Klettern in den Allgäuer Alpen am 01.05.2026

Es wird Zeit, die Klettersaison einzuläuten. Schließlich hoffe ich, ein paar Mal öfter an den Fels zu kommen als im Vorjahr. Für eine erste, vorsichtig alpine Tour schlug ich Gregor die Rote Flüh, Alte Südwand vor. Die Idee fand er gut und regte an, den Westgrat auf den Gimpel gleich noch anzuhängen. Damit hatten wir einen Plan.

Viertel nach acht starteten wir in Nesselwängle, um zunächst zum Gimpelhaus zu wandern. Wir waren eigentlich recht zügig unterwegs, trotzdem wurden wir ständig von anderen Kletterern überholt. Waren die alle irre fit oder hatten sie Stress? Na ja, das Wetter war herrlich, die Sonne lachte vom Himmel, das war die Hauptsache.

Kurz nach dem Gimpelhaus zweigten wir nach links vom markierten Weg ab und wanderten schließlich unter der Südwand des Hochwieslers entlang zur Roten Flüh. Hier konnten wir schon einige beeindruckende Felsmeter bestaunen. Von „schaut schwer aus“ bis „ist das überhaupt kletterbar“ war alles dabei.

Im Einstiegsbereich trafen wir auf eine andere Seilschaft, die dasselbe suchten wie wir: den Einstieg zur Direktvariante der alten Südwand. Sie wollten später die deutlich schwierigere Südverschneidung klettern, aber die ersten Seillängen würden wir uns teilen.

Wir hatten schon eine Idee, wo der Start liegen sollte. Und bald erspähte Gregor auch den ersten Bohrhaken und wir waren sicher, hier richtig zu sein. Also machten wir uns kletterbereit und da wir ein klein wenig schneller waren, ließ uns die sympathische andere Seilschaft den Vortritt. Kurz nach 10 stiegen wir ein.

Rote Flüh, Alte Südwand mit Direkteinstieg

Erste Seillänge (20 m, V-): Die erste Länge war meine und ich war gespannt, was mich erwarten würde. Ich stieg die ersten Meter hoch zu einem kleinen Band, auf dem ich mich nach rechts orientierte. Hier peilte ich links von einem Haken ein steiles Wandl an. Das sah irgendwie ganz schön abweisend aus. Die Griffe waren schlecht und die Tritte spärlich. Oje, diese Art von Fünfer, dachte ich.

Nach etwas Rumeierei schaute ich dann doch noch mal weiter rechts an eine Pfeilerkante. Und siehe da: Nicht nur blitzte mir hier von oben der nächste Haken entgegen. Auch die Griffe und Tritte sahen gleich viel besser aus. Hier stieg ich also hoch und dann noch mal nach rechts zu einem Zwischenstand. Diesen nutzte ich dann auch, da ich nicht sicher war, ob wir mit unserem 50m-Seil die komplette Länge schaffen würden.

Zweite Seillänge (30 m, IV+): Gregor startete gleich in die zweite Länge. Über einen kurzen, steilen Aufschwung, dann nach links zu einem Band, über eine Stufe auf ein weiteres Band und nach rechts zum Stand.

Dritte Seillänge (40 m, V+): Nun hatte ich die Qual der Wahl: Weiter durch den Kamin der Originalführe (IV), oder links davon der zweiten Seillänge des Direkteinstiegs folgen (V+). Gregor als alter Traditionalist wollte natürlich in den Kamin. Aber mir war der zu nass. Es floss nämlich recht beständig ein kleiner Wasserlauf über das glatte Gemäuer. Gregor versuchte, mir das feuchte Vergnügen schmackhaft zu machen, aber letztlich ohne Erfolg.

Also auf in die schwerste (und auch schönste) Länge des heutigen Tages. Diese folgt gerade einer Rissspur nach oben und ist anhaltend steil. Und auch gar nicht so leicht, wie ich fand. Die vier Zwischenhaken sind zum Glück genau an den richtigen Stellen. Zwischendurch darf man aber auch mal ein gutes Stück wegsteigen.

Herzstück der Länge ist ein steiles Wandl mit einer waagerechten Sanduhr, die sowohl als Untergriff als auch als Henkel taugt. Danach geht es auf einem schmalen Band nach links auf einen Absatz. Zurück nach rechts folgt eine letzte kurze Steilstufe, dann ist die Länge geschafft.

Oben angekommen freute ich mich über meinen souveränen Vorstieg und über die schönen Kletterstellen. „Die hätte es im Kamin sicher auch gegeben“, meinte Gregor dazu.

Vierte (45 m, IV-) und fünfte (40 m, III+) Seillänge: nasser Kamin? Wenigstens für ein paar Meter kam Gregor doch noch zu seinem Glück. Kurz im tropfnassen Fels stemmen, dann über eine Platte (besonders gut mit nassen Schuhen) aussteigen. Es folgten Schrofen und eine noch mal steile, abdrängende Abschlussverschneidung von Länge vier. Am Stand hängte Gregor eine Rücklaufsperre ein und ging gleich weiter.

Schlüsselpassage der fünften Länge war dann eine Rampe, die erstaunlich luftig schräg zu überwinden war. Schließlich noch der Ausstieg aus einer mal wieder nassen Rinne und auch diese Länge fand ein Ende.

Sechste (40 m, II) und siebte (40 m, II) Seillänge: Mich erwartete nun unspektakuläres Schrofenglände durch eine meiste breite Schlucht. Das Beste kam zum Schluss: Ein (wohl umgehbarer) Plattenaufschwung, der aus der Schlucht nach links zum Stand führte.

Achte Seillänge (60 m, IV-): Der Stand nach der siebten Länge liegt nur wenige Meter vom Schrofengelände des Normalwegs entfernt. Daher wird die Kletterei hier meist beendet. Gregor wollte aber lieber noch klettern.

Anstatt also in die Schrofen zu queren, peilte Gregor direkt die steile Gipfelwand an und fand dort noch einige schöne Klettermeter. Einem Riss folgte er in eine abdrängende Verschneidung, die man erst schön ausspreizen und dann an riesigen Griffen nach oben verlassen kann. Dann legt sich die Wand zurück und wird leichter. Haken gibt es in dieser Länge nicht mehr, aber mit Friends und Keilen ist sie gut absicherbar.

Apropos Keile: Deren letzten hatte Gregor so stabil versenkt, dass ich ihn ohne Klemmkeilentferner nicht aus seinem Spalt befreien konnte. Also holte ich mir bei Gregor den Keilentferner ab, kletterte noch einmal zurück und barg das störrische Stück.

Nach diesem letzten Kletterspaß seilten wir aus und gingen zu Fuß zum Gipfel der Roten Flüh (2108 m), den wir 12:40 Uhr erreichten. Das hatte ja gut geklappt. Und auch Spaß gemacht. Jetzt machten wir Pause, genossen die Aussicht und stärkten uns ein wenig. Es war viel los am Gipfel, an dem sich eine bunte Mischung aus Wanderern, Klettersteiggehern und Kletterern eingefunden hatte.

Direkt gegenüber wartete schon der Gimpel und mahnte uns, unsere Pause rechtzeitig zu beenden. Im Westgrat waren ein paar Seilschaften zu sehen, aber mit denen würden wir uns nicht mehr in die Quere kommen.

Nach 25 Min. brachen wir dann auf und stiegen auf der Nordseite der Roten Flüh über gut gespurte weiche Schneefelder ab. Von der Judenscharte aus hatten wir anschließend vielleicht noch 10 m Zustieg bis zum Einstieg in unsere zweite Route. Dort wechselten wir noch einmal die Schuhe; die Gurte hatten wir ohnehin gleich angelassen. Und 13:40 Uhr ging es wieder los.

Gimpel, Westgrat

Erste (35 m, III+), zweite (30 m, II+) und dritte (15 m, III) Seillänge: Wieder war ich dran mit starten. Und schon nach den ersten Metern wurde klar, dass wichtigstes Orientierungsmerkmal dieser Tour der Speck ist. Bohrhaken sind spärlich vorhanden, aber abgespeckte Griffe und Tritte weisen zuverlässig den Weg in dieser meist genüsslichen Route.

Am III+ -Aufschwung konnte ich den im Topo verzeichneten Haken nicht finden. Friends und Keile hingen gemütlich an Gregors Gurt. Also kletterte ich einfach mal konzentriert weiter. Dann hängte ich wieder eine Rücklaufsperre in den nächsten Stand und stieg durch leichtes Gelände zum hübschen Hangelgrat, der das Herzstück der dritten Länge bildet. Der Abschnitt erinnerte mich an den Barthgrat, schien mir aber doch gutmütiger zu sein. Oder lag es nur an der Seilsicherung?

Vierte Seillänge (15 m, IV-, A0): Gregor fiel es nun zu, die berühmte Schlüsselstelle der Tour zu führen, den Spreizschritt „Nur Mut Johann“. Frei geklettert soll die Stelle VI sein. Das Hauptproblem dabei dürfte der Speck sein. Die Tritte sind alle dermaßen poliert, dass weder Gregor noch ich auf einen Griff in die Expresssschlinge verzichten wollten. Glücklicherweise ist die Stelle gut mit Bohrhaken abgesichert und lässt sich also auch technisch lösen.

Fünfte Seillänge (35 m, IV-, A0): Auch den „Schinder“, die zweite Schlüsselstelle der Tour, kletterten wir nicht frei. Und auch hier ist viel Speck zu finden. Halb stemmend, halb ziehend überwand ich also den engen Schlund. Dann entschied ich mich für den rechten und anspruchsvolleren von zwei Rissen (IV- statt II+), der noch mal einen kurzen, schönen Aufschwung präsentierte.

Danach steuerte ich zielsicher die Scharte an, die mir ein logischer Standplatz zu sein schien. Dort konnte ich keine Haken finden und machte kurzerhand an einem Köpfel stand. Als Gregor nachkam, deutete er auf zwei Haken direkt vor mir und fragte, warum ich nicht die genommen hätte …

Sechste (25 m, III-) und siebte (50 m, III+?) Seillänge: Gregor durfte das Finale führen und erreichte nach einem kurzen Wandl ein Schrofenband auf der Ostseite des Gipfels. Das kleine Türmchen umgingen wir versehentlich nicht rechts, wie im Topo angegeben, sondern links. Da Gregor auf dem Band schließlich das Seil ausging, wechselte ich kurzerhand im Gehgelände zum nächsten Stand.

Hier zeigte ein türkiser Pfeil nach oben, an dem Gregor zunächst vorbeigegangen war. „Zusammen sehen wir alles“, meinte ich zu ihm. Immerhin! Dem Pfeil folgend fand Gregor eine schöne, plattige Variante zum normalen Anstieg, die eventuell ein wenig schwieriger ist als III+. Ein großer Vorteil dieser Variante war der fehlende Speck, was Gregor als Vegetarier besonders freute.

15:15 Uhr standen wir am 2173 m hohen Gimpel. Super, wie sich das heute ausgegangen war! Und wir hatten zwar unterwegs nicht getrödelt, gestresst hatten wir uns aber auch nicht. Und damit wollten wir auch jetzt nicht anfangen. Also erst mal Schuhe ausziehen, Schlosserei ablegen und den Augenblick genießen. Ich freute mich auch darüber, bereits zum zweiten Mal hier zu sein.

Die Fernsicht war heute ausgezeichnet, und neben diversen Allgäuer Gipfeln, den alten Bekannten des Ammergebirges und dem abweisend steilen Wetterstein konnte ich in der Ferne sogar die weiß glänzende Firnkuppe der Wildspitze erkennen. Was für ein herrlicher Frühlingstag!

Nach angemessen langer Pause machten wir uns an den Abstieg, der noch einmal kurze IIer-Stellen bereithält. Anschließend wanderten wir weiter zum Gimpelhaus, auf dessen Terrasse wir mit einem Kaltgetränk auf diesen gelungenen Klettertag anstießen. Um uns herum waren alle Tische voll besetzt. Überall lagern Seile herum, baumelten Helme an Rucksäcken. Selten habe ich eine so hohe Klettererdichte auf einer Hütte gesehen. Die Stimmung war gelöst. Alle freuten sich offensichtlich über den herrlichen Tag und ihre jeweiligen Klettererlebnisse. Eine schöne Atmosphäre.

Schließlich rissen wir uns los und wanderten das letzte Stück zurück nach Nesselwängle. Kurz nach sechs kamen wir wieder am Parkplatz an und beschlossen diesen tollen Auftakt der Sommersaison.

Daten zur Tour

  • Rote Flüh (2108 m), Alte Südwand mit Direkteinstieg
    • Schwierigkeit V+
    • 8 SL, 260 m
    • Standplätze und wichtigste Zwischensicherungen gebohrt
    • Abstieg auf Nordseite (T4)
    • Alte Südwand erstbegangen 1919 durch Braß, Männer und v. Schwerin
  • Gimpel (2173 m), Westgrat
    • Schwierigkeit IV-, A0
    • 7 SL, 230 m
    • Standplätze und wichtigste Zwischensicherungen gebohrt
    • Abstieg auf Südseite (T5, II)
    • Erstbegangen 1896 durch J. Bachschmid, A. Weixler und E. Christa
  • Zusammen 1150 Höhenmeter

Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert