Bergtour in den Lechtaler Alpen am 01.11.2022

Die Parseierspitze, höchster Gipfel der Lechtaler Alpen und einziger Dreitausender der Nördlichen Kalkalpen erhebt sich mehr als 2000m über Sanna- und Inntal. Entsprechend lang ist der Aufstieg auf diesen Berg, dessen eindrucksvolle Gestalt sich erst unterwegs offenbart.

Ziemlich früh fuhren Franzi, Mark und ich nach Grins, wo der Aufstieg zur Parseierspitze beginnt. 07:15 Uhr stellten wir das Auto ab und wanderten los. Unser Tagesziel zeigte sich zunächst nur als wenig markante Schulter zwischen Dawinkopf und Gatschkopf. Da der höchste Lechtaler gegenüber seinen Nachbarn etwas nach Norden versetzt ist, täuscht die Talperspektive enorm. Erst deutlich später verwandelte sich die scheinbare Schulter in einen beeindruckenden Gipfelaufbau.

Nach den ersten 500m Aufstieg trafen wir auf ein erstes Hindernis: Die Brücke über den Gasillbach war für den Winter entfernt worden. Den Bach zu überqueren ist an sich kein Problem. Doch da der Abstieg zum Bachbett recht unangenehm aussah, wanderten wir noch ein Stück bachaufwärts, bis wir eine geeignete Stelle zur Überquerung fanden.

Ich war heute zum Glück konditionell viel besser drauf als am Vortag und Franzi ging es ähnlich (Mark hingegen war auch am Tag davor schon gut in Form). Vielleicht lag es am Wetter. Es war deutlich kühler als gestern und bald bildeten die Wolken eine geschlossene Schicht über den Gipfeln. Für den Aufstieg war das durchaus angenehm. Vielleicht lag es auch am etwas niedrigeren, gleichmäßigen Tempo. Oder daran, dass ich heute viel mehr zu Essen dabei hatte.

Apropos Essen: Nach etwa 800 Höhenmetern machten wir eine erste Pause, setzten uns ins Gras und gönnten uns ein paar Kekse. Unsere Blicke schweiften über die Gipfel der Samnaungruppe auf der anderen Teilseite und weiter nach links bis zum Kaunergrat, der sich mit seinen wilden Zacken markant vom Horizont abhob. Gerne erinnerten sich Mark und ich an unsere gemeinsame Besteigung der Watzespitze vor einigen Jahren.

Weiter ging es aufwärts über Latschen- und vor allem Wiesenhänge bis zum Abzweig zur Augsburger Hütte. Da die Hütte ohnehin geschlossen war, stiegen wir gleich weiter ins Schuttkar unterhalb der Gasillschlucht. Hier wurde das Steigen deutlich mühsamer und wir waren froh, als wir den Einstieg zum Klettersteig erreichten.

Der Klettersteig wurde von einem flauschigen Hund „bewacht“, der zusammengerollt ein Nickerchen hielt und wohl auf seine Besitzer wartete, die weiter oben unterwegs waren. Wir machten hier ebenfalls noch mal Pause, stärkten uns und setzten unsere Helme auf. Beziehungsweise ich den meiner Liebsten, weil ich meinen vor kurzem weggeworfen hatte (sie hat ihn dann später auch tatsächlich wiederbekommen).

Der Klettersteig (B) führte uns ein Stück durch die Schlucht und dann rechts hinaus über Bänder und Stufen auf das Plateau des mittlerweile abgeschmolzenen Grinner Ferners. Hier oben lag eine geschlossene Schneedecke – durchaus passend zur Jahreszeit, immerhin war ja schon der erste November.

Durch den angenehmen Trittschnee (die Steigeisen hatten wir definitiv umsonst mitgenommen) querten wir hinüber zum Einstieg in die steile Gipfelwand. Ca. 250m erhebt sich diese über das Plateau und bildet einen passenden Abschluss für die Besteigung des höchsten Berges der Nördlichen Kalkalpen.

Unten am Einstieg kamen uns zwei Südtiroler entgegen, die uns vor Steinschlag warnten und berichteten, dass noch zwei weitere Bergfreunde oben unterwegs seien. Dann legten wir Hand an — zunächst jedoch nicht an Fels, sondern ein Stahlseil, mit dessen Hilfe wir den vom Gletscher hinterlassenen Schliff überwinden mussten (C). Nach dieser etwas unangenehmen Hangelpartie folgten wir dann den roten Markierungen durch die Wand. Immer wieder gab es kurze Kletterstellen (bis II), was die Sache sehr kurzweilig machte. Nur das Wetter beobachteten wir mit etwas Sorge, das es zunehmend nach Niederschlag aussah.

Mittendrin im Aufstieg dann ein Schreckmoment. „Stein!“ rief Franzi und ich sah von oben ein ordentliches Trumm und zahlreiche kleine Steine auf uns zukommen. Zum Glück flog alles ca. 2m an uns vorbei. Bei dem Brocken hätte wohl auch ein Helm nicht viel geholfen. Weiter stiegen wir und trafen bald die Verursacher des Bombardements, die hier seilgesichert abstiegen. Ich muss zugeben, dass wir ihr „Sorry für den Stein“ etwas missmutig entgegen nahmen. Das war wirklich gefährlich gewesen!

Genau mittags erreichten wir den 3036m hohen Gipfel. Leider war es dort recht ungemütlich, zumal mittlerweile auch einige Schneeflocken vom Himmel fielen. Vor allem da wir den Abstieg durch die Gipfelwand bei möglichst trockenen Bedingungen absolvieren wollten, blieben wir nicht lange. Kurz umschauen, schnell einen Keks essen und dann wieder runter. Glücklicherweise hörte der Schneeschauer bald wieder auf und der Fels blieb weitgehend trocken.

Zurück im Bereich des ehemaligen Grinner Ferners setzten wir uns auf einige Felsen und holten die Gipfelpause nach. Dann entschieden wir uns, im Abstieg den Umweg über den Gatschkopf zu nehmen. Dieser ist zwar kein markanter Gipfel, aber würde — wie Mark treffend bemerkte — nie wieder so leicht erreichbar sein wie heute.

Als wir von der Patrolscharte (2846m) nach Osten bergauf stiegen, wehte der Südwind uns wieder Schneekristalle ins Gesicht. „Richtiges Hannes-Wetter,“ meinte Mark. Hmm, warum nur? Aber wir waren nicht die Einzigen heute mit Schlechtwettertoleranz. Denn plötzlich kam er von unten herauf, schwebte wenige Meter über uns majestätisch ruhig dahin und verschwand dann über der Patrolscharte nach Norden. Ein prächtiger Bartgeier, der auch bei diesem nicht optimalen Flugwetter völlig souverän unterwegs war.

Begeistert von dieser Begegnung wanderten wir weiter zum 2945m hohen Gipfel des Gatschkopfes und dann weiter hinab zur Ausgsburger Hütte. Dieser Abstieg kommt ohne Versicherungen aus und bietet bis kurz vor die Hütte durchgehend anspruchsvolles Gelände. Dazu trafen wir noch ein Rudel Steinböcke, die sich von uns nicht stören ließen. Das machte Spaß, ließ uns aber nur langsam voran kommen.

An der Hütte genossen wir dann noch ein letztes Mal die Aussicht und aßen die letzten Riegel, dann machten wir uns an den — nun deutlich zügigeren — Abstieg zurück nach Grins. 16:30 Uhr waren wir wieder am Parkplatz. Nach einem langen, abwechslungsreichen und auch spannenden Bergausflug auf die Parseierspitze.

Daten zur Tour

  • Parseierspitze (3036m), Südwand und Gatschkopf
  • Schwierigkeit T5, II, C
  • 2150 Höhenmeter


Hannes

Ursprünglich Flachländer bin ich als Jugendlicher zufällig zur Liebe zu den Bergen gekommen. Seitdem bin ich immer wieder im Gebirge und gelegentlich auch am Meer unterwegs. Da ich schon immer gern geschrieben habe, startete ich 2010 dieses Blog, um andere Reiselustige und Bergfreunde an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

2 Kommentare

Rebecca · 21. November 2022 um 5:37 pm

Hey, wie cool, dass ihr auch Steinböcke und einen Bartgeier gesehen habt! LG Rebecca

    Hannes · 21. November 2022 um 7:02 pm

    Ja, das war wirklich toll! Gerade Bartgeier sieht man ja nicht so oft.

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