Klettern in den Dolomiten am 10.07.2026
Die Daumenkante an der Fünffingerspitze ist wahrscheinlich eine der beliebtesten Kletterrouten in den gesamten Dolomiten. Und ich muss sagen, sie lohnt sich wirklich.
Nach unseren zweieinhalb Tagen in der Pala zogen Gregor und ich weiter zum Sellajoch. Und nach einem Ruhetag und einem Erkundungstag wollten wir am Freitag wieder klettern. Da im Laufe des Nachmittags Gewitter vorhergesagt waren, sollte es nichts allzu Langes oder Kompliziertes werden. Das schien uns die Daumenkante gerade richtig.
Um 06:40 Uhr starteten wir an der Passhöhe und wanderten über blühende Wiesen auf die Langkofelgruppe zu. Bald steilte das Gelände auf und der Weg führte uns in Serpentinen ziemlich direkt zur Toni-Demetz-Hütte in der Langkofelscharte. Kurz bevor wir die Hütte erreichten, begann die Seilbahn zu fahren. Trotzdem waren wir um 08:20 Uhr zu unserem Erstaunen die Ersten am Einstieg. Glück gehabt!
Erste Seillänge (30 m, IV)
Es war noch ein wenig frisch, als wir mit der Kletterei begannen, doch ich wurde relativ schnell warm. Die erste Seillänge, die eine wenig gegliederte Wand hinaufführt, fällt gegen die folgenden deutlich ab. Sie bietet abgeschliffenen, teils auch etwas schmierigen Fels. Die Absicherung ist hier – wie auch im Rest der Route – eher alpin: Einige Schlaghaken (mit farbigen Reepschnüren markiert) und gefädelte Sanduhren, zwischendurch darf man auch ein Stück wegsteigen und am Ende wartet ein geklebter Standhaken. Im Vergleich zum Gran Pilastro fast schon plaisir, aber eben auch nur fast.
Zweite Seillänge (100 m, I–II)Vom Stand aus stieg Gregor nach rechts über Geröll und Schrofen zu einer Scharte am Grat, wo er einen Köpfelstand einrichtete. Dass wir diese Länge angeseilt gingen, war unnötig. Nur auf den ersten beiden Metern vom Standhaken weg war es möglich, hinunterzufallen. Und die waren Gehgelände.
Dritte Seillänge (35 m, III)
Am Stand wurden wir dann von einer Südtiroler Bergführerin mit auswärtiger Gästin eingeholt. Die Bergführerin fragte sehr freundlich, ob die beiden an uns vorbeisteigen dürften. Ein Bergführer, der fragt, ob er vorbei darf? Habe ich wohl noch nie erlebt. Und natürlich ließen wir den beiden sehr gerne den Vortritt.
Anschließend stieg ich den beiden durch Schrofen links vom Grat hinterher bis unter den ersten steilen Kantenaufschwung. Da der Standhaken belegt war, nutzte ich ein schönes Köpfel.
Vierte Seillänge (30 m, IV)
Gregor durfte nun das erste Stück an der wirklich beeindruckend steilen Kante hinaufführen. Die Kletterei ist sehr luftig, aber dafür auch supergriffig und henkelig. Der Stand lag dann am Beginn eines schmalen Bandes.
Fünfte Seillänge (30 m, III+)
Eine recht gemütliche Seillänge. Auf dem Band nach links, rechts um einen Zacken herum, wieder aufs Band und gleich steil rechts hoch zu einem Stand an einer Sanduhr. Den hatte ich von unten zuerst nicht gesehen und bin kurz auf dem Band weitergegangen. Zum Glück habe ich aber schnell eingesehen, dass das nicht richtig war.
Sechste Seillänge (15 m, IV-)
Gregor kletterte jetzt den rechten von zwei Kaminen direkt über uns hinauf und machte auf einem Absatz Stand. Eigentlich wäre die Länge noch weitergegangen, aber für einen besseren Seilverlauf machte er hier schon Schluss. Und legte damit geschickt die Grundlage dafür, mir später die Schlüsselseillänge zuzuschieben. 😉
Siebte Seillänge (25 m, III+)
Hier war wieder Kantenkletterei angesagt, die nach oben hin leichter wurde.
Achte Seillänge (25 m, III)
Immer weiter die Kante hoch. Nie schwer, immer luftig.








Neunte Seillänge (30 m, IV+)
Nun war ich also dran mit der Schlüsselseillänge. Kurz kletterte ich noch auf der linken Seite der Kante, dann wieder direkt frontal. Da mich steile Kletterei – und besonders in der Kombination mit Luftigkeit – mental fordert, hatte ich Respekt davor, diese Länge vorzusteigen. Doch dank der riesigen Griffe fand ich mich schnell zurecht und ließ mich auch von zwei etwas andrängenden Stellen nicht aus dem Konzept bringen. Entsprechend zufrieden erreichte ich den nächsten Standhaken.
Ein Blick zurück zeigte diverse Kletterer, die an der Kante herumturnten. Hinter uns war mittlerweile richtig viel los. Aber glücklicherweise war niemand direkt hinter uns und wir hatten weiterhin unsere Ruhe.
Zehnte Seillänge (30 m, IV-)
Weiter ging die Kante, ähnlich wie zuletzt, nur etwas flacher. Schließlich ging sie in den Gipfelgrat über, auf dessen rechter Seite Gregor den Gipfel- und Abseilstand erreichte. Bis hierher hatten wir genau 3h gebraucht.
Der eigentliche Gipfel des Daumens liegt ein paar Meter weiter auf einer schmalen Schneide. Da wir dorthin nicht ungesichert gegangen wären und wussten, was hinter uns los war, verzichteten wir auf diesen Abstecher und machten uns gleich an die Abseilfahrt.
Mit einem kurzen und einem langen Abseiler erreichten wir die Daumenscharte, wo auch schon Kletterer auf dem Normalweg zur Fünffingerspitze unterwegs waren. Wir packten eines der Seile weg und seilten zweimal 30 m über Platten ab. Anschließend stiegen wir zu Fuß entlang des Normalwegs weiter ab bis zur Sockelwand, die quasi direkt zur Terrasse der Toni-Demetz-Hütte abfällt. Hier noch dreimal abseilen und wir hatten wieder festen Boden unter den Füßen.
Um 13:30 Uhr packten wir unseren Kram zusammen und beobachteten, wie sich auf der Abseilpiste allmählich ein richtiger Stau entwickelte. Also heute hatten wir mal richtig Glück gehabt mit unserem Timing!





Da es an der Demetz-Hütte ebenfalls ziemlich voll war, stiegen wir weiter ab zu den Wiesen oberhalb des Sellajoches und kehrten in der Baita Miara ein, was wir nur empfehlen können. Während sich draußen allmählich der Himmel verdunkelte, tranken wir noch ein alkoholfreies Bier in der Sonnenliege, dann wanderten wir zurück zum Ausgangspunkt. Als letzter Höhepunkt des Tages wurden wir kurz vor dem Parkplatz noch vom legendären Christoph Hainz überholt. So endete dieser schöne Klettertag. Und ein weiterer sollte noch folgen vor der Heimreise.
Daten zur Tour
- Fünffingerspitze Daumenkante
- Schwierigkeit IV+, 8–10 SL, 325 m
- Stände meist an Klebehaken, einige Zwischensicherungen vorhanden (Schlaghaken, Sanduhren), nachbessern mit mobilen Sicherungen sinnvoll.
- Abstieg über Normalweg der Fünffingerspitze (ca. 7 × abseilen und II)
- Erstbegangen im Sommer 1917 durch Gustav Jahn, Erwin Merlet und Karl Huter
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