Klettern in der Verwallgruppe am 13.09.2026

Der Nordgrat auf den Hohen Riffler ist für ostalpine Verhältnisse ungewöhnlich scharf geschnitten und bietet anhaltende und schöne Kletterei. Lange schon wollte ich ihn einmal klettern. Und nun sind wir diese sehr großzügige Tour tatsächlich angegangen.

Um 06:45 Uhr machten sich Mark und ich am Sportplatz in Flirsch auf den Weg. Vor uns lag ein ordentliches Programm: 1500 Höhenmeter Zustieg auf die Mittagsspitze und anschließend 500 Höhenmeter und ca. 1,5 km Strecke am Grat.

Nachdem wir Schnellstraße und Eisenbahnlinie unterquert hatten, führte uns der Weg gleich deftig steil durch den Bergwald hinauf. Nix mit locker einlaufen, sondern gleich richtig aufwärts. So verflog bald die Müdigkeit und wir stiegen zunehmend munter bergan. Um gut durch diesen Tag zu kommen, achtete ich allerdings von Beginn an auf ein moderates Tempo.

Erst an der Ganatschalpe auf 1854 m verließen wir den Wald. Hier öffnete sich auch der Blick auf unser erstes Zwischenziel: die Mittagsspitze. Erstaunlich, dass es bis zu dieser noch fast 800 Höhenmeter sein sollten. Sie sah viel näher aus.

Direkt an der Alpe passten Wegweiser und Karte nicht recht zusammen, aber wir fanden uns bald wieder zurecht. Weiter stiegen wir bergauf, durch ein letztes kurzes Waldstück, dann durch ausgedehnte Blaubeermatten, über Wiesen und schließlich grasige Schrofen. An einem großen Felsblock erinnerte eine Gedenktafel an drei Wanderer, die hier letztes Jahr vom Blitz erschlagen wurden. Ein unwahrscheinlicher und tragischer Unfall. Leider passiert so etwas immer mal wieder – und nicht nur in extrem exponiertem Gelände.

Um 10:00 Uhr erreichten wir die Mittagsspitze (2635 m) und hatten damit den Zustieg bewältigt. Ich war schon ein wenig in den Unterzucker gestiegen und freute mich dementsprechend über eine Essenspause am Gipfel. Auch sonst war ich heute nicht bei 100 %. Mein Kopf fühlte sich leicht stumpf an und ich hatte etwas weniger Energie als sonst. Aber alles noch okay. Außerdem entschädigte die wunderschöne Aussicht übers Stanzer Tal und auf die Lechtaler Alpen für die Anstrengung bis hierher.

Auch in der anderen Richtung war der Blick beeindruckend: Wuchtig, dunkel, scharf und steil, wie mit dem Lineal gezogen, zog vor uns dessen Nordostgrat zum Gauderkopf hinauf. Abweisend und einschüchternd sah diese felsige Bastion aus. Auch der Weiterweg zum Hohen Riffler wirkte alles andere als einfach. Und auch wenn wir wussten, dass die Frontalansicht oft täuscht, machte der Anblick Eindruck auf uns. Würden wir da gut durchkommen?

Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht und gestärkt hatten, wanderten wir über Gras und einige Felsen hinüber zum Gratansatz. Wir hatten bei der Rast auch die Klettergurte angelegt, um bei Bedarf sichern zu können. Gleichzeitig wollten wir den Großteil des Grates seilfrei gehen, sonst wären wir zu langsam.

Und dann standen wir auch schon vor dem wuchtigen Grat. Also los! Gleich die ersten Meter waren nicht ohne (II+) und wir brauchten ein wenig, um uns an den Fels und die Kletterei zu gewöhnen. Ich hatte heute mental nicht meinen besten Tag, war durchgehend angespannt und konnte den ersten Eindruck des Grates nie so ganz abschütteln. Dementsprechend ging Mark meist voraus und erkundete den Weiterweg.

Die Kletterei an sich entpuppte sich als sehr lohnend. Die Felsqualität war super, die Struktur schön griffig und gestuft. Und der Grat war immer wieder sehr scharf, was für beeindruckend exponierte Kletterstellen sorgte.

Bereits recht weit unten packten wir für einen steilen und unübersichtlichen Aufschwung im III. Grad kurz das Seil aus. Wahrscheinlich ist diese Stelle umgehbar, aber uns war die Variante direkt an der Gratkante lieber, zumal uns einer der wenigen Bohrhaken in der Route (bis zum Gipfel waren es vier oder fünf) dazu einlud. Nach dieser ersten Schlüsselstelle legte sich der Grat ein wenig zurück und wir kamen gut voran. Auch diese leichtere Passage forderte anhaltende Kletterei und bot den ein oder anderen eindrucksvollen Tiefblick.

Zum Gauderkopf hin steilte der Grat noch einmal beeindruckend auf und wir waren ein wenig überrascht, dass wir auch diesen Abschnitt (Stellen III, sonst II) gut seilfrei klettern konnten. So waren wir insgesamt recht zügig unterwegs und erreichten um 11:15 Uhr mit dem Gauderkopf (2991 m) unser nächstes Zwischenziel. Hier machten wir nochmals Pause und stärkten uns.

Der Weiterweg über einige breite Grattürme sah fordernd aus. Einerseits nach mehr Gehgelände als bislang, andererseits nach steilen und schwierigen Aufschwüngen zwischendurch. Mark meinte, wir würden bestimmt noch lange brauchen bis zum Gipfel. Ich war etwas optimistischer, aber ebenfalls gespannt, was da noch auf uns zukommen würde.

Im Gehgelände überwanden wir die erste Graterhebung, dann wurde es wieder anspruchsvoller. An einer Scharte nutzten wir gerne den vorhandenen Abseilring, anstatt den steilen Abstieg auszuknobeln. Nun wechselten sich steile Aufschwünge mit exponierten, horizontalen Gratpassagen ab. Die Felsqualität war etwas schlechter als im unteren Gratabschnitt, aber immer noch gut. Und die Kletterei blieb anhaltend, lohnend und bot auch immer wieder originelle Stellen (bis III).

Am letzten Steilstück vor dem Gipfel seilten wir uns noch einmal für wenige Meter an. Die Stelle war klettertechnisch evtl. etwas schwieriger (III+) als die erste Schlüsselstelle, aber in jedem Fall deutlich angenehmer, da übersichtlich und durchgehend fest. Jetzt hatten wir es fast geschafft und das Gipfelkreuz stand bereits dicht vor uns. Eine kurze plattige Abkletterstelle in eine Scharte war das letzte Hindernis und dann waren wir tatsächlich am Hauptgipfel des Hohen Riffler (3167 m). Super!

Wir freuten uns, dass alles so gut funktioniert hatte. Sogar unseren Zeitplan hatten wir ungefähr eingehalten (um 14:35 Uhr erreichten wir den Gipfel).

Trotz einiger hoher Wolken war die Fernsicht fantastisch und reichte bis zum Finsteraarhorn. Etwas näher und deutlicher ließen sich Piz Palü, Ortler, Weißkugel und Wildspitze blicken. Auch Piz Linard, Piz Kesch und Schesaplana zeigten sich, dazu im Nordosten zwischen diversen Lechtaler Gipfeln Parseierspitze und Zugspitze. Noch näher begeisterten uns das unverbaute und wilde Malfontal sowie dahinter die klotzigen Gipfel von Küchlspitze und Kuchenspitze. Es gäbe da schon noch einige lohnende Ziele im Verwall …

Nachdem wir uns sattgesehen hatten, machten wir uns an den Übergang zum zwei Meter niedrigeren Südgipfel. Die Abkletterstelle in die Scharte fanden wir von oben gar nicht mal so offensichtlich, sie löste sich dann aber gut auf (II). Der Aufstieg auf der anderen Seite war dann kein Problem mehr und in wenigen Minuten standen wir am Wandergipfel des Hohen Riffler.

Nun also abwärts. Und weiter abwärts. Und noch weiter abwärts. Erst durch die blockige Westflanke und dann steil hinab ins Kar zwischen Kleinem Riffler und Blankahorn. Danach südwärts durch schöne Wiesenhänge bis zur Edmund-Graf-Hütte, die wir aus Zeitgründen links liegen ließen. Jetzt wieder nach Westen am Jakobstalbach entlang ins Malfontal. Schließlich auf der Fahrstraße talauswärts bis zum Parkplatz oberhalb von Pettneu.

Puh! Es war ein langer Abstieg. In den engen Zustiegsschuhen taten uns gegen Ende die Zehen weh und auch die Muskulatur meldete sich immer mehr. Entsprechend froh waren wir, am Parkplatz unsere früh morgens dort deponierten Räder vorzufinden und die letzten 6 km zurück nach Flirsch rollen zu können.

Um 18:15 Uhr trafen wir wieder am Auto ein. Müde und zufrieden waren wir, als dieser besondere Bergtag ausklang. Für uns beide war die heutige eine der größten Touren des Jahres und für mich einer der längsten und schönsten Gneisgrate überhaupt.

Daten zur Tour

  • Hoher Riffler (3167 m), Nordgrat
  • Schwierigkeit III+ (eine Stelle, mehrfach III, anhaltend II)
  • An den schwierigsten Stellen einzelne Bohrhaken vorhanden, sonst mobile Absicherung gut möglich.
  • Abstieg über den Normalweg (T3)
  • 2200 Höhenmeter


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

2 Kommentare

Rebecca · 10. Oktober 2026 um 5:23 p.m.

Seeeehr schön sieht das aus, die Tour könnte mir auch gefallen 🙂 Und cool, dass es sich doch so entspannt ausgegangen ist, obwohl du nicht deinen stärksten Tag hattest. Auch das gehört ja leider immer mal wieder dazu. Toll ist, finde ich, wenn man sich dann so gut auf seinen Bergpartner / seine Bergpartnerin verlassen kann. LG Rebecca

    Hannes · 11. Oktober 2026 um 6:16 a.m.

    Hallo Rebecca, ja, ich bin wirklich dankbar, für die tollen Partner, die ich habe. Gleichzeitig habe ich mich gefreut, auch einem nicht so guten Tag alles sicher und auch halbwegs zügig klettern zu können. Das wäre noch vor ein paar Jahren anders gewesen. Beste Grüße, Hannes

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