Wanderung in den Vizentiner Alpen am 10./11.01.2026
Einer der vielen Vorzüge von Bergen ist, dass sie uns immer wieder unsere Grenzen aufzeigen. Sogar vermeintlich kleinere Berge können das recht gut. Zuletzt hat mir das die Cima Dodici in den Vizentiner Alpen demonstriert.
Ein Schritt. Nach vorn? Kaum. Nach oben? Höchstens minimal. Denn die Windharschscholle bricht auch dieses Mal und mein Fuß taucht in den haltlosen Schwimmschnee, der ungefähr so viel Widerstand bietet, als würde ich in (nicht geschlagene) Sahne treten. Noch ein Schritt. Wieder bricht die Scholle und ich komme nur ein paar Zentimeter voran. Anstatt Tritte in den Schnee zu setzen, ziehe ich einen Graben. Mühsam ist das und elend langsam. Aber mehr ist bei dem Schnee nicht drin.
Dabei ließ sich die Sache erst einmal richtig gut an. 12:15 Uhr starten Franzi, Mark und ich unseren Aufstieg an einem Parkplatz auf 700 m Höhe im Val Sella, einem südlichen Seitental des Valsugana. Gemütlich wandern wir in den winterlichen Wald, der hier noch komplett aper ist. Unser Ziel ist das Bivacco Busa delle Dosede etwa 1300 m über uns. Am nächsten Tag wollen wir dann zur Cima Dodici, weiter über den Kamm wandern und einige Kilometer weiter westlich wieder absteigen.
Als der Wald lichter wird, treffen wir auf den ersten Schnee. Es ist nur eine dünne Auflage, dafür eine ganz besondere. Offenbar lange vollkommen ungestört liegend, hat er Becherkristalle wie aus dem Lehrbuch ausgebildet. Wunderschön sieht es aus, wie die Kristalle an Zweigen und Gräsern hängen. Auf dem Boden haben sich die einzelnen Kristalle zu mehreren Zentimetern großen Plättchen verbunden. Jedes Einzelne ein kleines Kunstwerk. So etwas haben wir noch nicht gesehen.
Weiter steigen wir auf, kraxeln in einer breiten Rinne über einige Blöcke und wandern Gamsspuren folgend über schmale Pfadabschnitte. Später verpassen wir in einer weiteren Rinne einen Abzweig nach links, was uns einige unangenehme Kraxelstellen über vereiste Stufen einbringt.
Als wir den Weg wieder gefunden haben, machen wir kurz Pause und bewundern die eindrucksvolle Landschaft. Hoch aufragende Pfeiler präsentieren senkrechte Wände aus gelbem Dolomit, dazwischen ziehen tiefe Schluchten durch den Berg. Alles wirkt viel wilder, als wir es erwartet hatten.
Nach der Pause wandern wir weiter, überwinden einen kurzen Abschnitt mit Drahtseilen und Leitern, bevor es wieder durch den verschneiten Wald geht. Der Steig ist schmal und sehr steil, und die zunehmende Schneeauflage erleichtert das Steigen auch nicht.






Wieder kommen wir an eine Rinne voller Blöcke, dieses Mal schneebedeckt. Noch etwa 400 Höhenmeter sind es bis zum Biwak und bislang sind wir zügig vorangekommen.
Die Schneeauflage nimmt in der Rinne nach oben hin zu, bald wird Spurarbeit notwendig. Dann wird die Rinne enger und mit der Enge kommt der Harsch. Der Wind hat hier den Schnee gepresst und einen mehr als 10 cm mächtigen Harschdeckel erzeugt. Der nur leider nicht trägt und uns mächtig ausbremst. „Mit Hannes geht man immer anstrengende Nordrinnen“, meint Mark trocken, während er tapfer durch einen der schlimmsten Abschnitte spurt. Ich halte diese Verallgemeinerung zwar für unzulässig, aber weiß sofort, was er meint.
Schnell wird klar, dass es noch lange dauern wird, bis wir das Biwak erreichen und dass unser Zeitplan ab jetzt obsolet ist. Niemals sind wir bis 16:00 Uhr oben. Zum Glück sind wir zu dritt und können uns bei der anstrengenden Spurerei abwechseln. Den letzten Abschnitt der Rinne spure ich. Wobei das Spuren eher ein Graben ist, da ich so weit einsinke, dass ich die Füße kaum über den Harschdeckel heben kann. Womit wir wieder am Beginn dieses Textes wären.
Endlich haben wir das Ende der Rinne erreicht. Auf dem anschließenden Hang ist der Aufstieg vergleichsweise mühelos. Wir steigen zügig auf, bis zum Glück Mark bemerkt, dass wir in die falsche Richtung gehen. Statt geradeaus zu steigen, hätten wir nach rechts abbiegen müssen. Franzi führt daher eine spannende Querung über mit Schwimmschnee bedeckte Gras- und Felsbänder zurück zum Weg.
Dann sind wir wieder richtig. Es sind auch nur noch rund 100 Höhenmeter bis zum Biwak. Jedoch auch einiges an Strecke, und bei diesen Verhältnissen kostet auch jeder horizontale Schritt Mühe und Zeit. Weiter wühlen wir uns, allmählich wird es kalt und ungemütlich. Und auch der Wind nimmt zu.
Als ich um eine Biegung spure, sehe ich schließlich das Biwak. Es ist noch ein Stück, aber wenigstens ist das Ende in Sicht. Einige Minuten später malt die untergehende Sonne die Wolken hinter der Cima Dodici leuchtend rot. Ein Anblick, der für viele Mühen entschädigt. Mark spurt den letzten zehrenden Abschnitt, dann sind wir – gegen 17:30 Uhr – endlich da.





Zum Glück sind Franzi und Mark Biwakexperten und schaffen es auch mit getrockneten Latschenzweigen, den Ofen zu befeuern. Ich sammle unterdessen mit großen Töpfen Schnee ein, damit wir bald kochen können. Uns allen ist kalt, wir sind müde. Und froh, jetzt im geschützten Biwak zu sitzen. Ich habe dazu noch nasse Füße bekommen, die sich jetzt anfühlen wie Eisklumpen.
Nach einer großen Portion Nudeln gehen wir früh ins Bett. Draußen pfeift der Wind und klappert in den Fensterläden. Drinnen ist es trocken und warm – oder zumindest viel weniger kalt. Der einzig richtig angenehme Ort ist aber doch der eigene Schlafsack. Trotz der Socken und Handschuhe, die mit hinein müssen, um trocken zu werden.
Am nächsten Morgen wachen wir früh auf. Es ist noch dunkel, doch wir sind wach und frühstücken. Jeder von uns, der vor die Tür schaut, wird von eisiger Kälte und beißendem Wind empfangen. Wie machen wir jetzt weiter? Bei dem Wind und diesem Schnee lassen wir die Überschreitung lieber sein. Also mit leichtem Gepäck zur Cima Dodici und auf demselben Weg zurück.
07:20 Uhr verlassen wir unseren Unterschlupf und stellen uns der Kälte. Der Nordwind bläst uns Schneekristalle ins Gesicht, während wir uns über einige Kuppen einen Weg durch den Schnee bahnen. Jeder Windschatten ist hoch willkommen, um uns kurz zu erholen.
Wieder wechseln wir uns beim Spuren ab und kommen halbwegs gut voran. Die Flanke zum Gipfel ist dann zum Glück recht windarm. Zwischendurch geht die Sonne auf und begrüßt uns aus Südosten. Ihre Strahlen spiegeln sich in der Adria wider. Ja, wir haben Meerblick! Und auch sonst wird die Aussicht immer besser.
08:50 Uhr erreichen wir den Gipfel der Cima Dodici mit seinen beiden Gipfelkreuzen. Eines steht am Nordende des flachen Gipfelrückens und eines am Südende. So sind sie auch aus den Tälern zu sehen.








Tief unter uns liegt das Valsugana, dahinter die Fleimstaler Alpen mit der markanten Cima d’Asta. Im Westen sehen wir hinter dem Becken von Levico Terme (und dem verdeckten Etschtal) die Gardaseeberge mit Monte Bondone und Monte Cadria in der Ferne. Rechts davon zeigt sich in weiß die Adamellogruppe mit dem Carè Alto als Blickfang. Daran schließen sich die steilen Türme der Brenta an. Und hinter dem Rücken der Cima Tosa schaut gerade noch die Presanella hervor. Und noch weiter nach Norden zeigen sich in der Ferne die Ortler-Alpen, deren Chef auch sichtbar ist.
Ein hervorragendes Panorama entfaltet sich hier. Dazu aus einer für uns ganz ungewohnten Perspektive. Wir saugen den Ausblick in uns ein, machen noch ein Selfie und steigen dann an einen windgeschützten Platz ab, um eine Kleinigkeit zu essen.
Nach einer erstaunlich angenehmen Pause stapften wir zurück zum Biwak. In einigen Abschnitten sind unsere Spuren vom Hinweg schon wieder komplett eingeweht, sodass wir auch zurück noch etwas Stapfarbeit hatten. Ab dem Biwak wird es leichter und weiter unten können wir die steilen Schneehänge, die wir uns am Vortag mühsam heraufgegraben haben, ganz locker abrutschen.
Der weitere Abstieg ist unspektakulär und geht uns gut von der Hand. Mit dem Schnee auf den Waldwegen haben wir weniger Schwierigkeiten als erwartet und auch sonst kommen wir gut voran. 12:40 Uhr sind wir nach unserem kleinen Winterabenteuer wieder zurück am Auto.







Nachdem wir unsere Sachen verstaut haben, fahren wir erst einmal nach Borgo Valsugana, um etwas zu essen. Schließlich ist gerade Mittagszeit. Bei einer Pizza lassen wir unsere Wühltour Revue passieren. Mühsam war es, kalt und irgendwie auch schön. Dann blicken wir noch einmal hinauf zur Cima Dodici, deren stolzer Gipfel fast 2000 m über uns thront, bevor wir die lange Heimfahrt antreten.
Daten zur Tour
- Cima Dodici (2337 m) über Weg 211
- 1850 Höhenmeter
- Schwierigkeit T4, I, B
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