Hochtouren Schweiz 2012 Teil 2 – Nie wieder Hohlaubgrat?

Hochtour in den Walliser Alpen am 03. – 04.09. 2012

Nach unserem Beinahe-Erfolg am Galenstock war unser nächstes Ziel das Allalinhorn. Der Wirt der Britanniahütte konnte uns zwar nichts genaues über die Verhältnisse am Hohlaubgrat sagen, meinte aber, es sollte eigentlich wieder gehen. Also fuhren wir durchs Oberwallis und hinein ins Saastal. Im Gegensatz zu unserem letzten Besuch bogen wir nun aber in den Ferienort Saas Fee ab, von wo uns die Seilbahn bis zum Felskinn auf 2991 m brachte. Die Landschaft hier ist wenig erbaulich, ihre einstige Großartigkeit hat durch die Anlage des Sommerskigebietes doch sehr gelitten.

Bei trübem Wetter folgten wir der ausgetretenen Spur hinüber zur Brittaniahütte; kurz nach unserer Ankunft setzte leichter Niesel ein. Wie es denn morgen werden würde? Die Modelle gingen da auseinander, entweder richtig schlecht oder mäßig. Das hieß früh aufstehen und nachschauen. Und wo man denn am besten den Grat gewinne. Das sei eine gute Frage bei den aktuell schlechten Verhältnissen. Der Wirt zeigte uns in der Karte drei Varianten und meinte, wir sollten am besten hinunter zum Gletscher gehen und selbst schauen, welche die günstigste sei. Also tappten wir durch den Regen hinunter zum Gletscher, wo eine gute Spur hinüber zur Schulter führte, die als Normaleinstieg in die Route dient. Auch im steilen Firnabschnitt erschien die Gefahr für Blankeis gering, so dass wir uns entschieden, es hier zu versuchen.

Kurz vor Erreichen der Brittaniahütte - Tagesgäste waren einige unterwegs, zum Übernachten blieb außer uns nur eine andere Gruppe oben.

Kurz vor Erreichen der Brittaniahütte – Tagesgäste waren einige unterwegs, zum Übernachten blieb außer uns nur eine andere Gruppe oben.

Nach einer eher miesen Nacht verließen wir um fünf die Britanniahütte und stiegen im Schein der Stirnlampen unter einem bedeckten Himmel zum Gletscher ab. Da ich die Höhe deutlich spürte, war es mir sehr recht, auf dem Gletscher voranzugehen und ein gleichmäßiges Tempo einschlagen zu können. Die Spur erwies sich als exzellent um die Spaltenzonen des Gletschers herumgelegt, trotzdem lief der Lichtkegel der Stirnlampe immer wieder nach links und rechts, nach Anzeichen für verborgene Spalten suchend. Es war komplett still während unseres Aufstieges, zu hören war nur das Knirschen der Steigeisen, unser jeweiliger Atem und das gelegentliche Klappern eines Karabiners. Kurz vor Erreichen des Steilstückes, das zum Grat hinaufführt, rissen die Wolken ein wenig auf, der Mond beschien fahl die weißen Hänge und Venus zeigte sich im Osten. Anzeichen für Wetterbesserung?

Rückblick vom Grat auf den Hohlaubgletscher; der Gipfel im Mittelgrund ist der Egginer

Rückblick vom Grat auf den Hohlaubgletscher; der Gipfel im Mittelgrund ist der Egginer

Kurz vor sieben erreichten wir den Grat und machten eine kurze Pause. Drüben am Mitellallalin zeigten sich die ersten Skifahrer und ein Schlepplift auf einer Schulter nördlich des Gipfels begann dröhnend die Arbeit. Wir ließen uns davon jedoch nur kurz irritieren, genossen den beeindruckenden Blick über den Allalingletscher im Süden und setzten unseren Aufstieg durch schneedurchsetztes Blockgelände fort. Es ließ sich hier deutlich einfacher gehen als am Galenstock, zumal die Reste einer Spur uns den Weg wiesen. Diese verloren sich am Gratgipfel (P 3597m) allmählich und nach dem Abstieg in eine Scharte mussten wir auf der gegenüberliegenden Seite mühsam durch knietiefen Schnee nach oben steigen.

Am Grat

Am Grat

Blick auf die Station Mittelallalin mit dem Skigebiet

Blick auf die Station Mittelallalin mit dem Skigebiet

Auf ca. 3600 m geschah dann, was wir kaum zu hoffen gewagt hatten: Die beharrlich auf ca. 3800 m hängende Wolkenschicht riss auf und die Sonne kam heraus. Sofort schien alles viel freundlicher; unsere Schatten zeichneten sich scharf auf dem glitzernden Schnee ab, die Aussicht auf die umliegenden Berge verwandelte sich von trüb in dramatisch. Da störte selbst die Absurdität nicht mehr, dass Skifahrer gegenüber ihr Unwesen trieben, und voller Optimismus stiegen wir weiter.

Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke...

Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke…

...und kurz sieht es freundlicher aus

…und kurz sieht es freundlicher aus

Doch der Sonnenschein war nur von kurzer Dauer. Mittlerweile konnten wir überhaupt keine Spur mehr erkennen und im zunehmenden Nebel orientierten wir uns vor allem an der Gratkante, während wir erneut mühsam durch knietiefen Schnee spurten. An der Schulter auf ca. 3800 m flachte es kurz ab, dann verlangte ein Steilaufschwung aus Blankeis, Triebschnee und verschneiten Felsen ein wenig Steigeisen- und Pickeleinsatz. Anschließend wieder Spuren durch knietiefen Schnee. Hört das denn nie auf?

Doch dann zieht es wieder zu und wir spuren im Nebel weiter

Doch dann zieht es wieder zu und wir spuren im Nebel weiter

Es hörte auf – schließlich kam doch noch die Felsstufe kurz unter dem Gipfel in Sicht – eingeschneit, vereist und abweisend. Eigentlich hätte uns klar sein müssen, dass sie so aussehen würde, war es aber nicht. Trotzdem waren wir sicher, auch unter diesen Bedingungen dort hoch zu kommen. Der Firngrat wird auf den Felsriegel zulaufend immer schmaler und steiler; lockerer Neuschnee auf blankem, bröseligem Eis hielt uns davon ab, direkt auf dem Gratfirst zu gehen, stattdessen pickelte ich mich mit den Frontzacken in der Flanke vorwärts. Zunächst peilte ich eine Stelle des Felsaufschwungs etwas rechts vom Grat an, doch dann entdeckte Boris glücklicherweise das von Flugeis bedeckte Fixseil direkt voraus, wohin ich meine Richtung änderte, vorsichtig in den haltlosen Schnee tretend.

Felsriegel voraus

Felsriegel voraus

Gegen 12 Uhr stand ich nun endlich unter der Crux der Tour. Mittlerweile hatte ein kalter Wind eingesetzt und ich begann leicht zu frieren, während ich auf Boris wartete, der mit den letzten Metern einige Schwierigkeiten hatte. Als er schließlich ankam, bauten wir zügig einen Stand, seilten uns an und los ging es. Kletterästhetik war mir in diesem Moment ziemlich wurscht und so zog ich mich am Fixseil hoch, während ich mit dem Pickel und den Händen Griffe und Tritte von Schnee und Eis befreite. Dann die Schlüsselstelle, eine Rechtsquerung in einen kleinen Kamin. Querungen sind nicht so mein Ding, genauso wenig Hangeln, aber hier gab es nur eine Möglichkeit: Die Frontzacken des linken Eisens seitlich auf eine schmale Leiste stellen, beide Hände ans Fixseil und Körper und rechten Fuß hinüberschwingen. Es klappte auf Anhieb, behagte mir trotzdem überhaupt nicht und spontan rief ich nach unten: „So etwas will ich nie, nie wieder machen!“. Aber wer weiß, denn das Platzieren der Steigeisen klappte sehr gut in diesem Schwierigkeitsgrad und da die Finger klamm waren, platzierte ich eben den Pickel hinter eingeschneiten Felskanten und zog mich an ihm hoch. Eigentlich machte mir diese Art der Kletterei sogar Spaß.

Suchbild: Wo ist das Fixseil?

Suchbild: Wo ist das Fixseil?

Rückblick auf die erste Seillänge; links unten der Firngrat

Rückblick auf die erste Seillänge; links unten der Firngrat

In der irrigen Annahme, die Schwierigkeiten lägen hinter mir, machte ich oberhalb des kurzen Kamins an einem Bohrhaken Stand. Mir wurde aber schnell klar, dass die nächsten Meter zwar einfacher aber nicht seilfrei begehbar sein würden. Also stieg Boris die nächste Länge vor. Kalt war mir, der Wind wurde auch immer stärker, immerhin tauten die Finger wieder auf. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Boris mich endlich nachholte. Musste er denn wirklich ständig Tritte und Griffe freiputzen? Ja, musste er! Und kann es sein, dass man so lange braucht, um Stand zu machen? Ja, kann es, wenn man mit Schlingen und Keilen improvisieren muss! Aber frieren macht eben ungeduldig. Dazu war die ganze Zeit das nervige Dröhnen des Schlepplifts zu hören. Die Zivilisation war so nah und schien so fern.

Kurz taucht das oberste Stück des Firngrates aus dem Nebel auf

Kurz taucht das oberste Stück des Firngrates aus dem Nebel auf

Rückblick auf die dritte Seillänge

Rückblick auf die dritte Seillänge

Insgesamt wurden es vier mühsame Seillängen, bis wir einen Felskopf auf dem Gipfelgrat erreichten. Zwei hätten wir uns sparen können, aber im dichten Nebel war die Querungsmöglichkeit nach rechts nicht erkennbar und die Gratkante unsere einzige Orientierungsmöglichkeit. Nachdem wir, oben angelangt, eine letzte Platte rittlings überquert hatten, ging es flach durch tiefen Pappschnee weiter. Es war hier so suppig, dass ich Boris am anderen Ende des ca. 15m Seilstücks (wir seilten uns, um Zeit zu sparen, nicht los, zumal in dem klebrigen Schnee ausrutschen unmöglich war) nicht mehr sehen konnte. Sämtliche Schlingen, die ich am Gurt trug, hatten mittlerweile einen kleinen Eispelz angesetzt, die Standschlinge zierte sogar ein beachtlicher Zapfen. Na ja, wenigstens schneite es nicht. Als dann endlich, endlich, kurz vor 15:00 Uhr das Gipfelkreuz aus dem Nebel auftauchte, war die Erleichterung schon gewaltig. Geschafft – der Rest würde einfach sein.

Endlich taucht aus dem Nebel das Gipfelkreuz auf - was für eine Erleichterung

Endlich taucht aus dem Nebel das Gipfelkreuz auf – was für eine Erleichterung

Es wurde keine lange Gipfelrast – ein kurzer Händedruck, zwei Fotos, das Knüpfen der Bremsknoten ins Seil – und dann folgten wir auch schon der tief ausgetretenen Spur des Normalwegs nach unten. Nachdem wir den Grat verlassen hatten, ließ auch der leidige Wind nach und der Abstieg wurde beinahe angenehm. Nur die gelegentlichen Spaltenüberquerungen sorgten noch für ein bisschen Spannung, doch auch diese ließen wir schließlich hinter uns und stolperten ziemlich kraftlos über einen von Pistenraupen eingeebneten Weg vorwärts. Viertel vor fünf zeichnete sich dann die dunkle Silhouette der Station Mitelallalin vor uns im Nebel ab. Endlich – Trockenheit, Wärme, geschafft.

Spalten von beeindruckenden Ausmaßen müssen auf dem Feegletscher umgangen werden

Spalten von beeindruckenden Ausmaßen müssen auf dem Feegletscher umgangen werden

Auch im Abstieg super Sicht

Auch im Abstieg super Sicht

Wir hatten während der 12h am Berg kaum etwas gegessen und insbesondere ich auch nur wenig getrunken. Das holten wir nun nach. Danach riefen wir auf der Hütte an, um unsere späte aber wohlbehaltene Ankunft am Mittelallalin zu melden. Ah, sehr gut, meinte die Wirtin, dann könne sie ihren Gästen also sagen, dass man wieder gehen könne und es auch eine Spur gebe. Ja, bestätigte ich, jetzt gebe es wieder eine. Später lösten sich dann, beinahe wie zum Hohn, die Wolken auf und gaben schließlich den Blick sogar bis zum Gipfel frei. Immerhin konnten wir so noch einmal anschauen, wo wir dort oben eigentlich lang gegangen waren. So fand eine Hochtour ihr Ende, die wir nicht so schnell vergessen werden.

Die Wolkendeckte reißt auf; links Hohlaubgrat, rechts Normalweg

Die Wolkendeckte reißt auf; links Hohlaubgrat, rechts Normalweg

Schließlich zeigt sich sogar der Gipfel

Schließlich zeigt sich sogar der Gipfel

Nach dieser abenteuerlichen Tour war unser nächstes Ziel das Balmhorn in den Berner Alpen.

2 Kommentare

  1. hallo hannes,
    da habt ihr wohl zwei kräftezährende touren in der schweiz hinter euch! schade, wenn man schlecht wetter erwischt, aber es stimmt schon, lieber einmal umdrehen, als etwas zu riskieren. und wenn es noch so knapp unterhalb des gipfels ist..
    und die bilder sind trotz mobiltelefon beeindruckend! 🙂
    viele grüße aus dem süden

  2. Hallo Magdalena,
    die Woche wurde durch die Bedingungen sicher etwas spannender. Wenigstens hatten wir dann bei den nächsten beiden Touren gutes Wetter, z.B. hier:
    http://www.deichjodler.com/2012/09/hochtouren-schweiz-2012-teil-3-endlich.html

    Für ein Telefon gefallen mir die Fotos auch gut, aber manches kann man damit schlicht nicht fotografieren.

    Schöne Grüße
    Hannes

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