Ja wo summen sie denn?

Kürzlich rief ich dazu auf, für das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ zu stimmen. Durch verschiedene Änderungen des bayrischen Naturschutzgesetzes will es die Artenvielfalt in Bayern erhalten. Diese Artenvielfalt betrifft insbesondere Insekten. In diesem Artikel möchte ich nun einige Hintergründe zum Insektensterben in Deutschland nachreichen.

Ich möchte hier auf drei Punkte eingehen: 1) Wie wird das Insektensterben eigentlich gemessen. 2) Welche Gründe gibt es dafür. Und 3) Welche Auswirkungen hat es.

Verbreitete Messungen in Naturschutzgebieten als Basis

Auslöser für die aktuelle Diskussion war eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld. Dieser betreibt in verschiedenen Naturschutzgebieten in Nordrhein-Westfalen Fallen für fliegende Insekten. Die Forscher des Vereins verglichen nun ganz einfach das Gewicht der gefangenen Insekten zwischen 1989 und 2013. Dabei stellten sie einen Rückgang von (je nach Standort) 75% – 80% fest.

Schließlich wurde die Krefelder Studie 2017 so erweitert, dass sie insgesamt 63 Schutzgebiete* in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen umfasst. Das Ergebnis war auch hier ein Rückgang der Fluginsekten-Biomasse um 75%-80% zwischen 1989 und 2016. Der Fachartikel mit diesen Ergebnissen steht online zur Verfügung.

Neben diesen Gewichts-Auswertungen wurden an verschiedenen Standorten in Europa auch einzelne Arten genauer untersucht, insbesondere Honigbienen und Schmetterlinge. Eine Quantifizierung ist hier sehr schwierig, jedoch zeigen auch diese ausgewählten Arten Bestandsrückgänge. Damit bestätigen sie den Trend der Gewichts-Messungen.

Die industrielle Landwirtschaft setzt der Artenvielfalt zu

Die oben verlinkte Studie hat verschiedene Einflussfaktoren auf den Insektenreichtum betrachtet, insbesondere Wettereinflüsse und Veränderungen in der Landschaftsumgebung.  Keiner dieser Faktoren erscheint ausreichend, um den starken Rückgang zu erklären. Somit kann keine Ursache für das Insektensterben in Deutschland eindeutig bewiesen werden. Es gibt aber einige bekannte Faktoren, die in der Studie nicht untersucht werden konnten. Die Hauptverdächtigen sind

  • Überdüngung: Die Verwendung von Stickstoffdüngern hat in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Hinzu kommen Stickstoffoxid-Emissionen aus Industrie und Straßenverkehr. Die EU-Grenzwerte für den Nitratgehalt von Grundwasser werden in Deutschland regelmäßig überschritten**. Stickstoff erhöht nun die Resistenz von Pflanzen gegen Insektenfraß z.B. durch Raupen. Gleichzeitig verringert sich die Artenvielfalt von Pflanzen. Pflanzen, die sich auf stickstoffarme Böden spezialisiert haben, werden verdrängt und fehlen im Artenmix.
  • Insektizide: Dass Insektenvernichtungsmittel Insekten töten, dürfte kaum überraschen. Tatsächlich sind viele Insektizide, insbesondere aus der Gruppe der Neonicotinoide auch für Insekten giftig, die keine Agrarschädlinge sind. Negative Effekte sollen durch die richtige Ausbringung mit dem Saatgut verhindert werden. Doch passieren hierbei immer wieder Fehler. Außerdem sind Neonicotinoide sehr beständig und können sich daher in Böden und Gewässern anreichern.
  • Herbizide: Eher unerwartet sind negative Auswirkungen von Herbiziden auf Insekten. Herbizide sind grundsätzlich auf den Metabolismus von Pflanzen spezialisiert. Einige Wirkmechanismen betreffen jedoch auch Bakterien. Und Bakterien spielen wiederum bei den meisten Tieren eine wichtige Rolle bei der Verdauung. Eine online verfügbare Untersuchung kommt z.B. zu dem Schluss, dass das Herbizid Glyphosat die Verdauung von Honigbienen schwächt und sie damit anfälliger für Krankheiten macht.
  • Flächenverluste: Der Flächenanteil von artenreichen Grünflächen ist in Deutschland zuletzt zurück gegangen. Gleichzeitig fehlen immer öfter Verbindungen zwischen einzelnen Schutzgebieten, da es weniger Ackerrandstreifen und ähnliche Flächen gibt, über die sich Pflanzen- und Tierarten ausbreiten können.
  • Lichtverschmutzung: Etwa die Hälfte aller fliegenden Insekten ist nachtaktiv. Sie werden durch künstliche Lichtquellen in ihrer Orientierung gestört und fliegen wie die sprichwörtliche „Motte ins Licht“. Dadurch werden Nahrungssuche und Fortpflanzung gestört.

Um diese (und evtl. weitere) Ursachen für den Insektenrückgang genauer zu untersuchen, ist zusätzliche Forschung dringend notwendig.

Es wird nicht bei Insekten bleiben

Auch wenn ein eindeutiger Nachweis fehlt, gibt es doch sehr deutliche Indizien dafür, dass unsere industrielle Landwirtschaft erheblich zum Insektensterben beiträgt. Zusammen mit industrieller Stickstoff-Emission und Lichtverschmutzung stellt sie einen gewaltigen Eingriff in die Ökologie auch von Naturschutzgebieten dar.

Nun mag sich der Leser fragen, warum es ihn stören soll, wenn es ein paar Käfer und Mücken weniger gibt. Tatsächlich ist diese Entwicklung aus mehreren Gründen besorgniserregend.

Insekten stellen einen extrem wichtigen Teil vieler Nahrungsketten dar. Insbesondere viele Vögel ernähren sich hauptsächlich von Insekten. Und tatsächlich ist bereits ein starker Rückgang der Vögelpopulation in Europa im Gange. Ähnlich wichtig sind Insekten auch als Nahrungsgrundlage für viele Reptilien und Amphibien sowie einige Fische und kleine Säugetiere. Es wird also nicht bei Insekten bleiben.

Dann erfüllen Insekten noch eine weitere wichtige Funktion. Denn warum sind Blumen so farbenfroh? Um Insekten anzulocken, die diese bestäuben. Ohne Insekten könnten sich viele Blütenpflanzen nicht mehr fortpflanzen. Dies hätte katastrophale Auswirkungen auf die Artenvielfalt der heimischen Pflanzenwelt und würde nebenbei die Landwirtschaft erheblich verteuern.  Eine künstliche Bestäubung von Nutzpflanzen ist sehr aufwändig.

Artenvielfalt ist wichtig für den Erhalt der Natur

Schließlich steht die Stabilität unserer Natur auf dem Spiel. Es gibt in vielen Ökosystemen eine ganze Reihe von Arten, die eine ähnliche Lebensweise zeigen. Die sich ähnlich ernähren und fortpflanzen. Das ist kein Zufall, denn Vielfalt macht ein Ökosystem robust gegenüber Veränderungen. Durch äußere Einflüsse wie Klimaänderungen, Krankheiten oder Lebensraum-Verlust werden Ökosysteme immer wieder herausgefordert. Und in solchen Situationen ist es von Vorteil, dass all diese ähnlichen Arten jeweils etwas anders auf die Veränderung reagieren, unterschiedliche Stärken und Schwächen besitzen. Mit jeder Art, die verloren geht, wird ein Ökosystem ein wenig instabiler.

Daher können uns auch Käfer und Mücken nicht egal sein. Wir brauchen sie alle, um eine stabile Natur zu erhalten. Eine Natur, die letztlich auch unser Lebensraum ist. Und daher unterstütze ich das Volksbegehren Artenvielfalt in Bayern.

 

*Diese Schutzgebiete umfassen Naturschutz-, Landschaftsschutz- und Wasserschutzgebiete unterschiedlicher Größen.

**In Deutschland bei 28% der Messstellen (siehe Broschüre „Umwelt und Landwirtschaft 2018“ des Umweltbundesamtes)

 

Quellen: Hallmann et al. (2017): „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“, Leibniz-Institut für Gewässerokologie und Binnenfischerei, Motta et al. (2018): „Glyphosate perturbs the gut microbiota of honey bees“, Süddeutsche Zeitung, Umweltbundesamt, Wikipedia

2 Kommentare

  1. Lieber Hannes,

    auch dieser Artikel wieder: super informativ, dabei kurz und bündig geschrieben – eine klasse Unterstützung deinerseits für das so wichtige Volksbegehren!

    Die besten Grüße

    Rebecca

    https://www.facebook.com/volksbegehrenartenvielfalt

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