Klettern im Ammergebirge am 29.05.2026

Die Alte Nordwand am Geiselstein hatte ich schon länger im Blick. Lange habe ich mich an die Tour nicht herangetraut, mittlerweile „nur“ noch gehörigen Respekt vor ihr. Einen Versuch wollte ich gerne wagen, und Armin war gleich mit von der Partie.

Los ging es mal wieder in Halblech mit den Rädern. Da wir beide entweder konservativ oder geizig sind (vielleicht auch beides), mit Bio-Bergrädern ohne Motor. Was dann die Oberschenkel auch ordentlich brennen ließ, als wir aus dem Flusstal zum Ebenwald hinaufkurbelten. Jedes Mal finde ich es hier herauf mühsam, aber was soll’s? Weiter ging es dann an hübschen Kühen vorbei zum Wankerfleck und dem Radldepot am Waldrand.

Über uns thronte nun bereits der Geiselstein mit seiner imposanten Nordwand. Und dank der markanten Schlucht, die die Wand durchzieht, konnten wir auch schnell unsere geplante Route ausmachen. Die Schlucht bildet an ihrem unteren Ende eine tiefe, runde Höhle aus, die Armin passend als „Saurons Auge“ bezeichnete. Genau so schaut sie aus und gleich daneben ist auch der Einstieg in die Alte Nordwand.

Mit unserem Ziel vor Augen starteten wir also den Fußaufstieg in Richtung Geiselsteinsattel. Der Abzweig zur Nordwand war dann dank eines Steinmanns gut erkennbar. Ein paar Meter weiter legten wir die Klettersachen an, hängten uns die Kletterschuhe an den Gurt und verstauten die Rucksäcke. Heute wollten wir nur mit einem Mini-Rucksack für den Nachsteiger unterwegs sein. Mein Einwand „Aber meine Gipfelbrotzeit!“ wurde von Armin klar zurückgewiesen: „Die kannst Du beim Wandern machen.“ Da Klettern ohne Rucksack schon relativ gut klang, ließ ich mich trotzdem darauf ein.

Leicht bepackt näherten wir uns also der Wand und stießen auf ein Problem, das ich für eine Voralpen-Kletterei nicht wirklich auf dem Zettel gehabt hatte: eine Randkluft. Von durchaus beachtlichem Ausmaß. Dass wir dort hinein mussten, war schnell klar. Nur aus welcher Richtung? Von oben? Zu eng. Von der Seite? Zu steil. Von unten? Ja, das ging. Also hinein in die Kluft und durch den frostigen Korridor zum Einstieg. 10:15 Uhr ging es dann los.

Erste Seillänge (25 m, V+): Armin entschied sich für die linke von zwei Einstiegsvarianten. Hauptsächlich, weil diese unten leichter ist und am ersten Haken das Wechseln der Schuhe ermöglicht. So mussten wir die Kletterschuhe am Einstieg nicht in den Schnee stellen. Nach diesem Manöver kletterte er weiter einen Kamin hinauf und musste dann seltsam abdrängend über speckige Tritte nach rechts zum anderen Einstieg queren. Es war die unangenehmste Einzelstelle der ganzen Tour, und wir hatten beide unsere Schwierigkeiten damit. Zum Abschluss ging es noch an einer Kante etwas kräftig auf einen Absatz.

Zweite Seillänge (20 m, IV): Nun war ich dran und irgendwie noch gar nicht in meinem Element. Ich ging zum Ende des Absatzes und brauchte dann recht lange, um zu kapieren, dass ich hier einen kleinen Kamin abklettern musste, anstatt oben hinüber auf die andere Seite zu spreizen. Es folgte eine absteigende Querung auf einem schmalen Band. Und auch hier brauchte ich an einer abdrängenden Stelle nochmals länger. Irgendwann hatte ich es dann aber doch raus und erreichte kurz darauf den nächsten Stand.

Dritte Seillänge (35 m, IV): „Ob das hier noch was wird?“, fragte ich mich. Mit Kluft-Einstieg, Schuhwechsel und Kletterschwierigkeiten hatten wir bis hierher ewig gebraucht. Vielleicht war das heute doch eine Nummer zu groß? Andererseits sah die Verschneidung der dritten Seillänge eigentlich sehr einladend aus. Vielleicht einfach mal versuchen? Das Seil würde schon noch reichen. Also rauf! Und siehe da, diese Art der Kletterei lief dann plötzlich recht flüssig. Vielleicht wird es doch noch was …

Vierte (40 m, V-) und fünfte (15 m, IV) Seillänge Armin stieg nun die hier nochmals steilere Verschneidung weiter. Anschließend ging es über einige Schuppen links halten aufwärts und bis zur Begrenzungswand der großen Schlucht. An dieser entlang gelangte Armin zu einer Stufe, die er wenige Meter in den Schluchtgrund abkletterte.

Die anspruchsvollen Längen sind alle recht gut mit Klebehaken abgesichert, an den Ständen findet sich jeweils ein großer Ring und ein zusätzlicher Bohrhaken. Richtig fürchten mussten wir uns also nicht. Plaisiermäßig sind die Hakenabstände allerdings ebenfalls nicht und auch die Bewertung erschien mir eher streng.

Sechste Seillänge (40 m, IV): Der geräumige Stand in der Schlucht eignete sich prima, um einen Schluck Wasser zu trinken. Dann machte ich mich wieder auf den Weg. Nach Osten, raus aus der Schlucht, fand ich eine große Erosionsrille vor, die den Weiterweg nach oben vermittelte. In ansprechender Kletterei gelangte ich so zum nächsten Stand.

Siebte (45 m, IV+) und achte (15 m, I) Seillänge: Die Erosionsrille wird nach oben hin zu einem Riss und schließlich zu einer Rinne. Alles schön zu klettern. Irgendwo verpasste Armin allerdings einen Abzweig und stieg hakenlos weiter aufwärts. Zum Glück konnte er zwei Sanduhren an diesem sonst eher abweisenden Fels finden, bevor er schließlich das grüne Band erreichte, das die Nordwand durchzieht. Ganz bis zum vorgesehenen Standplatz reichte das Seil nicht mehr, aber ein Klebehaken und eine Latsche gaben auch einen guten Stand ab.

Neunte Seillänge (35 m, II): Ich rutschte nun über Latschen aufwärts bis zu einem Felseck und schlich die anschließenden Schrofen hinauf. Ich klettere ja ganz gerne im IIer-Gelände, aber dieses hier machte wenig Spaß. Grasig, kleintrittig und brüchig. Da schaute ich immer dreimal hin, wo ich meine Füße als Nächstes positionieren würde. Zwischenhaken fand ich keine, aber immerhin den nächsten Stand. Da der Seilzug hier schon ziemlich unangenehm war, verzichtete ich darauf, weiterzugehen, und holte Armin nach.

Zehnte bis zwölfte Seillänge (90 m, III, III+, IV-): Armin führte jetzt weiter über zunehmend steile Schrofen, die immer mehr in richtige Kletterei übergingen. In einen Zwischenstand hängte er eine Seilklemme, sodass wir ein Stück am laufenden Seil gehen konnten. Die Kletterei hier ist wenig spektakulär, die Landschaft dafür umso mehr. Die Schlucht wird von einem bizarren torbogenartigen Gewölbe überspannt und endet etwas oberhalb in einer großen Gufel, in der sich auch der Standplatz befindet. Der Fels in der Gufel zeigt deutliche Spuren von Wassererosion, und hier dürfte es oft recht feucht sein. Doch nach der jüngsten Hitzeperiode war alles staubtrocken, was uns natürlich entgegenkam.

Dreizehnte Seillänge (35 m, V-): Zunächst musste ich die Wand direkt über dem Stand erklimmen, die eine kurze steile Stelle bereithält und dann schnell leichter wird. Über diese Wand verließ ich die Gufel wieder und fand mich vor die Wahl gestellt, entweder einen engen Kamin zu durchsteigen oder den glatten Pfeiler links daneben. Nachdem ich mich vor Kurzem an der Roten Flüh gegen den Kamin entschieden hatte, war er heute mal dran. Also hinein in den engen Schlund! Der war recht gut zu klettern, nur zwischendurch so eng, dass ich mit den Zustiegsschuhen, die hinten am Gurt befestigt waren, hängen blieb. Also wollte ich die umhängen und stieß dabei auf technische Schwierigkeiten.

Ich verwende schon seit Jahren nur noch Karabiner ohne klassische Hakennase. Weil sich die Nase sonst immer irgendwo verhängt. Nur der Mini-Materialkarabiner, an dem die Schuhe hingen, der war einer mit Nase. Und hing an einer kleinen Stoffschlaufe hinten am Gurt, damit die Schuhe möglichst aus dem Weg waren. Die Kombination aus Nase und enger Schlaufe erwies sich nun als maximal ungünstig. Was mich zu einigen Flüchen animierte, zumal ich es eigentlich besser weiß. Da sich das blöde Ding partout nicht aushängen lassen wollte, musste ich mich so im Kamin verklemmen, dass ich beide Hände frei hatte, um hinter meinem Rücken den Karabiner aus der Schlaufe zu fummeln, ohne dass mir dabei die Schuhe runterfallen. Auch so ein alpines Spezialmanöver, das ich nicht noch mal brauche. Na ja, irgendwann hatte ich es dann, konnte die Schuhe auf die Seite hängen und mich weiter durch den Spalt schinden.

Die Seillänge endete dann an einer schönen Scharte, an der wir zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder in die Sonne kamen. Der Platz war so angenehm, dass wir hier kurz Pause machten, als auch Armin oben war.

Vierzehnte Seillänge (30 m, V): Armin hatte nun einige besonders schöne Klettermeter vor sich. Aus der Scharte stieg er die rechte Begrenzungswand hinauf. Zunächst an deren linker Kante, dann leicht nach rechts und an teils versteckten Griffen in einem kurzen Zickzack. Das war tolle Kletterei. Nach der Wand führte er links der Gratschneide durch Geschröf und Latschen zum nächsten Stand.

Fünfzehnte Seillänge (35 m, I): Die uninteressanteste Seillänge des Tages führte mich über den grasigen Nordostgrat zum nächsten Wandansatz. Gehört halt dazu.

Sechzehnte Seillänge (50 m, VI-): Allmählich näherten wir uns dem Ende der Tour. Wir rechneten noch mit zwei „richtigen“ Seillängen. Erst IV+, dann IV-. Zunächst hatte Armin die Querung um das sogenannte Hauseck zu meistern, die auch noch mal super ist. Eine herrliche ausgesetzte Querung mit großen Griffen, die wie bestellt genau da auftauchen, wo man sie sich wünscht.

Dann verschwand Armin um die Kante und brauchte irgendwie ganz schön lange, bis er den nächsten Stand erreichte. Seltsam. Als ich dann nachstieg, wurde mir nach der Kante klar, warum er nicht schneller gewesen war. Steil und griffarm musste ich schräg nach links aufwärts. Auf einem schmalen Band bestaunte ich die ganz schön glatte und steile Platte vor mir. Und spätestens als ich mit beiden Händen Griffe hielt, in die jeweils nur die vordersten Fingerglieder passten, war ich mir sicher, dass das keine IV+ war.

Aus Versehen war Armin in den „Direkten Kantenausstieg“ (VI-) eingestiegen, der mittlerweile die letzte Seillänge der Route „Herbstwind“1 ist. So durften wir also über einige Platten schleichen und zum Abschluss noch einen kleinen Überhang überwinden. Das war zwar viel schwieriger als erwartet, aber auch herrliche Kletterei. Da konnte ich auch verschmerzen, dass wir über diese Variante meine letzte IVer-Länge übersprungen hatten.

Siebzehnte Seillänge (30 m, II): Da das Ende des direkten Kantenausstiegs keinen guten Platz zum Ausseilen darstellte, führte ich noch eine Schrofenlänge zum Ostgipfel, wo wir die Tour dann endgültig geschafft hatten. 5,5 h hatten wir dafür gebraucht. Dafür, dass uns der Beginn so schwergefallen war, ganz gut.

So saßen wir also im Gras des Ostgipfels, aßen ein paar Riegel (die Brotzeit war ja nicht dabei) und gönnten unseren Füßen den Luxus eines kletterschuhbefreiten Daseins. Wir genossen die erfolgreiche Kletterei, die dann doch noch gut geklappt hatte, und die Aussicht an diesem wunderbar sonnigen und stabilen Tag. Dann gingen wir noch kurz zum Hauptgipfel hinüber, denn das gehört schon dazu.

Schließlich stiegen wir über den Normalweg, der nochmals Konzentration fordert, in den Geiselsteinsattel. Von hier wanderten wir entspannt talwärts, holten unterwegs unsere Rucksäcke ab, und erreichten irgendwann auch die Räder. Mit denen ging der weitere Abstieg dann sehr zügig und 18:15 Uhr waren wir wieder am Ausgangspunkt. Ein großes Erlebnis war es heute gewesen. Und ein schönes Gefühl, dass wir dieser Tour nach schwierigem Beginn gewachsen waren und sie die meiste Zeit über sogar genießen konnten.

Da wir mit den uns zur Verfügung stehenden Topos nicht komplett zufrieden waren, habe ich mir die Mühe gemacht und selbst eins gezeichnet (siehe Link unten). Dort ist tendenziell der Maßstab im oberen Bereich größer als im unteren. Zwischenhaken sind nicht eingezeichnet.

Daten zur Tour

  • Geiselstein (1882 m), Alte Nordwand mit direktem Kantenausstieg
  • Schwierigkeit VI-, 17 SL, 500 m
  • Stände und wichtigste Zwischenhaken gebohrt; in leichteren Längen teils keine Zwischenhaken; mobile Sicherungsmittel schwer einsetzbar
  • Abstieg über Normalweg (T5, II)
  • 1150 Höhenmeter
  • Originalführe erstbegangen am 24.05.1920 von Otto Herzog, Karl Lischer, Heinrich Schneider und Emil Solleder
  • Direkter Kantenausstieg erstbegangen am 05.06.1980 durch Marcus Lutz und Egbert Lehner
  • Ein Topo gibt’s gleich hier (ohne Gewähr!):
  1. Für die Herbstwind wird die Länge mit VII- bewertet. Dazu muss man noch vor der Kante gerade hoch. Einen Bohrhaken gibt es dort, allerdings erscheint der Weg um die Kante viel logischer.


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

3 Kommentare

Jan · 8. Juni 2026 um 11:29 a.m.

Hey Hannes,

gratuliere zu der beeindruckenden Felsfahrt zum Start in den Klettersommer und die ruhigen Nerven im Kamin! Solche Zustiegsschuh-Verhänger sind wirklich ganz besonders magische Momente…

Ein paar imposante Eindrücke hast du da mitgebracht – so eine Randkluft hätte ich dort auch nicht mehr erwartet, den Geiselstein hatten wir uns die Tage auch überlegt. Wurde dann aber doch die Dusche in den Tannheimern 🙂 Super Topo auch wieder. Seh ich das richtig, dass du da inzwischen hybrid fährst und ein Teil von Hand skizziert ist und die Längen und Schwierigkeiten dann am PC eingefügt werden?

LG aus Garmisch,
Jan

    Hannes · 9. Juni 2026 um 1:56 p.m.

    Servus Jan,

    vielen Dank! Es war wirklich eine tolle Unternehmung und gehört wahrscheinlich zu meinen bislang eindrucksvollsten Alpintouren. Euch würde der Geiselstein sicher auch gefallen, zumal er ja diverse Routen in diversen Schwierigkeiten bietet.

    Und Ihr wart in den Tannheimern? Mit „Dusche“ im Sinne von Regen oder im Sinne von Hüttenkomfort?

    Meinen Arbeitsablauf der Topo-Erstellung hast Du richtig erkannt. Die Geländeskizze mache ich per Hand, Beschriftung und Kletterlinie füge ich am Rechner ein. Aktuell fühle ich mich damit recht wohl. Allerdings staune ich jedes Mal wieder, wie viel Zeit ich dafür brauche…

    Beste Grüße aus Gilching und Euch einen schönen und unfallfreien Sommer
    Hannes

      Jan · 10. Juni 2026 um 12:58 p.m.

      Servus Hannes,

      die Arbeit macht sich aber auf jeden Fall bezahlt, schaut super übersichtlich aus! Falls wir’s doch mal zum Geiselstein schaffen – er steht auf jeden Fall auf dem Zettel – kommt das mit.

      Die Dusche war leider eine ausgeprägte Kaltfront pünktlich zur Schlüsselstelle der Miss Nessewängle, die wir wohl eher Miss Nasseswändle kennengelernt haben. Versuch war’s wert.

      Ich wünsche dir auch einen schönen und unfallfreien Sommer,

      LG aus GAP

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