Klettern in den Dolomiten am 06./07.07.2026

In den vergangenen Jahren waren meine Kletterunternehmungen alle erfolgreich. Das konnte natürlich nicht ewig so weitergehen. Stattdessen erteilte uns die Pala di San Martino eine wertvolle alpine Lehrstunde.

Nachdem wir unsere Eingehtour an der Croda di Roda ohne Probleme bewältigt hatten, wollten wir etwas Anspruchsvolleres gehen. Insbesondere die gewaltige Linie des Gran Pilastro an der Pala di San Martino hatte es uns angetan. Auch „nur“ im IV. Grad, dafür 20 Seillängen und sicherlich keine gebohrten Stände wie am Vortag.

Nach einem eher kargen Frühstück auf der Rosettahütte brechen wir um 06:45 Uhr auf und steigen zum Einstieg des Gran Pilastro ab. Ich will schon lange einmal durch eine so große Wand steigen. Aber jetzt, im Angesicht dieses riesigen und abweisend steilen Pfeilers, kommen doch Zweifel in mir auf, ob wir dieser Route gewachsen sind. Kann ich das? Will ich das?

Gran Pilastro

Erste Seillänge (30 m, II)

So bin ich etwas verunsichert, als wir unter der Wand stehend den Einstieg ausmachen und schließlich dorthin steigen. Heute bin ich dran mit Anfangen. Also kraxle ich bald von links auf den Vorbau (II). Hier ist es noch leicht und problemlos komme ich zu einer Sanduhr, in der eine alte Schlinge hängt. Diese findet sich auch im Topo und von hier soll es im dritten Grad gerade hochgehen.

Echt da hoch?, frage ich mich. Das ist doch niemals ein IIIer. Außerdem liegt die von unten schon sichtbare Gufel doch viel weiter rechts. Und der nächste Stand soll ja auch in einer liegen. Also schaue ich mal nach rechts. Und merke schließlich, dass ich mit dem 60-m-Seil nicht bis zur Gufel komme. Also zurück, was gar nicht mal so angenehm ist. Schließlich stehe ich wieder an der Sanduhr. Da hoch? Echt jetzt? Ich schaue es mir kurz aus der Nähe an, aber kann es nicht recht glauben. Mittlerweile habe ich durch die Sucherei richtig viel Zeit verloren und beschließe, erst einmal Gregor nachzuholen.

Zweite Seillänge (35 m, III)

Während ich Gregor nachhole, schaue ich mir die steile Wand über mir nochmals in Ruhe an. Mit etwas Fantasie könnte es da schon durchgehen. Sieht nicht wirklich wie ein IIIer aus, aber vielleicht doch machbar. Aber Gregor geht es wie mir: Er ist sicher, dass wir nach rechts müssen, und steigt dort bis zur Gufel, wo er Stand an einer weiteren Sanduhr macht (auf dem Topo war ein Hakenstand verzeichnet).

Dritte Seillänge (25m, V)

Die Szenerie der Gufel ist eindrucksvoll. Direkt nach oben zieht ein irre steiler Kamin. Links davon eine Verschneidung mit Abschlussüberhang, dann eine Kante, die die Wandeinbuchtung abschließt. Da klar ist, dass wir wieder zurück nach links müssen, orientiere ich mich Richtung Kante.

Ich steige etwa 3m auf ein Band und quere und steige auf diesem bis zur Kante. Dann schaue ich um die Ecke, wo aber leider auch kein einladendes Gelände wartet. Was nun? Zurück? Hmm, etwa 5m über mir scheint ein Band nach links zu ziehen. Das könnte uns doch zurück zur Route bringen.

Zum Glück kann ich auf Hüfthöhe noch einen Cam unterbringen, dann steige ich etwas diffizil an recht kleinen Griffen und Tritten die Kante hinauf. Und treffe zum Glück tatsächlich auf einen breiten Absatz, der sich nach links öffnet und zu einer Rinne führt, die wieder zum Topo passt. Guten Mutes mache ich an einem Block Stand und hole Gregor nach.

Vierte Seillänge (40 m, II)

Gregor steigt also in die Rinne, findet dort einen Hakenstand und klettert gleich weiter über Absätze nach rechts zum Beginn des großen markanten Kamins, durch den sich die Route fortsetzt. Jetzt sind wir sicher, wieder richtig zu sein, haben bis hierher aber auch schon ewig gebraucht.

Fünfte Seillänge (40 m, IV)

Ich steige also in den Kamin ein. Ganz unten kann ich einen Cam unterbringen, dann kommt ewig lang nichts. Ich weiß, dass ich nach einigen Metern nach rechts raus muss, und erkenne das schmale Band dazu auch bald. Aber auch hier ist kein Haken, stattdessen einer ein gutes Stück über mir. Vielleicht doch weiter hoch? Ich steige hin, erkenne den Verhauerhaken an der Abseilschlinge und klinke ihn trotzdem. Endlich wieder eine Zwischensicherung! Derart gesichert mache ich mich auf den Rückweg zum Band, gehe dort um die Ecke und finde den nächsten Haken. Verdammt, es wäre doch so logisch gewesen! Stattdessen wieder Zeit verloren und obendrein übler Seilzug für die letzten anspruchsvollen Meter, bevor sich das Gelände zum Stand hin zurücklegt.

Sechste Seillänge (45 m, IV)

Gregors Länge bietet erst einmal keine Wegfindungsschwierigkeiten: immer gerade den Kamin hoch. So spreizt, stemmt und steigt sich Gregor also voran. Nur der nächste Stand ist nicht so offensichtlich und schließlich baut er direkt im Kamin einen Spreizstand an einer Sanduhr und einem alten Haken. Bequem ist anders, aber es geht.

Siebte Seillänge (30 m, IV-)

Ich steige einfach weiter durch den Kamin. Da Gregor etwas zu weit gestiegen war, ist meine Länge nun etwas kürzer, bis ich den offensichtlichen Stand an einer Sanduhr finde. Hier hängt ein altes Seilstück mit einigen Beschädigungen, von denen ein paar mit Klebeband überdeckt sind. Wer macht so was? Na ja, trotz allem wirkt das Stück noch einigermaßen vertrauenswürdig.

Achte Seillänge (40 m, III)

Der Kamin verbreitert sich jetzt schluchtartig und wird etwas leichter. Gregor sucht sich den leichtesten Weg bis zu einem Hakenstand auf der linken Seite.

Neunte Seillänge (45 m, III+)

Und weiter geht der Kamin. Es ist die erste Seillänge, bei der ich das Gefühl habe, meine anfängliche Verzagtheit komplett abgelegt zu haben. Jetzt bin ich im einfach-hoch-egal-wie-Modus. Gleichzeitig merke ich, dass ich nicht effizient genug klettere und schon zu viel Kraft verbraucht habe. Es ist auch eine seltsame Länge. Meist recht leicht, aber mit kurzen Stücken garniert, bei denen ich mich auch über eine V in der Bewertung nicht gewundert hätte.

Den Stand finde ich auf der rechten Seite auf einem Podest kurz unter dem oberen Ende des Kamins und zum ersten Mal wieder in der Sonne. Schön! Weniger schön ist allerdings, dass wir bis hierher fünf Stunden gebraucht haben. Fünf Stunden für (nach Topo) acht Seillängen. Damit haben wir noch nicht einmal die Hälfte geschafft, und wenn wir in dem Tempo weitermachen, wird es eng mit Tageslicht und Ausstieg. Wir sind einfach zu langsam.

Richtig wohl fühle ich mich mit der Situation nicht. Gleichzeitig will ich natürlich gerne hoch, zumal es die letzten paar Längen zumindest ordentlich lief. Ich spreche Gregor darauf an und ihm geht es genauso. Seit unserem Verhauer hatten wir mehrmals besprochen, ob wir umkehren sollten, uns aber jedes Mal dagegen entschieden. Jetzt aber sind wir uns sicher, dass es klüger ist, abzuseilen. Nach oben ist es immer noch sehr weit und von hier aus sollten wir noch gut hinunterkommen.

Also Abbruch, Rückzug, Vorbereitung zum Abseilen. Was ja auch nicht ganz ohne ist in einer solchen Tour. Kurz vor 14:00 Uhr geht es wieder abwärts.

Rückzug

Den Rückzug gehen wir folgendermaßen an: Gregor als der Schwerere von uns beiden seilt jeweils zuerst ab und testet, ob der Stand hält. Ich baue dann die Hintersicherung, die wir für ihn installieren, wieder ab und seile hinterher. Um Seilsalat zu vermeiden, zieht Gregor das Seil unterwegs aus dem Rucksack, anstatt es von oben herunterzuwerfen. Das klappt insgesamt ausgezeichnet und die ersten Abseillängen gehen schnell und unkompliziert vonstatten. Das Hauptärgernis ist Steinschlag, der beim Abziehen des Seils entsteht, und dem wir im Kamin schlecht ausweichen können. Zum Glück passiert aber nichts.

In der letzten Kaminlänge (der mit dem Ausstieg nach rechts auf ein Band) aber ist es dann so weit: Das Seil verhängt sich in einem Spalt und lässt sich nicht abziehen. Also muss ich da noch mal hoch. Widerwillig und eher rudimentär gesichert klettere ich die Länge also noch einmal. Gegen Ende bekomme ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Krampf im Daumen. Das ist beim Klettern natürlich doof und ein deutliches Zeichen, dass Abseilen statt Aufsteigen eine gute Idee ist.

Oben arrangiere ich das Seil neu und seile in eine etwas andere Richtung ab. Unten angekommen, lässt sich das Seil wieder kaum abziehen. Och nö, ich mag da nicht noch ein drittes Mal rauf! Aber dieses Mal klappt es mit vereinten Kräften, das Seil mühevoll abzuziehen. Ein Glück!

Die nächsten Abseiler gehen wieder ohne Probleme und nach insgesamt neunmal Abseilen sind wir gegen 18:00 Uhr zurück am Wandfuß. Erleichtert, diesen Rückzug hinter uns zu haben und nun nur noch zurück zur Hütte wandern zu müssen. Auf dem Rückweg haben wir Zeit, unser Erlebnis zu besprechen. Welche Fehler wir gemacht haben, was wir beim nächsten Mal besser machen sollten und auch, was trotz allem gut funktioniert hat.

Ich bin in meinem Empfinden zwiegespalten. Einerseits bin ich enttäuscht, weil ich das Gefühl habe, dass ich der Route nicht gewachsen war. Und ganz einfach, weil wir nicht so gut waren, wie ich vorher gedacht hatte. Andererseits konnten wir alles gut klettern. Und mit mehr Entschlossenheit schneller zu steigen, scheint mir hauptsächlich eine Frage der Übung und der Gewöhnung an das Klettern in den Dolomiten zu sein.

Auch um die Erfahrung des Rückzugs bin ich dankbar. Ich musste mich noch nie so weit und in so alpinem Gelände zurückziehen. Mit einer einzigen Ausnahme galt für mich bis jetzt: entweder gar nicht erst einsteigen oder bis oben hin durchsteigen. Die Erfahrung, auch in einer klassischen Route einen Rückzug recht sicher gestalten zu können, finde ich wertvoll. Und ich habe das Gefühl, dass sie mich als Bergsteiger weiterbringt. So sind wir halb zufrieden und halb enttäuscht, als wir später mit den anderen Hüttengästen beim Abendessen sitzen und Erlebnisse austauschen.

Und was machen wir am nächsten Tag? Gregor schlägt vor, den Normalweg auf die Pala di San Martino zu erkunden. Ich bin zunächst nicht sehr begeistert von dieser Idee, werde aber im Laufe des Tages meine Meinung ändern. Und immerhin können wir dann ein wenig länger schlafen und ganz normal frühstücken.

Gegen 08:00 Uhr verlassen wir am nächsten Morgen die Hütte und wandern zunächst über die Hochebene Richtung Rifugio Pradidali. An einem undeutlichen Sattel verlassen wir den markierten Weg und folgen gelegentlichen Steinmännern über Hügel und einen Rücken bis zum wenig ausgeprägten Gipfel der Cima delle Scarpe (2802m). Von hier aus müssen wir ein Stück hinab, auf einen weiteren Rücken, dann nochmals hinab und wieder hinauf, wo sich der Charakter der Landschaft schlagartig ändert.

Bislang sind wir über weite, flache Hügel gewandert, vor uns fällt das Gelände nun steil ab und verengt sich zu einem turmgespickten Grat, der hinüber zur Pala die San Martino leitet. Deren Gipfel ist dann auch wieder so geformt wie die Hochfläche. Doch zwischendurch wartet wildes Gelände. Bevor wir dieses betreten, machen wir eine kurze Pause und legen auch schon die Gurte an. Das Seil bleibt aber noch kurz im Rucksack.

Pala die San Martino Normalweg

Dann gehen wir es an und steigen in die Scharte ab. Dahinter leiten uns rote Punkte und einige Bohrhaken über eine gestufte Wand (II) zu einem deutlichen Band auf der rechten Seite des ersten Turmes. Diesem Band folgen wir, bis es sich bald so verengt, dass wir das Seil auspacken.

Jetzt folgt sehr unterhaltsame Kletterei auf dem Band. Meist geht es quer, um diverse Ecken herum, manchmal auch einige Meter hinauf oder hinab. Die Kletterei ist nie schwer (II), aber immer wieder sehr ausgesetzt. Dass wir in diesem Schwierigkeitsgrad überhaupt angeseilt gehen, sagt ja auch schon etwas aus.

Zwischendurch überholt uns eine Führerseilschaft, die im Gegensatz zu uns am kurzen Seil geht. Meistens hängt eine Expressschlinge zwischen Führer und Gast, manchmal auch keine. Na ja, wenn man es kennt und kann… Wir hingegen sichern klassisch von Stand zu Stand, weil wir nie wissen, was uns erwartet. Auf dem Rückweg werden wir es anders machen, so viel ist klar.

Schließlich erreichen wir einen Sattel vor einem kleinen Turm. Diesen umgehen wir links und stehen vor der Schlüsselstelle, der steilen Wand des vierten Turmes. Ich wäre eigentlich dran, aber mir ist noch nicht wieder nach einem steilen Vorstieg. Gregor hingegen ist mental schon wieder voll da und übernimmt die Führung. Zunächst sehr steil, dann etwas flacher und in einer leichten Rechts-Links-Schleife überwindet er diese Wand (50m, III+).

Noch einmal müssen wir auf der rechten Seite queren, dann hinab, wieder queren, und erreichen eine Nische, an der die letzte Seillänge (70m, II+) auf uns wartet. Nach dieser müssen wir nur noch über Schrofen mit kurzen IIer-Stellen steigen und erreichen schließlich um 13:00 Uhr den Gipfel der Pala di San Martino (2982 m). Schön, dass wir es doch noch hierher geschafft haben, wenn auch nicht über die geplante Route. Immerhin, wenn wir es eines Tages noch einmal versuchen, kennen wir den Abstieg bereits, was hier sicherlich kein Fehler ist.

Doch zunächst rasten wir, essen die Sandwiches, die wir aus der Hütte mitgebracht haben, und genießen das Panorama, das in der Ferne bis Ortler und Großglockner reicht. Größter Blickfang ist jedoch die Cima della Madonna mit ihrer auffälligen Schleierkante.

Nach der Gipfelpause machen wir uns an den Rückweg. Die erste II+ -Passage gehen wir dieses Mal seilfrei, dann weiter am laufenden Seil bis zur Wand des vierten Turmes. Zweimal abseilen bringt uns an den Fuß der Wand. Die weitere Querung gehen wir wieder am laufenden Seil, was natürlich viel schneller geht als auf dem Herweg.

Um 16:00 Uhr erreichen wir wieder den Rand der Hochebene. Wir sind zufrieden, heute immerhin die leichtere Variante auf „unseren“ Gipfel gemeistert zu haben. Die für einen Normalweg ja auch nicht ohne ist. Nun wandern wir zurück zur Hütte, stärken uns dort nochmals, und steigen vom Passo di Rosetta nach San Martino ab. Nach zwei Tagen auf der Hochfläche genießen wir den Blick auf Wiesenhänge und Bäume ganz besonders. Schön sind die Kontraste zwischen dem lebendigen Grün der Almflächen und dem stolzen Grau und Gelb der Felswände.

So endete diese interessante Tour. Wir waren nur eingeschränkt erfolgreich, dafür haben wir viel gelernt. Und auch das ist wertvoll.

Daten zur Tour

  • Pala di San Martino (2982 m) Normalweg
  • Schwierigkeit III+
  • 700 Höhenmeter ab Rifugio Rosetta
  • Erstbestiegen 1878 durch Alfred von Pallavicini und Julius Meurer mit Santo Siorpaes, Angelo Dimai und Michele Bettega


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert