Bergtour in den Stubaier Alpen am 08./09.11.
Eine richtig schöne Herbsttour hatten wir geplant: bei Sonnenschein, herrlicher Fernsicht und wenig Schnee auf den Schrankogel. Es kam mal wieder anders und so wurde die Tour eher intensiv als schön.
Schöner Auftakt
Es ließ sich zunächst gut an. Als wir um 13:40 Uhr in Gries starteten, um ins Sulztal zu wandern, lagen die süd- und westseitigen Berghänge in der Sonne. Braune Matten, dunkelgrüne Fichten und orangefarbene Lerchen sorgten für einen schönen Kontrast zu den felsigen und teils verschneiten Nordhängen. Herbststimmung vom Feinsten und entsprechend gut gelaunt gingen wir los. Uns erreichte die Sonne nicht, und so blieb es kalt.
Nach anderthalb Stunden kamen wir zur Hinteren Sulztalalm, die aktuell wenig Almidylle zu bieten hat. Die TIWAG baut oberhalb von Kühtai einen neuen Speicher für ihr Pumpspeicherkraftwerk. Dazu werden bis ins hintere Stubaital verschiedene Gebirgsbäche angezapft. Und von der Hinteren Sulztalalm aus wird einer der Zuleitungsstollen durch den Berg getrieben. Ob es diesen riesigen Eingriff in alpine Ökosysteme angesichts der rapiden Entwicklung von Batteriespeichertechnologie noch braucht?
Nachdem wir einen Bagger passieren gelassen hatten, der zwei offenkundig volle Dixie-Klos transportierte, erklommen wir den letzten Anstieg und erreichten die hinter einer Kuppe gelegene Amberger Hütte und deren Winterraum. Schön liegt die Hütte mit Blick ins hintere Sulztal und auf den Sulztalferner. Und natürlich auf den Schrankogel, der die Ostseite des Tals dominiert.
Da es zu früh war, um es sich im Winterraum gemütlich zu machen, gingen wir noch ein wenig spazieren. Wir folgten dem Weg zum Vorderen Sulzkogel, bis wir hinter einer Kurve den Blick übers untere Sulztal und auf die Gipfel des Geigenkamms genießen konnten.










Anschließend kraxelten wir noch auf die kleine Anhöhe direkt hinter der Hütte und warteten dort den Sonnenuntergang ab. Wie jedes Mal beobachtete ich ergriffen das Schauspiel des Alpenglühens, bis es allmählich dunkel wurde und wir zur Hütte zurückkehrten.
Mühsamer Hauptgang
Nach einer erträglichen Nacht im kargen Winterraum starteten wir 06:45 Uhr zum Schrankogel. Als ich vor die Hütte trat, war der Himmel zu meiner Überraschung bedeckt und die Gipfel steckten in Wolken. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, war doch vorgestern für das gesamte Wochenende Sonnenschein vorhergesagt worden. Boris meinte, gestern habe die Vorhersage ein leichtes Risiko für Hochnebel enthalten. Der solle sich aber zügig auflösen. Spoiler: Er löste sich natürlich nicht auf.
Ein paar Minuten vor uns war ein Paar aus Innsbruck ebenfalls zum Schrankogel aufgebrochen. Ansonsten war nichts los. Wir wanderten also allein über den flachen Boden des Sulztals und dann bald den gut markierten Weg bergan zwischen eingeschneiten Graspolstern und vereisten Stufen. Landschaftlich war das schon mal ein schöner Auftakt. Und nachdem wir uns einmal warm gelaufen hatten, machte uns auch die Kälte nicht mehr allzu viel aus.
Ich war eher langsam unterwegs und fühlte mich nicht gerade stark. Trotzdem war ich zuversichtlich, den Gipfel ohne größere Probleme zu erreichen. Nur eben nicht besonders schnell. Also schön gleichmäßig aufsteigen, zwischendurch mal das stimmungsvolle Panorama aufsaugen, dann weitergehen.
Nach einigen weniger interessanten Wiesenhängen gelangten wir auf die Seitenmoräne des Schwarzenbergferners. Der Gletscher hat sich hier schon lange zurückgezogen. Die Moräne ist geblieben und bildet heute einen ungewöhnlichen Dammweg zwischen Berg und Tal.
Den Abzweig zum Normalweg ließen wir – ebenso wie vor uns die Innsbrucker – links liegen und peilten stattdessen den Ostgrat. Von einer Begehung des Ostgrates wird seit einigen Jahren abgeraten, da die Steinschlaggefahr dort sehr hoch ist. Wir begingen ihn trotzdem, da wir das Risiko genau an diesem Tag bei den vorgefundenen Verhältnissen für gering hielten. Ob das vernünftig war, mag jeder Leser selbst beurteilen. Allgemein empfehlen kann ich den Ostgrat auf jeden Fall nicht, denn es liegt wirklich viel Material herum, das einem auf den Kopf fallen kann. Also seid bitte vorsichtig!





Wir wanderten also weiter den schönen Moränenweg entlang und gelangten schließlich zu einer Terrasse unterhalb des Ostgrates. Hier begegneten wir auch zum ersten Mal relevanten Schneemengen. Noch konnten wir bequem die Spuren der vorausgehenden Innsbrucker nutzen. Als wir uns dem Grataufstieg zuwandten, war das nur noch abschnittsweise möglich, da wir zwischendurch eine andere Linie bevorzugten.
Das hieß also bald Spurarbeit. Und zwar durchaus von der mühsamen Sorte. Ganz klar Wühlmeister-Gelände. Also übernahm ich die Führung und wühlte mich durch hüfthohen Schnee zu einer ersten Felsstufe. Weiter ging es einen ähnlich tief verschneiten Hang hinauf, bis wir wieder auf die Spur der Innsbrucker trafen, was etwas Erleichterung brachte.
Nach 100 weiteren Höhenmetern kamen uns die beiden Innsbrucker entgegen. Sie würden ein anderes Mal wiederkommen. Schließlich sei der Schrankogel bei Sonne und ohne Schnee ein herrlicher Genussberg. „Also so wie heute“, meinte ich. „Ja, genau“, erwiderte der Innsbrucker lachend. Dann wünschte er uns noch eine schöne Tour, es mache ja auch so Spaß, und die beiden wandten sich dem Abstieg zu.
Auf etwa 3200 m endete dann die Spur. 300 Höhenmeter waren es noch bis zum Gipfel. Eigentlich nicht weit, doch lag hier nochmals mehr Schnee. Das würde noch hart werden, so viel war klar. Zum Glück hatte mein Körper aus dem Energiesparmodus zu Beginn des Tages mittlerweile in den Ich-will-da-hoch-Modus umgeschaltet. Aufgrund Boris’ langer Bergabstinenz fiel mir heute ein Großteil der Spurarbeit zu. Und ich war jedes Mal dankbar, wenn er trotzdem übernahm und ich mich ein wenig erholen konnte.
Mittlerweile hatte sich die Stimmung um uns herum dem mühsamen Aufstieg angepasst: Von Wolken eingeschlossen stapften wir durch leichten Graupel. Die Felsen waren bereits mit dünnem Weiß überzogen. In solch winterlichen Ambiente arbeiteten wir uns durch knie- bis hüfttiefen Schnee und kraxelten, wann immer sich die Möglichkeit bot, über leichte Felsen.
Auf etwa 3400 m verengte sich der Grat und legte sich zurück. Fast horizontal verlief er nun nach Westen. Weniger mühsam wurde es dadurch kaum. Eigentlich hatten wir erwartet, dass der Wind den Schnee vom Grat geblasen hätte. Stattdessen hatte er den Schnee offenbar genau auf den Grat geblasen. Tja, so kann man sich irren.









Schließlich sahen wir vor uns im Nebel das Gipfelkreuz. Jetzt war es nicht mehr weit und als letztes Hindernis mussten wir nordseitig durch hüfttiefen Schnee um einen Block queren. Das machten wir sehr vorsichtig, bei jedem Schritt den Grund des Schneelochs erspürend. Denn ausrutschen oder stolpern wäre hier eine ganz schlechte Idee gewesen.
Nach der Querung wartete nur noch der kurze Gipfelhang auf uns, dann standen wir am Gipfel des Schrankogels auf 3497 m Höhe. Ich war echt kaputt, das war anstrengend gewesen hier herauf. Und wo war jetzt eigentlich die viel gerühmte Aussicht? Wo war die Sonne? Jedenfalls beide abwesend. Gleichzeitig war ich auch stolz auf uns, dass wir den Aufstieg geschafft hatten. Besonders da Boris seit letztem Jahr kaum auf einem Berg war. Nicht schlecht, so von null auf Schrankogel.
Die Gipfelpause fiel eher kurz aus, denn es war kalt und ungemütlich. Schnell zwei Riegel und ein paar Kekse reinschieben (ich hatte seit unserem Aufbruch noch nichts gegessen) und etwas trinken. Dann ging es auch schon wieder weiter.
Der Abstieg war dank Begehungen am Vortag gespurt, was uns das Leben erleichterte. Dazu lag hier auch deutlich weniger Schnee als am Ostgrat. Im oberen Bereich hatten wir es abwechselnd mit Schnee und leichten Felsen (I) zu tun. Als der Weg vom Grat weg immer weiter in die Flanke führte, wurde der Schnee weniger und schließlich konnten wir die Steigeisen ausziehen. Nun kamen wir schneller vorwärts und das letzte Stück hinab zum Hohen Egg (2820 m) konnten wir sogar entspannt über ein Schneefeld hinabrutschen.
Mittlerweile waren wir wieder aus den Wolken heraus gekommen, die sich zudem allmählich etwas ausdünnten, sodass es auch wärmer wurde. So konnten wir sogar nochmals eine richtige Pause machen. Der Weiterweg führte durch Wiesenhänge zurück zur Moräne, dann folgten wir dem bereits bekannten Weg abwärts. Die vereisten Passagen verlangten Vorsicht, der Rest war einfach.








15:00 Uhr sammelten wir unsere Übernachtungssachen im Winterraum ein, dann hatschten wir die Forststraße zurück nach Gries. Als wir uns einmal umdrehten, war der Gipfel des Schrankogel tatsächlich wolkenfrei. Ein paar Stunden zu spät, aber immerhin. Zufrieden wanderten wir weiter. Es war nicht die erhoffte Genusstour geworden, aber immerhin hatten wir uns mal wieder durchgebissen. Und vor allem waren wir nach langer Pause wieder gemeinsam unterwegs.
Und so kommt der Schrankogel mit auf meine Liste viel gerühmter Aussichtsberge, die ich komplett ohne Aussicht erlebt habe. Was tut man nicht alles …
Daten zur Tour
- Schrankogel (3497 m) via Ostgrat
- Schwierigkeit T5, I
- 1450 Höhenmeter ab Amberger Hütte
- Abstieg via Südwestflanke (T4+, I)
2 Kommentare
Mark · 24. November 2025 um 5:12 p.m.
Uns hat das wolkige Wetter am 09.11. auch überrascht. Da wir nur an einem unserer Hausberge unterwegs waren, war es weniger tragisch als bei einer Besteigung des Schrankogels. Wirklich schade für euch.
Man weiß natürlich nicht, was die Zukunft bringt. Zur Zeit ist es ist allerdings nicht absehbar, dass Batteriespeicher irgendetwas nennenswertes zur Schließung der Winterlücke beitragen können. Ende 2024 waren in Deutschland inklusive aller Heimspeicher ca. 19 GWh Batteriespeicher installiert. Das Pumpspeicherkraftwerk Platzertal würde zum Vergleich rund 62 GWh reine Pumpspeicher-Kapazität bringen.
Hannes · 25. November 2025 um 9:10 a.m.
Danke für die Einordnung der Pumpspeicherkapazität in Kühtai, Mark! Das ist interessant,