Wanderung in den Villgratner Bergen am 11.06.2026
Das Villgratental ist eines der ruhigeren Alpentäler. Kleine Orte, keine Ski-Infrastruktur, ein Freilichtmuseum. Die beiden höchsten Gipfel dieses schönen Tales sind die Weiße Spitze und die Rote Spitze. Und bei Neuschnee wird auch die Rote Spitze ein wenig weiß.
09:45 Uhr stellte ich das Auto am letzten Parkplatz vor der Oberstalleralm ab und wanderte das kurze Stück auf der Straße hinauf. Dort (1864m) weitete sich dann schlagartig der Blick. Nach links hinauf zu meinen beiden Gipfelzielen, die sehr direkt über dem Tal thronen. Und nach vorn zum wunderschönen Talschluss hin. Idyllisch fließt dort der naturbelassene Arntalbach durch die Almen- und Ödlandschaft, die sonst nur von einer Schotterpiste durchzogen wird.
War der Talboden noch grün, so waren die oberen Hänge alle von einem dünnen weißen Tuch aus Schnee bedeckt. Und der frische Schnee vom Vortag reflektierte gleißend das Sonnenlicht. Trotz des fast wolkenlosen Himmels war die Luft frisch und kalt. Wie ein Herbsttag wirkte dieser Morgen und kündigte doch den Sommer jenseits der Schafskälte an.
Ein kurzes Stück wanderte ich noch ins Tal hinein, kam an einem Almbauern vorbei, der sich gerade um einige seiner Kühe kümmerte. Es sollte die einzige Begegnung an diesem Tag bleiben.
Bald bog ich ab und folgte dem markierten Weglein über Weiden und in den Bergwald. Jenseits des Waldes traf ich bald auf den ersten Schnee. Es war nicht viel und zwang mich doch zur Vorsicht. Einige Wegabschnitte waren rutschig, manche Felsen mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Auch die Blüten der Alpenrose hatte der Frost ereilt und mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Wie in Glas gegossene kleine Kunstwerke sahen einige der pinkfarbenen Blüten aus. Eine ganz besondere Atmosphäre war das – irgendwo zwischen Sommer und Winter.








Meine reizvolle Umgebung bewundernd stieg ich auf dem sehr direkt bergwärts führenden Weg allmählich höher. Am Beginn eines kleinen Kares machte ich kurz Pause, bevor ich den steilen Schlussabschnitt zur Schlötterlenke (2725 m), dem Sattel zwischen Roter und Weißer Spitze, anging.
Am Sattel angekommen wandte ich mich zunächst nach Osten, der Weißen Spitze zu. An einem ersten Felsaufschwung ließ ich die Stöcke zurück, denn ab hier musste ich immer mal wieder kurz Hand anlegen (bis II-). Und aufgrund der dünnen Neuschneedecke, die einige Felsen noch bedeckte, war dabei erhöhte Vorsicht geboten.
Die Mischung aus leichter Kraxelei und Wandern machte mir natürlich Freude, und so erreichte ich um 12:30 Uhr gut gelaunt den Gipfel der Weißen Spitze (2962 m). Hier setzte ich mich erst einmal und machte Pause. Und bestaunte dabei die leicht winterliche Landschaft. Der Schnee hatte sich seit meinem Aufbruch zwar bereits zurückgezogen, doch nach wie vor waren die höheren Berge der Umgebung mindestens angezuckert. So fühlte ich mich hier und heute dem sommerlichen Tale besonders entrückt.






Nach 20 Minuten brach ich wieder auf und kehrte vorsichtig in die Schlötterlenke zurück. Da es noch früh genug war, beschloss ich, mir auch den Aufstieg auf die Rote Spitze anzusehen. Auch dieser bietet ein wenig Kraxelei sowie mehrere Drahtseilpassagen, von denen einige recht steil sind. Und da die Rote Spitze heute weißer war als sonst im Sommer, war auch hier wieder umsichtiges Steigen angesagt. Auch das machte Spaß, mittlerweile war ich aber auch ein wenig erschöpft.
Um 14:20 Uhr erreichte ich dann auch die 2956 m hohe Rote Spitze und konnte die zweite Gipfelpause des Tages einlegen. Waren die hohen Gipfel ringsum bei der letzten Pause noch in Wolken gehüllt, hatten sich viele nun von ihrem Kleide befreit und zeigten sich in ihrer ganzen Pracht: Hochgall und Wildgall, Dreiherrenspitze und auch der Großvenediger zeigte sich kurz. Im Süden die Dolomiten mit den auffälligen Nordwänden von Großer Zinne und Westlicher Zinne. Ein sehr abwechslungsreiches Panorama zeigte sich hier an der Grenze zwischen Zentral- und Südalpen.
Für den Abstieg wählte ich den Normalweg auf der Westseite der Roten Spitze. Dazu musste ich am Kamm ein wenig auf und ab in Kauf nehmen und auf dessen Nordseite einige Altschneefelder queren, die zum Glück noch nicht völlig aufgeweicht waren. An der Wangeslenke (2680 m), an der ich wieder in die Südflanke abbog, hatte ich den Schnee bereits hinter mir. Ab hier ging es jetzt entspannt durch Wiesen und Schotter bergab.
Rund um den Lerchenbach, den der Werg zweimal quert, blühten die Trollblumen, deren Anblick für mich immer eine große Freude ist. Irgendwie mag ich deren kugelige gelbe Blüten besonders gern. Im unteren Teil wird der Weg dann noch einmal unerwartet schmal und anspruchsvoll. Hier wird noch einmal Trittsicherheit gefordert. Ich brachte zum Glück noch ausreichend davon mit und erreichte sicher das Tal.










Dort war es mittlerweile sommerlich warm. Nur noch wenige weiße Reste des Wintereinbruchs am Vortag hingen in den Berghängen über mir, und der Tag fühlte sich bereits ganz anders an als bei meinem Aufbruch. Als ich um 16:30 Uhr am Parkplatz ankam, war mein Auto wie schon am Vormittag das einzige. Dafür hatten sich einige Kühe dazugesellt, die sich im Schatten der umstehenden Bäume ausruhten. Zum Glück waren sie sehr entspannt und erschreckten sich auch nicht, als ich schließlich den Motor startete und davonfuhr. Nach diesem ungewöhnlichen, winterlichen Sommertag an der Weißen Spitze und der etwas weißen Roten Spitze.
Daten zur Tour
- Weiße Spitze (2962 m) und Überschreitung Rote Spitze
- Schwierigkeit T4, II-, A/B
- 1530 Höhenmeter
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