Hochtour in den Berner Alpen am 06./07.07.2019

Nicht in Form und nicht ausreichend akklimatisiert für die geplante Sektionstour fuhr ich stattdessen allein in die Schweiz, um mich solo hochtourenmäßig auszutoben. Erstes Ziel war das Gspaltenhorn.

Samstag: Lange Anfahrt und schöner Zustieg

Recht spontan fuhr ich mittags in München los. Über Bregenz, Zürich, Bern ging es ins Berner Oberland und schließlich ins hübsche Kiental. Über die steilste Postauto-Strecke Europas (die wirklich verdammt steil ist) erreichte ich schließlich die Griesalp, wo der Hüttenzustieg zu Gspaltenhornhütte beginnt.

18:30 Uhr startete ich und hoffte, die angegebenen 3,5h unterbieten zu können, hatte ich mich doch für 21:00 Uhr auf der Hütte angekündigt. Es war noch etwas schwül, als ich losging, wurde aber immer angenehmer. Die Wanderung durch das hintere Kiental ist wirklich schön. Zwischendurch geht es oberhalb einer eindrucksvollen Schlucht entlang, die der Gornerebach hier gegraben hat.

Kiental

Ich verlasse den Bergwald.

Morgenhorn

Über den Talschluss wacht das Morgenhorn.

Später führt der Weg an steilen Klippen und Wasserfällen vorbei, bevor er von der Moräne des Gamchigletschers ostwärts abbiegt. Schließlich erreichte ich die Gspaltenhornhütte – exakt um 21:00 Uhr. Die Pünktlichkeit war fast schon unheimlich.

Abendsonne überm Kiental.

Die Sonne steht schon tief.

Gspaltenhornhütte

Die schön gelegene Gspaltenhornhütte

Abendrot

Die tief stehende Sonne sorgt für eine herrliche Stimmung.

Das Hüttenteam empfing mich äußerst freundlich und servierte mir trotz der späten Stunde noch ein komplettes Abendessen. Unterbrechen musste ich dieses nur für den Sonnenuntergang, der von hier oben aus wirklich spektakulär ist. Schon allein dafür hätte sich der Aufstieg gelohnt. Aber natürlich hatte ich für den nächsten Tag noch Pläne.

Sonnenuntergang

Die Sonne geht unter.

Sonntag: Der Berg wehrt sich

Kurz vor vier klingelte am Sonntag der Wecker. Showtime! Zügig packen, frühstücken und kurz vor halb fünf los. Eine halbe Stunde vor mir waren zwei Schweizer aufgebrochen, ansonsten würde Ruhe sein am Berg. Dies lag vor allem an der durchwachsenen Wettervorhersage. Eine Woche vorher war die Hütte nämlich komplett ausgebucht, doch dank des wechselhaften Wetters hatten Viele abgesagt. Bis zehn würde ich Zeit haben, hatte mir die Hüttenwartin am Vorabend noch gesagt, dann würde es nass werden.

Zum Bütlassesattel stieg ich zunächst über ein langes Firnfeld auf. Das Wetter wirkte erstmal ganz gut, dann zogen plötzlich Wolken ins Tal und innerhalb von ein paar Minuten steckte ich komplett in der Suppe. Ich querte noch hinüber zum nächsten Firnfeld, dann war erst mal Schluss. Ich blieb stehen und wartete ab. Währenddessen kamen die Stirnlampen der beiden Schweizer immer näher. Irgendwie hatte ich die beiden überholt und nun stiegen sie zu mir auf.

Firnfeld

Der Nebel hebt sich.

Nach etwa fünf Minuten riss es tatsächlich wieder auf und der Weiterweg wurde ersichtlich.  So konnte es also doch noch weitergehen. Nach einer Mini-Felsstufe drehte ich mich um und sah im Südwesten Blitze zucken. Oje, das war kein gutes Omen. Aber bis zum Sattel würde ich noch weitergehen. Dort angekommen wurde der Blick nach Norden frei. Ein steifer Wind wehte von dort, aber das Wetter sah ein wenig besser aus. Zumindest nicht direkt nach Gewitter. Also deponierte ich meine Stöcke und begann, die Flanke zum Leiterngrat aufzusteigen, die beiden Schweizer wenige Minuten hinter mir.

Bütlassesattel

Wir erreichen den Bütlassesattel.

Eiger, Mönch, Jungfrau

Wilde Wolken belagern Eiger, Möch und Jungfrau.

Wolken

Auch im Süden ist das Wetter nur so mittelgut.

Nach etwa 100 Höhenmetern hörte ich es hinter der Bütlasse donnern. Ohne nachzudenken drehte ich einfach um. Dann kam auch schon der Graupel. Also nix wie zurück zum Sattel. Gemeinsam mit den beiden Schweizern hockte ich mich in eine oben überhängende Felsnische. Hier ließ sich das Gewitter recht bequem aussitzen.

Kurt und Michael hießen die beiden, ursprünglich aus Biel. Kurt meinte, laut Wetter-App sollte es bald besser werden. Na dann könnten wir es ja vielleicht wirklich aussitzen, meinte ich. Wir tauschten ein paar Bergerlebnisse aus und nach etwa 15min wurde das Wetter tatsächlich wieder besser. Also auf zum Gspaltenhorn!

Wieder gingen wir die Flanke hinauf. Als wir an die ersten Kletterstellen kamen, ließ ich die beiden vorbei. Ich musste mich erst an den Fels gewöhnen und sie waren schneller als ich. Und dann kamen wir zum eigentlichen Leiterngrat. Gleich der erste der drei Türme machte mir Schwierigkeiten. Vorne hoch ging ganz gut, aber hinten runter stand zum Schluss ein Spreizschritt hinüber zum zweiten Turm an, dessen Ausführung mir schleierhaft war. Ich probierte, schaute nach Alternativen und kehrte schließlich zum Höchsten Punkt des Turmes zurück. Sollte es das schon gewesen sein? Sollte ich mal wieder in den Berner Alpen scheitern? Wo zahlreichen Misserfolgen bislang nur wenige Erfolge gegenüberstehen.

Leiterngrat

Am ersten Turm

Vom Aufschwung nach dem Leitengrat winkte Kurt mit dem Seil. Ich musste lachen: Ja, zu zweit am Seil ging manches einfacher. Aber noch wollte ich nicht aufgeben. Also wieder nach unten, mit den Händen an der Gratkante hangeln, Gewicht nach unten und nach drüben. Und schwups, schon stand ich drüben. Hah, geht doch! Der Rest bereitete mir keine Probleme mehr. Auch den engen Kamin am dritten Turm kam ich gut hinab.

Über ein leichteres Gratstück ging es weiter zum Böse Tritt. Mit einer Prusik sicherte ich mich an den dicken Tauen, die hier hängen und stieg dann hinauf. Und ja, ich hielt mich zwischendurch auch mal am Tau fest. Anschließend wurde der Grat wieder leichter. Obwohl ich die Höhe ordentlich spürte, stieg ich zügig weiter. Und bald kam tatsächlich der Gipfel in Sicht. Kurt und Michael winkten mir zu und jubelten. Total nett, wie die beiden sich für mich freuten. Und dann hatte ich es geschafft und konnte mich auf den 3436m hohen Gipfelfelsen setzen. Super!

Böse Tritt

Am Böse Tritt

Gspaltenhorn Gipfelbild

Egal auf welchem Gipfel – immer habe ich den Helm schief auf.

Die beiden stiegen schon ein paar Minuten später ab und auch ich blieb nicht allzu lange. Windig war es hier und kalt. Nicht sehr gemütlich. Kurz sog ich die Aussicht ein, stärkte mich mit etwas Käse und einem Riegel, dann ging es wieder hinab. Am Böse Tritt verzichtete ich dieses Mal sowohl auf Sicherung als auch Ästhetik und hangelte einfach an den Tauen hinab. Das sparte Zeit. Die weitere Kletterei ging gut von der Hand und bald erreichten wir alle den Bütlassesattel. Per Schnellabstieg über die Firnfelder kam ich dann von hier aus zügig zurück zur Hütte, die ich ziemlich erschöpft und sehr hungrig pünktlich zum Mittagessen erreichte.

Tschingelfirn und Kanderfirn

Die beeindruckende Gletscherfläche von Tschingel- und Kanderfirn

Abstieg am Grat

Es geht wieder hinab.

Enger Kamin

Den Kamin am dritten Turm müssen wir nun aufsteigen.

Eine knappe halbe Stunde später trafen dann auch meine beiden neuen Bekannten ein und wir saßen noch eine Weile beisammen und unterhielten uns. Erst für den Abstieg trennten sich unsere Wege endgültig.

Alpensalamander

Es hat geregnet, die Salamander kommen heraus.

Alpenrose

Die Alpenrosen blühn.

Bergblumen

Und auch sonst steht der Sommer in voller Pracht.

Leider begann es nun immer wieder zu schauern und ich musste öfter die Jacke auspacken. Trotzdem ware es ein schöner Abstieg zurück zur Griesalp. Und neben Kühen und Schafen traf ich dort auch Alpakas. Irgendwie seltsam, diese Andentiere hier zu sehen. Viertel vor vier erreichte ich schließlich den Parkplatz. Das war eine gelungene Auftakttour gewesen. Nebenbei hatte ich meine miese Bilanz in den Berner Alpen aufgebessert. Und auch noch sehr nette neue Bekanntschaften geschlossen. So schön kann Solo-Bergsteigen sein.

Alpakas

Alpakas im Kiental?!

Nach diesem gelungenen Auftakt fuhr ich weiter ins Lötschental zur nächsten Tour…