Bergtour im Karwendel am 15.06.2014

Für diesen Ausflug hatte Jochen die Tourenplanung übernommen und einen Berg ausgesucht, den auch ich schon länger im Blick hatte: Die Kaltwasserkarspitze, die ob Ihrer Höhe (vierthöchster Gipfel des Karwendel) und schlanken Gestalt auch als Karwendelkönigin bekannt ist,  ikonographisch für das wilde Felsgebirge steht und auch schon als „Arroganz in Bergform“ bezeichnet wurde. Standesgemäß gibt es auf diesen Berg keinen Anstieg unterhalb des II. Grades und der bequemste ist wahrscheinlich der von uns gewählte über die Sägezähne. Die Königin gab sich allerdings schüchtern an diesem Tag und verbarg sich vor den Blicken zudringlicher Bergsteiger.

Da ich am Sonntag keine Lust hatte, vor sechs aufzustehen und erst noch zu Jochen radeln musste, starteten wir erst zehn vor neun in Scharnitz. Eigentlich ein bisschen zu spät für eine solche Tour, aber derzeit sind die Tage lang und da kann man sich so etwas schon mal erlauben. Mit den Rädern fuhren wir in das schöne Hinterautal hinein, dem Lauf der jungen Isar folgend. Etwas oberhalb des Isarursprungs, in der Nähe des Abzweigs zur Birkkarspitze, versteckten wir unsere Alurösser im Wald, deponierten das von Jochen in weiser Voraussicht mitgebrachte Bier in kühlendem Moos und gingen zu Fuß weiter.

Morgendlicher Blick ins Birkkar

Morgendlicher Blick ins Birkkar

An der Kastenalm (1220m) vorbei folgten wir zunächst noch der Forststraße und bogen ein wenig später ins Moserkar ab. Auf diesem Steig muss man ein wenig die Augen offen halten, um den Abzweig zu den Heißenköpfen (und der Kaltwasserkarspitze) nicht zu verfehlen. Glücklicherweise kannte Jochen sich hier gut aus, denn es war für ihn bereits der dritte Versuch, die Karwendelkönigin zu bezwingen.

Der Enzian blüht in voller Pracht

Der Enzian blüht in voller Pracht

Beim nun folgenden langen Aufstieg zwischen den Latschen (wo ist der Latschen-Moses, wenn man ihn braucht?) waren wir ganz froh, dass sich einige Wolken vor die Sonne geschoben hatten und die Temperaturen angenehm hielten. Schließlich erreichten wir auf ca. 2100m Höhe den Sattel zwischen Kleinem und Großem Heißenkopf. Mittlerweile hatte die Wolkendecke schon wieder größere Löcher bekommen, nur ich in richtung unseres Gipfelziels war noch alles in grau gehüllt. Immerhin war mit dem Großen Heißenkopf der erste Gipfel der geplanten Gratüberschreitung erkennbar.

Der Große Heißenkopf, dahinter grau

Der Große Heißenkopf, dahinter grau

Auch hier oben blüht es

Auch hier oben blüht es

Nach einer kurzen Rast setzten wir unseren Weg dorthin über bequeme Wiesenhänge und über einfaches Blockwerk fort. Am 2437m hohen Gipfel angekommen, war klar, dass der Weiterweg nun deutlich weniger gemütlich ausfallen würde, wird der Grat hier doch deutlich schmaler und gestufter. Allerdings stellten sich die Schwierigkeiten am Grat als geringer heraus, als es zunächst den Anschein hatte und auch der Name des Grates impliziert. Der Grat bietet meist Gehgelände (wenn auch ausgesetzt) und wartet nur hin und wieder mit Kletterstellen bis II auf. Nur wenige Male mussten wir in die heiklen, schuttigen Flanken ausweichen und bemühten uns jedes Mal, möglichst schnell wieder zum Grat zurückzukehren.  Normalerweise sieht man ab dem höchsten Punkt der Sägezähne auch den Gipfel der Kaltwasserkarspitze, an diesem Tag waren die Wolken leider blickdicht.

Im Anstieg zum Großen Heißenkopf

Im Anstieg zum Großen Heißenkopf

Die Sägezähne - dahinter grau

Die Sägezähne – dahinter grau

Im Osten bauen sich die Sonnenspitzen beeindruckend auf

Im Osten bauen sich die Sonnenspitzen beeindruckend auf

Die Schlüsselstelle – ein kleines Türmchen zwischen zwei Scharten – überkletterten wir zunächst direkt, wobei Jochen der Meinung ist, der Abstieg liegt im II. Grad, ich ihn etwas schwieriger einschätze. Für mich war dies die schwerste Stelle, wobei ich ohnehin nicht meinen besten Abkletter-Tag hatte, was zumindest zum Teil an den ungewohnten Schuhen lag: Normalerweise gehe ich solche Touren in Bergschuhen, dieses Mal war ich in Zustiegsschuhen unterwegs, was sich doch deutlich anders anfühlt. Im Abstieg querte ich das Türmchen dann nicht direkt oben an der Kante, sondern auf einem Band etwa 3m tiefer, was sich als deutlich leichter herausstellte (I).

Jochen an einer der Kletterstellen

Jochen an einer der Kletterstellen

Dazwischen immer wieder Gehgelände

Dazwischen immer wieder Gehgelände

Nach der Schlüsselstelle hielten wir uns kurz links, danach rechts der Gratschneide, kehrten schließlich zu ihr zurück und standen schließlich, gegen 14:45 Uhr, etwas unvermittelt am höchsten Punkt (2733m). Wir waren beide ziemlich überrascht, dass wir den Gipfel schon erreicht hatten. Anfängliche Zweifel wurden durch die Reste des Gipfelkreuzes sowie das Gipfelbuch zerstreut. Das Gipfelbuch ist übrigens eine lohnende Lektüre. Es sind nicht besonders viele Besteigungen, die hier dokumentiert sind (unsere war die dritte in diesem Jahr), dafür einige, die dem Leser Respekt und Bewunderung abnötigen. Hier waren offenbar einige gänzlich unerschrockene Bruchkletterfreunde unterwegs. Und wenn dann über den Nordgrat als Beschreibung „Große Scheiße“ zu lesen ist, bestätigt der Tiefblick auf selbigen, dass dies sehr wahrscheinlich keine Übertreibung und die Route nur absoluten Bröselexperten zu empfehlen ist.

Rückblick vom Gipfel auf die Sägezähne

Rückblick vom Gipfel auf die Sägezähne

Da haben wir es geschafft

Da haben wir es geschafft

Nach einer Dreiviertelstunde verließen wir die bequeme Gipfelplatte und machten uns an den Abstieg über Hochjöchl und Östliches Birkkar. Dazu steigt man direkt nach der Schlüsselstelle (in Aufstiegsrichtung vor der Schlüsselstelle) westseitig in eine steile Rinne hinab. Bei unserer Begehung lag hier Trittschnee, was wahrscheinlich deutlich angenehmer ist als der darunter liegende Schutt. Nach Ende der Rinne querten wir deutlich leichter zu P2552 („Östliche Hochjöchlspitze“) und stiegen am Grat ins Hochjöchl ab. Dieser Grat bietet noch einmal Abklettern bis II, wobei die Nordwand ins Kaltwasserkar für eine gewisse Ausgesetztheit sorgt.

Steiler Abstieg richtung P2552

Steiler Abstieg richtung P2552

Dort dann Tiefblick ins Kaltwasserkar und auf den Kleinen Ahornboden

Dort dann Tiefblick ins Kaltwasserkar und auf den Kleinen Ahornboden

Im Joch hat man die Schwierigkeiten im Wesentlichen überstanden. Einige abschüssige Schuttbänder waren noch zu begehen, dann ging es entspannt über Schneefelder, Geröllreisen und Grashänge nach Südwesten, bis wir Pfadspuren folgend den Adlerweg erreichten, der einen zurück ins Hinterautal bringt. Leider war ausgerechnet der Gipfel der Kaltwasserkarspitze noch immer umwölkt und somit auch im Abstieg nicht zu sehen. Ob der Berg wohl so heißt, weil hier besonders viel Feuchtigkeit kondensiert?

Abstieg im Östlichen Birkkar

Abstieg im Östlichen Birkkar

Das Gelände wird sanfter

Das Gelände wird sanfter

Gämsen im unteren Birkkar

Gämsen im unteren Birkkar

Kurz vor sieben kamen wir endlich wieder bei den Rädern an und genossen ein verspätetes (aber noch schön kühles) Gipfelbier. Herrlich! Wir sinnierten noch eine Weile über die schöne Tour, bevor wir uns auf die Räder schwangen und gemütlich zurück nach Scharnitz rollten. Den Gipfel hatten wir zwar den ganzen Tag über nicht gesehen, aber oben waren wir doch.

Ein letzter Blick ins schöne Hinterautal

Ein letzter Blick ins schöne Hinterautal