Sommerfahrt 2018 Teil 2 – Straffer Wiedereinstieg

Klettern in den Urner Alpen am 08.08.2018

Nachdem es die vergangenen Tage nie hingehauen hatte, stand heute nun endlich Klettern auf dem Programm. Für mich verletzungsbedingt zum ersten Mal seit einem Jahr. Es sollte ein recht straffer Wiedereinstieg werden an einem definitiv würdigen Berg.

Halb fünf klingelte der Wecker und riss mich aus zuckersüßem Schlaf in meinem kuschligen Zelt. Oh Mann, schon wieder Aufstehen? Meine Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen, aber es war ja für einen guten Zweck. Nach etwas Brot, Käse und Erdnusbutter im Schlafsack und anschließendem Aufstehen traf ich mich schlaftrunken mit Günther, Michael und Walter, die alle das selbe Ziel hatten wie ich: Den Südostgrat des Gross Bielenhorn.

Ich hatte heute das Privileg unsere kleine Ausflugsgruppe fahren zu dürfen und steuerte uns durch die Dunkelheit, bis wir nach etwa 45min am Furkablick ankamen. Den Rest des Aufstiegs würden wir aus eigener Kraft meistern müssen. Von hier aus zieht ein Wanderweg mäßig steil zu Sidelenhütte hinüber. Die Wolkendecke sorgte unterwegs für dramatisches Licht beim Sonnenaufgang. Das sah spektakulär aus, war aber nicht nur ein gutes Zeichen. Oder um es mit Walter zu sagen: „Wir werden heute noch so was von abgewatscht!“ Wobei sich diese Vorhersage nur als halb richtig erweisen sollte…

Los geht's am Furkablick.

Los geht’s am Furkablick.

Sonnenaufgang

Sonnenaufgang

Hinter der Hütte folgten wir dem großzügig markierten Aufstieg zur Scharte zwischen Chli Bielenhorn und Kamelen. Ab hier war nun selbständige Wegsuche hinüber zu unserem Berg und dem Einstieg zur Kletterroute gefragt. Das klappte auch ganz gut, wobei ich mir an einigen Stellen dachte, dass diese für einen Zustieg doch erstaunlich sportlich seien. Schließlich standen wir am Einstieg – also nicht am eingerichteten, denn der hat Bohrhaken und diese steile Verschneidung vor uns eher nicht – aber doch an einem tauglichen Einstieg. Walter voraus und Günter hintendran waren ziemlich schnell weg und so machten sich Michael und ich ans klettern. Ich ließ Michael sehr gerne den Vortritt, sollte doch die zweite Seillänge laut Topo leichter werden.

Gross Bielenhorn; links nach vorne weisend der Südostgrat

Gross Bielenhorn; links nach vorne weisend der Südostgrat

Nun ja, oberhalb der steilen Verschneidung war klar, dass wir die erste Seillänge umgangen hatten und uns bereits im leichten Gelände (3c) der zweiten befanden. Am Stand angekommen genügte ein Blick nach oben, um meine Vorstiegsambitionen zu beenden. Was genau hatte diese steile Platte mit den zwei seichten Parallelrissen mit 4c zu tun? Ich war sehr dankbar dafür, dass Michael dieser Frage zuerst nachging – und zur Antwort gelangte, nicht viel. Aber gut, wer’s Topo lesen kann, ist klar im Vorteil: 4c, 2p.a. (5b+). 5b+ ist nicht so meine Liga und zumindest an diesem Tag Michaels auch nicht, so dass wir diese Passage nicht ohne technische Kletterei bewältigten. Insbesondere bei mir war es am Ende weniger Klettern als mehr Ziehen und Wuchten.

Ausblick auf Furkahörner und Wallis

Ausblick auf Furkahörner und Wallis

Feinster Uri-Granit

Feinster Uri-Granit

Die Route hatte in der Folge noch ein paar solcher Stellen, dazu war ich hier überhaupt nicht in meinem Element und deutlich von meiner Granitform des Vorjahres entfernt. Immerhin gab es zwischendurch auch reine 4c-Passagen, die ich im Nachstieg sauber klettern konnte und die richtig Spaß machten. Vorsteigen konnte ich auch eine Länge: Gehgelände und kurz II. Nun ja, nicht mein bester Tag…

Michael in der dritten Seillänge

Michael in der dritten Seillänge

Schließlich hatten wir den Südostgrat geschafft und kamen zur Abseilstelle, die diese Route beendet. Michael seilte zuerst ab und schaute anschließend etwas unglücklich zu mir hoch, denn anscheinend hatten sich die Knoten in den Seilenden irgendwo unter ihm verhängt. Tja, da fiel es mir zu, runterzuseilen und den Strick zu befreien. Unterwegs zu den verhängten Seilenden verhängte ich mich dann auch noch selber, als mir die Kurzprusik ins Abseilgerät rutschte. Oh Mann, was für ein dummer Anfängerfehler! Einige Minuten später, nach kletternder Selbstbefreiung, Seil freischütteln und etwas Prusiken stand ich schließlich neben Michael auf dem Band und wir konnten das Seil abziehen – auch zu Freude der nachkommenden Seilschaften, die so lange oben warten mussten.

Abseilstelle am Ende des Südostgrates

Abseilstelle am Ende des Südostgrates

Während Günther und Walter schon wieder im Abstieg von dort waren waren, wollten Michael und ich noch weiter zum Gipfel. Erstaunlicherweise beschränkten sich die anderen Seilschaften auf die eigentlich Gratroute und gingen nicht noch zum höchsten Punkt. Das erste Stück (bis II) ging noch ganz gut seilfrei, dann steilte es auf und wir seilten wieder an. Um Zeit zu sparen, übernahm Michael wiederum den Vorstieg. Die erste Seillänge ging bergauf mit Stand an aufgestellten Platte, dann folgte die letzte Seillänge waagerecht am Grat entlang zum Gipfel.

Wir gehen weiter zum Gipfelgrat.

Wir gehen weiter zum Gipfelgrat.

Walter schaut von oben zu.

Walter schaut von oben zu.

Das Wetter hatte mittlerweile deutlich nachgelassen und wir steckten in Wolken. Zum Klettern war es aber noch kein Problem. Erstes Hindernis auf dem Weg zum Glück (oder zumindest zum Gipfel) war ein Gratzacken, den man ganz doll liebhaben musste. Auf der einen Seite hoch, dann ganz fest umarmen und auf der anderen Seite wieder runter. Weiter ging es auf schmalen Bändern etwas unterhalb der Gratkante. Als ich gerade hier unterwegs war, kam die Watschn. Günther und Walter saßen in diesem Moment bei den Kamelen unter einem trockenen Überhang und Michael und ich standen im Hagel. Super Timing. Macht auch die Kletterei viel besser, wenn alles nass wird. Aber was soll man machen? Also Jacke raus und weitergehen. Ein luftiger Übertritt um eine Ecke in eine Verschneidung war das letzte Hindernis, dann ging es einfach bis zum höchsten Punkt des Gross Bielenhorn auf 3210m.

Michael ist schon am Gipfel.

Michael ist schon am Gipfel.

Geschafft! Wobei, nicht so ganz. Während es um uns herum nach wie vor hagelte, war Michael und mir sehr deutlich bewusst, dass hoch auf den Berg nur der halbe Weg ist und wir noch ein bisschen was zu tun hatten, bis wir uns würden entspannen können. Zum Glück hörte der Hagel auf dem Weg zum ersten Abseilstand allmählichr auf und das Wetter wurde etwas freundlicher. Trotzdem mussten wir beim Abklettern später sehr aufpassen, denn stellenweise war der Fels noch nass. In der Folge galt es noch, den Abseilstand aus der Scharte vor dem Gipfelaufbau suchen, dann ging es schließlich mit 3x Abseilen hinab zum Wandfuß.

Es geht abwärts.

Es geht abwärts.

Ok, das Gröbste schien geschafft. Und da sich das Wetter sogar gebessert hatte, gönnten wir uns eine kurze Pause mit ein paar Happen zu Essen. Anschließend folgten wir Steinmännern durch das Block- und Schrofengelände abwärts und fanden einen einfacheren Weg als den, den wir morgens zugestiegen waren. Endgültig unten angekommen, war nun Gelegenheit, uns über das Geschaffte zu freuen. Hinab zur Sidelenhütte und zurück zum Furbablick war alles kein Problem mehr.

Im Gehgelände angekommen, können wir entspannt zurückblicken.

Im Gehgelände angekommen, können wir entspannt zurückblicken.

Gehörnte Wollknäuel

Gehörnte Wollknäuel

Gegen sechs waren wir schließlich zurück am Ausgangspunkt und konnten uns zu Günther und Walter setzen, die bereits beim zweiten (oder dritten?) Bier saßen. Erleichtert, freudig und ein bisschen stolz stießen wir auf diese Tour an. Klar war meine Freude etwas getrübt dadurch, dass ich gar nichts vorgestiegen war. Trotzdem war es eine spannende alpine Unternehmug gewesen. Als Wiedereinstieg ins Klettern vielleicht a bisserl straff, aber eigentlich eine tolle Tour. Am nächsten Tag ließ ich es dann wieder etwas ruhiger angehen.

2 Kommentare

  1. Gratulation zur Tour! Bei dem unsicheren Wetter wären wir wahrscheinlich gar nicht geklettert.

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