. Er stellte sich als Sebastian aus Basel vor und erwies sich als sehr sympathisch. Während wir uns am Gipfel unterhielten, riss die Wolkendecke doch noch einmal auf und gab immerhin ein paar Blicke auf die umliegenden Gipfel frei. Der bizarre Doppelgipfel des Piz Forbesch zeigte sich im Norden, im Südwesten die Pyramide des Piz Stella. Im Osten konnten wir die mächtigen Gestalten von Piz Ela und Piz Calderas erkennen und weiter entfernt im Südosten die schneebedeckten Gipfel der Bernina. Doch nicht so schlecht heute!

Und nicht nur kannte Sebastian die umliegenden Gipfel, sondern auch den Abstieg übers Tälihorn. Sein Angebot, gemeinsam abzusteigen, nahm ich also gerne an.

Bis zum P3140 folgten wir ungefähr dem Aufstiegsweg, dann wanderten wir am Grat weiter zum Tälihorn. Ich hatte gelesen, dass man dieses umginge. Doch stattdessen kannte Sebastian eine Variante, die direkt am Grat zum 3164 m hohen Gipfel führt. Das war natürlich viel schöner und auch nicht sehr schwierig (I-II).

Der Abstieg vom Tälihorn zur Bärgglafurgga (2916 m) erwies sich dann als ziemlich unübersichtlich. Trotz der Steinmänner und Sebastians Ortskenntnis mussten wir konstant die Augen offen halten, um jeweils den besten Abstieg über die nächste Steilstufe zu finden.

Ab dem Joch war der Weg dann klar: Einen Schutthang hinab, der sich gut abfahren ließ, dann einen kurzen Hang hinauf und über Wiesen oberhalb des Oberen Bandsees entlang zum markierten Weg. Damit war der anspruchsvolle Teil geschafft und nun mussten wir nur noch den Weg entlang trotten, bis wir um 15:00 Uhr wieder in Cresta eintrafen.

Heute war es mal eine Tour, bei der mir der Abstieg besser gefallen hatte als der sehr mühevolle Aufstieg. In jedem Fall war es schön, wieder einmal ein mir unbekanntes Stück Gebirge erkundet und den eindrucksvollen Piz Platta bestiegen zu haben.

Daten zur Tour

  • Piz Platta (3392 m) SW-Flanke und Überschreitung Tälihorn
  • Schwierigkeit T5, I-II
  • 1500 Höhenmeter
  • Erstbestiegen am 07.11.1866 durch Arnold Baltzer, B.E. de Bernonville und Gadient mit Stephan Hartmann

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

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