Abenteuerliche Abschlusstour

Hochtour in den Walliser Alpen am 11./12.07.2019

Die Ruinette ist ein erstaunlich unbekannter Berg. Höher als ihre beiden bekannteren Nachbarn Mont Blanc de Cheilon und Pigne d’Arolla wird sie deutlich seltener bestiegen. Dabei ist der Aufstieg lohnend und bei klarem Wetter hat man angeblich auch eine hervorragende Aussicht.

Nach dem Teilerfolg im Lötschental wollte ich noch eine weitere Tour in der Schweiz unternehmen, bevor ich die Heimfahrt antreten würde. Ich entschied mich für die 3875m hohe La Ruinette im Unterwallis als Ziel, wohlwissend dass auch dieser Berg solo eine Herausforderung sein würde.

Donnerstag: Ein langer Hüttenhatsch

Los ging es gegen 13:00 Uhr in Mauvoisin auf 1841m, von wo aus man ca. 200m zum Stausee aufsteigt. Das Meiste davon legt man in verschiedenen Tunneln zurück. Ist etwas speziell, dafür kann man etwas über den Bau des Staudamms lernen.

Aufstiegstunnel

Durch diesen dunklen Tunnel muss ich gehen.

Lac de Mauvoisin

Wandern über dem Lac de Mauvoisin

Blumen am Wegesrand

Am Wegesrand blüht es.

Danach zieht sich der Anstieg zur Hütte ziemlich. Es geht erst mal länger flach über dem Stausee entlang, dann hinten durch eine Ebene. Dabei vernichtet man die 200Hm vom Anfangsanstieg fast wieder komplett. Erst dann kommt endlich der Hüttenhang, wo es gescheit bergauf geht.

Grand Combin

Vom Grand Combin war leider nicht viel zu sehen.

La Ruinette

Die Ruinette, das Ziel des nächsten Tages, zeigt sich.

Cabane de Chanrion

Ich habe die Hütte erreicht.

Das Wetter war etwas unbeständig und ziemlich windig. Daher war ich froh, als ich gegen halb fünf die Cabane de Chanrion (2462m) erreichte. Mit diesem Wind, der schon die ganze Woche über wehte und gegenüber den Vortagen noch mal an Kraft zugelegt hatte, würde es morgen wohl ganz schön frisch werden.

Freitag: Spannende Gratkletterei

Am nächsten Morgen war ich halb vier der Einzige beim Frühstück. Als ich eine halbe Stunde später aufbrach, hatte der Wind zunächst nachgelassen, was mir sehr willkommen war. Mit der Stirnlampe wanderte ich hinüber zum Col de Tsofeiret, wo es begann hell zu werden.

Les Portons

Es wird langsam hell.

Weiter wanderte ich über grasige Hügel, wo der kalte Nordwind wieder mit voller Wucht einsetzte. Na, das würde ja frisch werden heute. Später ging es dann steiler hinauf zum Col de la Lire Rose (3115m), wo der Wind besonders arg wehte. Kurz schaute ich hinauf, dann zog ich mich zu einer kurzen Pause hinter einen Felsen zurück.

La Ruinette SW-Grat

Ich habe den Fuß des SW-Grates erreicht.

Yo, dann mal ab an dem Grat. Ich hoffte nur, dass es nicht die ganze Zeit über so kalt und zugig sein würde. Auf jeden Fall war mal wieder Klettern in Fleecejacke und Handschuhen angesagt, so viel war klar.

Graijische Alpen

In der Ferne leuchten die Graijischen Alpen.

Im unteren Bereich zeigte der Grat zunächst nur Gehgelände, dann kamen die ersten IIer-Stellen, die wirklich schöne Kletterei an griffigem und festem Fels boten. So durfte es gerne weitergehen. Dann kam ich zum markanten Turm, den man auf der linken Seite erklettert. Ich ging dieses Hindernis zunächst in einer Rinne an, deren Engstelle ich rechts über plattige Felsen umging (II). Dann erkletterte ich eine steile Verschneidung in Fortsetzung der Rinne. Dieser Anstieg war steil, aber gutgriffig (II). Oben versperrte eine steil stehende Platte den Weiterweg, über die ich nach rechts spreizen musste. Das war gar nicht so ohne und fühlte sich eher nicht mehr nach II an. Immerhin hatte ich die Kletterei noch so weit im Griff, dass ich mich nur am oberen Rand der Platte festhielt und nicht an der Abseilschlinge, die vom Block darüber hing.

SW-Grat Turm

Der markante Turm im unteren SW-Grat; ich stieg in der markanten Verschneidung auf.

Nach diesem Hindernis wurde es zunächst leichter und bis zum P3386 warteten keine großen Schwierigkeiten mehr auf mich. Nun ging es flacher über eine ausgedehnte Schulter zum P3470 mit seinem markanten Steinmann. Die Windverhältnisse waren am Grat ziemlich wechselhaft, tendenziell wurde es mit der Zeit eher angenehmer. Wobei es auf der Nordseite immer noch frisch war.

Wolkenspiele

Wolkenspiele über dem Glacier du Brenay

La Ruinette S-Grat

Unterwegs am Südgrat

Am P3470 entschied ich mich, nicht über den Gletscher zu queren, sondern den gesamten Südgrat zu begehen. Das brachte mir einige kompakte, plattige Kletterstellen (bis III) ein, die viel Freude machten*. Nur den P3710 umging ich dann doch auf dem Gletscher und packte dafür die Steigeisen aus. Durch dichte Wolken folgte ich einer alten Spur um den Turm herum und hinauf zum Grat. Dieser wurde hier bald ausgesetzt und es war klar, dass noch etwas zupacken gefordert war bis zum Gipfel. Die Steigeisen ließ ich dabei gleich an, hatte ich doch von weiter unten ein weiteres Firnfeld am Grat erspäht.

La Ruinette SW-Grat

Am Gipfelgrat ist es recht frisch.

Schließlich kam ich zur Schlüsselstelle, einem steilen Grataufschwung, den man am leichtesten auf der linken Seite bezwingen kann. Dort ist es zwar nicht schwer, aber verflucht ausgesetzt. Die Ungemütlichkeit der Szenerie wurde durch den Reif auf den Felsen noch verstärkt. Insofern gut, dass ich die Steigeisen noch an den Füßen hatte. Ich schaute mir mehrere Varianten an, um die Ecke zu kommen, dann war ich mir sicher, wie es gehen würde: Zunächst ca. 1m nach oben auf ein Band, dann seeeehr ausgestzt um die Ecke und einen in Brusthöhe befindlichen Felsen herum. Danach etwa anderthalb Meter horizontal auf dem Band in die Flanke und schließlich wieder nach oben durch eine Art Mini-Kamin. Das Ganze war so im Bereich II+ angesiedelt und gut zu klettern, nur ziemlich psycho.

Schlüsselstelle Nordseite

Gemütlichkeitsfaktor negativ

La Ruinette Gipfelgrat

Der Gipfel steckt leider in Wolken.

Gut, dass ich mich heute von Anfang an sehr sicher gefühlt hatte. An einem weniger guten Tag hätte ich mich das solo vielleicht nicht getraut. So aber überwand ich auch noch die letzten leichten Kletterstellen und erreichte bald den Gipfel (3875m). Von der Hütte hatte ich inklusive Pausen sechs Stunden gebraucht, was ganz gut war.

La Ruinette Gipfelkreuz

Der Gipfel ist erreicht.

Gipfelpause

Zeit für eine Pause

Leider war die Sicht gleich null, immerhin war es auf der Leeseite nicht zu kalt und ich fand ein angenehmes Plätzchen für die wohlverdiente Gipfelpause. Echt super, dass ich es zum Abschluss der Woche hier herauf geschafft hatte! Nach einer kleinen Brotzeit machte ich mich dann an Abstieg. Heute ganz ohne Zweifel, alles auch wieder sicher abklettern zu können.

Schlüsselstelle Gipfelgrat

Rückblick zur Schlüsselstelle; links um die Ecke geht es hoch.

Die Schlüsselstelle kletterte ich ein wenig anders als im Aufstieg, dann querte ich über den Gletscher zurück zum P3470. Unterwegs riss es dann auf und ich konnte den Gipfelaufbau endlich deutlich sehen. Schade nur, dass ich auf dem Gipfel noch keine Aussicht gehabt hatte!

La Ruinette Gipfelgrat

Ausgesetztes Gelände am Gipfelgrat

La Ruinette Gipfelaufbau

Rückblick zum Gipfelaufbau

Glacier du Brenay

Der Gletscherbruch am Glacier du Brenay ist schon eindrucksvoll.

Auch am Turm wählte ich im Abstieg eine andere Variante als im Aufstieg. Ein breiter Riss schien mir von oben etwas leichter zu sein als die Aufstiegsverschneidung. Ob sie wirklich leichter war? Auf jeden Fall kam ich gut herunter. Etwas später, zurück am Col de la Lire Rose, hatte ich die Schwierigkeiten dann endgültig hinter mir. Dort traf ich dann auch die ersten anderen Menschen an diesem Tag: Ein Pärchen aus Frankreich war auf dem Weg von Chamonix nach Zermatt und bestieg unterwegs einige einsame Gipfel. Klang nach einer tollen Unternehmung!

Kletterstellen Turm

Was schaut besser aus? Links die Aufstiegsverschneidung, rechts der Abstiegsriss.

Schwemmebene

Die Schwemmebene des Glacier du Brenay

Gelöst wanderte ich zurück zum Col de Tsofeiret und weiter zum gleichnamigen See. Über schöne Bergwiesen ging es zurück zum Stausee. Unterwegs wurde der Weg ganz schön lang. Am Ende war ich dann 12h unterwegs, kein Wunder also. Es zog sich also etwas, trotzdem war ich entspannt und freute mich über die schöne und insgesamt sehr erfolgreiche Bergwoche. Sehr zufrieden erreichte ich Mauvoisin und verabschiedete mich für dieses Mal von den Schweizer Alpen.

Pointe d'Otemma

Rückblick zur Pointe d’Otemma

Murmeltier

Im Abstieg begegnete ich noch diesem pelzigen Gesellen.

Blumenwiese

Zurück in den blühenden Bergwiesen

*Wobei mir nicht ganz klar ist, warum der Clubführer diese Variante mit WS, III bewertet, bei Abkürzung über den Gletscher aber nur L, II vergibt. Der Südgrat weist tatsächlich einige  erstaunlich kompakte Kletterstellen (III) auf. Allerdings sind diese weniger ausgesetzt und viel leichter umgehbar als die Schlüsselstellen an den obligaten Gratabschnitten. Daher kann ich zumindest die Aufwertung auf der Hochtourenskala nicht nachvollziehen. Nach meinem Empfinden hat die Tour über den SW-Grat auch mit Gletscherquerung WS verdient.

3 Kommentare

  1. Es freut mich, dass dir meine Tipps gefallen haben. An die ausgesetzte Stelle kann ich mich noch gut erinnern. Da es in der Gegend noch so viele einsame Gipfel gibt, müsste ich eigentlich irgendwann wiederkommen.

    • Hannes
      Hannes

      9. August 2019 at 5:32 pm

      Servus Mark,

      ja, Deine Tipps waren echt gut. Danke nochmals! Wenn Dir die Stelle auch nich in Erinnerung ist, muss sie ja wirklich ausgesetzt sein. 😉

      Bin übrigens gespannt zu hören, wie es Euch dieses Jahr in den Westalpen ergangen ist.

      Liebe Grüße
      Hannes

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