Hochtour in den Berner Alpen vom 08.-10.07.2019

Nach der Besteigung des Gspaltenhorns fuhr ich selbstbewusst ins Lötschental, um mich einem meiner Traumberge zu stellen, dem Bietschhorn. So richtig hatte ich seine Besteigung noch nie angegangen, obwohl ich schon seit 20 Jahren mal da hoch will. Nun also wurde es Zeit für einen ernsthaften Versuch.

Montag: Hüttenaufstieg und Kraft sammeln

Mit einer Mischung aus Vorfreude und Respekt ging ich Montag Vormittag den Hüttenaufstieg an. schon vom Tal aus schindet das Bietschhorn mit seinem langen Westgrat Eindruck. Was für ein Berg! Der Aufstieg zur Bietschhornhütte führt zunächst flach, dann immer steiler durch schönen, lichten Bergwald. Später geht es dann über blühende Bergwiesen und um einen Felsrücken herum zur Hütte. Es geht ziemlich direkt bergauf und die Wanderung kann an Abwechslung nicht mit der zur Gspaltenhornhütte mithalten. Dafür entschädigen die Aussicht auf Petersgrat, Breit- und Tschingelhorn sowie die Berge überm unteren Lötschental.

Alpenrosen

Auch hier blühen die Alpenrosen

Bank mit Aussicht

Bank mit Aussicht

Am frühen Nachmittag war ich dann auf der Bietschhornhütte und beschloss, mich den Rest des Tages auszuruhen. Immerhin würde ich morgen viel Kraft brauchen. Der Aufstiegsweg zum Schafbärg war laut Hüttenwart markiert und über die Schneefelder führten sichtbare Spuren. Daher hielt ich eine Erkundung nicht für notwendig. Hüttenwart Yann ist übrigens ein sehr netter, cooler Typ, der mir auch viele Tipps für die Aufstiege rund um die Hütte geben konnte. Er stammt aus dem Unterwallis und ist ursprünglich ins Oberwallis gezogen, um besser Deutsch zu lernen*. Dort, bzw. im Lötschental ist er dann hängen geblieben.

Bietschhornhütte

Bietschhornhütte

Später am Nachmittag kamen noch vier Bergführer auf die Hütte, ihre Gäste waren bereits am Abend zuvor angekommen. Die Gruppe hatte vor, das Bietschhorn zur Baltschiederklause zu überschreiten. Ich würde also der einzige sein, der den Westgrat auch wieder absteigen will. Am nächsten „Morgen“ wurden wir dann bereits um 02:00 Uhr geweckt. Wenn die typische Aufstiegszeit ein Indikator für die Länge einer Tour ist, dann wird spätestens jetzt klar, dass auch der Normalweg aufs Bietschhorn echt lang ist.

Dienstag: Zu langsam und zu vorsichtig

Noch etwas schlaftrunken machte ich mich 45min später auf den Weg. Die vier Führerseilschaften waren vor mir und spurten netterweise durch die Schneefelder hinauf zum Schafbärg. Ich ging bewusst langsam, um Kraft zu sparen. Und auch, um nicht auf die Anderen aufzulaufen. Einem Bergführer mit Gast direkt hinter zu latschen ist jetzt auch nicht so richtig selbständiges Bergsteigen.

Bietschhorn

Beeindruckend steht das Bietschhorn vor mir.

Nestgletscher

Der Nestgletscher bricht nordseitig dramatisch in die Tiefe.

Am Bietschjoch (3174m) legte ich die Steigeisen an und dann ging es auf dem Gletscherrest hinüber zum Fuß des Bietschhorn-Westgrates. Die langsamste Führerseilschaft überholte ich unterwegs und begann dann, im Blockgelände aufzusteigen. Schließlich kam ich zum ersten richtigen Gratstück. Dieses ist zwar umgehbar, bot mit seiner ausgesetzten Kletterei (bis III) aber gleich mal einen Vorgeschmack auf den oberen Gratabschnitt. Hier überholte mich die Führerseilschaft wieder. Im Gegensatz zu mir kannte der Bergführer den besten Weg und war dementsprechend schneller unterwegs. Überhaupt hatte ich bis hierhin deutlich länger gebraucht als geplant, was erste Zweifel aufkommen ließ, ob das hier heute was werden würde.

Westgrat

Am Grat ist es immer wieder ausgesetzt.

Es folgten zwei Querungen in der Südflanke, wo noch einiges an Schnee lag. Die zweite war steil und ausgesetzt. Als ich über die heikelste Stelle schon hinweg war, fragte ich mich, wie das hier eigentlich nachmittags aussehen würde, wenn der Firn womöglich weich würde. Noch war es bedeckt, aber die Wolken sahen so aus, als könnten sie bald aufreißen. Und dann würde es womöglich warm werden. Den Wasserfirn im Hinterkopf, mit dem ich einen Monat zuvor im Kühtai zu kämpfen hatte, war mir nicht wohl bei der Vorstellung, hier durch weichen Firn absteigen zu müssen. Dazu war eine Hangpassage einfach zu steil. Also zurück.

Südflanke

Sieht nicht wild aus, war mir für den Abstieg aber zu heikel

Etwas mühsam querte ich zu den Felsen zurück und stieg ab. Im Nachhinein war es unnötig, denn auch am nächsten, deutlich sonnigeren und wärmeren Tag blieb die Passage bis über Mittag fest, wir mir später eine schweizer Seilschaft berichtete. Dass ich allein besonders vorsichtig war, ist sicher nicht verkehrt. Hier hätte ich wohl gefahrlos weitergehen können.

Westgrat

Am Grat geht es zurück.

Stattdessen machte ich am Gratfuß Pause und spazierte anschließend über den Gletscher zurück. Um noch irgendwas mit dem Tag anzufangen machte ich noch einen Abstecher zum Gipfel des Schafbärg (3240m), dann wanderte ich zurück zur Hütte, was dank der Schneefelder ziemlich schnell ging. Etwas enttäuscht, aber mit meiner Entscheidung im Reinen (hinterher ist man immer schlauer) kam ich wieder an der Hütte an und gönnte mir ein Stück Nusstorte. Später kamen dann noch eine schweizer und eine deutscher Seilschaft, die am nächsten Tag hinauf wollten und denen ich zumindest für die ersten Meter ein paar Tipps geben konnte.

Tiefblick Schafbärg

Tiefblick vom Schafbärg zur Hütte und ins Lötschental

Wilerhorn

Drüben steht das Wilerhorn.

Alpenglühen Balmhorn

Das Balmhorn leuchtet im Sonnenuntergang

Mittwoch: Rustikaler Ersatzgipfel

Für meinen letzten Tag auf der Bietschhornhütte hatte mir Yann als Ersatzgipfel das Wilerhorn empfohlen. Ich schlief „gemütlich“ bis fünf und machte mich nach dem Frühstück wieder auf zum Bietschjoch. Inzwischen kannte ich den Weg ja schon.

Balmhorn Hockenhorn Petersgrat

Auch morgens gefallen Balmhorn, Hockenhorn und Co.

Wilerhorn

Mein heutiges Ziel, das Wilerhorn, zeigt sich bereits.

Viertausender überm Nebel

Die Wallsier Viertausenden thronen über dem Nebel.

Dort wandte ich mich dann rechts und wanderte über den Bietschgletscher um das Schwarzhorn herum zum Wilerjoch (3069m). Dann suchte ich nach dem Couloir, das mir Yann beschrieben hatte und meinte auch recht bald, es gefunden zu haben. Nach dem erwartet mühsamen Aufstieg fand ich oben am Grat einen Steinmann, der meine Wahl zu bestätigen schien.

Weisshorn

Weisshorn

Mischabel

Mischabel

Im Westen aber, also richtung Wilerhorn, baute sich ein steiler Grataufschwung auf, der so gar nicht einladend aussah. Links plattig, rechts brüchig. Wie zum Henker sollte ich da hinaufkommen? Nach einigem Suchen und halbherzigen Versuchen – ich war im Kopf noch nicht voll da – beschloss ich, mir noch mal die anderen Couloirs anzusehen.

Wilerhorn NO-Grat

Den NO-Grat des Wilerhorns möchte ich aufsteigen.

Also runter, rumschauen, feststellen, dass die anderen Rinnen noch weniger taugen, sich ärgern, beschließen, dass man jetzt noch nicht aufgeben mag und wieder hoch. Immerhin durfte ich so die besonderen Freuden des Couloir-Kletterns** gleich zwei Mal genießen. Wieder zurück am Steinmann betrachtete ich noch einmal den Aufschwung, suchte dann etwas rechts im Bröselgelände und fand dort eine steile Rinne. Joah, das sollte wohl gehen, auch wenn die Geröllauflage auf den Felsen und die allgemeine Brüchigkeit nicht so sehr einladend waren.

Schlüsselstelle Wilerhorn NO-Grat

Wie genau komme ich jetzt da hoch?

Vorsichtig ging ich es an. Die unteren Meter waren steil und erforderten ordentliches Zupacken (II+). Den Schlüsselzug prägte ich mir für den Abstieg genau ein, dann ging es in den oberen, flacheren Teil. Hier wurde der Fels eher besser, auch wenn ich etwas brauchte, mein Vertrauensniveau daran anzupassen. Und dann war ich durch und sah einen hübschen Blockgrat vor mir. Super, so würde es ja doch noch was werden mit dem Wilerhorn!

Am Wilerhorn NO-Grat

Jetzt ist der Weg frei.

Bietschhorn

Rückblick zum Bietschhorn

Der Knoten war nun geplatzt und schnell und sicher bewegte ich mich auf mein Ziel zu. Zwischendurch gab es noch eine sehr schöne Kraxelpassage an Grabitblöcken (II), ansonsten überwog steiles Gehgelände. Und dann war ich am 3307m hohen Gipfel des Wilerhorn und konnte die Aussicht genießen. Im Süden die Walliser Viertausender, dominiert vom Weisshorn mit seinem scharfen Nordgrat. Dort waren, wie ich später erfuhr, genau in diesem Moment drei Sektionskollegen von mir unterwegs.

Kleine Blumen am Grat

Auch am Grat blüht es.

Der noch größere Blickfang jedoch war das Bietschhorn mit seinen ebenfalls scharf geschnittenen Graten. Tja, schade, dass es nicht geklappt hatte, da muss ich wohl noch mal wiederkommen. Dann vielleicht nicht allein.

Aber auch hier war es schön, nur der kühle Nordwind störte die Gemütlichkeit. Nach einer entspannten Gipfelrast machte ich mich an den Abstieg, der gut von der Hand ging. Auch die bröselige Rinne unten bereitete mir keine Schwierigkeiten mehr. Nur der Gegenanstieg zum Bietschjoch war noch mal mühsam.

Gipfelkreuz Wilerhorn

Gipfelblick am Wilerhorn

Unten an der Hütte traf ich die Schweizer, die am Bietschhorn gewesen waren. Sie berichteten mir einige Tourendetails und erzählten auch, dass die andere Seilschaft umgedreht sei, nachdem sie wohl einfach zu langsam gewesen war. Immerhin, dachte ich mir, bin ich nicht der einzige, der hier umdreht. Gleichzeitig taten sie mir ein bisschen leid, war es doch auch für die beiden ein Traumberg.

Lötschental

Aussichtsreicher Abstieg

Nach einem Stück Kuchen machte ich mich an den Abstieg. Unten im Tal blickte ich dann noch einmal zurück zum bestiegenen Wilerhorn und zum Traumberg Bietschhorn, der Traumberg geblieben ist. Tja, ein anderes Mal… Am nächsten Tag fuhr ich dann ins Unterwallis zur letzten Unternehmung in diesem Urlaub.

 

*Was zunächst ein wenig komisch wirkt, ist Walliserdeutsch doch der mit Abstand unverständlichste der Schweizer Dialekte, was mir auch immer wieder andere Schweizer bestätigen. Trotzdem hat es offensichtlich funktioniert, denn Yanns Hochdeutsch ist tipptopp.

**Die da wären plattiger und gleichzeitig brüchiger Fels, oft mit Geröllauflage, dazwischen haltloser Schrott.