Per aspera ad solem

Wanderung im Estergebirge am 10.09.2015

Stress, Anspannung, schlechte Laune, viel gearbeitet und schlecht geschlafen: Es ist nicht meine Woche. Zur Entspannung soll eine Feierabendtour dienen – vielleicht die letzte in diesem Jahr. Während es in München sonnig ist, wird das Wetter auf dem Weg nach Süden immer ungemütlicher. In Eschenlohe dann geschlossene Wolkendecke und 12°C – ja, der Herbst ist da.

Als ich aus dem Auto aussteige, spekuliere ich ein wenig darauf, dass die Gipfel aus der Wolkendecke herausragen könnten, denn sehr dick scheint sie nicht zu sein. Aber das wäre fast zu schön, um wahr zu sein.

Kühl ist es, als ich das Radl aus dem Auto hole. Na ja, bergauf wird’s schon gehen in Shorts und Kurzarm-Trikot. Viertel nach fünf geht es dann los, die Forststraße hinauf ins Estergebirge; Ziel ist die Hohe Kiste. Tausend Höhenmeter radeln und 300 gehen stehen auf dem Programm.

Im Tal der Eschenlaine ist es ziemlich trüb.

Im Tal der Eschenlaine ist es ziemlich trüb.

Es ist ruhig hier, ich höre nur das Knirschen der Reifen auf dem Forstweg und meinen angestrengten Atem. So ist das: Wenn man nur selten radelt, ist man nicht in Form, und der Forstweg ist steil.

Ich genieße die Ruhe, das Alleine sein. Kurz habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich keinen meiner Freunde mitgenommen habe. Aber heute brauche ich das so. Nur einmal kommt mit ein anderer Mountainbiker entgegen, ansonsten ist hier nichts los. Perfekt. Ein paar Mal halte ich an, schaue mich um, ruhe mich auch kurz aus von der ungewohnten Belastung und schiebe ein paar Meter. Dann geht es wieder im Sattel weiter.

Geheimnosvoller Wasserfall der Kessellaine

Geheimnosvoller Wasserfall der Kessellaine

Ab etwa 1100m Höhe geht es dann in den Nebel. Schemenhaft stehen die Bäume um mich herum, der Weg verliert sich vor mir im Dunst. Der Aufstieg wird mühsamer, die Oberschenkel brennen. Auf knapp 1600m überholt mich ein weiterer Radler, zieht davon in den Nebel. Der macht das wohl öfter.

Kurz darauf – es ist kurz vor sieben – erreiche ich die Rechtlerhütte, der Nebel ist hier schon deutlich lichter. Der schnelle Radler zieht sich gerade um für die Abfahrt. Ich wechsle die Schuhe und ziehe die Beinlinge schon mal zusammengerollt über. Und während der Andere wieder aufs Radl steigt, gehe ich zu Fuß weiter. „Servus“ – mehr gibt es nicht zu sagen.

An der Rechtlerhütte reißen die Wolken auf.

An der Rechtlerhütte reißen die Wolken auf.

Der Krottenkopf ist schon frei.

Der Krottenkopf ist schon frei.

Über mir reißt es auf. Sollte ich etwa doch Glück haben? Ich beeile mich, will den Sonnenuntergang nicht verpassen, falls ich oben doch ein wenig Aussicht habe. Über dem Pustertalkarl komme ich zum ersten Mal an den Kamm. Die Sicht ist tatsächlich frei und die Wolkendecke liegt unter mir.

Die Wolken fließen über den Zwölferkopf.

Die Wolken fließen über den Zwölferkopf.

Ich eile weiter. Wann geht die Sonne unter? Halb acht, ein paar Minuten später? Schnell weiter, hoffentlich bin ich nicht zu spät. Kurz vor halb stolpere ich dann die letzten Stufen zum Gipfelkreuz hinauf. Im Westen steht die Sonne schon tief. Nur ein dünnes Wolkenband und ein wenig freier Himmel trennt sie noch von der Silhouette der Klammspitzen.

Leuchtendes Wolkenmeer

Leuchtendes Wolkenmeer

Und leuchtendes Karwendel

Und leuchtendes Karwendel

Vor Freude über die wunderbare Aussicht muss ich laut lachen. Das war perfektes Timing. Schnell ziehe ich mir die Jacke über, denn es ist kalt hier oben, mache ein paar Fotos und warte den Sonnenuntergang über dem Wolkenmeer ab. Es ist ein wunderschönes Schauspiel. Als es vorbei ist, mache ich mich – innerlich befreit – an den Abstieg. Über den Wolken… Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen… So hat sich die Schinderei hier hinauf doch gelohnt.

Selbstporträt

Selbstporträt

Der Tag geht zu Ende.

Der Tag geht zu Ende.

Kurz nach acht bin ich wieder bei meinem Radl angekommen. Ein letztes Mal schaue ich mich um, lasse den Blick über das Plateau streifen, über das sich langsam die Schatten der Nacht legen, sehe den Lichtschein der Weilheimer Hütte drüben am Sattel. Dann steige ich pfeifend auf und fahre ab, freudig hinein in die zunehmende Dunkelheit.

Am Krottenkopf wird es dunkel.

Am Krottenkopf wird es dunkel.

2 Kommentare

  1. Wow, tolle Sonnenuntergangsfotos! Da hast du es ja echt noch super erwischt 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Deichjodler

Theme von Anders NorénHoch ↑