Klettern in den Dolomiten am 11.07.2026
Starke Gewitterneigung am Nachmittag, Unwettergefahr. Zum Abschluss unserer Dolomitenfahrt musste daher eine überschaubare Tour mit kurzem Zustieg her. Eine solche fanden wir mit der Rampenführe am Piz Ciavazes.
Der Piz Ciavazes ist einer der breiten, steilwandigen Berge, die das festungsartige Sellamassiv bilden, welches wie eine Riesenburg über den umliegenden Tälern thront. Bei solchen Wänden ist es kein Wunder, dass diese Berge bei Kletterern beliebt sind. Im Falle des Piz Ciavazes ist es die Südwand, die Felsfreunde lockt.
Und diese Wand bietet einen großen taktischen Vorteil: ein breites Gras- und Geröllband auf etwa halber Höhe, das sogenannte Gamsband. Dieses ermöglicht überschaubar lange Klettereien im unteren Wandteil. Und neben einigen sehr anspruchsvollen bietet diese Wand auch einige leichtere Routen, etwa die Rampenführe im rechten Teil der Wand.
Da wir wetterbedingt früh starten wollten, stellten wir schon um 06:50 Uhr das Auto am Parkplatz ab. Nebenan frühstückten gerade zwei Österreicher, die etwas verdutzt schauten, als wir das Auto parkten, die Rucksäcke herausholten und sofort losgingen. Wir sollten sie später kurz wiedertreffen, denn sie kletterten die wesentlich schwierigere Schubert, deren Einstieg in der Nähe von unserem lag.
Jetzt aber wanderten wir erst einmal los, deutlichen Pfadspuren folgend durch den Wald und dann durch offenes Gelände auf die Wand zu. Im rechten Teil hat die Wand eine Art Versatz nach vorn, und genau dort verläuft die Rampenführe, die somit auch recht leicht zu finden ist. Der genaue Einstieg ist deutlich weniger offensichtlich. Er liegt ziemlich weit innen, in der Nähe der Verschneidung mit der Hauptwand. Der glatte Riss der zweiten Länge hilft bei der Orientierung.
Da ich in diesem Urlaub bislang immer die Schlüssellängen geklettert war (teils freiwillig, teils unfreiwillig), war heute Gregor dran. Und da die heutigen in den Längen zwei und vier lagen, machte ich wieder mal den Anfang.
Erste Seillänge (25 m, IV)
Also sortierte ich das Geraffel und stieg los. Der Fels war hier ganz anders als in den letzten Touren. Glatter, weniger griffig, den heimischen Bergen viel ähnlicher. Trotzdem, ließ er sich gut klettern. Von rechts erreichte ich einen Absatz mit Normalhaken, dann folgte ich etwas links davon einem Riss aufwärts zu einem weiteren Absatz mit Stand.
Während ich unterwegs war, trafen unten bereits die nächsten Seilschaften ein. Wie schon am Vortag war es uns also gelungen, uns an die Spitze zu setzen. Heute hatten wir allerdings gar nicht damit gerechnet, dass so viel los sein würde.
Zweite Seillänge (30 m, IV+)
Gregor durfte nun die erste Schlüsselseillänge angehen. Er folgte einem seichten und glatten, manchmal auch speckigen Riss, der wirklich schöne Kletterstellen bietet. Und auch recht gute Möglichkeiten zur Absicherung. Der Stand fand sich dann auf einem weiteren Absatz.
Dritte Seillänge (30 m, IV)
An diese Seillänge habe ich kaum noch Erinnerungen. Meinen Notizen zufolge ging es leicht links haltend zu einer Sanduhr und dann gerade hoch. Der Großteil der Länge war eher leichter als IV.
Vierte Seillänge (35 m, IV)
In der vierten Länge kletterte Gregor an einer Rippe zwischen grasigen Rissen empor, dann leicht rechts und zuletzt steiler zum Stand in einer Nische (35m, IV).







Fünfte Seillänge (40 m, IV)
Eigentlich schien es mir hier am logischsten, einer schwach ausgeprägten Rinne zu folgen, weil es dort eindeutig am leichtesten war. Aber im Topo für diese Länge waren eine Platte und ein Überhang eingezeichnet. Und links der Rinne war eine steile, dunkle Platte mit einer überhängenden Schuppe daneben. Und obendrauf ein Haken. Vielleicht also doch da lang? Mal probieren.
Die Stelle konnte ich mit zwei Cams hinter der Schuppe gut absichern, dann piazte ich kurz die Platte hinauf und schwang mich auf die Schuppe. Ein IVer war das eher nicht mehr, vielleicht so V(?). Und natürlich war der Haken oben ein Verhauerhaken. Tja, war ich wohl wieder aus Versehen die schwerste Einzelstelle vorgestiegen. Muss ich wohl entweder klüger klettern oder schwerer …
Nun machte ich allerdings einen Fehler. Anstatt mich am markanten Kamin der sechsten Seillänge zu orientieren, dachte ich nur daran, wohin meine aktuelle Länge führen könnte. Und stieg geradlinig und mäßig abgesichert zu einer Nische im Nirgendwo. Hier ging es definitiv nicht weiter, aber immerhin konnte ich mit zwei Cams einen passablen Stand einrichten.
Dann rief ich Gregor an und bat ihn darum, im Nachstieg gleich nach dem richtigen Stand Ausschau zu halten. Den fand er dann auch etwa 5 Meter unter mir und 10 m nach rechts (natürlich in der Rinne, am Fuße des Kamins). Er stieg gleich dorthin und ich war zum Glück in der Lage, dorthin abzusteigen.
Sehr ungünstig an diesem Manöver war allerdings, dass das Seil beim Einziehen nach unten einige Steine löste. Mehrmals musste ich „Stein“ durch die Wand brüllen und hoffte inständig, dass sich die folgenden Seilschaften außerhalb der Schusslinie befanden. Von unten waren keine Schreie zu hören, was ein ganz gutes Zeichen war. Trotzdem, das war Mist! Und sollte einer der Betroffenen diesen Bericht eines Tages lesen: Ich bitte um Entschuldigung.
Sechste Seillänge (40 m, IV+)
Nun stand die zweite IV+ -Seillänge an, der markante Kamin, den wiederum Gregor vorstieg. Unten ging es noch geneigt aufwärts, dann steil und griffig durch den schmalen Kamin, den wir teils innen und teils außen überwanden. Für mich war das die schönste Länge der Route.
Siebte Seillänge (35 m, IV)
Nach dem Kamin war der Weiterweg weniger offensichtlich. Also war wieder sorgfältiges Studium von Topo und Gelände gefragt, um den richtigen Weg zu finden. Als ich mir einigermaßen sicher war, stieg ich los. Zunächst gerade nach oben unter kleine Überhänge. Dort etwas nach links zu einem Haken, dann wieder gerade aufwärts bis unter eine glatte, oben leicht überhängende Wand, die eine Nische bildete.
Die letzte Zwischensicherung lag etwa 15 Meter unter mir, daher war ich froh, hier endlich mal wieder ein kleines Köpfel abbinden zu können. Dann spreizte ich nach links über die Nische auf ein Podest, schaute gespannt um die Ecke – und sah tatsächlich den Standhaken vor mir. Puh, dieses Mal hatte ich also den richtigen Riecher.
Achte Seillänge (30 m, III+)
Nun wird die Route deutlich leichter. Gregor stieg eine breite Grasrinne empor und zum Schluss noch über eine Felsstufe zum nächsten Stand.
Neunte Seillänge (30 m, III)
Ich folgte weiter der schrofige Rinne und fand den nächsten Stand an der rechten Begrenzungswand.
Zehnte Seillänge (25 m, II)
Zum Abschluss durfte Gregor die letzten Schrofen zum Gamsband erklimmen und machte Stand an zwei Cams.
Um 11:00 Uhr hatten wir die Tour geschafft. Angesichts meines Verhauers war das Tempo eh noch relativ gut. Schön war’s, wenn auch nicht ganz so Dolomiten-griffig wie zuletzt.
Noch hielt auch das Wetter, sodass wir in Ruhe zusammenpackten und uns dann an den Abstieg machten. Der führt über das lange Band nach Westen, zwischendurch um einen Kessel herum und durch ein Loch (Versicherungen). Ganz am Ende des Bandes ging es noch um eine Ecke und dann über Schrofen hinab (Steinmänner). Zuletzt wartete eine steile und unangenehm abgespeckte Passage auf uns (III, kann man alternativ auch abseilen).
Nach diesem Speckstück erreichten wir eine Terrasse, zu der auch der Abstieg von den Sellatürmen führt. Eine zweite steilere Passage seilten wir ab, sie wäre aber wahrscheinlich deutlich leichter gewesen als die speckige weiter oben. Nun waren wir endgültig im Gehgelände und konnten entspannt zurück zum Parkplatz wandern.






Gegen 13:00 Uhr waren wir wieder am Auto, wo wir uns zum Abschluss unserer Kletterwoche ein Radler aus der Kühlbox gönnten. Und während wir mit Flasche in der Hand versonnen auf „unsere“ Route blickten, sahen wir, dass da noch eine Dreier-Seilschaft unterwegs war. Oben auf dem Gamsband standen auch noch einige Kletterer, die auf die anderen zu warten schienen. Was war denn da los?
Mit dem Fernglas konnten wir erkennen, dass der Vorsteiger gerade in der siebten Seillänge und vollkommen falsch unterwegs war. Wir konnten quasi live zuschauen, wie er den Stand suchte, und feuerten ihn dabei an. Mittlerweile zog der Himmel schon deutlich zu, und so waren auch wir erleichtert, als er nach einer knappen halben Stunde endlich den Stand gefunden hatte und seine beiden Nachsteiger nachholte. Der Rest war ja leicht, da würden sie bestimmt zügig durchkommen.
Mit diesem Gedanken stiegen wir ins Auto und traten die Rückfahrt an. Es ist ein immer wieder faszinierender Sport, den wir uns ausgesucht haben.
Daten zur Tour
- Piz Ciavazes „Via della Rampa“
- Schwierigkeit IV+, 10 SL, 315 m
- Standplätze an betonierten Ringen, sehr wenige fixe Zwischensicherungen, Schlingen und Cams helfen weiter.
- Abstieg über Gamsband (T5, III oder II und abseilen)
- Erstbegangen am 14.08.1935 durch Sandro del Torso und Enzo Leuzo.
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